Scheintod: Ein bisschen schwanger…

Vier Jahre nach dem Viktorianischen Vibrator gehe ich ein bisschen schwanger mit einer weiteren Idee für eine Kuriosa-Sammlung aus der frühen Phase der Technologisierung/Verwissenschaftlichung der Welt. Der kleine Scheintod-Artikel, den Einestages heute brachte, deutet an, in welche Richtung das gehen könnte.

Antoine Joseph Wiertz: L’inhumation précipitée (1854). Copyright: Gemeinfrei

Keine Ahnung, ob das Leser finden würde. Ich finde diese makabren Sachen urkomisch. Wann kann man schon mal solche Sätze schreiben?

„Belebte man nicht Ertrunkene wieder, indem man sie bäuchlings aufs trabende Pferd gebunden durchschüttelte, bevor man ihren Darm per Klistier mit heilsamen Nikotindampf füllte? Und erwies sich in alldem nicht immer wieder, dass viele Zustände des menschlichen Körpers mit Mitteln der modernen Wissenschaft zu ändern waren?“

Jede Menge Holz am Himmel

Heute hat Einestages eine Geschichte von mir über Holz als Baumaterial im Flugzeugbau des Zweiten Weltkriegs veröffentlicht. Klingt aberwitzig, war aber so: Ein Großteil vor allem der deutschen, britischen und russischen Flieger setzten auf Holz als wichtiges Material.

Ich hatte für den Artikel eine Liste der wichtigsten Flieger zusammengestellt, bei denen tragende Teile aus Holz gefertigt waren – vor allem Rümpfe und Flügel. Einestages konnte das Ding wegen eines technischen Problems nicht mitnehmen – ich habe sie unten an diesen Blogpost angehängt. Was ich selbst völlig verblüffend fand, war dass gerade viele der ikonischen, als Hightech der Kriegsjahre bekannten Flieger hölzern waren – darunter fünf der acht in Nazideutschland entwickelten Düsen- und Raketenflugzeuge. Es war nicht alles Metall, was glänzte.

Messerschmidt Me 163: Das Raketenflugzeug war bis 1953 der schnellste Flieger der Welt - und in maßgeblichen Teilen aus Sperrholz gefertigt. Copyright: USAF
Messerschmidt Me 163: Das Raketenflugzeug war bis 1953 der schnellste Flieger der Welt – und in maßgeblichen Teilen aus Sperrholz gefertigt. Copyright: USAF

 

Ich glaube nicht, dass es sonst eine so umfangreiche Zusammenstellung nach diesem Kriterium (Baustoff Holz) gibt. Vollständig ist sie aber wahrscheinlich trotzdem nicht, man muss sich das ziemlich mühselig zusammensuchen und das eine oder andere Modell habe ich möglicherweise übersehen. Holzflieger gab es natürlich auch in anderen Luftflotten als den hier aufgeführten, aber oft waren das auch technologisch alte Schätzchen, Überbleibsel aus dem Ersten Weltkrieg – sowas habe ich weitgehend ignoriert. Ignoriert habe ich auch all die Flugzeuge, die hier und da Bauteile aus Holz einsetzten, die aber für die Stabilität der Maschine keine große Rolle spielten. Und Rotoren – denn wenn man die mit hineinnehmen würde, könnte man auch die Flieger herausstreichen, die über Metallpropeller verfügten: das waren warscheinlich weniger.

Also: „Holzflieger“ sind in meiner Definition solche, bei denen maßgebliche Bauteile aus Holz waren (Rumpf, Flügel). Hier ist die Liste: Wer Spaß daran hat und sie weiterführen möchte, kopiere sie einfach und schreibe sie fort.

