Facebooks KB: bescheuerter geht’s kaum

Habe gerade bei Facebook Werbung für eine Art Taschen-Todschläger serviert bekommen. Das Ding besteht aus einer Art Griff mit Schlagdorn, aus dessen Inneren man ein Stahlseil schnellen lassen kann, mit dem man z.B. Melonen mühelos köpft. Dürfte auch prächtig funktionieren, Köpfe zu beschädigen.

Hab die Werbung sofort gemeldet, Begründung „Gewalt“, mehr oder etwas anderes ist nicht möglich. Facebook stellt mir immerhin frei, den Werbetreibenden in meinem Profil zu blockieren (hab ich sofort gemacht). Und natürlich, meine Werbeeinstellungen zu ändern.

Da lerne ich jetzt, dass ich drei große, wichtige Themen sechs Monate, ein Jahr oder sogar dauerhaft verbergen kann, damit ich nie mehr damit belästigt werde: Alkohol, Kindererziehung und Haustiere.

Ernsthaft, das war’s. Waffenwerbung, AfD-Propaganda und sonstiger Müll sind keine Kategorien. Aber Kindererziehung, vor der kann man sich schützen. Super, Facebook.

Besonders lustig ist dann noch „Warum sehe ich diese Werbung?“. Die Antwort: weil ich gegenüber Facebook die Hose nicht runtergelassen habe. Unbehelligt von diesem Scheiss bleibe ich offenbar nur, wenn ich denen sage, wofür ich mich interessiere, wie meine „Präferenzen“ aussehen etc..
Liebes Facebook: find’s doch selbst raus.

Ansonsten schlage ich vor, die KI dieser Trash-Plattform in KB umzubenennen. B wie Blödheit.

P.S.: Ich werde meine Präferenzen jetzt doch ändern und Facebook mitteilen, wofür ich mich interessiere: Treckerfahren, Sandbilder, Emojis häkeln, tibetanische Glockenspiele, Blumen färben und Kühe anmalen. Mal gucken, wer da wirbt.

P.P.S.: Welche Präferenzen muss ich denn bestätigen, um Waffenwerbung zu bekommen? Rechtsradikalismus? Idiotie? Asoziales Verhalten?

 

Unfassbar unfühlbar

Das Corona-Kontaktverbot gilt jetzt gefühlt seit Beginn der Neuzeit, Fiona und ich können da wegen unserer gemeinsam durchgestandenen Virengrippe noch ein paar Wochen draufsetzen: wir sind jetzt seit dem 25. Februar in zweisamer Isolation. Langsam beginne ich, Effekte zu spüren.

Und die fallen anders aus als ich erwartet hätte. Letzte Woche haben wir erfahren, dass Mary, die Mutter meines Schwagers David, an Covid-19 gestorben ist. Für die Familie ist das höllisch, weil noch nicht einmal eine anständige Beerdigung drin war. Keine „Wake“, die in Irland echt wichtig ist, kein direktes Abschiednehmen von der Verstorbenen, kein soziales Beisammensein. Mary war eine tolle Frau, über die man viel erzählen könnte. Über ihren Tod berichtete die örtliche Presse ausführlich, aber nicht wegen ihrer Person, sondern weil ihr Tod eine horrende Zahl abrundete: sie war eines von zehn Opfern, die in ihrem Altenheim innerhalb von nur einer Woche starben.

Das ist es, was das Virus mit uns macht: Greifbar wird es nur in Statistiken, in denen die Opfer entpersönlicht werden. Dass da draußen mehrere tausend Kranke in Intensivbetten röcheln und nicht wissen, ob sie es schaffen werden, verdrängen wir.  Das ist harte Covid-Realität, die bizarrerweise ja immer noch nur sehr wenige von uns ereilt. Was Covid-19 konkret an Leiden verursacht, ist hierzulande weitgehend verborgen.

Für die meisten von uns ist die Pandemie deshalb völlig unwirklich und abstrakt. Alles, was wir direkt davon mitbekommen, sind Nachrichten über andere Länder, wo es wirklich schlimm sein soll. Bei uns produziert die Krankheit mehr Nachrichten über bizarre Nebeneffekte (Klopapier-Mangel) als über die unmittelbare Bedrohung. Klar, unsere Städte sehen seltsam tot aus.  Bei uns in Suburbia fällt aber selbst diese Nebenwirkung des Kontakverbots kaum auf.

