Großartig: Polit-Satire à la USA

Dem US-Fernsehen sagt man nach, entweder zahnlos oder oft dumm und oberflächlich zu sein. Ein Vorurteil, wie die Amerikaner vor allem in einem Genre beweisen: In der politischen Satire sind sie auch dem deutschen Fernsehen Lichtjahre voraus. Was da geboten wird, ist weltklasse – frech, intelligent und im besten satirischen Sinn entlarvend. Man sehe sich nur mal an, wie Commedy Central hier Whitehouse-Plapperer Sean Spicer die Hosen herunterlässt. Beispielhaft und vorbildlich:

Bill Clintons Rede für Martin McGuinness

Wenn man hört, mit welcher humorigen Leichtigkeit es Bill Clinton hier schafft, einen der umstrittensten Menschen der nordirischen Geschichte so angemessen zu würdigen, fällt der Kontrast zur aktuellen Person im Weißen Haus umso schmerzlicher auf. Man stelle sich einen Trump auf so glattem Parkett vor. Dem würden nicht nur die Worte, sondern sogar die Vokabeln fehlen, ganz abgesehen von der Fähigkeit, Sätze mit Nebensätzen zu verbinden. Und inhaltlich würde dabei nichts Versöhnliches herauskommen, sondern im schlimmsten Fall nur der Auslöser für neue Eskalationen.

Es lebe der Staatsfunk: Fortschritt und Vielfalt?

Was Fortschritt und Vielfalt in der schönen neuen TV-Welt bedeuten, ist leicht zu erklären:

– beim DVB-T alte Version bekam ich den WDR auf 5 Kanälen
– bei DVB-T2 bekomme ich den WDR auf 7 Kanälen

Zählt man die Parallel-Ausstrahlung mancher Programme auf anderen „Dritten“ der ARD mit, komme ich jetzt mitunter in den Genuss, mir auf bis zu elf Kanälen den gleichen, völlig identischen Käse anzusehen.

Jetzt mal ernsthaft: Ich bezahle bald 69 Euro im Jahr dafür, dass mir Programmvielfalt vorgegaukelt wird, die schlicht nicht existiert. Die multiplen WDR-Inkarnationen werden mit „lokalen Fenstern“ gerechtfertigt, in denen für einige Minuten  am Tag regionale Nachrichten laufen. Und für diesen Mist verstopfen die ganztätig Frequenzen, auf denen man Programmalternativen anbieten könnte.

Insgesamt finden sich im DVB-T2-Portfolio bis zu 20 öffentlich-rechtliche Sender, die fälschlich als „frei empfangbar“ angepriesen werden – in Wahrheit kosten sie mit 210 Euro „Haushaltsabgabe im Jahr dreimal so viel wie die kostenpflichtigen privaten Sender. Dafür bekomme ich dann mehrere davon aber auch mehrfach.

Toll.
Fehlt nur noch der Grimmepreis für die Nachrichten-Vorleser der Regionalfenster.

 

Liebe SPD: Ich hab da mal ein paar Schulz-Fragen

Martin Schulz. Copyright: gemeinfrei, Foto-AG Gymnasium Melle

Meine Kollegen bei SPON klopften gestern die Chancen eines (längst noch nicht gekürten) Kandidaten Martin Schulz gegen Angela Merkel ab. Kann man machen. Mir als bekennender, von der SPD leider arg ernüchterter roter Socke fallen dazu allerdings noch ein paar sehr parteiische, durch und durch un-objektive Fragen ein.

