Seufz: Die Post ist da

Heute früh, in meinem Email-Postfach:
 
„Sehr geehrter Herr Patalong,
seit Juni 2016 kann man sich bei der XXXXXXXX AG deutschlandweit zur Fachkraft für Lagerlogistik weiterqualifizieren.
Die Fakten dazu finden Sie hier als druckfähige Datei. Möchten Sie weitergehende Informationen, dann klicken Sie auf XXXXXXX oder rufen Sie einfach an.
Im Fall einer Veröffentlichung freuen wir uns über Belegexemplare, gern auch als PDF.
 
Mit freundlichen Grüßen
Frau PXXXX
Marketing & Organisation“
 
Das ist professionelle PR.
Komplett unzielgerichtet, völlig erratisch und absolut nutzlos.
Selbst wenn das Thema irgendetwas mit mir und meiner Arbeit zu tun hätte, wo sollte ich das veröffentlichen? Bei SPIEGEL ONLINE?
Ein guter Plan! Schlagzeile:
„XXXXXX bildet Lagerpacker aus!“
Vielleicht sollte sich auch Frau PXXXX da mal weiterqualifizieren. Vielleicht packt sie das besser als PR.
 
P:S: Ich habe absolut nichts gegen Lagerarbeiter.

Rrrrrrrrrrrssssssssssssssss….

Total cool, endlich erforscht das mal einer:

„Sehr geehrte Redaktion,

mit unserem heutigen Pressetext möchten wir Sie über die Ergebnisse unserer aktuellen Studie zum Thema „Staubsaugen im Visier: Österreicher mögen es staubfrei“ informieren:

Österreichs Online Markt- und Meinungsforschungsinstitut Marketagent.com lüftet Geheimnisse rund um die Hausarbeit Staubsaugen. 1.035 Personen zwischen 18 und 69 Jahren wurden zu ihrem Staubsaugverhalten, als auch rund um ihre Einstellung und Wahrnehmung der bekanntesten Staubsaugermarken befragt. Ergebnis: Jeder achte Befragte staubsaugt einmal in der Woche oder öfter zuhause. Am häufigsten wird dazu der Bodenstaubsauger verwendet.“

Ehrlich?
1.035 Österreicher waren bereit, sich über ihren Saugerythmus befragen zu lassen?
Und nicht nur das: Auch über die besten Sauger-Marken (hier aus offensichtlichen Gründen weggelassen)?
Wow.

Wer sich fragt, wie man zu solchen Studien kommt, sehe sich auf der Unternehmenswebseite um: Hinter solchen Befragungen stehen natürlich zahlende Auftraggeber.  Als Befragter verdient man hingegen Geld damit. Zitat: “ An Online Umfragen teilnehmen – Mit jeder Umfrage online Geld verdienen“.

Im Klartext: Die „Studie“ basiert auf 1035 bezahlten Antworten.

Um so bitterer, dass so ein Müll trotzdem regelmäßig in Medien landet. Ein Wunder ist es aber leider nicht: Wir Redakteure bekommen so etwas als kostenlosen Inhalt angeboten, und wenn wir nachfragen, gibt es meist noch eine schicke Infografik dazu. Ein wachsende Zahl kleinerer Medien – Online wie Print – bekommt ihren redaktionellen Teil nur noch mit immer größerer Mühe produziert – mangelnde Zahlungsbereitschaft, miese Werbeumsätze und (bei Onlinemedien) dann noch Adblocker obendrauf entziehen ihnen die finanzielle Basis. Kein Wunder, dass sie PR-Mist allzu oft Eins-zu-Eins bringen, ohne Rückfrage, ohne Blick darauf, wo der Müll herkommt.

Wetten, dass wir sowas immer häufiger sehen werden?

 

PR-Arbeit: Vorsicht, wenn der Brainstorm weht

Als Journalist lebt man unter Dauerfeuer: Jeden Monat flattern mir etliche hundert PR-Mitteilungen ins elektronische Postfach. Das meiste davon ist völlig unzielgerichtet. Die Versender haben offenbar überhaupt keine Ahnung, wen sie da anschreiben (und oft noch nicht einmal davon, worüber sie schreiben).

Am schlimmsten sind dann die „Verpackungen“. Unausrottbar sind Html-Mailings mit satt Bildmaterial, die – Spam-Filter und Virenschutz sei Dank – dann völlig unlesbar im Postfach landen, weil der Mist natürlich vorher gekillt oder zumindest nicht angezeigt wird. Alternativ schickt so mancher PR-Fachmann gern schon mal ein paar Anhänge mit: Bildern in 300 dpi, PDF-Dokumente und den letzten Bilanzbericht auf 264 Seiten. Mailgrößen im Megabyte-Bereich hören aber auf, lustig zu sein, wenn sie in Massen anfallen.

