Journalistenpreis Ruhr: Bin ausgezeichnet

Was der Miss die Schärpe, dem Gaul das blaue Band Band und dem Sportler die Medaille, ist dem Journalisten der Preis: 38 Jahre, nachdem ich das letzte Mal bei den Bundesjugendspielen eine Ehrenurkunde gewinnen konnte, bin ich gestern Abend mit dem Journalistenpreis der Metropole Ruhr, dem Lorry in Bronze, ausgezeichnet worden. Viereinhalb Kilogramm schwer ist die schöne, stählernde, stilisierte Lore, und hat für mich in mehrfacher Hinsicht Gewicht.

Denn gewonnen habe ich das Ding mit einer Geschichte, die für mich auch ein Stück Abgesang auf die verschwundenen Straßen meiner Kindheit war. Vordergründig geht es um Matthias Langhoff, den aller Voraussicht nach letzten Wirt des „Walsumer Hof“, der noch immer dort steht, wo einst das Walsumer Oberdorf stand – völlig isoliert direkt in der Einfahrt eines frisch erbauten Kohlekraftwerks. Eigentlich geht es aber um etwas anderes: Um Heimatverlust.

Bei der Preisverleihung merkte ein Jurymitglied an, dass es augenfällig sei, wie viele der Geschichten sich „an der Vergangenheit des Ruhrgebiets“ aufhingen, an „alten Klischees“.

Das ist eine (möglicherweise gewollte) Fehlwahrnehmung. Dem Wunsch nach Besserung und Strukturwandel steht im Pott noch immer auch eine andere Wirklichkeit gegenüber, eine oft aberwitzige Gegenwart. Das Walsumer Oberdorf, um das es in meiner Geschichte geht, ist erst im letzten Jahrzehnt entvölkert und evakuiert, planiert und mit einem leider nicht funktionierenden Kraftwerk überbaut worden. Das ist eine viele Millionen Euro teure Realsatire, aber es ist auch eine ganz typische Pott-Geschichte, die anderenorts kaum vorstellbar wäre.

Dieses rigorose Terraforming, bei dem Stadtviertel entstehen oder verschwinden und Landschaften sich innerhalb weniger Jahre völlig verändern, ist Pott-typisch, und es passiert auch in diesem Augenblick: In Hamborn, wo man ein Viertel umsiedelt, um ein Einkaufszentrum zu bauen, in Dortmund und Essen, wo künstliche Seen und neue Stadtviertel anstelle alter Strukturen entstanden und entstehen, in Bruckhausen, wo uralte Stadtstrukturen zu einem Grüngürtel planiert werden.

Walsumer Hof: Restaurant in Kraftwerkseinfahrt

Solche Dinge produzieren natürlich entsprechend krasse Geschichten, die man nicht im eigentlichen Sinne schreiben muss, sondern nur auf. Das ist kein kreativer, sondern ein dokumentierender Akt. Wer nachlesen will, was für verrückte Geschichten das Ruhrgebiet noch immer produziert, kann das im Archiv von SPIEGEL ONLINE: „Der letzte Wirt“ heißt der Artikel.

Dass es gerade dieser Artikel war, der die Jury für sich gewinnen konnte, hat mich enorm gefreut. Journalisten sind Serientäter, wir produzieren nonstop. Das meiste hat aktuellen Bezug und ist übermorgen schon völlig irrelevant. Ich habe in den letzten 22 Jahren geschätzt 4500 Meldungen, Artikel etc. veröffentlicht. Wirklich persönlich wichtig sind mir in Rückschau davon vielleicht zehn Stück. „Der letzte Wirt“ ist eine davon.

Nach der Wahl

Als meine Kinder anfingen, Politik wahrzunehmen, versuchte ich, ihnen das mit den Parteien zu erklären. Dass es dabei zum einen um Programme gehe, die sich aber oft gar nicht so sehr unterscheiden, wohl aber die generelle Haltung dieser Parteien gegenüber dem Leben oder den Menschen. Wofür steht so eine CDU, SPD, Grüne, FDP? Seht Euch die Leute an, sagte ich, was und wie sich darstellen. Um wen sie sich kümmern, wen sie ablehnen. Und dann fragt Euch, wo Ihr da stehen wollt.

Sie begriffen schnell, dass es dabei um grundsätzliche Dinge geht. In der Politik, so wie wir sie seit Staatsgründung kannten, gab es immer diese grundsätzlichen, oft für ein Leben getroffenen Entscheidungen. Neue Wähler erbten die Parteien regelrecht.

Das war bei mir so, der ich der roten Hochburg des Duisburger Nordens aufwuchs. Das war auch im Rhein-Sieg-Kreis nicht anders, der CDU-Hochburg, wo meine Kinder aufwuchsen. Viel zu lang konnten Parteien hier wie dort jeden Mist machen, ohne vom Wähler dafür bestraft zu werden.