  1. Werden alte SPD-Wähler Schulz wählen? Was Ihr SPD’ler im letzten Jahrzehnt so hingelegt habt, hat dazu geführt, dass nicht nur ich Euch von der Fahne gegangen bin: Ich bin einer von denen, die Euch fehlen, um mehr als 20 Prozentpunkte zu bekommen. Das aktuelle Stühlerücken sieht aus wie eine Verbesserung. Das Problem: ICH weiß noch nicht, wofür Schulz eigentlich steht. Und ich gehöre – wie viele alte SPD-Wähler – zu den Leuten, die keine Nasen wählen, sondern Inhalte. Wenn die stimmen, könnt Ihr mein Kreuz haben. Eine neue Nase allein reicht mir nicht.
  2. Was müsste passieren, dass verlorene Wähler wiederkommen? Das ist einfach: Ihr müsstet klare Kante zeigen. Gegen Rechts, für ein an Bürgerrechten, Fortschritt und sozialer Gerechtigkeit orientiertes Gesellschaftsbild. Das wird nicht einfach: Alles, was Ihr zuletzt anzubieten hattet, waren Wechselbäder zwischen Machtopportunismus und Nostalgie für Abgehängte. Und neuerdings Zugeständnisse und Appeasement für AfD-Gefährdete. Hallo, SPD? Das ist nicht Deine Wählerschaft. Hier bin ich, und ich will diese Scheiße nicht!
  3. Wo ist das Milieu der SPD? Auch das ist einfach: eigentlich überall. Da habt Ihr selbst in den 70er-Jahren für gesorgt, dass den Arbeiterkindern die Bildungswege geöffnet wurden (klappte damals weit besser als heute: Euch ist da viel gelungen!). Das führte dazu, dass diese Kinder, heute die Generation 40-60,  nicht mehr zur „Arbeiterklasse“ gehören – das sind jetzt so Typen wie ich. Vergesst endlich Euer altes, stockkonservatives Malocherbild. Euer Kernproblem ist, dass Ihr nicht gemerkt habt, dass sich Euer „Milieu“ weiterentwickelt hat. Die SPD hat das leider nicht.
  4. Woran erkennt Ihr Eure potenzielle Wählerschaft? SPD-Milieu sind diejenigen, die an sozialdemokratischen gesellschaftlichen Idealen orientiert sind. Das ist eine Frage moralisch-ethischer Haltung und Perspektive, keine „Klassenfrage“ mehr. Das Problem ist, dass Ihr uns nicht ansprecht – Ihr erkennt uns gar nicht als Euer Milieu. Stattdessen wendet Ihr Euch immer dann, wenn Ihr einen Nostalgie-Flash bekommt, den Frustrierten, den vom Strukturwandel überrollten, den Abgehängten zu. Falsche Richtung, liebe SPD: Dein Milieu will nicht mehr Unter Tage.  Wir sind froh, dass wir da weg sind. Weißt Du das nicht? Sozialaufsteiger wie Schulz, das ist Dein Kern-Milieu, SPD. Die anderen wählen Dich allenfalls aus Gewohnheit, ansonsten aber Linke oder AfD.
  5. Was fehlt der SPD? Ein Ziel, das erkennbare Bild einer Gesellschaftsentwicklung, die sich anzustreben lohnt. Fortschrittsglaube. Mut zur Entwicklung. Wir wollen von Dir kein Gestern, sondern ein Morgen: Digital und fortschrittsbejahend, Bürgerrechte wahrend, nicht neoliberal, mit Rückgrad. Von mir aus einen Fünfjahresplan: Wir wollen A, B, C und D erreichen, das sind unsere pragmatischen Utopien! Hast Du das im Angebot?
  6. Ist Schulz die Chance auf eine Erneuerung? Wenn er sich einfach installieren lässt, ist er das nicht: Er ist bisher in keiner Weise demokratisch legitimiert. Genau das ist ein Riesenproblem der SPD: Ihr seid immer noch total Top-2-Bottom. Parteifürsten ernennen,  erklären, küren. Von Basisdemokratie nichts zu spüren.  Dass da immer die gleichen Pappnasen die „hohe Politik“ unter sich auswürfeln und der Basis allenfalls zum Abnicken vorlegen, ist genau das, was den Teil der Basis, der noch Überzeugungen hat, frustriert und die Vollidioten der AfD zutreibt. Wenn da noch was draus werden soll, müsste jede Menge Bewegung rein.