Das schlimmste aber ist, wenn PR’ler zum Brainstorming zusammen kommen, und sich was ganz feines, „aufmerksamkeitsstarkes“ ausdenken: „Originelle“ Verpackungen zum Beispiel.

Ich habe einmal eine Blechtrommel bekommen, rund 60 Zentimeter hoch, Rauminhalt geschätzt 30 Liter und mit Sprengring gesichert. in sowas transportiert man sonst Sondermüll.

So wie auch in diesem Fall: Gefüllt war das Ding bis zur Oberkante mit diesen weißen Verpackungsflocken. Ganz am Boden des Gefäßes lag dann eine Einladung zu irgendeiner blöden PR-Veranstaltung mit Häppchen und Party – ne, was haben wir gelacht. Besonders, da wir in unserer kleinen Redaktion (damals sechs Leute) gleich fünf von den Dingern zugeschickt bekamen. Zu der  Veranstaltung ging dann natürlich niemand von uns.

Ein anderes Mal bekam ich über Wochen kryptische Briefe und Karten zugeschickt, dazu einen Schlüssel und andere kleine Gegenstände, „Hinweise“ und „Tipps“ per E-Mail. Die Idee dahinter war wohl, dass das detektivische Interesse geweckt werden und man von sich aus versuchen sollte, endlich herauszufinden, worum es ging. Am Ende dann die Auflösung: Eine Einladung zu einer der leidigen sogenannten VIP-Parties zum Produkt-Launch irgendeines Spielchens. Den Schlüssel brauchte man angeblich, um da rein zu kommen. Zu dumm, dass warscheinlich jeder Empfänger diesen Mist sofort entsorgte. Andererseits: Wer wirklich zu so einer exklusiven Presse-Veranstaltung will, kommt auch rein. Auch ohne Schlüssel oder Einladung – meistens sind Firmen froh, wenn überhaupt einer kommt.

Vorgestern bekam ich dann per DHL einen Pizzakarton zugestellt. Darauf ein Motiv aus der Welt der Teenage Mutant Ninja Turtles, die (Haha!) sich ja bekanntlich von Pizza ernähren. Darin: Eine Pressemitteilung, ein Flyer – und ein Päckchen mit sechs Sammelkarten. Genau die Sorte, nach der der Nachwuchs an der Tanke lautstark quäkt und für den er dann in entfesselter Sammelleidenschaft in den nächsten zehn Monaten jeden Cent verschwendet, den er in die Hände bekommen kann. Am Ende liegen dann virtuelle Werte im Hunderter-Bereich in einem Karton, von dem sich aber schnell herausstellt, dass er wohl doch keine Kapitalanlage ist, sondern eher eine Art Altpapierlager.

Mich nervt allein schon der hirnfrei überzogene Aufwand. Ich sitze jetzt da und darf den Müll entsorgen, für den der Entsender eine ganze Menge Geld bezahlt hat. Der einzige, dem das nutzt, ist der PR’ler – egal ob hausintern oder in einer Agentur (dann hätte der Käse wohl sogar fünfstellig gekostet!). Es dient ansonsten niemanden, kostet nur Geld und Zeit und verursacht völlig überflüssigen Müll.

Klar, dass die PR im viel zu lauten Grundrauschen des allgegenwärtigen PR-Trommelns sich etwas einfallen lassen muss, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Die doofen Sammelbilder einfach per Html-Mailing rumzuschicken, funktioniert ja auch nicht (siehe oben: der Filter). Eine andere Frage ist aber, was überhaupt erreicht werden soll, und hier schließt sich der Kreis endgültig: Wer hat diese PR-Brainstormer auf die abstruse Idee gebracht, mir diesen Kram überhaupt zuzuschicken – und was erhoffen die sich davon? Erwarten die ernsthaft, dass man darüber berichtet, dass es nun endlich, endlich, endlich wieder Ninja-Sammelkarten gibt?

P.S., um der Fairness willen: In der beiliegenden Pressemitteilung erfährt man, dass es zur TV-Trickfilmreihe nun eine ganze Reihe an Veröffentlichungen gibt. Hätte ich diesen Blog-Eintrag nicht geschrieben, hätte ich das allerdings nie erfahren: Ich hätte den ganzen Käse schon aus Ärger über die abstruse Zusendung komplett und ungelesen entsorgt.

P.P.S.: Was ich mit der übermittelten Information allerdings anfangen sollte, weiß ich  nicht. Vielleicht spreche ich mal die Kollegen in der Kultur an, ob sie Interesse daran haben, Werbung für die Ninja Turtles zu machen. Raten Sie doch mal, wie da wohl die Antwort ausfällt.