My Playlist XXVIII: Squid versus Stranglers

Vielleicht liegt das am Alter, vielleicht auch nur an der aktuellen Phase, in der Popmusik gerade steckt, aber es passiert immer seltener, dass mich eine neue Veröffentlichung sofort fängt. Bei Squid ist das anders. Ich habe nur ein paar Töne gebraucht und mein Kopf ging hoch wie bei einem Erdmännchen im Alarmzustand: Huch, dachte ich, das ist interessant!

Squid kommt zum einen dermaßen schräg angeschwappt und ist zugleich auf so eigentümliche Weise vertraut, dass mir jedes Lied ein großes Fragezeichen ins Hirn malt: „WTF“ würde man heute wohl sagen, „woher kenne ich das? Und kenne ich das wirklich?“

„GSK“ (höre oben), der erste echte Track des Debutalbums, klingt wie der junge Beck auf Amphetamin. Die im Grunde sanft schwingenden, von einem kreisenden Bass-Lauf untermalten Beats, eigentlich wie gemacht für eine chillige Nummer, halten Töne zusammen, die so krumm sind, dass sie für Stress sorgen. Dabei sind sie nur vordergründig disharmonisch: was die da ihren Instrumenten entlocken, ist ein gezielter, jazzig souveräner Bruch mit Hörgewohnheiten – immer knapp neben der Erwartung und deshalb eine Art kleiner Angriff auf unser Harmoniebedürfnis.

Wie die das machen? Mit winzigen Mitteln. Man höre nur mal darauf, was das kleine Schlagholz in den ersten 20 Sekunden des Songs veranstaltet: Auf den Teppich satter, maschinenhaft gleichförmiger Beats legt es ein asynchrones, offensichtlich analoges Klackern, das meist aber nur „falsch“ betont ist. Das ist, als säße man im Konzert neben jemandem, der immer leicht neben den Takt klatscht. Es hört sich an, als mache da jemand mit, der das nicht richtig kann. Live wäre das Gegenteil der Fall: Dermaßen konsequent „daneben“ zu liegen wäre großes Kino. Was Sekunden später auch für die Bläser und Saiteninstrumente gilt.

Das alles ist auf eigentümliche Weise neu, auch wenn es natürlich seine Wurzeln hat. Die meisten Rezensenten nennen das Postpunk, weil sich kein naheliegenderes Label aufdrängt. Ich bin da nicht so sicher, denn manches ist eher eine Art Anti-Punk: hoch artifiziell und voller Zitate.

Am deutlichsten ist noch das punkige Zitat des Gesangs: das erinnert zum Beispiel an frühe Nummern der Stranglers. Auch die wurden Ende der Siebziger mangels passender Schubladen als Punk verbucht, obwohl sie meist White-Reggae-Ska-Rock-Pop spielten – also einfach, was sie wollten.

„Peaches“ von 1977  war einer ihrer ersten großen Hits.

Stimmlich hätten die Sänger von Squid und Stranglers hier durchaus ein Duo aufmachen können, oder? Ich erkenne zwischen „GSK“ und „Peaches“ darüber hinaus jede Menge weiterer Parallelen – die Autoren „tickten“ ähnlich, spielen auf ähnliche Weise mit ihren Hörern.

Squid selbst verweisen auf jede Menge alter musikalischer Vorbilder, bis hin zur Elektronik-Urband „Neu!“, auf die auf dem Debutalbum der Band vor allem die immer wieder auftretenden Elektronik-Sequenzen verweisen, die Hintergrund und Ruhephasen liefern – die Neu!-typischen, elegischen Synthie-Teppiche sind hier aber nur beruhigende Versatzstücke vor dem nächsten Schrägton.

Insgesamt ist die Grundstimmung der ersten Squid-Scheibe „Bright Green Field“ eher düster und gebrochen, aber auf eine ironisch-witzige Weise.

Leichte Kost ist das nicht. Aber sehr, sehr cool.

Kreidler Florett: Meine Erste

Letzte Woche lief ich durch Trier, und was entdecke ich da als Deko im Schaufenster eines Friseurs? Eine Kreidler Florett, sehr nah dran an meinem ersten „Hobel“.