Wir leben vorstädtisch, am Rand des Bergischen Landes, Westerwald und Siebengebirge sehe ich vom Fenster aus und an klaren Tagen im Westen die Höhen der Eifel. Wie es an all diesen Orten zurzeit aussieht? Bei schönem Wetter belebt: Wanderergruppen wie immer, Pulks von Rad- und Motorradfahrern.  Kaum einer sitzt zwar mal oder steht in Gruppen, um zu reden, aber auch das sieht man hier und da. Ganz ehrlich: Wüsste ich nichts von Covid-19 und Kontaktsperre, fiele mir da draußen nicht auf, dass da irgendetwas anders ist.

Außer im Supermarkt. Vor Läden standen über die letzten Wochen äußerst locker auseinandergezogene Schlangen, die Läden innen waren weitgehend leer. Menschen, die Masken tragen, sind hier in der Gegend noch immer verhaltensauffällig. Ich habe mich vor zwei Wochen beim Bäcker deshalb von zwei strunzdoofen Verkäuferinnen auslachen lassen. Im Baumarkt (ja, ich weiß: ist bei uns aber business as usual und keine Covid-Begleiterscheinung) machte mich ein Mittvierziger sogar an, weil ich eine trug.

Ich kann das sogar verstehen. Wir stecken gefühlt in einer semi-realen Epidemie, die unser Leben seit Wochen einschränkt, obwohl „da draußen“ doch alles normal scheint. Kein Wunder, dass so viele Vollidioten und Verschwörungstheoretiker beginnen, Manipulation zu wittern.

Es fühlt sich ja alles auch komplett irreal an. Auch ich muss mich kneifen und mir sagen: das liegt daran, dass wir diese Epidemie nicht haben Realität werden lassen. Weil wir uns mit sehr viel „Nicht“ dagegen wehrten: uns nicht nahekommen, nicht treffen, nicht feiern. Weil wir in unserem Sozialleben die Pause-Taste gedrückt haben. Und hoffen, dass das Band nicht reißt.

Heute werden die Maßnahmen gelockert. Für viele wird sich das so anfühlen, als kämen sie der eigenen Lebensrealität wieder etwas näher. Ich fürchte nur, für viele wird auch das Virus damit sehr viel realer werden.

Perspektiven: Schreiben über Terror

Heute habe ich bei SPON einen Artikel veröffentlicht, dessen Herzstück eine Art Stammbaum der IRA ist. Mich nervt seit Jahren, dass in den deutschen Medien immer über „die IRA“ berichtet wird, auch wenn genauere Informationen vorliegen. Die Komplexität der Verhältnisse dort führt dazu, dass wir aus dem Abstand heraus meist viel zu stark simplifizieren. Ich selbst neige nicht dazu, kann es aber auch kaum verhindern.

Im extremsten Fall habe ich einmal erlebt, dass in einem meiner Artikel alle präzisen Angaben (Continuity IRA, Real IRA etc.) im Rahmen der Korrektur zu „IRA“ geändert wurden. Ich habe das leider erst im nachhinein gesehen. Der Artikel war damit natürlich Schrott: Wo vorher über drei Organisationen berichtet wurde, stand jetzt nur noch eine – und zwar eine, die es als Entität so gar nicht gibt. Seit damals trieb mich der Gedanke um, in der Hinsicht mal was Grundsätzliches aufzuschreiben. Hab ich jetzt gemacht und siehe da: das stieß auf jede Menge Interesse.

Und natürlich auf Widerspruch. Vielen gefiel im Forum und in Leserbriefen nicht, dass der Artikel sich „nur“ auf diese vermeintlich katholische Seite stürze und den protestantischen Terror ignoriere. Stimmt, weil es hier ja nur um den „katholischen“ ging.

