Müßiggang: Die Entdeckung der Entdeckung

Wochenende: check.
Unternommen: nichts.
Erlebt: viel.

Zu den lustigen Aspekten unserer Kultur gehört es, dass wir Freizeit mit Flucht verbinden. Wir nennen das sogar so: Flucht aus dem Alltag. Ausbruch. Ausflug. Als ob man nichts wie weg müsste, um sich von dem zu erholen, was man normalerweise tut.

Wir wollen dann: Kontraste erfahren. Die Perspektive wechseln. Neues oder zumindest Anderes sehen, erleben, fühlen, riechen.

Aber das geht auch, indem man sich auf Dinge fokussiert, die man sonst ignoriert. Im Grunde muss man sich dafür kaum bewegen.

Ich habe das am Sonntag mal im eigenen Garten probiert. Hab mich auf den Rasen gelegt, wo er wegen des Schattens unseres Kirschbaums besonders viel Moos hat.

Entdeckte: Hedwigia ciliata. Machte ein Foto, ganz nah ran. Rückte ihr auf den Pelz:

Entdeckte: Der weiche Moorsgrund besteht aus unzähligen mikroskopisch kleinen Pflanzen. Die hier sehen aus wie kleine Säulen, die aus übereinandergestapelten Stern-förmigen Blättern aufgeschichtet sind. Ein undurchdringbar dichter Dschungel, in dem es wimmelt vor Leben.

Fremd ist das. Ich versuchte, konzentriert zu nah an die Dinge heran zu gehen. Man sieht sie dann nicht vollständig. Stattdessen entdeckt man Sachen, die mir so noch nie aufgefallen waren.

Sowas zum Beispiel:

Wenn das Licht nachlässt, glühen Blumen von innen.

Wenn man genau hinsieht, entdeckt man Fliegen, die so tun, als seien sie Hummeln.

Wenn man sich wenig bewegt, spielt die Amsel Model.

Manche Blumen zeigen die belgische Flagge.

Die Florfliege ist im Winter braun und verfärbt sich im Frühling allmählich wieder grün.  So wie Bäume.

Der Gartenchili hat den Winter weniger gut überstanden als erhofft. Aber Kontraste kann er.

Gartendeko-Statuen sind viel interessanter, wenn man sie nur teilweise ansieht.

Wenn man nah genug herangeht, sieht man die eigene Silhouette in den Augen einer Hummel.

Samen weht, wohin er will. Und macht kleine Kunstwerke.

Eine Blume ist dann am seltsamsten, wenn sie sich nicht zeigt.

Und manchmal ist zu wenig Licht genau richtig.

Und so weiter.

Am Ende kam es mir vor, als hätte ich meinen Garten vorher noch nie wirklich gesehen. Das ist erholsam: Freizeit, die nachwirkt. Einfach sehen, riechen, wirken lassen. Mir war das neu. Vielleicht ist das eine Altersfrage.

My Playlist XIV: Leider, zum Glück

Früher habe ich ihn versorgt, heute versorgt mich Sohnemann mit frischen Inputs. Zurzeit hat er ein Faible für intelligent beknackte deutsche Texte. Heute hat er mich an zwei Klassiker dieses Genres erinnert:

„Ich bin Ausländer“ von den Torpedo Boyz kannte ich natürlich, hatte es aber schon fast vergessen. Das verdient dieses Lied definitiv nicht, es ist ein lustiger Spiegel für den deutschen Alltag. „Germany? Hm, I don’t knoooow“:

Die seit 1994 umtriebigen Knorkator sind natürlich ein echter Klassiker des Gaga-Rocks, haben mit ihrer grundironischen Attitüde aber leider auch nicht verhindern können, dass so Kommerz-Pflaumen wie Unheilig in diesem Lande tatsächlich ernstgenommen wurden. Wenn Musik mit Ö-Ö-Ö-Gekrächze, dann bitte so.

Den Titel „Alter Mann“ von 2007 hatte ich bisher irgendwie verpasst: Umso besser, dass mein Gaga-Scout mir den jetzt doch noch nahegebracht hat.

