Angekommen: das Mittelalter

Gestern ging die Ausgabe 3/2020 von SPIEGEL GESCHICHTE an den Kiosk. Es ist das zweite Heft der Reihe, dass ich mitverantwortet habe. Das Arbeiten in der „Nische“ fühlt sich gut an: Man wird zum Nerd auf Zeit. Ende letzten Jahres lebte ich ganz und gar in den 1920er-Jahren, danach arbeitete ich mich in die Bautechnik ägyptischer Pyramiden ein, jetzt war es für rund drei Monate das Mittelalter.

Ich habe u.a. den gesamten Waffenteil des Heftes produziert, was intensive Beschäftigung mit der Materie erfordert. Ich kann jetzt mittelalterliche Schwertypen am Knauf erkennen. Heute morgen hatte ich Post von einem Schriftsteller, der nach Informationen für ein historisches Buch suchte. Ich hatte auch da eine Antwort parat.

Das wird nicht so bleiben, denn auch diese Form des Fachjournalismus ist natürlich Expertentum auf Zeit: Ein Thema löst das andere ab, aber in einem guten Rythmus. Zurzeit pflüge ich durch die Biografie von August Thyssen, und auch, in welchen Epochen und Themenbereichen ich in den folgenden Monaten unterwegs sein werde, weiß ich bereits.

Es ist ein Genuss. Dieses im Vergleich zum Tagesjournalismus tiefe Eintauchen in Themen ist ein Luxus, den man als Journalist nicht allzu oft erlebt. Mich führt das ein Stück weit zurück an meine Wurzeln. Was ich vor allem gerade wieder neu lerne: Intensives Lesen, denn das ist wirklich anders als im eiligen Nachrichtenjournalismus. Die Quellen sind umfänglich, die Masse an Material enorm. Verblüfft stelle ich fest: Als Schreiber und Redakteur wie Leser finde ich das entschleunigend.

Wem die Nachrichtenflut von Trump bis Corona zu viel wird, kann ich das nur empfehlen: mehr Kontrastprogramm als das Eintauchen in vergangene Zeiten kann ich mir kaum vorstellen.

 

Schattig ist’s: Idealwetter

Ende April im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen am Bodensee. Das Wetter ist abgestürzt, es ist arschkalt: Im Radio heißt es, die Schneefallgrenze falle nun bald auf 300 Meter. So weit ist es noch nicht ganz, die Temperatur hält um 6 Grad, dazu fällt ein steter Nieselregen, der mitunter zu veritablen Schauern auffrischt.

Mit einem Wort: Idealwetter.

Zumindest dafür:

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Die Hütten stehen auf Stelzen im Wasser und unterscheiden sich nicht so sehr voneinander, wie man annehmen würde. Sie sind Rekonstruktionen von Häusern und Siedlungen, die hier vor sehr langer Zeit angeblich genau so einmal standen. Die decken ein Zeitfenster ab, das vom Neolithikum bis in die späte Bronzezeit reicht. Die „ältesten“ Bauten repräsentieren damit einen Baustil und eine Technik, die 5500 Jahre auf dem Buckel hat. Die „jüngsten“ stehen für Häuser aus dem 9. Jahrhundert vor Christus.

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Sie unterscheiden sich, aber nicht sehr. Die einen sind in einer Art Lehm-Fachwerk gebaut, bei dem an Trägerbalken befestigte Matten mit nassem Lehm zu Wänden aufgebaut wurden, die anderen sind Blockhäuser. Das ist Innovation, für einen Zeitraum von über 2600 Jahren aber nicht viel. Offensichtlich war die Bauform für die Bedürfnisse dieser Seebewohner ideal und wenig verbesserungswürdig oder -fähig.

Man ahnt das gerade an so einem Tag, wo der Wind den Regen kalt und gern auch horizontal vor sich herweht: Was hier im Wasser steht, hat nie lang gehalten. Es waren sozusagen Hart-Zelte, die man aufbaute, nutzte und verließ, bevor sie kollabierten. Alle zehn, zwölf Jahre, sagt der Führer, werden die Pfahldorfbewohner sich ein neues Dorf gebaut haben. Am – oder besser im – Bodensee fand man bisher die Überreste von rund 400.