Offenbar ist das vorbei, was eine tolle Nachricht wäre. Keine Partei kann sich mehr ihrer Hochburgen sicher sein. Wer das für eine schlechte Nachricht hält, glaubt immer noch, Politik sei eine Verwaltungsaufgabe, und keine gestalterische. Die wachsende Vielfalt tut gut. Vielleicht endet dann irgendwann sogar dieses blöde Geschwafel von der „Wahl des kleinsten Übels“ und vom „wir können daran doch nichts machen“. Meine Kids waren gestern wählen, und sie haben ihre Wahl durchdacht und bewusst getroffen. Egal, was sie gewählt haben – sie waren Gewinner.

Bildquelle: Landeswahlleiterin NRW

Bruckhausen: die designierte Geisterstadt

Anfang der Woche war ich in Duisburg, hab da Michael Rubinstein und Sören Link getroffen, der eine unabhängiger Kandidat, der andere SPD-Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl. Der eine ist gerade 40 geworden, der andere ist gerade mal 35. Seltsam ist das: da setzt man nun auf junge, dynamische Typen, wo man stets auf Elder Statesmen oder gegerbte Parteisoldaten setzte. Beide wirken integer, intelligent und motiviert. Aber ist das genug, um in der Ruhr-typischen Klüngelszene der Politik zu bestehen? Wer sich da durchsetzen will, muss vom Knappenchor bis zum Schützenverein vernetzt sein.

Zudem ist der Job, auf den die sich bewerben, echt kein Zuckerschlecken. Duisburg war immer die Ruhrstadt, die den Strukturwandel ausdauernder als alle anderen verpennte. Im Grunde ist die Kommune seit den Siebzigern in einem schleichenden, kontinuierlichen Niedergang. Besonders das Pott-typische Sozialgefälle von Süd nach Nord ist etwas, dass Rubinstein im gespräch „gefährlich für den sozialen Frieden“ nannte. Ich komme aus dem Norden und weiß, was er meint: da kann man nur nicken.

Wie weit das mittlerweile geht, hab ich mir am Dienstag in Bruckhausen angesehen. Das war immer ein bizarrer Stadtbezirk, immer ein hartes Pflaster.

An vielen Dingen hat man in den letzten zwanzig Jahren viel getan. Ich ging durch Dieselstraße und Co. und staunte: renovierte Fassaden, Farbe am Bau, kein reines Grau in Grau mehr. Klar, noch immer schaut man durch die Häuserschluchten direkt auf die Industrieanlagen des Stahlwerks. Trotzdem: Fast dörflich wirkt der Bezirk jetzt an der Thyssen zugewandten Seite.

Aber auch das muss gesagt werden: Geschätzt 40 Prozent der Häuser und Wohnungen stehen leer. Die Fensterscheiben sind eingeschmissen, manche Fenster auch vernagelt, Renovierung hin oder her. An den Straßenecken lungern Gangs, an denen man gern vorbeigeht, ohne sie nach dem Weg zu fragen. Und dass der Bezirk inzwischen über 50 Prozent türkische Bewohner hat, sieht man natürlich auch. Was an geschäftlichen Infrastrukturen überhaupt noch geht, wird von ihnen betrieben. Ohne sie wäre der Bezirk völlig tot. Dass er stirbt, ist trotzdem kaum aufzuhalten.

verfallenes Haus in Bruckhausen

Was macht man mit so einer Stadt, die schrumpft und in ganzen Bezirken rapide verelendet? Lügt man die Sache schön, wie man das jahrzehntelang gemacht hat im Pott, streicht die Häuser an und erklärt alles zu Industriekultur? Oder zieht man einen Strich, stärkt die Infrastrukturen da, wo sich das lohnt – und planiert im Extremfall einen sterbenden Stadtteil, bevor er zum Slum verfallen kann?

Genau das soll passieren. Ein großer Teil von Bruckhausen soll abgerissen und zu einem Grüngürtel gemacht werden. Eine Lösung von Pott-typischer Radikalität. Kein Novum. Ist in den Sechzigern schon in Alsum passiert, an das nur noch die begrünte Halde erinnert, zu der man den Schutt zusammengeschoben hgat. Ist in den letzten zehn Jahren in Alt-Walsum passiert, von dem eine Hälfte schlicht unter einem Kraftwerksbau verschwand.

Zwei Jungs sprechen mich an, warum ich denn Fotos mache: „Verdiense damit Geld?“
„Ne“, sag ich, „ist nur für mich.“
„Dann is gut“, sagt der Junge. Jetzt kämen ja ständig Leute, die fotografieren.
„Und weiße auch warum?“ frage ich.
„Klaa“, sagt er, vielleicht zwölf ist er: „Innen paa Jahre is dat hia alles wech.“
„Und hasse selbs auch schon Fotos gemacht?“ frage ich.
„Hab ich“, antwortet er. „Un auf meine Facebookseite gestellt.“
„Gut“, sage ich ihm.
Gut sei das. Und dass man sich immer an die schönen Dinge erinnern soll.