Flugzeuge des Zweiten Weltkriegs, bei deren Konstruktion Holz ein maßgeblicher Baustoff war (wichtigste Typen)

Jeweils: Typ – Einsatzzweck – Baujahre – gebaute Stückzahl

Deutschland

Arado Ar 396: Schulflugzeug, 1945-50, ca. 130 Stück

Bachem Ba 349: Raketenflugzeug, 1944-45, ca. 30 Prototypen

DFS 230: Lastensegler, 1939-44, 1603 Stück

Fieseler Fi 156: Kurierflieger, 1936-49, 2867 Stück

Focke-Wulf Fw 56: Schulflugzeug, 1933-36, ca. 510 Stück

Focke-Wulf Ta 154: Mehrzweckflugzeug, 1943-44, unter 50 Stück

Gotha Go 145: Schulflugzeug, 1936-40, 1182 Stück

Gotha Go 242: Lastensegler, 1941-44, 1481 Stück

Gotha Go 244: Transportflugzeug, 1942, 233 Stück

Heinkel He 162: Jagdflugzeug (Düsenjet), 1944-45, ca. 170 Stück

Heinkel He 51: Jagdflugzeug, 1934-37, ca. 230 Stück

Heinkel He 60: See-Aufkläer, 1932-38, 361 Stück

Henschel HS 132: Sturzkampfbomber (Düsenjet), 1945, ein Prototyp

Horten H IX: Nurflügler (Düsenjäger), 1944-45, drei Prototypen

Junkers Ju 322: Lastensegler, 1941, nur zwei Prototypen

Messerschmitt Me 163B und 163C: Abfangjäger (Raketenantrieb), 1944, über 350 Stück

Siebel Si 204 D3: Transportflugzeug, 1944, 64 Stück

Japan

Kokusai Ki-105: Transporter, 1945, 10 Prototypen

Kyushu K11W2: U-Bootjäger, Stückzahl unbekannt, aber gering

Kyushu Ki-106: Jagdflugzeug, 1944, ein Prototyp

Nakajima Ki-84 II: Jagdflugzeug, 1943-45, genaue Stückzahl Holzversion unbekannt, aber vierstellig

Nakajima L2D5: Transporter (Lizenzbau der Douglas DC-3), Holzversion geringe Stückzahl

Yokosuka MXY-9: Schulungsflugzeug, 1945, ein Prototyp

 

Großbritannien

Airspeed AS 39: Aufklärer, 1940, nur ein Prototyp

Airspeed AS 45: Schulflugzeug, 1942, zwei Prototypen

Airspeed Horsa: Lastensegler, 1941-45, ca. 3800 Stück

Airspeed Oxford: Schulflugzeug, 1937-45, 8586 Stück

Armstrong Whitworth Albemarle: Bomber, 1941-45, 602 Stück

Avro Anson MK V und VI: Mehrzweckflugzeug, Holzversion ab ca. 1942, 1050 Stück

de Havilland Mosquito: Mehrzweckflugzeug, 1940-50, 7781 Stück

General Aircraft Hamilcar: Lastensegler, 1942-46, ca. 410 Stück

Hawker Hurricane: Jäger, 1937-1944, 14.533 Stück

Miles M.20: Jäger, 1940, ein Prototyp

Supermarine Walrus Mark II: Flugboot, 1940-44, 191 Stück

 

USA/Kanada

Curtiss C-76 Caravan: Transporter, Holzversion nur 1940, zwei Stück

Noorduyn Norseman:  Wasserflugzeug, 1935-59, 918 Stück

Waco CG-4A: Lastensegler, 1942-45, 13.900 Stück

 

