Nachgerechnet: Zahlen machen komatös

Seit ich vor rund 30 Jahren angefangen habe, in einer Redaktion zu arbeiten, komme ich täglich in den Genuss von „PR“. Das ist kurz für „Public Relation“ und fasst unter anderem die Info-Kommunikation zwischen Firmen oder Behörden einerseits und Medien oder Öffentlichkeit andererseits zusammen. Aus unerfindlichen Gründen ist PR eine Nische der Medienberufe, in der mitunter deutlich üppigere Gehälter zu holen sind als in der redaktionell arbeitenden Zunft.

Was infofern manchmal frustrierend ist, als dass die Produktionen der PR oft deutlich weniger Sachkenntnis erfordern als – sagen wir mal beispielsweise – eine Mathe-Klassenarbeit in der siebten Klasse.

Heute erfahre ich z.B. per PR-Aussendung, dass 41% aller Deutschen ihre „Sex-Toys“ mit in den Urlaub nehmen. Wahnsinn!

Und Super-PR, weil die Pressemitteilung lauter „Buzzwords“ enthält, die einer reflexhaften Weiterverbreitung förderlich sind. Genau: „Urlaub“, zum Beispiel. Aber Sex und Urlaub, das ist wie eine Steilvorlage für die etwas dooferen Medien. Wetten, in den nächsten Tagen hört oder liest man diesen Krampf irgendwo?

Denn dass es frei erfundener Krampf ist, erkennt man spätestens dann, wenn man sich ansieht, wie es zu der Zahl von 41% kommt. Denn das ist ganz einfach: weil Urlauber aus den besonders bevölkerungsreichen Bundesländern mit schierer Masse dafür sorgen!

„Drei Bundesländer stechen mit der Passion für Sexspielzeug in der Reisezeit besonders hervor: In Nordrhein-Westfalen landen sie bei ganzen 21 Prozent der Befragten im Koffer, dicht gefolgt von Bayern, die mit 19 Prozent dabei sind und Baden-Württemberg mit 15 Prozent.“

So, liebe PR-Mathe-Asse: Wie kommt man dann am Ende auf insgesamt 41%, wenn die Spitzenreiter nur bei höchstens 21% liegen? Hebt da am Ende Bremen noch was? So im 470%-Bereich? Nehmen die dann ganze Koffer voller Dildos mit?

Quatsch, natürlich nicht, ist doch ganz einfach! Mit dem ZaMaKo-Effekt der PR: „Zahlen machen komatös“, das weiß man doch, deshalb kann man die langweiligen Dinger einfach im Zufallsverfahren in Texte fallen lassen. Liest ja eh keiner!

Und wenn doch mal so ein Klugscheißer nachzählt, sieht man ja auch, dass die Favoriten wie versprochen über 41% liegen: 21 + 19 + 15 = 55. Also mehr als 41. Geht doch.

Huch! Ich glaube, jetzt muss ich echt aufpassen. Hab ich mich da gerade als Seniour Account Manager qualifiziert?

 

Alltag: Parken für Fortgeschrittene

Alltag auf einem Supermarkt-Parkplatz: Blödiane schrappen Kratzer in den schönen neuen Lack, verbeulen mit ihren überladenen Einkaufswagen das Blech oder hauen beim Türöffnen gleich noch eine satte Delle in den Nachbarwagen. Ist uns alles schon passiert.

Wer so etwas vermeiden will, parkt sein schmuckes Auto einfach so, dass die Wahrscheinlichkeit solcher Unfälle effektiv minimiert wird. Alles, was man dafür sicherstellen muss, ist genügend viel Sicherheitsabstand in alle Richtungen. Alles, was man dafür braucht, ist eine Extraportion Ich.

Aber vielleicht denke ich hier wieder nur zu schlecht von meinen lieben Mitbürgern. Vielleicht war der Fahrer dieses Vehikels gar nicht egoistisch und asozial, sondern einfach nur unfähig oder besoffen? Man weiß es nicht.

Seufz: Die Post ist da

Heute früh, in meinem Email-Postfach:
 
„Sehr geehrter Herr Patalong,
seit Juni 2016 kann man sich bei der XXXXXXXX AG deutschlandweit zur Fachkraft für Lagerlogistik weiterqualifizieren.
Die Fakten dazu finden Sie hier als druckfähige Datei. Möchten Sie weitergehende Informationen, dann klicken Sie auf XXXXXXX oder rufen Sie einfach an.
Im Fall einer Veröffentlichung freuen wir uns über Belegexemplare, gern auch als PDF.
 
Mit freundlichen Grüßen
Frau PXXXX
Marketing & Organisation“
 
Das ist professionelle PR.
Komplett unzielgerichtet, völlig erratisch und absolut nutzlos.
Selbst wenn das Thema irgendetwas mit mir und meiner Arbeit zu tun hätte, wo sollte ich das veröffentlichen? Bei SPIEGEL ONLINE?
Ein guter Plan! Schlagzeile:
„XXXXXX bildet Lagerpacker aus!“
Vielleicht sollte sich auch Frau PXXXX da mal weiterqualifizieren. Vielleicht packt sie das besser als PR.
 
P:S: Ich habe absolut nichts gegen Lagerarbeiter.

Kuschel-Krankheiten: Meine süße Ebola

Vorletzte Woche hielt ich im Sauriermuseum Aathal einen kleinen Vortrag über die Macht des Bildes in der Paläontologie, von wissenschaftlicher Illu bis hin zum Comic. Geladene Gäste, viele Fachleute.

Deshalb hat es mich nicht überrascht, dass nachher drei Paläontologen zu mir kamen, um mich auf einen sachlichen Fehler im Vortrag hinzuweisen: Ich hatte die Frage in den Raum gestellt, wie es dazu hat kommen können, dass wir in Trickfilmen, Comics und bis hin zu Kuscheltieren 20 Meter lange und 30 Tonnen schwere Tiere zu niedlichen Bezugswesen für Kinder gemacht haben.

Ich meine, ernsthaft: Ein Hundebaby ist ein naheliegendes Kuscheltier, ein Teddy auch noch, solange er die Kindchen-Schemata erfüllt. Aber ein Sauropode? Mit einem winzigen Schädel, einem fetten, tonnenförmigen Leib, elefantösen Beinen und einem Peitschenschwanz?

„Nicht naheliegend“ sei das, sagte ich, und: „Es gibt ja auch keine Parasiten-Kuscheltier-Reihe.“

Und genau da, beschieden mir die Naturwissenschaftler, hätte ich Sand dran: Klar gäbe es Viren-Kuscheltiere. Könne man kaufen. Wir lachten.

Zuhause dann: Rechner an.
17,3 Sekunden Recherche und – tätä – fündig geworden: es stimmt. Wer seinem kleinen Schatzi noch einen Bandwurm, ein Ebola-Virus, Magengeschwür oder vielleicht die Krätze schenken will, wird bei „Riesenmikroben“ fündig.

riesenmikroben

Unter den 128 (!!!) aktuellen Modellen kuschel-optimierter Malaisen finden sich auch einige ohne Alptraum-Potential: Hirnzellen, DNA-Stränge, Spermien oder Plüsch-Fettzellen zum Beispiel. Und natürlich gibt es auch Geschenkboxen für jede Gelegenheit.

Mir persönlich gefällt ja E. Coli am besten.

coli

Man lernt nie aus.

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