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An diesem idealen Tag fühlt oder ahnt man zumindest, wie dieses Leben gewesen sein mag. Schön im Sommer. Ansonsten: zugig und feucht. Vor die Fenster hing man geflochtene Matten, Felle oder Vliese, wenn der Wind zu stark pfiff, der Frost biss. In der Hütte brannte ein Feuer, dessen Rauch manchmal zögerlich zum Dach aufstieg und abzog. Ohne Feuer war kein Überleben, aber manchmal zerstörte es auch die Lebensgrundlage, wenn die Hütte selbst Feuer fing.

Ich stehe im Wind, auf dem Steg, der die verschiedenen Teile des Museumsdorfs verbindet. Der See liegt Bleigrau, der Himmel harmoniert damit.

Man hört nichts. Da draußen ist niemand.

Ideal.

Kuschel-Krankheiten: Meine süße Ebola

Vorletzte Woche hielt ich im Sauriermuseum Aathal einen kleinen Vortrag über die Macht des Bildes in der Paläontologie, von wissenschaftlicher Illu bis hin zum Comic. Geladene Gäste, viele Fachleute.

Deshalb hat es mich nicht überrascht, dass nachher drei Paläontologen zu mir kamen, um mich auf einen sachlichen Fehler im Vortrag hinzuweisen: Ich hatte die Frage in den Raum gestellt, wie es dazu hat kommen können, dass wir in Trickfilmen, Comics und bis hin zu Kuscheltieren 20 Meter lange und 30 Tonnen schwere Tiere zu niedlichen Bezugswesen für Kinder gemacht haben.

Ich meine, ernsthaft: Ein Hundebaby ist ein naheliegendes Kuscheltier, ein Teddy auch noch, solange er die Kindchen-Schemata erfüllt. Aber ein Sauropode? Mit einem winzigen Schädel, einem fetten, tonnenförmigen Leib, elefantösen Beinen und einem Peitschenschwanz?

„Nicht naheliegend“ sei das, sagte ich, und: „Es gibt ja auch keine Parasiten-Kuscheltier-Reihe.“

Und genau da, beschieden mir die Naturwissenschaftler, hätte ich Sand dran: Klar gäbe es Viren-Kuscheltiere. Könne man kaufen. Wir lachten.

Zuhause dann: Rechner an.
17,3 Sekunden Recherche und – tätä – fündig geworden: es stimmt. Wer seinem kleinen Schatzi noch einen Bandwurm, ein Ebola-Virus, Magengeschwür oder vielleicht die Krätze schenken will, wird bei „Riesenmikroben“ fündig.

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Unter den 128 (!!!) aktuellen Modellen kuschel-optimierter Malaisen finden sich auch einige ohne Alptraum-Potential: Hirnzellen, DNA-Stränge, Spermien oder Plüsch-Fettzellen zum Beispiel. Und natürlich gibt es auch Geschenkboxen für jede Gelegenheit.

Mir persönlich gefällt ja E. Coli am besten.

coli

Man lernt nie aus.

GiantMicrobes im Amazon-Shop

Noch immer großartig: Douglas Adams erklärt das Wildleben

Für viele ist Douglas Adams nur dieser Typ, der „per Anhalter durch die Galaxis“ schrieb, ein Buch, dessen tiefe Weisheit sich nicht jedem mitteilt. Adams Kunst war es gerade, tiefe Einsichten in ein vermeintlich albernes Kleid verpacken zu können. So enthält auch der „Anhalter“ regelrecht geniale Momente, wie beispielsweise die Errechnung der Formel zum Erreichen der Überlichtgeschwindigkeit aus der Disparität zwischen dem, was man in einem Restaurant konsumiert und dem, was man am Ende bezahlt.

Aber Adams war nicht nur Satiriker, sondern auch engagierter Journalist und Essayist und – gerade in seinen letzten Jahren – zutiefst an Naturwissenschaften und der Erhaltung der Natur interessiert. Legendär sind die Vorlesungen, die er weltweit nach der Produktion seiner in Buch- und Radioform veröffentlichten Natur-Doku „Last Chance to see“ hielt (deutsch: Die Letzten ihrer Art). Mein persönliches Highlight sind seine Einsichten ins Liebesleben des Kakapo, die es in verschiedenen Versionen gibt. Hier ist eine, die er nur wenige Wochen vor seinem viel zu frühen Tod an der University of California hielt:

Lust auf mehr? Die vollständige Vorlesung kann man sich hier ansehen. Lohnt sich.