  7. Hat Schulz überhaupt eine Chance? Sagen wir mal so: Wir stehen offenkundig vor einer Fraktalisierung der politischen Landschaft. Bis zu sechs Parteien könnten im nächsten Parlament in erwähnenswerter Stärke vertreten sein. Der Rest ist dann bloße Arithmetik. Schulz (präziser: Ihr, die SPD) kann und wird die Wahl nicht „gewinnen“, aber das muss ja auch nicht sein. Ihr braucht nur genug Stimmen, um mit möglichst wenigen Partnern eine Mehrheit zu bilden. Am besten ohne die CDU, sonst kannst Du Dich endgültig vergessen, liebe SPD.
  8. Wie müsste sich die Partei verändern? Da weiß man kaum, wo man anfangen soll. Flachere Hierarchien wären ein guter Anfang. Freiräume für Querdenker und -einsteiger, wenn es passt. Mehr Leistungs-, weniger Beamtendenke.  Ach SPD, was wäre das schön, wenn Du ein bisschen Mut zum Chaos hättest.
  9. Wäre es überhaupt gut, wenn ein politischer Wechsel gelänge? Kommt drauf an. Stabilität und Status-Quo-Bewahrung hat die CDU (hätte nicht gedacht, das jemals zu sagen) ganz gut drauf. Dafür braucht man keinen Regierungswechsel. Gut wäre jetzt ein bisschen Vorwärts, ein Gegentrend zur wachsenden rechten Schieflage in der Welt.
  10. Wie ließe sich ein Ziel definieren, an dem die Partei wachsen könnte? Ideologien sind tot, abgesehen von den untoten am rechten Rand. Aber das heißt nicht, dass man kein Bild einer besseren, anzustrebenden Gesellschaft entwerfen kann. Nachholbedarf haben wir genug: In Sachen Bürger- und Frauenrechte, in Sachen gesellschaftlicher Gleichberechtigung, Toleranz und Integration, in Sachen Eliten-Forderung und konsequenter Schwachen-Förderung, in Sachen Bildungszugang, in Sachen Vitalisierung der Alltagskultur statt Alimentierung von „Hochkultur“, in Sachen Jugendförderung statt Rentnerstreicheln, Verjüngung statt Gentrifizierung, in Sachen Perspektivenbildung und Abbau gesellschaftlicher Aufstiegshindernisse. Lockerer machen, Flexibilität fördern, Chancen eröffnen! Start-ups statt Schwerindustrie!  Mehr „Du bist, was Du kannst“ statt „Du bist, wo Du herkommst“. Aufbruch? Klappt hierzulande nur, wenn Mami und Papi genug auf der Tasche haben. Das wäre doch ein Top-Projekt für Dich,  SPD: An all den Dingen arbeiten, die uns z.B. die OECD zurecht als Rückständigkeit vorwirft. Das wäre ja wie in den Siebzigern!
  11. Hätte ein Linksruck Chancen? Ernsthaft jetzt? Natürlich nicht: Dieses Land ist stockkonservativ, und Du, SPD, bist die konservativste Partei von allen. Aber vielleicht gäbe es eine Chance auf ein erwachendes linkes Bewusstsein, einen progressiven Geist, wenn Du die Wahl mit Anstand verlieren würdest. Und nicht wieder unter Merkels Rockzipfel krauchst. Das wollten Deine Wähler nie, und die, die Gefallen daran fanden, sind jetzt bei der CDU.

Was noch eine Frage übrig lässt:
Hofft „Dein Milieu“ überhaupt darauf, dass Du die Wahl gewinnst?

Der eine so, der andere so, glaube ich. Immer öfter höre ich „Eigentlich macht die Merkel das ja gut!“, was wirklich eine Katastrophe ist: Da kann man den Laden SPD ja gleich auflösen oder zur „Schwesterpartei“ neben der CSU machen. Da kannst Du mal sehen, wie weit Du Dich schon verbogen hast, alte Tante. Mir persönlich würde es schon reichen, wenn Du ein wenig Profil und Kontur zurückgewännest, ein bisschen linke, klare Kante. Kann man darauf hoffen?