Brexit-Nebenwirkungen: Die große Irenschwemme


Seit zwei Jahren wächst die Zahl der Staatsbürger Irlands rasant – allein 2018 „vermehrten“ sie sich wohl um mehr als fünf Prozent. Mit der Geburtenrate hat das allerdings nichts zu tun.

Seit dem Brexit-Referendum vom Juni 2016 ist die Zahl der Anträge auf Ausstellung eines irischen Passes deutlich gestiegen. 2017 wurde nach Angaben von Neale Richmond, EU-Beauftragter der Regierungspartei Fine Gael im irischen Senat, jeder dritte beantragte Pass neu und im Ausland ausgestellt. Rund 250.000 von insgesamt 789.701 ausgegebenen Pässen wurden 2017 erstmals vergeben, allein 163.026 davon an Halter, die in Nordirland, Schottland, Wales oder England leben.

Weil der Antrag auf Ausstellung eines irischen Passes bei im Ausland lebenden Antragstellern meist auch einer ersten Erklärung der irischen Staatsbürgerschaft gleichkommt, gewinnt die nur 4,7 Millionen Einwohner zählende Republik Irland zurzeit hunderttausende Neubürger pro Jahr – bei weiter steigenden Antragszahlen.

Möglich macht dies das liberale irische Staatsbürgerschaftsrecht. Ire ist man, wenn man

  • vor 2005 auf der irischen Insel geboren wurde: das schließt alle Nordiren ein (aber auch dort auf Urlaubsreisen geborene Touristenkinder sowie natürlich alle in Irland geborenen Migrantenkinder)
  • ein Eltern- oder Großelternteil in Irland geboren wurde (auch, wenn der Antragsteller selbst niemals in Irland gelebt hat)
  • die Familie über ihren Stammbaum ihre irische Herkunft plausibel nachweisen kann

Wer eines dieser Kriterien erfüllt, kann sich per Pass-Antrag zum irischen Staatsbürger erklären. Und das gilt nicht nur für fast 35 Millionen Amerikaner (von denen im Jahr circa 15.000 einen irischen Pass beantragen), sondern laut Neale Richmond auch für rund zehn Prozent aller Briten in England, Schottland und Wales.

Und tatsächlich zeigen aktuelle Statistiken, dass nach dem Brexit-Entscheid gerade in Großbritannien und Nordirland die Nachfrage nach irischen Pässen signifikant gestiegen ist. Am deutlichsten zeigt dies der Vergleich der Antragszahlen ab 2015:

Irische Pässe: Neuanträge aus Nordirland und Großbritannien

Antragsland/Jahr 2015 2016 2017
Nordirland 53.718 67.927 82.274
Großbritannien 46.242 64.996 80.752

Die Zahl der Anträge aus Großbritannien hat sich somit in nur zwei Jahren fast verdoppelt – und das war erst der Anfang, denn die Nachfrage steigt weiter.

In Nordirland besitzen die meisten Katholiken einen irischen Pass, seit dem Brexit-Referendum entschließen sich zunehmend auch Protestanten dazu: Die Gesamtzahl der nordirischen Bürger mit irischer oder doppelter Staatsbürgerschaft wird auf über eine halbe Million geschätzt – das entspricht rund 28 Prozent der Bevölkerung, Tendenz steigend.

Summiert man Geburtenrate, Neu-Passanträge und formelle Neu-Staatsbürgerschaften, wächst die Zahl der irischen Staatsbürger inzwischen um circa 5,1 Prozent jährlich. Würden all diese Menschen auch ihren Wohnsitz nach Irland verlegen, entspräche das dem weltweit größten prozentualen Bevölkerungswachstum.

Davon kann allerdings keine Rede sein, die Neu-Iren bleiben in der Regel, wo sie sind.

Die Zahlen zeigen vielmehr erstmals konkret, wie viele Bürger der britischen Inseln derzeit versuchen, ihren Status als EU-Bürger durch die Annahme der irischen Staatsangehörigkeit zu sichern. Es ist die Angst vor den Folgen des Brexit, die viele dieser Menschen ihre irischen Wurzeln entdecken lässt. Die Republik Irland bleibt nach dem Brexit Teil der EU.