Russland

Antonow A-7: Lastensegler, 1941, ca 400 Stück

Gribowski G-11: Lastensegler, 1941-42, ca. 600 Stück

Gribowski G-29: Lastensegler, 1942, ca. 300 Stück

Gribowski G-30: motorisierte Version der 29, 1942, nur Prototypen

Iljuschin Il-4: Bomber, 1940-44, 5256 Stück

Jakowlew Jak-1: Jagdflugzeug, 1940-43, 8721 Stück

Jakowlew Jak-4: Bomber, 1939-40, ca. 600 Stück

Jakowlew Jak-6: Bomber, 1942, 381 Stück

Jakowlew Jak-7: Jagdflugzeug, 1941-44, 6399 Stück

Jakowlew UT-2: Schulflugzeug, 1938-48, 7243 Stück

Lawotschkin La-5: Jagdflugzeug, 1942, ca. 10.000 Stück

Lawotschkin La-7: Jagdflugzeug, 1944, 5753 Stück

Lawotschkin LaGG-3: Jagdflugzeug, 1941-44, 6528 Stück

Polikarpow I-153: Jagdflugzeug, 1939-41, 3437 Stück

Polikarpow I-16: Jagdflugzeug, 1934-43, 8643 Stück

Polikarpow Po-2: Mehrzweckflugzeug, 1928-54, ca. 40.000 Stück

Polikarpow R-5: Mehrzweckflugzeug, 1931-37, ca. 7000 Stück

Schtscherbakow Schtsche-2: Transporter, 1943-46, 550 Stück

 

 

 

Londons viktorianische Dinosaurier

1853 war es ein enormes Wagnis, sich mit solchen Rekonstruktionen vorzuwagen. Von vielen Tieren gab es nur Funde einzelner Knochen – so auch beim Iguanodon.

Seit Freitag ist ein neues Buch von mir bestellbar, das voraussichtlich ab Dienstag der Pfingstwoche ausgeliefert wird: „Die ersten ihrer Art – die viktorianischen Dinosaurier des Crystal Palace, London“.

Das Ding ist dermaßen Nische, dass man meinen könnte, ich hätte damit beweisen wollen, dass auch wir „kommerziellen Lohnschreiber“ mitunter aus reiner Begeisterung in die Tasten hauen. Ich habe tatsächlich erst gar nicht versucht, dafür einen Verlag zu finden.

Stattdessen habe ich die Gelegenheit genutzt, gleich zwei Herzensangelegenheiten einfach mal durchzuziehen:

1. endlich mal im On-Demand-Verfahren, über das ich so oft geschrieben habe, zu publizieren: im Selbstverlag, mit E-Book-Schiene und allem, was dazu gehört. Es ist ein Selbstversuch, den ich dokumentieren und in gegebener Zeit auch publizieren werde. Wie ist die Qualität der Produkte? Ist das wirklich eine Chance für Autoren, für exotische Themen? Funktioniert es, sind die Produkte so gut erhältlich, wie die Anbieter behaupten? Funktioniert Selbstvermarktung? Verdient man damit etwas? Und so weiter: ich bin gespannt.

2. Über die „viktorianischen Monster“ des Bildhauers Benjamin Waterhouse Hawkins zu schreiben.

Die stehen seit 1854 in einem Park in Südlondon und waren damals der allererste Versuch überhaupt, ausgestorbene Lebewesen, über die man noch herzlich wenig wusste, in rekonstruierter Form abzubilden. Es hat die Vorstellungen von der „Urzeit“ über viele Jahrzehnte geprägt – und war über ein halbes Jahrhundert eine der meistbesuchten Attraktionen Londons.

Es muss über 30 Jahre her sein, dass ich das erste Mal über diese tonnenschweren Monumente gelesen habe: Wie lustig die heute seien, weil sie so „falsch“ sind. Was damals für ein Aufwand betrieben wurde. Die Legende vom spektakulären „Wissenschaftler-Dinner im Dinosaurier“. Und so weiter.

Im Februar habe ich die Figuren im Crystal Palace Park besucht. Das Wetter war lausig, die Inseln, auf denen die Statuen stehen, noch kahl. Trotzdem waren eine Menge Leute unterwegs, die sich die Figuren ansahen. Kaum einer von ihnen wusste, was sie da vor sich hatten – und die Erklärungstafeln vor Ort ändern daran auch herzlich wenig.