Vor allem aber sprang bei vielen direkt der Reflex an, die irisch-katholische Seite für gut zu halten, die britisch-protestantische dagegen im Unrecht zu sehen. Manche schrappten nur knapp daran vorbei, die Deportation aller Protestanten nach Schottland zu fordern, andere wollen, dass „England“ Nordirland verlasse. Und die meisten sitzen der uralten Gefahr auf, den vermeintlichen Widerstand der Minderheit zu romantisieren.

Als Privatperson habe auch ich Sympathien und politische Tendenzen, die mich bestimmte Dinge besser bewerten lassen als andere. Man kann übrigens politisch mit der einen oder anderen Seite sympathisieren, ohne Terroristen deshalb für cool zu halten. Sind die nicht, nie, auf keiner Seite.

Wer Leute ermordet, sich von Schutzgelderpressung, Baubetrug, Drogenschmuggel oder Raubüberfällen ernährt; wer Leuten die Kniescheiben zerschießt und sich selbst zur Ordnungsmacht aufschwingt, die via Angst regiert und Andersdenkende terrorisiert, der ist ein Arschloch – die gibt es in linken wie rechten, in katholischen wie protestantischen, in deutschen wie irischen Varianten. Wir sollten uns bemühen, den moralischen Abstand zu solchen Leuten nicht zu verlieren, wenn wir über Politik reden (oder schreiben).

Das gilt besonders für mich als Journalist. Ich versuche, so ein Thema so analytisch und „sachlich“ anzugehen, wie das möglich ist. So eine Perspektive kann nicht davon ausgehen, dass ein Zweck die Mittel heiligt. Sie muss benennen, was ist.

Das schließt Bewertung nicht aus, aber das ist eine andere Ebene. Wenn ich kommentiere, dann mache ich klar, wo ich aus ethisch-moralischer Perspektive Schuld sehe oder Fehlverhalten. Das macht mich aber nicht blind für das Fehlverhalten der „anderen Seite“. Ethik ist wichtig, und manchmal aus sich selbst heraus politisch: Ich halte beispielsweise den Umgang Großbritanniens und der nordirischen Justiz mit dem Thema Bloody Sunday für einen himmelschreienden Skandal (und habe das in meiner Analyse der Nachricht auf SPON auch klargemacht). Mörder ist Mörder, egal ob in Uniform oder nicht. Und Mörder sollten bestraft werden – egal auf welcher Seite sie stehen oder was sie politisch vertreten oder wollen. Dass das offenbar nicht passieren wird, wird die Stimmung in Nordirland nicht verbessern.

Den Toten ist es übrigens komplett egal, ob sie von Terroristen, Soldaten, Polizisten oder Freiheitskämpfern erschossen wurden.

Wir sollten uns darum bemühen, unsere Nicht-Täter-Perspektive nicht zu verlieren. Und die darf nie bestimmt sein von der Frage, was jemand mit einer Aktion will und ob wir das gut finden oder nicht.

Man muss fragen:
Ist es Tat, oder ist es Notwehr?
Ist es gut? Kann man es rechtfertigen?
Oder ist es verwerflich, ist es böse?

Das sind die einzigen Fragen, die von Belang sind, wenn man über Terror und Gewalt schreibt.

Übertölpelt: Schwarzer Aktivist kaperte US-Neonazi-Gruppe

Kein Witz: Ein US-Neonazi übergab die Führung seiner Gruppe offenbar an einen schwarzen Aktivisten. Der plante daraufhin deren Zerstörung, der Nazi fühlte sich „manipuliert“. Da könnte er richtigliegen.

Es soll vorkommen, dass Führungswechsel in politischen Gruppen mit Neuanfängen einhergehen. Wenn James Hart Stern hätte umsetzen können, was er ankündigte, hätte die Ablösung des Neonazis Jeff Schoep an der Spitze des „National Socialist Movement“ (NSM) als einer der denkwürdigsten Führungswechsel aller Zeiten Geschichte schreiben können. Stern, afroamerikanischer Bürgerrechtler, hatte Schoep dazu überredet, ihm die Führung seiner Neonazi-Gruppe zu übergeben – und umgehend angekündigt, diese „ausradieren“ zu wollen. Der Fall machte weltweit Schlagzeilen.

Ein US-Nazi, der die Führung seiner Gruppe an einen schwarzen Aktivisten übergibt – klingt wie politische Realsatire. Und hat sich offenbar doch genau so zugetragen.