Laut Simon Coveney, Außenminister von Irland, stieg die Zahl der aus dem Ausland gestellten Passanträge nach dem Referendum insgesamt sprunghaft an:

2016 waren es 190.905, 2017 schon 227.223, und 2018 bereits bis zum 30. September 255.000. Wenn die Nachfrage im vierten Quartal anhielt, könnte die Zahl der „Neuiren“ also um mehr als 340.000 gestiegen sein.

Das ist neu: Briten, die Iren werden wollen

Der irische Pass als Hintereingang zur EU wird also offenbar als zunehmend attraktiv wahrgenommen. So registrierte allein die irische Botschaft in London einen Anstieg der erfolgreichen Passanträge (Verlängerungen inklusive) von insgesamt 99.944 im Jahr 2015 auf 163.026 im Jahr 2017 – auch die Iren in der britischen Diaspora achten offenbar stärker darauf, ihre Personalpapiere auf Stand zu halten.

Parallel dazu steigt inzwischen aber auch die Zahl der Ablehnungen. Und die dokumentiert, dass es zunehmend auch Briten mit allenfalls sehr losen, vielleicht sogar eher anekdotischen Verbindungen zur Grünen Insel sind, die sich hier per irischem Pass die EU-Zugehörigkeit sichern wollen. So lehnten die irischen Behörden im Jahr 2016 noch genau einen Passantrag aus Großbritannien ab. Im Folgejahr waren es schon 15.074 Ablehnungen.

Eine besondere Gruppe sind die rund 300.000 in Irland lebenden Briten. Rund ein Drittel von ihnen, schätzt der EU-Beauftragte Neale Richmond, könne wohl keine irische Herkunft nachweisen. Einige wollen trotzdem EU-Bürger bleiben und entschließen sich dazu, ihre britische Staatsbürgerschaft abzulegen und die irische formell zu beantragen: Als Bürger des einstigen Kolonialherren England geboren werden sie damit zu Einwanderern in ihrer einstigen Kolonie – aus irischer Sicht eine witzige historische Pointe. 2015 taten dies gerade einmal 54 Briten in Irland – die „normale“ Rate. 2017 stellten schon 529 Briten den Antrag – eine Verzehnfachung in nur zwei Jahren.

Das irische Außenministerium versucht inzwischen, den übergroßen Andrang einzudämmen. Auf der Pass-Antragsseite des Ministeriums werden Besucher mit der Versicherung empfangen, dass „in absehbarer Zukunft“ keine maßgeblichen Veränderungen zu erwarten seien: „Es gibt keinen drängenden Grund für Halter britischer Pässe, einen irischen Pass zu beantragen.“


Bill Clintons Rede für Martin McGuinness

Wenn man hört, mit welcher humorigen Leichtigkeit es Bill Clinton hier schafft, einen der umstrittensten Menschen der nordirischen Geschichte so angemessen zu würdigen, fällt der Kontrast zur aktuellen Person im Weißen Haus umso schmerzlicher auf. Man stelle sich einen Trump auf so glattem Parkett vor. Dem würden nicht nur die Worte, sondern sogar die Vokabeln fehlen, ganz abgesehen von der Fähigkeit, Sätze mit Nebensätzen zu verbinden. Und inhaltlich würde dabei nichts Versöhnliches herauskommen, sondern im schlimmsten Fall nur der Auslöser für neue Eskalationen.

In eigener Sache: …and the Oscar goes to

Pól Ó Muireasáin (Copyright: Frank Patalong)

…Pól  and me?

Naja, nicht ganz, aber eine Urkunde: Der Journalistenpreis Irland 2016.

Ist mir natürlich eine besondere Freude, weil ich zu Irland eine mehr als „special relationship“ habe:  Ich kenne die Insel jetzt seit 37 Jahren, habe mehrere Jahre meines Lebens da verbracht und bin seit 1986 stolz, Teil einer irischen Familie zu sein. Es hat meine Wahrnehmung vieler Dinge, meine Perspektiven und Werte verändert und geprägt.

Am Mittwochabend, 8. März 2017, drückte mir Michael Collins, der Botschafter der Republik Irland, am Rande der ITB die Auszeichnung in die Hand.

Er: „Schöne Urkunde! Gratuliere!“
Ich: „Die werde ich neben meine Auszeichnung als irischer Whiskeytrinker hängen.“
Er: „Ach?“

Lächelte freundlich und wusste  nicht recht, was er mit dieser Info anfangen sollte.

