Demokratieverständnis(problem)

SPD und CDU so: „Im Bundestag und in allen von ihm beschickten Gremien stimmen die Koalitionsfraktionen einheitlich ab. Das gilt auch für Fragen, die nicht Gegenstand der vereinbarten Politik sind.“
 
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Artikel 38, Absatz 1 so: „Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.“
 
Beißt sich da nicht was?
 
Übersetzt heißt die SPD-CDU-Vereinbarung doch: Abgeordnete, Verstand und Gewissen bitte an der Garderobe abgeben, abgestimmt wird nach Plan.
 
Ich weiß, dass das Business as usual ist.
Es ist aber auch ein Schwachsinn, der das Parlament seit Jahren enteiert und Begeisterung für Politik unfassbar schwer macht. Die sollte in Debatten geformt werden, und nicht in geschlossenen Koalitionsrunden und nichtöffentlichen Ausschüssen.
 
Das beste an einer Minderheitsregierung wäre gewesen, dass die nur funktioniert hätte, wenn die Abgeordneten ihr Stimmverhalten am Geist des Grundgesetzes ausgerichtet hätten, statt an Parteiräson, Fraktions- oder Koalitionszwang. Ich empfinde diese Prinzipien als zutiefst undemokratisch und die Praxis, so etwas sogar vorab fest zu vereinbaren, als skandalös. Traurig.

Flügge

Am Ende ist es immer ein beiläufiger Prozess. Nicht so wie im Film, wo alles auf den Zeitpunkt zuläuft und Taschentücher gezückt werden, um damit zu winken.

Stattdessen beginnt es mit Chaos, Gerenne, Kartons und Koffern. Sohnemann läuft hin und her und auf und ab. Immer wieder ist er mir im Weg, bin ich ihm im Weg. Mahne ich ihn, vor dem Abflug das Chaos zu beseitigen, sonst…

Sagt er: Ich bin ja morgen Abend nochmal da und Mittwoch, vielleicht, mal schauen. Schlüssel erst Donnerstag, aber das Auto bringe ich vorher zurück. Also sind die Kisten verpackt und die Koffer verstaut und die Tür fällt ins Schloss und geht wieder auf. Hin und her, und das noch über Tage, weil ja noch die Teller fehlen, dies und das.

Und dann öffnet sich die Tür seltener und dann gar nicht mehr oder nur zu besonderen Tagen.

Noch gibt es das Zimmer, aber auch das ist ein sukzessiver Prozess.
Das Haus ist still, das Nest ist leer.
Gut so, aber nicht besser.

Müßiggang: Die Entdeckung der Entdeckung

Wochenende: check.
Unternommen: nichts.
Erlebt: viel.

Zu den lustigen Aspekten unserer Kultur gehört es, dass wir Freizeit mit Flucht verbinden. Wir nennen das sogar so: Flucht aus dem Alltag. Ausbruch. Ausflug. Als ob man nichts wie weg müsste, um sich von dem zu erholen, was man normalerweise tut.

Wir wollen dann: Kontraste erfahren. Die Perspektive wechseln. Neues oder zumindest Anderes sehen, erleben, fühlen, riechen.

Aber das geht auch, indem man sich auf Dinge fokussiert, die man sonst ignoriert. Im Grunde muss man sich dafür kaum bewegen.

Ich habe das am Sonntag mal im eigenen Garten probiert. Hab mich auf den Rasen gelegt, wo er wegen des Schattens unseres Kirschbaums besonders viel Moos hat.

Entdeckte: Hedwigia ciliata. Machte ein Foto, ganz nah ran. Rückte ihr auf den Pelz:

Entdeckte: Der weiche Moorsgrund besteht aus unzähligen mikroskopisch kleinen Pflanzen. Die hier sehen aus wie kleine Säulen, die aus übereinandergestapelten Stern-förmigen Blättern aufgeschichtet sind. Ein undurchdringbar dichter Dschungel, in dem es wimmelt vor Leben.

Fremd ist das. Ich versuchte, konzentriert zu nah an die Dinge heran zu gehen. Man sieht sie dann nicht vollständig. Stattdessen entdeckt man Sachen, die mir so noch nie aufgefallen waren.

Sowas zum Beispiel:

Wenn das Licht nachlässt, glühen Blumen von innen.

Wenn man genau hinsieht, entdeckt man Fliegen, die so tun, als seien sie Hummeln.

Wenn man sich wenig bewegt, spielt die Amsel Model.

Manche Blumen zeigen die belgische Flagge.

Die Florfliege ist im Winter braun und verfärbt sich im Frühling allmählich wieder grün.  So wie Bäume.

Der Gartenchili hat den Winter weniger gut überstanden als erhofft. Aber Kontraste kann er.

Gartendeko-Statuen sind viel interessanter, wenn man sie nur teilweise ansieht.

Wenn man nah genug herangeht, sieht man die eigene Silhouette in den Augen einer Hummel.

Samen weht, wohin er will. Und macht kleine Kunstwerke.

Eine Blume ist dann am seltsamsten, wenn sie sich nicht zeigt.

Und manchmal ist zu wenig Licht genau richtig.

Und so weiter.

Am Ende kam es mir vor, als hätte ich meinen Garten vorher noch nie wirklich gesehen. Das ist erholsam: Freizeit, die nachwirkt. Einfach sehen, riechen, wirken lassen. Mir war das neu. Vielleicht ist das eine Altersfrage.

Großartig: Polit-Satire à la USA

Dem US-Fernsehen sagt man nach, entweder zahnlos oder oft dumm und oberflächlich zu sein. Ein Vorurteil, wie die Amerikaner vor allem in einem Genre beweisen: In der politischen Satire sind sie auch dem deutschen Fernsehen Lichtjahre voraus. Was da geboten wird, ist weltklasse – frech, intelligent und im besten satirischen Sinn entlarvend. Man sehe sich nur mal an, wie Commedy Central hier Whitehouse-Plapperer Sean Spicer die Hosen herunterlässt. Beispielhaft und vorbildlich: