Inhouse-Abschied: SPON geht, ich auch

Heute, am 1. September 2019, ist für mich die Zeit bei Spiegel Online nach 19 Jahren und zehn Monaten vorbei.  Aus sentimentalen Gründen hätte ich die 20 gern rundgemacht, aber das läuft leider nicht. Ich gehöre zum ersten Schwung der SPON-Mitarbeiter, die zum Stichtag der Fusion mit dem SPIEGEL vertragsrechtlich in den Verlag gewechselt sind.

Die letzten meiner heute bei SPON arbeitenden KollegInnen werden diesen Schritt voraussichtlich erst in neun bis zehn Jahren tun. So lange wird das dauern, denn nur rund 25 bis 30 SPON’ler pro Jahr bekommen neue Verträge. Im fusionierten Betrieb wird es künftig Onliner geben, die neben Print’lern arbeiten und Heft-KollegInnen, die Online zuarbeiten. Die Marken werden verschmelzen, SPON als eigenständige Marke verschwinden. So ist das geplant.

SPON 1999

Ich habe die Bedingungen dieser Fusion seit September 2018 in meiner Funktion als Mitglied des Betriebsrates von SPON mit ausgehandelt. Tatsächlich hat es für mich das zurückliegende Jahr weitestgehend bestimmt und geprägt. Geschrieben habe ich in dieser extrem emsigen Phase nicht sehr viel, und das hat mir nicht gefallen. Doch auch das ist (abgesehen von letzten, filigranen Nacharbeiten) vorbei. Für mich markiert die Fusion deshalb eine echte Zäsur: Es gibt ein Vorher und ein Nachher, Dinge ändern sich und das fühlt sich wirklich gut an.

Ich werde nun wieder vornehmlich auf der Print-Seite arbeiten, wenn natürlich auch nicht ausschließlich: Es gibt kein reines Hüben und Drüben mehr, alles ist digital. Trotzdem fühlt es sich an wie: Back to the roots.

Meine neue Redaktion ist SPIEGEL Geschichte, worüber ich mich wirklich freue. Ich arbeite schon seit Jahren der Redaktion Sonderthemen des SPIEGEL zu (SPIEGEL Wissen, Geschichte etc., künftig gehört auch Einestages dazu). Die besten und befriedigsten Geschichten, an denen ich in den letzten Jahren gearbeitet habe, entstanden für die Sonderthemen (so wie das hier, oder bei Einestages das hier). Jetzt wechsele ich endlich komplett dorthin. Es ist ein Bruch mit in fast zwei Jahrzehnten eingeübten Routinen und inhaltlich eine echte Herausforderung für mich.

Bin ich wehmütig? Bei SPON war ich Redakteur Nummer 8, ich habe das Werden der Marke vom Startup bis zu Deutschlands größter, vor allem aber bester Onlineredaktion begleitet. Oft war ich auch ihr Chronist. Klar bin ich wehmütig.

Aber vorbei war diese Zeit eigentlich schon in dem Augenblick, wo die Fusions-Verhandlungen begannen. In einem Jahr haben wir die Rahmenbedingungen dafür geschaffen, dass sich zwei Betriebe von Grund auf verändern. SPON heute ist nicht mehr das Unternehmen, dass es vor einem Jahr war. Es geht gerade im SPIEGEL auf, der Prozess läuft längst. Es wird auch den SPIEGEL verändern. Glas halb voll oder leer: Es ist ein Ende und ein Anfang, je nachdem, wie man es betrachtet. Ich neige da immer zum Optimismus.

Jetzt ist der Sitzungs-Marathon fast durch, die ersten schreiberischen Aufgaben im neuen Job liegen auf meinem Schreibtisch. Und das ist wie eine Heimkehr.

Robin, duck Dich!

Samstag, 16. März 2019, Domburg, Niederlande. Gedopt mit zwei halben Brand Premium Pilsener gelingt mir gegen 22 Uhr aus Dart-Standardentfernung unter verschärften Bedingungen (Dunkelheit, schlechtes Equipment, zu viel Pommes im Bauch) der Robin Hood (siehe oben, Original-Foto per Handy).

Es gibt Dinge, die machen so stolz, die kann man nicht verschweigen. Ungeklärt blieb, ob das nun 20 oder 40 Punkte waren, nur quasi gestapelt.

So oder so: meine größte sportliche Leistung seit dem triumphalen Gewinn der Ehrenurkunde (= „war dabei und hat sich bemüht“) bei den Bundesjugendspielen 1976.

Stumm? Manchmal gut.

Ich hadere mit den Konzepten von Öffentlichkeit und Privatheit. Ich bin Jahrgang 1963, und für jemanden meiner Generation bin ich relativ aktiv im öffentlichen Raum der Social Media. Bei Facebook poste ich seit 2008 regelmäßig unter eigenem Namen, in anderen sozialen Netzwerken nutze ich Pseudonyme (die Zugänge habe ich nur, weil ich sie beruflich brauchte: Twitter und Co interessieren mich privat nicht).

Über SPON und einige wenige andere Webseiten habe ich in den letzten 24 Jahren etwas über 5400 Artikel, News, Kommentare etc. veröffentlicht, bei Facebook dazu vielleicht nochmal 1000 Statements abgelassen. Was man in all diesen Dingen aber so gut wie nicht findet: etwas Persönliches. Bis meine Kinder in den 20ern waren, habe ich sogar ihre Namen verfälscht.

In den letzten Monaten war ich stumm, weil zu viel Privates passiert ist. Ich erzähle das nicht. Zugleich spüre ich einen seltsamen Zug, wenn ich sehe, dass ich bei Facebook über Wochen nichts poste oder dieses Blog über Monate nicht pflege. Es ist ein medieninhärenter Druck, sich öffentlich zu machen. Es fühlt sich mittlerweile falsch an, nichts von sich zu geben.

Aber wozu sollte ich das tun? Ich beobachte, wie um mich herum Menschen das Web als Resonanzraum nutzen, wie sie Beistand, Mitleid oder auch Mit-Freude induzieren, indem sie sich emotional nackig machen. Ich verstehe das prinzipiell, kann das aber nicht. Ich folge auch nicht den unzähligen Aufforderungen von Facebook, irgendwelchen Unbekannten zum Geburtstag zu gratulieren. In einem Restaurant, auf der Straße, in einer Kneipe tue ich sowas, wenn ich so etwas mitbekomme, aber bei Facebook?

Ich unterscheide noch immer zwischen Web und Real Life, obwohl ich nun seit mehr als der Hälfte meines Lebens mit dem Internet arbeite. Es sind unterschiedliche Räume für mich, unterschiedliche Lebensbereiche.

Übertölpelt: Schwarzer Aktivist kaperte US-Neonazi-Gruppe

Kein Witz: Ein US-Neonazi übergab die Führung seiner Gruppe offenbar an einen schwarzen Aktivisten. Der plante daraufhin deren Zerstörung, der Nazi fühlte sich „manipuliert“. Da könnte er richtigliegen.

Es soll vorkommen, dass Führungswechsel in politischen Gruppen mit Neuanfängen einhergehen. Wenn James Hart Stern hätte umsetzen können, was er ankündigte, hätte die Ablösung des Neonazis Jeff Schoep an der Spitze des „National Socialist Movement“ (NSM) als einer der denkwürdigsten Führungswechsel aller Zeiten Geschichte schreiben können. Stern, afroamerikanischer Bürgerrechtler, hatte Schoep dazu überredet, ihm die Führung seiner Neonazi-Gruppe zu übergeben – und umgehend angekündigt, diese „ausradieren“ zu wollen. Der Fall machte weltweit Schlagzeilen.

Ein US-Nazi, der die Führung seiner Gruppe an einen schwarzen Aktivisten übergibt – klingt wie politische Realsatire. Und hat sich offenbar doch genau so zugetragen.

Laut Stern begann alles, als ihn Schoep wegen seiner Beziehung zu Edgar Ray Killen kontaktierte. Stern – wegen Betruges verurteilt – teilte sich von 2010 bis 2011 eine Zelle mit dem verurteilten Mörder und Ku-Klux-Klan-Mitglied Killen. Ihm war es gelungen, Killen dazu zu überreden, ihn zu seinem Bevollmächtigten zu machen. Das nutzte Stern 2016, um den Ku-Klux-Klan genüsslich in einem symbolischen PR-Akt per Unterschrift aufzulösen. Killen starb 2018. Laut „Washington Post“ bestreiten Killens Hinterbliebene, dass der Deal bindend war.

Sterns Buch über den Killen-Fall erschien 2018

Stern schaffte es auch, auf ähnliche Weise eine Art Beziehung zu Neonazi Schoep aufzubauen. Inhaltlich, sagt er, sei man sich zwar nicht nähergekommen. Aber als Schoep die Anwälte der Opfer von Charlottesville auf die Pelle rückten, soll der Neonazi bei Stern Rat gesucht haben. Schoep bestreitet dies.

Am 11. und 12. August 2017 hatten sich in Charlottesville Hunderte Neonazis zur „Unite the Right Rally“ versammelt, ein Rechtsradikaler fuhr in eine Menschenmenge, tötete eine junge Frau und verletzte 19 weitere Menschen. Die Anwälte dieser und weiterer Opfer haben Zivilklagen gegen die Köpfe der zahlreichen Organisationen der „Unite the Right“-Veranstaltung eingereicht – auch Schoep.

Bürgerrechtsaktivist als amtlich beglaubigter Chef notorischer Rassisten

Sterns Stunde war gekommen. Schoep, seit 1994 Kopf des NSM, solle ihm die Führungsrolle überschreiben, schlug Stern vor, um sich selbst aus der Schusslinie zu bringen. Das Unglaubliche daran: Der Neonazi ging offenbar darauf ein. Mitte Januar reichte er bei den Behörden im US-Bundesstaat Michigan Unterlagen ein, um die NSM-Führung formal an Stern zu übertragen.

So wurde im Januar 2019 der schwarze Priester, Bürgerrechtsaktivist und Autor James Hart Stern amtlich beglaubigter Führer einer notorisch rassistischen, gewaltbereiten Gruppe, die Hitler feiert. Die wolle er nun – ähnlich wie einst den KKK – „ausradieren“, ließ er wissen.

Bekannt wurde der Führungswechsel in der kleinen, aber einst sehr lautstarken Neonazi-Gruppe, als Stern versuchte, ihre bisher führenden Vertreter in dem laufenden Prozess wegen der Gewalttaten von Charlottesville zu belasten.

Stern wollte als neuer Führer der NSM die Schuld der alten Führer gern gerichtlich bestätigt sehen – und die Neonazis so womöglich hinter Gitter bringen. Ex-Chef Schoep fühlte sich von ihm jedenfalls kräftig hinters Licht geführt – er sprach von „Manipulation“ und schäumte vor Wut. In einer Nachricht an seine Anhänger schrieb er laut „Washington Post“, Stern habe ihn getäuscht. Er habe die Führung der Gruppe nur abgegeben, weil Stern ihn überzeugt habe, so lasse sich der juristische Ärger aus der Welt schaffen.

Intern gab Schoep die Führung zunächst an einen anderen strammen Rechtsausleger weiter. Inzwischen ist es den NSM-Rechtsauslegern auch gelungen, Sterns Führerschaft über ihren Faschistenverein wieder aus offiziellen Dokumenten tilgen zu lassen: Seit dem 6. März leitet der afroamerikanische Pfarrer, Autor und Bürgerrechtler die Neonazi-Truppe auch offiziell nicht mehr. Seinen Plan, die Webseite des Neonazi-Clubs zu einem Info-Portal über Rassismus und den Holocaust auszubauen, hat er nicht verwirklichen können. Die Neonazis bis auf die Knochen zu blamieren ist ihm hingegen gründlich gelungen.