Copyright: F. Patalong

 

1979 stieg ich vom Mofa auf Mockick um, mit so einer Kreidler. Hatte mir ein Bergmann, der damit seit 1958 zur Arbeit gefahren war, für 50 Mark abgetreten. Sie war fünf Jahre älter als ich.

Wie die meisten Kreidler verstand auch meine die Geschwindigkeitsvorgabe von 40 km/h entweder nur als unverbindlichen Vorschlag oder als Meilenangabe: Die alte Karre zog locker 75 km/h, was mir allerdings keinerlei Respekt einbrachte. Denn erstens waren die Kreidler RMC, die viele meiner Freunde fuhren, erheblich schneller und zweitens auch erheblich schicker. Ich reagierte darauf mit Trotz und fuhr in der kälteren Jahreszeit mit einem langen, grauen Regenmantel – meine Kreidler und ich sahen dann so aus, als kämen wir schnurstracks aus den 50ern.

Doch die Charakterstärke hielt nicht an. Eine Saison und vier Wochen Ferienarbeit später saß dann auch ich auf einer RMC der Marke „fliegender Rasenmäher“. Dass ich die alte Kreidler verkaufte, hat mir der Bergmann nie verziehen. In Rückschau muss ich sagen: ich auch nicht, es war eine der dümmsten Entscheidungen meiner Jugend.

Festes Shampoo: Waschen für Doofe

Es ist die Königsdisziplin des Marketings, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen. Wer es dann noch schafft, die Profite damit in ungekannte Höhen zu treiben, gilt als Wizzard.

Meist erfahren wir normalen Sterblichen gar nicht, wer für solche Geniestreiche verantwortlich ist. Dabei hätten die es echt verdient, in eine Hall of Shame aufgenommen zu werden. Zum Beispiel

  • die Erfinder der 86-Gramm-Schokoladentafel zum Preis einer 100-Gramm-Tafel: es gibt echt Pfosten, die die kleinere Verpackungsform besser finden, weil das dann „nicht so viel“ sei. Dass man auch eine halbe Tafel zurück in den Schrank legen kann, steht leider nicht auf der Gebrauchsanweisung.
  • die Erfinder der Kaffee-Kapsel: kann ja sein, dass diese Müll-produzierende Umweltsauerei echt schmackhafte Sorten bereithält. In Anbetracht der Tatsache, dass jede einzelne Tasse Kaffee dadurch fünf- (No-Name-Produkte) bis 10mal (Markenware) teurer ist als normalerweise, darf man zumindest das aber auch erwarten. Umgerechnet kosten Kaffeekapseln abhängig von der Marke so viel, als würde ein Kilogramm Kaffeebohnen rund 35 (No-Name vom Discounter) bis 150 Euro (normale Markenware) kosten.
  • die Erfinder der „Waschmittel-Pods“ oder wie auch immer diese bunten Wasch-Bonbons gerade genannt werden: Ein hoch konzentriertes Mischprodukt aus herkömmlichem Waschkonzentrat mit Weichspüler, für Kleinkinder potenziell tödlich und – siehe oben – mindestens zehnmal so teuer wie das herkömmliche, unkonzentrierte Produkt. Was dafür spricht? Pods sind schön bunt und auch für Analphabeten nutzbar, die weder die Gebrauchsanweisung des Waschpulvers noch die der Waschmaschine lesen wollen oder können. „Wo rein kommt das nochmal: rechts oder links?“ und ähnlich komplizierte Fragen des Erwachsenenlebens entfallen damit: Einfach Klappe auf und rein in die Wäsche. Das lässt sich völlig hirnfrei erledigen.

Vorgestern habe ich eine Fernsehwerbung gesehen, bei der ich fast lachend hintenüberfiel: Die warben tatsächlich für Festshampoo.