Wie „schlechte Dino-Figuren aus den 70ern“ sähen sie aus, sagte meine Frau, und wenn man nichts über die Sydenham-Saurier weiß, kann man das so sehen. Ich erklärte ihr den Stellenwert der Statuen:

– dass sie wissenschaftliche Pionierleistungen sind, die den kargen Wissensstand ihrer Zeit fast vollständig abbildeten;
– dass sie eine einst weltweit berühmte Attraktion waren, die das zwölf Jahre davor erfundene Wort „Dinosaurier“ erst bekannt machte;
– dass sie einer der frühesten Versuche waren, so etwas wie Evolutionsgeschichte darzustellen – sechs Jahre, bevor Darwin sich endlich traute, die „Entstehung der Arten“ zu veröffentlichen;
– dass für Millionen von Menschen des 19. Jahrhunderts die Begegnung mit „Hawkins Monstern“ erstmals die biblische Schöpfungsgeschichte und die Mär von der Sintflut in Frage stellte.

Und dann zeigte ich ihr, was an den Statuen interessant, beeindruckend, lustig oder einfach nur schräg ist.

„Und warum erfährt man das hier nirgendwo?“, fragte sie.

Stimmt, dachte ich. Da stehen diese Monumente menschlicher Erkenntnis halb vergessen in einem leicht heruntergekommenen Park, der selbst einmal eine der berühmtesten Attraktionen der Welt war, und man findet kaum Erklärungen.

Abends schaute ich, was es darüber so auf dem Buchmarkt gibt. In Reiseführern sind die Statuen im Crystal Palace Park selten mehr als eine Randnotiz. In englischer Sprache gibt es – mehr oder minder schwer erhältlich – zwei Replikas von Büchern aus dem 19. Jahrhundert darüber und eines, das 1994 aufgelegt, seit zwanzig Jahren aber nicht mehr nachgedruckt wurde. Es wird für bis zu 150 Pfund gehandelt, je nach Zustand.

In deutscher Sprache gab es – nichts.

Drei Tage nach unserem Besuch im Crystal Palace Park begann ich zu schreiben. Statue für Statue erklärte ich das, was man da sieht, die Geschichten und Annekdoten dahinter, den Kenntnisstand heute. Zusammengenommen ergab sich daraus nicht nur eine „Gebrauchsanweisung“ für den Park, sondern auch ein konziser Abriss über die Anfangstage der Paläontologie und ihre „Helden“ – über Crystal Palace zu schreiben bedeutet, Wissenschaftsgeschichte zu erzählen.

Anfahrtskizzen und Beschreibungen kamen dazu, und am Ende noch ein Essay darüber, was die Statuen über Kultur und Wissenschaft des viktorianischen Zeitalters aussagen und dafür bedeuteten. Bevor ich mir selbst ganz darüber im Klaren war, hatte ich eine Art kleinen Nischen-Reise- oder Museumsführer geschrieben.

Nicht, weil ich glaube, dass ich damit auch nur die Druckkosten wieder hereinhole, sondern weil es mir am Herzen lag: Hawkins Monster verdienen es, verstanden zu werden. Ich verstehe sie als in Beton gegossene Dokumente eines Erkenntnisprozesses, der die Welt von Grund auf verändert hat. Für mich macht sie das bis heute nicht nur lustig und rührend, sondern auch wichtig und beeindruckend.

Es würde mich freuen, wenn das Büchlein den paar Enthusiasten und Dino-Fans, den Wissenschafts-Nostalgikern und Wissens-historisch Interessierten, die sich nach Südlondon in den Crystal Palace Park verirren, ein wenig Spaß und einen vertieften Blick auf Hawkins viktorianische Monster bescheren würde. Kaufen kann man das 140-Seiten-Bändchen für 5,99 Euro in den meisten Online-Buchläden, man kann es im Handel bestellen oder als E-Book für Reader, Tablet oder Handy beziehen (in den meisten wird es knapp 3 Euro kosten).

Hier schon einmal ein erster Link: Die gedruckte Ausgabe soll im Laufe der Pfingstwoche bei allen Online-Buchhändlern erhältlich sein, das Ebook wird irgendwann im Laufe der nächsten zwei Wochen folgen.

Die ersten ihrer Art – die viktorianischen Dinosaurier des Crystal Palace, London