Laut Stern begann alles, als ihn Schoep wegen seiner Beziehung zu Edgar Ray Killen kontaktierte. Stern – wegen Betruges verurteilt – teilte sich von 2010 bis 2011 eine Zelle mit dem verurteilten Mörder und Ku-Klux-Klan-Mitglied Killen. Ihm war es gelungen, Killen dazu zu überreden, ihn zu seinem Bevollmächtigten zu machen. Das nutzte Stern 2016, um den Ku-Klux-Klan genüsslich in einem symbolischen PR-Akt per Unterschrift aufzulösen. Killen starb 2018. Laut „Washington Post“ bestreiten Killens Hinterbliebene, dass der Deal bindend war.

Sterns Buch über den Killen-Fall erschien 2018

Stern schaffte es auch, auf ähnliche Weise eine Art Beziehung zu Neonazi Schoep aufzubauen. Inhaltlich, sagt er, sei man sich zwar nicht nähergekommen. Aber als Schoep die Anwälte der Opfer von Charlottesville auf die Pelle rückten, soll der Neonazi bei Stern Rat gesucht haben. Schoep bestreitet dies.

Am 11. und 12. August 2017 hatten sich in Charlottesville Hunderte Neonazis zur „Unite the Right Rally“ versammelt, ein Rechtsradikaler fuhr in eine Menschenmenge, tötete eine junge Frau und verletzte 19 weitere Menschen. Die Anwälte dieser und weiterer Opfer haben Zivilklagen gegen die Köpfe der zahlreichen Organisationen der „Unite the Right“-Veranstaltung eingereicht – auch Schoep.

Bürgerrechtsaktivist als amtlich beglaubigter Chef notorischer Rassisten

Sterns Stunde war gekommen. Schoep, seit 1994 Kopf des NSM, solle ihm die Führungsrolle überschreiben, schlug Stern vor, um sich selbst aus der Schusslinie zu bringen. Das Unglaubliche daran: Der Neonazi ging offenbar darauf ein. Mitte Januar reichte er bei den Behörden im US-Bundesstaat Michigan Unterlagen ein, um die NSM-Führung formal an Stern zu übertragen.

So wurde im Januar 2019 der schwarze Priester, Bürgerrechtsaktivist und Autor James Hart Stern amtlich beglaubigter Führer einer notorisch rassistischen, gewaltbereiten Gruppe, die Hitler feiert. Die wolle er nun – ähnlich wie einst den KKK – „ausradieren“, ließ er wissen.

Bekannt wurde der Führungswechsel in der kleinen, aber einst sehr lautstarken Neonazi-Gruppe, als Stern versuchte, ihre bisher führenden Vertreter in dem laufenden Prozess wegen der Gewalttaten von Charlottesville zu belasten.

Stern wollte als neuer Führer der NSM die Schuld der alten Führer gern gerichtlich bestätigt sehen – und die Neonazis so womöglich hinter Gitter bringen. Ex-Chef Schoep fühlte sich von ihm jedenfalls kräftig hinters Licht geführt – er sprach von „Manipulation“ und schäumte vor Wut. In einer Nachricht an seine Anhänger schrieb er laut „Washington Post“, Stern habe ihn getäuscht. Er habe die Führung der Gruppe nur abgegeben, weil Stern ihn überzeugt habe, so lasse sich der juristische Ärger aus der Welt schaffen.

Intern gab Schoep die Führung zunächst an einen anderen strammen Rechtsausleger weiter. Inzwischen ist es den NSM-Rechtsauslegern auch gelungen, Sterns Führerschaft über ihren Faschistenverein wieder aus offiziellen Dokumenten tilgen zu lassen: Seit dem 6. März leitet der afroamerikanische Pfarrer, Autor und Bürgerrechtler die Neonazi-Truppe auch offiziell nicht mehr. Seinen Plan, die Webseite des Neonazi-Clubs zu einem Info-Portal über Rassismus und den Holocaust auszubauen, hat er nicht verwirklichen können. Die Neonazis bis auf die Knochen zu blamieren ist ihm hingegen gründlich gelungen.