Muss man sich mal vorstellen: Statt in flüssiger Form wird dieses pflegende Reinigungsmittel in Form eines geschmeidigen Blocks verkauft. Natürlich gibt es das auch für die Hautreinigung und Pflege. Das Tolle daran: Es ist in Papier verpackt statt in Plastik, und das, suggeriert die Werbung, schone natürlich die Umwelt ganz enorm.

Das finde ich tatsächlich gut.

Dass diese Innovation ihren Preis hat, ist natürlich auch klar: Der umgerechnete 1000-Gramm-Preis für solche Fest-Pflegestoffe liegt typischerweise bei 60 bis 80 Euro. Verkauft wird das in Blöcken ab 40 Gramm, 60 Gramm ist häufiger – man landet bei den meisten Marken dann bei fünf bis acht Euro.

Was die Sache dann – analog zum Wasch-Pod – wieder zur Körperpflege für Doofe macht. Denn neu ist am „Fest-Shampoo“ natürlich absolut überhaupt nichts: Ältere Semester nennen das richtigerweise schlicht und ergreifend „Seife“.

Da liegt der Kilopreis für Markenware übrigens bei sechs bis acht Euro, also bei einem Zehntel oder weniger als für die neuen Marketing-Ausgeburten der „Fest-Pflegemittel“.

Waschen für Doofe: das hat natürlich seinen Preis.

Post von wirr rechts: Warnung vor der Baerbock!

Zu den amüsanten Seiten des Redakteurslebens gehören die ganzen Irren, Schwurbler und verirrten Seelen, die einen täglich mit Leserbriefen eindecken. „Täglich“ meine ich hier wörtlich: Ich hatte mal einen an der Hacke, der mir an manchen Tagen nicht einen, sondern ein Dutzend Emails schickte, und das über Jahre. Alles rechtsextremes, komplett hirnfreies Zeug aus dubiosen Quellen. Wenn der mal nicht schrieb, wurde ich nach ein paar Tagen nervös: Der Herr U. wird doch nicht krank sein?

War er wohl mitunter: eingewiesen.

Irgendwann ging ich hin und recherchierte ihm hinterher, weil mir das alles zu krass wurde. Nach kurzer Zeit hatte ich ihn identifiziert: Er war damals 64, seit Jahrzehnten arbeitslos und wohnte im Dachgeschoss des Hauses seiner greisen Mutter in einer sehr, sehr kleinbürgerlichen Vorstadt. Ärger wich Mitleid: der Mann brauchte kein Outing, sondern Hilfe, wenn auch nicht meine. Ich setzte einen Spam-Filter für seine Mails und ließ ihn weiterschreiben. Irgendwann verstummte er.

Aktuell schreibt mir gern Herr P., der Telegram und Achgut für seriöse Nachrichtenquellen hält und gern prominenten Zeitgenossen frei erfundene Zitate unterschiebt: Futter für Schwachsinns-Postings bei Facebook, Twitter und Co..

Auch P. ist stets bestens informiert über all die Nachrichten, von denen kaum ein geistig gesunder Mensch etwas mitbekommt. Was natürlich Resultat einer Verschwörung der Lügenpresse ist, an der auch ich mieser, ferngesteuerter Schreiberling beteiligt bin.

Wie verzweifelt manche in diesem rechtslastigen Lager gerade sind, zeigen seine letzten Mails. Heute warnte er mich (und die Hälfte aller Redakteure im Land) vor Annalena Baerbock. Das ist erst einmal nicht verwunderlich, der Grund für die Warnung hingegen schon:

„Viele Wähler sind sich nicht der Folgen bewußt, wenn Frau Annalena Baerbock Bundeskanzlerin werden würde. Sie würde voraussichtlich die rechtswidrige Politik der Angela Merkel fortsetzen.“

Ist das nun perfide oder was?

Herr P., wie ist denn das gemeint? Soll das Wahlhilfe für Baerbock sein? Wenn sich das rumspricht, hat Laschet ja keine Chance mehr!

Und wenn zudem bekannt wird, dass jetzt schon NPD-Sympathisanten Wahlwerbung für die Grünen machen, könnte das sogar die AfD Stimmen kosten.

Ich muss zugeben: ich bin verwirrt. Aber das wussten Sie ja schon.