Hätte er nachgefragt, hätte ich ihm sagen können, dass ich mir das Whiskey-Zeugnis dereinst mühsam ertrunken habe: Wir landeten kurz vor Mittag in der Destillen-Führung in Bushmills, ein Ire, acht bis neun Italiener und ich. Am Ende kam dann der Aufruf zum Tasting: „Freiwillige vor!“

Der Witz daran?
Schon mal Italiener Whiskey trinken sehen, und das auch noch  vor 12 Uhr Mittags?

Der Ire und ich sahen uns an, hoben schüchtern die Hand – und waren die einzigen Freiwilligen. Zwanzig Minuten später hatten wir uns tapfer bewährt, waren beide hackestrack und verbrachten den Rest des Tages auf Wolke Neunzehn.

Veranstalter und Preisträger mit Urkunden. Das Foto kommt von Heinz Bück (3. von rechts), Danke dafür!

Spätestens an diesem Punkt wäre seiner Exzellenz klar geworden, dass ich mir den Journalistenpreis Irland tatsächlich verdient habe. Denn um den zu bekommen, muss man Gespür für das Land und natürlich Geschichten zu erzählen haben.

Ich erzählte die Geschichte von Pól und wie er sich durch seinen fast völligen Rückzug ins elementar einfache Leben eines Fischers und Sammlers selbst geheilt hat. Nach einem psychischen Zusammenbruch zog er auf ein unbewohntes Eiland vor Donegals rauer Küste und führte über Jahre ein Leben als quasi freiwillig Obdachloser (wenn man sein Zelt ignoriert). Im Laufe seiner Katharsis fand er erst Ruhe, dann neues Wissen und dann eine Mission: Für diese völlig vernachlässigte, selten besuchte Region zu trommeln und zu werben. Und eine Natur-bewusste, an Nachhaltigkeit orientierte Lebensweise wiederzufinden.

Pól in seinem Element: Pól ist möglicherweise der extrovertierteste schüchterne Mensch, den ich kenne. Als Lehrer und Entertainer ist er Spitzenklasse – man hört ihm gern zu. (Copyright: Frank Patalong)

Es war die vielleicht intensivste Reportage, die ich je geschrieben habe, auch als persönliches Erlebnis. Als wir die jetzt, eineinhalb Jahre, nachdem sie in SPIEGEL Wissen erschien, erneut bei SPIEGEL ONLINE veröffentlichten, lasen noch einmal über 150.000 Leute diesen ellenlangen Streifen, mit überwältigend positivem Echo: Wer hat da behauptet, lange Texte „funktionierten“ Online nicht?

Mir war es leider nicht gelungen, Pól direkt nach der Verleihung zu erreichen und ihn zu „warnen“. Er bekam es trotzdem innerhalb weniger Stunden mit: Die Zahl seiner Facebook-Freunde schoss noch einmal um ein-, zweihundert nach Oben. Heerscharen von Deutschen sprachen ihn auf sein Erimitenleben an und auf das, was er dabei gelernt hat.

Dabei hatte er das mittlerweile zumindest vorerst aufgegeben, nicht lang, nachdem der Artikel erschienen war. Er hatte das in der Reportage ja schon angedeutet: Er fühlte sich geheilt und glaubte, es auch im Berufsleben wieder schaffen zu können.  Ein paar Wochen nach unserem Treffen wurde er erstmals nach Dublin eingeladen, um für eine weitere Runde bei der EU-Kommission vorzusprechen.

Und am Ende hat er es tatsächlich geschafft. Rund ein Jahr nach der Reportage zog er zurück nach Brüssel, er arbeitet nun wieder für die EU-Kommission. Ohne seine eigentlichen Ziele aus den Augen zu verlieren, versteht sich: Mittelfristig will er zurück in die Einsamkeit der Nordwestküste Irlands.

Dass es seine Geschichte war, die mir die Auszeichnung einbrachte, freut ihn, sagt er: „Happy days!“

Ich sagte, dass ich ihm nun aber wirklich ein Fisch-Grillen bei mir im Garten schulde. In Wahrheit, weiß ich, schulde ich ihm natürlich weit mehr als das. Go raibh maith agat, Pól.

(Copyright: Frank Patalong)