Schönes Wochenende.

Dichter und Denker: Was anderes haben Sie nicht?

Ich habe in den letzten Jahren lernen müssen, Bücher wegzuwerfen.

Ernsthaft, mir fällt das unfassbar schwer. Ich habe seit Kindertagen gesammelt, bis sich die Regalböden bogen. Und dann kommt mein Schatz und sagt:
„Wofür?“

Und ob ich das nochmal lesen werde.
Und wer das sonst lesen soll.
Und ob das dann andere entsorgen müssen, wenn ich nicht mehr kann.

Gut, dachte ich, probier das mal. Und versuchte, zunächst einnmal meinen ansehnlichen Fachbücherbestand aus Studientagen an dankbare Studenten zu verschenken.  Ich fand nur keine. Auch zwei Bibliotheken, die ich kontaktierte, winkten höflich ab. Bis Bätschelööör reicht heute Wikipedia, und darüber hinaus wird es so spezialisiert, dass es eh nicht in meinen Büchern steht.

Also weg damit. Und dann auch gleich die uralten Jugendbücher. Science Fiction, vergilbt. Machwerke, deren Qualität für mich durch Perspektivenänderung gelitten hat: Herr der Ringe? Mit 25 noch cool, mit 52 nur noch pathetisches, martialisches Männerfreundschafts- und Mord-Geschwurbel. Weg damit.

Was aber nicht unbedingt gleich Tonne heißt.

Seit zwei Jahren lassen wir unsere Bücher gern auch frei: Wir stellen sie aufs Mäuerchen im Vorgarten und sehen zu, wie die Zahl abnimmt. Das ist schöner, als wegzuwerfen, und es ist zudem echt lehrreich. Wenn man das regelmäßig macht, kann man auch auf der kaufmännischen Seite im Verlagsgewerbe anheuern: dann kennt man sich aus.

Am Donnerstag letzter Woche trug ich wieder einen dicken Stapel zum Mäuerchen. Am Samstag waren dann noch rund ein Dutzend Bände übrig.

Auftritt: Nachbarin, fünf, sechs Häuser Straße hinab. Führt ihren Hund aus. Sie grüßt, ich grüße: Bin gerade beim Rasenmähen.

Sie: „Was haben Sie denn da wieder Feines?“
Ich: „Leider nur noch Literatur. Alles Seichte war rack-zack weg.“
Sie: „Oh, schade. Ich suche gerade was Leichtes.“

Wir grüßen, sie geht.

Am Dienstag trug ich die restlichen Bücher zur Papiertonne: Alles Suhrkamp und Bibliothek der Süddeutschen.
Sammlerwert bei Amazon:  1 Cent plus Porto.

Alles anspruchsvoll, wie man sagt.
Sprach aber niemanden an.

In eigener Sache: …and the Oscar goes to

Pól Ó Muireasáin (Copyright: Frank Patalong)

…Pól  and me?

Naja, nicht ganz, aber eine Urkunde: Der Journalistenpreis Irland 2016.

Ist mir natürlich eine besondere Freude, weil ich zu Irland eine mehr als „special relationship“ habe:  Ich kenne die Insel jetzt seit 37 Jahren, habe mehrere Jahre meines Lebens da verbracht und bin seit 1986 stolz, Teil einer irischen Familie zu sein. Es hat meine Wahrnehmung vieler Dinge, meine Perspektiven und Werte verändert und geprägt.

Am Mittwochabend, 8. März 2017, drückte mir Michael Collins, der Botschafter der Republik Irland, am Rande der ITB die Auszeichnung in die Hand.

Er: „Schöne Urkunde! Gratuliere!“
Ich: „Die werde ich neben meine Auszeichnung als irischer Whiskeytrinker hängen.“
Er: „Ach?“

Lächelte freundlich und wusste  nicht recht, was er mit dieser Info anfangen sollte.

