Natürlich: keine Mittagspause

Hatte gerade Mittagspause. Im Gegensatz zu unseren derzeitigen Mitbewohnern: Einem Amselpärchen, das uns vor ein paar Wochen 5 Eier in ein Nest gelegt hat, das in nur 1,50 Meter Höhe im Efeu hängt, direkt an unserer Terrasse.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das nun außerordentlich dämlich war oder ganz besonders klug. Wir kennen uns ja: SIE ist ein Vogel ohne jede Scheu. Wir können in einem Abstand von knapp einem Meter an ihr vorbeigehen, ohne dass sie scheut. Wenn Fiona im Garten arbeitet, sitzt sie manchmal hinter ihr und wartet darauf, dass bei der Buddelei Würmer abfallen.

Copyright: Frank Patalong

Jetzt ist sie mit ihrer Brut quasi Untermieter, was nur insofern ein Problem ist, als dass dies natürlich auch für Sally, genannt Ming-Ming gilt – unsere Katze. Seit die Jungvögel geschlüpft sind, registriert die das emsige Treiben mit gelangweiltem, aber durchaus vorhandenem Interesse.

Das Resultat? Wir bewachen das Nest. Alle fünf Jungvögel sind geschlüpft und haben sich seitdem gefühlt alle zwei Tage in Sachen Gewicht und Größe verdoppelt. Wir rechnen mit 1,80 bis 2,90 Meter Flügelspannweite, wenn das so weiter geht.

Und Ming-Ming? Wird zur Stubenkatze. Hofgang nur unter Aufsicht und Nachts. Wir gehen davon aus, dass die Vögel sie dann nicht interessieren: Sie ist ein Mauser, kein Vogelmörder.

Wenn man so will, haben sich unsere Amseln also menschliche Bodyguards zugelegt. Hätten sie ihr Nest nicht auf unserer Terrasse, sondern irgendwo im Garten weit über Kopfhöhe installiert, wären sie wahrscheinlich weit gefährdeter gewesen – denn auch die Elstern und Eichelhäher kommen uns Zweibeinern nicht so nah.

Was bedeutet, dass sich die Amseln in aller Ruhe selbst bis zur Erschöpfung ausbeuten können. Ist schon echt spektakulär. Erinnert mich an früher. War ja irgendwie ähnlich.

Copyright: Frank Patalong

Müßiggang: Die Entdeckung der Entdeckung

Wochenende: check.
Unternommen: nichts.
Erlebt: viel.

Zu den lustigen Aspekten unserer Kultur gehört es, dass wir Freizeit mit Flucht verbinden. Wir nennen das sogar so: Flucht aus dem Alltag. Ausbruch. Ausflug. Als ob man nichts wie weg müsste, um sich von dem zu erholen, was man normalerweise tut.

Wir wollen dann: Kontraste erfahren. Die Perspektive wechseln. Neues oder zumindest Anderes sehen, erleben, fühlen, riechen.

Aber das geht auch, indem man sich auf Dinge fokussiert, die man sonst ignoriert. Im Grunde muss man sich dafür kaum bewegen.

Ich habe das am Sonntag mal im eigenen Garten probiert. Hab mich auf den Rasen gelegt, wo er wegen des Schattens unseres Kirschbaums besonders viel Moos hat.

Entdeckte: Hedwigia ciliata. Machte ein Foto, ganz nah ran. Rückte ihr auf den Pelz:

Entdeckte: Der weiche Moorsgrund besteht aus unzähligen mikroskopisch kleinen Pflanzen. Die hier sehen aus wie kleine Säulen, die aus übereinandergestapelten Stern-förmigen Blättern aufgeschichtet sind. Ein undurchdringbar dichter Dschungel, in dem es wimmelt vor Leben.

Fremd ist das. Ich versuchte, konzentriert zu nah an die Dinge heran zu gehen. Man sieht sie dann nicht vollständig. Stattdessen entdeckt man Sachen, die mir so noch nie aufgefallen waren.

Sowas zum Beispiel:

Wenn das Licht nachlässt, glühen Blumen von innen.

Wenn man genau hinsieht, entdeckt man Fliegen, die so tun, als seien sie Hummeln.

Wenn man sich wenig bewegt, spielt die Amsel Model.

Manche Blumen zeigen die belgische Flagge.

Die Florfliege ist im Winter braun und verfärbt sich im Frühling allmählich wieder grün.  So wie Bäume.

Der Gartenchili hat den Winter weniger gut überstanden als erhofft. Aber Kontraste kann er.

Gartendeko-Statuen sind viel interessanter, wenn man sie nur teilweise ansieht.

Wenn man nah genug herangeht, sieht man die eigene Silhouette in den Augen einer Hummel.

Samen weht, wohin er will. Und macht kleine Kunstwerke.

Eine Blume ist dann am seltsamsten, wenn sie sich nicht zeigt.

Und manchmal ist zu wenig Licht genau richtig.

Und so weiter.

Am Ende kam es mir vor, als hätte ich meinen Garten vorher noch nie wirklich gesehen. Das ist erholsam: Freizeit, die nachwirkt. Einfach sehen, riechen, wirken lassen. Mir war das neu. Vielleicht ist das eine Altersfrage.