Abschied: Mensch, Werner

Vor elf Jahren hat mich Werner Theurich auf den Hut gebracht. Ich lief gegen 8 Uhr morgens mit einem Kaffee Richtung Netzwelt-Ressort, das ich damals noch leitete. Werner saß am Vierertisch direkt nebenan. Wie so oft warfen wir uns ein paar Sätze zu. Irgendwie kamen wir auf den Hut und seine neue Stil-Videokolumne zu sprechen.

Ein Hut, sagte mir Werner, sei nicht nur chic, sondern nützlich. Im Sommer schütze der richtige Hut vor Sonne (ein Top-Argument für einen wie mich: wer keine Haare auf dem Kopf hat, braucht Bedeckung). Und bei Regen sei so ein breitkrempiger Hut der kleinste Regenschirm der Welt.

Dazu könne ein Hut auch eine Aussage, ein Ausdruck von Persönlichkeit sein! Etwas, mit dem man sich absetzen und individualisieren kann. Baseball-Kappe könne doch jeder, und viel zu oft sähe das doof aus. Was für Lagerfeld die Jogginghose, war für Werner offenbar die Basecap, schlimmstenfalls noch verkehrtherum getragen: komplett stillos.

Er wählte seine Hüte dagegen mit Bedacht. Sie passten ihm nicht nur physisch, sondern auch zur Person. Dass ich heute Hüte sammele, ist seine Schuld: danke dafür!

Werner Theurich: Der Klick ins Bild führt zum Kurzinterview bei SPIEGEL ONLINE

 

Werner war in der Redaktion von SPIEGEL ONLINE vom ersten Tag an ein Exot, ein Input-Geber ganz anderer Ideen. Ein feinsinniger Genussmensch mit einem leisen, klugen Humor, für den mir nur ein Wort einfällt:  kultiviert. Er war das verkörperte Gegenbild zu jedem Vorurteil, das man gerade uns sehr frühen Onlinern anheftete (und war definitiv ein Gegenbild zu mir, dem Ruhrgebietsmenschen!).

Für die Forumsbetreuung bei SPON hat er sich sehr freiwillig entschieden. Viele jüngere Kollegen nahmen ihn bald als den Mann wahr, der uns die Trolle vom Leibe hielt – es ist sehr unwahrscheinlich, dass es bei SPON noch ein Forum gäbe, wenn Werner diesen virtuellen Debattenraum nicht gepflegt hätte. Er tat sein Bestes, das Niveau dort nicht ins absolut Bodenlose fallen zu lassen. Wer heute Debatten bei Facebook verfolgt, ahnt, was für eine Aufgabe das ist.

Er konnte darunter leiden, wenn kontroverse Themen die Idioten und Nazis aus ihren Löchern lockten, wenn Diskussionen zum justiziablen Toberaum für Bekloppte wurden. Dass Werner, wenn er dann löschend eingriff, weniger Zensor war, als vielmehr die Bescheuerten vor sich selbst schützte, haben diese Dumpfnasen nie begriffen.

Seinen Ausgleich zu diesen sumpfigen Untiefen fand er im Schreiben informierter, feinsinniger und oft witziger Theater-, Konzert- und Opernkritiken. Über 640 davon schrieb er über die Jahre, klassisches Feuilleton,  seine Nische bei SPON: Es gab und gibt in unserem Kreis keinen anderen, der das könnte.

Es war die Welt, aus der Werner kam. Seine Sporen verdiente er sich in der Musikindustrie, wo er vor allem die Klassik, aber auch klassische Rocker wie AC/DC kommunikativ vertrat – am Ende dieser ersten Karriere war er Pressechef von Eastwest Records (Warner) und einer der ersten Musikindustrie-Leute, die ihre Musikwelt ins Internet hievten.

Jetzt ist er fort, nur wenige Wochen nach seiner letzten Schicht bei SPIEGEL ONLINE.  Werner wollte so lang arbeiten, wie es nur ging. Er liebte seinen Job, vor allem aber das Miteinander mit den Kollegen.

Werner Theurich war einer der sozialsten, wärmsten und geistreichsten Menschen, die mir begegnet sind. Mit Mitte 50 macht man diese Erfahrung, Freunde oder Verwandte zu verlieren, ja zunehmend häufig: Die „Einschläge“, sagt man dann salopp, kämen immer öfter und näher.

Ich finde, das ist eine krumme Perspektive. Der Einschlag ist nicht der Tod, sondern das Leben, das ihm vorhergeht. Wenn das unseres berührt hat, etwas bewirkt oder für uns verändert hat, dann fehlt etwas, wenn dieser Mensch geht.

Werner, Du wirst fehlen.

Robin, duck Dich!

Samstag, 16. März 2019, Domburg, Niederlande. Gedopt mit zwei halben Brand Premium Pilsener gelingt mir gegen 22 Uhr aus Dart-Standardentfernung unter verschärften Bedingungen (Dunkelheit, schlechtes Equipment, zu viel Pommes im Bauch) der Robin Hood (siehe oben, Original-Foto per Handy).

Es gibt Dinge, die machen so stolz, die kann man nicht verschweigen. Ungeklärt blieb, ob das nun 20 oder 40 Punkte waren, nur quasi gestapelt.

So oder so: meine größte sportliche Leistung seit dem triumphalen Gewinn der Ehrenurkunde (= „war dabei und hat sich bemüht“) bei den Bundesjugendspielen 1976.

Scheintod: Ein bisschen schwanger…

Vier Jahre nach dem Viktorianischen Vibrator gehe ich ein bisschen schwanger mit einer weiteren Idee für eine Kuriosa-Sammlung aus der frühen Phase der Technologisierung/Verwissenschaftlichung der Welt. Der kleine Scheintod-Artikel, den Einestages heute brachte, deutet an, in welche Richtung das gehen könnte.

Antoine Joseph Wiertz: L’inhumation précipitée (1854). Copyright: Gemeinfrei

Keine Ahnung, ob das Leser finden würde. Ich finde diese makabren Sachen urkomisch. Wann kann man schon mal solche Sätze schreiben?

„Belebte man nicht Ertrunkene wieder, indem man sie bäuchlings aufs trabende Pferd gebunden durchschüttelte, bevor man ihren Darm per Klistier mit heilsamen Nikotindampf füllte? Und erwies sich in alldem nicht immer wieder, dass viele Zustände des menschlichen Körpers mit Mitteln der modernen Wissenschaft zu ändern waren?“