Hätte er nachgefragt, hätte ich ihm sagen können, dass ich mir das Whiskey-Zeugnis dereinst mühsam ertrunken habe: Wir landeten kurz vor Mittag in der Destillen-Führung in Bushmills, ein Ire, acht bis neun Italiener und ich. Am Ende kam dann der Aufruf zum Tasting: „Freiwillige vor!“

Der Witz daran?
Schon mal Italiener Whiskey trinken sehen, und das auch noch  vor 12 Uhr Mittags?

Der Ire und ich sahen uns an, hoben schüchtern die Hand – und waren die einzigen Freiwilligen. Zwanzig Minuten später hatten wir uns tapfer bewährt, waren beide hackestrack und verbrachten den Rest des Tages auf Wolke Neunzehn.

Veranstalter und Preisträger mit Urkunden. Das Foto kommt von Heinz Bück (3. von rechts), Danke dafür!

Spätestens an diesem Punkt wäre seiner Exzellenz klar geworden, dass ich mir den Journalistenpreis Irland tatsächlich verdient habe. Denn um den zu bekommen, muss man Gespür für das Land und natürlich Geschichten zu erzählen haben.

Ich erzählte die Geschichte von Pól und wie er sich durch seinen fast völligen Rückzug ins elementar einfache Leben eines Fischers und Sammlers selbst geheilt hat. Nach einem psychischen Zusammenbruch zog er auf ein unbewohntes Eiland vor Donegals rauer Küste und führte über Jahre ein Leben als quasi freiwillig Obdachloser (wenn man sein Zelt ignoriert). Im Laufe seiner Katharsis fand er erst Ruhe, dann neues Wissen und dann eine Mission: Für diese völlig vernachlässigte, selten besuchte Region zu trommeln und zu werben. Und eine Natur-bewusste, an Nachhaltigkeit orientierte Lebensweise wiederzufinden.

Pól in seinem Element: Pól ist möglicherweise der extrovertierteste schüchterne Mensch, den ich kenne. Als Lehrer und Entertainer ist er Spitzenklasse – man hört ihm gern zu. (Copyright: Frank Patalong)

Es war die vielleicht intensivste Reportage, die ich je geschrieben habe, auch als persönliches Erlebnis. Als wir die jetzt, eineinhalb Jahre, nachdem sie in SPIEGEL Wissen erschien, erneut bei SPIEGEL ONLINE veröffentlichten, lasen noch einmal über 150.000 Leute diesen ellenlangen Streifen, mit überwältigend positivem Echo: Wer hat da behauptet, lange Texte „funktionierten“ Online nicht?

Mir war es leider nicht gelungen, Pól direkt nach der Verleihung zu erreichen und ihn zu „warnen“. Er bekam es trotzdem innerhalb weniger Stunden mit: Die Zahl seiner Facebook-Freunde schoss noch einmal um ein-, zweihundert nach Oben. Heerscharen von Deutschen sprachen ihn auf sein Erimitenleben an und auf das, was er dabei gelernt hat.

Dabei hatte er das mittlerweile zumindest vorerst aufgegeben, nicht lang, nachdem der Artikel erschienen war. Er hatte das in der Reportage ja schon angedeutet: Er fühlte sich geheilt und glaubte, es auch im Berufsleben wieder schaffen zu können.  Ein paar Wochen nach unserem Treffen wurde er erstmals nach Dublin eingeladen, um für eine weitere Runde bei der EU-Kommission vorzusprechen.

Und am Ende hat er es tatsächlich geschafft. Rund ein Jahr nach der Reportage zog er zurück nach Brüssel, er arbeitet nun wieder für die EU-Kommission. Ohne seine eigentlichen Ziele aus den Augen zu verlieren, versteht sich: Mittelfristig will er zurück in die Einsamkeit der Nordwestküste Irlands.

Dass es seine Geschichte war, die mir die Auszeichnung einbrachte, freut ihn, sagt er: „Happy days!“

Ich sagte, dass ich ihm nun aber wirklich ein Fisch-Grillen bei mir im Garten schulde. In Wahrheit, weiß ich, schulde ich ihm natürlich weit mehr als das. Go raibh maith agat, Pól.

(Copyright: Frank Patalong)