Unfassbar unfühlbar

Das Corona-Kontaktverbot gilt jetzt gefühlt seit Beginn der Neuzeit, Fiona und ich können da wegen unserer gemeinsam durchgestandenen Virengrippe noch ein paar Wochen draufsetzen: wir sind jetzt seit dem 25. Februar in zweisamer Isolation. Langsam beginne ich, Effekte zu spüren.

Und die fallen anders aus als ich erwartet hätte. Letzte Woche haben wir erfahren, dass Mary, die Mutter meines Schwagers David, an Covid-19 gestorben ist. Für die Familie ist das höllisch, weil noch nicht einmal eine anständige Beerdigung drin war. Keine „Wake“, die in Irland echt wichtig ist, kein direktes Abschiednehmen von der Verstorbenen, kein soziales Beisammensein. Mary war eine tolle Frau, über die man viel erzählen könnte. Über ihren Tod berichtete die örtliche Presse ausführlich, aber nicht wegen ihrer Person, sondern weil ihr Tod eine horrende Zahl abrundete: sie war eines von zehn Opfern, die in ihrem Altenheim innerhalb von nur einer Woche starben.

Das ist es, was das Virus mit uns macht: Greifbar wird es nur in Statistiken, in denen die Opfer entpersönlicht werden. Dass da draußen mehrere tausend Kranke in Intensivbetten röcheln und nicht wissen, ob sie es schaffen werden, verdrängen wir.  Das ist harte Covid-Realität, die bizarrerweise ja immer noch nur sehr wenige von uns ereilt. Was Covid-19 konkret an Leiden verursacht, ist hierzulande weitgehend verborgen.

Für die meisten von uns ist die Pandemie deshalb völlig unwirklich und abstrakt. Alles, was wir direkt davon mitbekommen, sind Nachrichten über andere Länder, wo es wirklich schlimm sein soll. Bei uns produziert die Krankheit mehr Nachrichten über bizarre Nebeneffekte (Klopapier-Mangel) als über die unmittelbare Bedrohung. Klar, unsere Städte sehen seltsam tot aus.  Bei uns in Suburbia fällt aber selbst diese Nebenwirkung des Kontakverbots kaum auf.

Wir leben vorstädtisch, am Rand des Bergischen Landes, Westerwald und Siebengebirge sehe ich vom Fenster aus und an klaren Tagen im Westen die Höhen der Eifel. Wie es an all diesen Orten zurzeit aussieht? Bei schönem Wetter belebt: Wanderergruppen wie immer, Pulks von Rad- und Motorradfahrern.  Kaum einer sitzt zwar mal oder steht in Gruppen, um zu reden, aber auch das sieht man hier und da. Ganz ehrlich: Wüsste ich nichts von Covid-19 und Kontaktsperre, fiele mir da draußen nicht auf, dass da irgendetwas anders ist.

Außer im Supermarkt. Vor Läden standen über die letzten Wochen äußerst locker auseinandergezogene Schlangen, die Läden innen waren weitgehend leer. Menschen, die Masken tragen, sind hier in der Gegend noch immer verhaltensauffällig. Ich habe mich vor zwei Wochen beim Bäcker deshalb von zwei strunzdoofen Verkäuferinnen auslachen lassen. Im Baumarkt (ja, ich weiß: ist bei uns aber business as usual und keine Covid-Begleiterscheinung) machte mich ein Mittvierziger sogar an, weil ich eine trug.

Ich kann das sogar verstehen. Wir stecken gefühlt in einer semi-realen Epidemie, die unser Leben seit Wochen einschränkt, obwohl „da draußen“ doch alles normal scheint. Kein Wunder, dass so viele Vollidioten und Verschwörungstheoretiker beginnen, Manipulation zu wittern.

Es fühlt sich ja alles auch komplett irreal an. Auch ich muss mich kneifen und mir sagen: das liegt daran, dass wir diese Epidemie nicht haben Realität werden lassen. Weil wir uns mit sehr viel „Nicht“ dagegen wehrten: uns nicht nahekommen, nicht treffen, nicht feiern. Weil wir in unserem Sozialleben die Pause-Taste gedrückt haben. Und hoffen, dass das Band nicht reißt.

Heute werden die Maßnahmen gelockert. Für viele wird sich das so anfühlen, als kämen sie der eigenen Lebensrealität wieder etwas näher. Ich fürchte nur, für viele wird auch das Virus damit sehr viel realer werden.

Das neue Normal: Leben neben Corona

Fundstück: Kinderzeichnung auf einer Straße in Siegburg

Wir wir alle rede ich seit Tagen über kaum etwas anderes als Corona. Ich bin ziemlich gut up to date, wir Journalisten bekommen noch mehr mit als die News-Leser, die ja letztlich das von uns aufbereitete „Filtrat“ serviert bekommen.

„Ich kann es nicht mehr hören“, sagt mir am Telefon meine in selbstgewählter Quarantäne sitzende Mutter – und redet auch mit mir über nichts anderes mehr. Und dass sie auch mit ihren Freunden am Telefon vor allem über Corona redet, und dass einen das echt noch weiter herunterzieht.

So ist das. Wir alle hängen an diesem nicht enden wollenden Newsstrom und haben offensichtlich das Bedürfnis, den auch miteinander zu verarbeiten. Auf Dauer wird uns auch das krank machen, wenn wir es nicht dosieren. Es gibt auch noch Themen jenseits von Corona, das müssen wir uns klarmachen.

Ich meine damit nicht, dass man irgendetwas verdrängen sollte. Aber Corona ist jetzt und für wahrscheinlich etliche Monate unser neues Normal. Es sollte unser Leben bestimmen, wir sollten das nie vergessen, uns an die Schutzempfehlungen halten etc.. Aber das heißt nicht, dass wir alle auch nonstop darüber reden müssen. Ich fürchte, sonst lähmt es uns irgendwann.

Meiner Mutter sagte ich:

– Schau Dir Morgens und Abends an, was es Neues gibt über Corona. Das reicht, dann bist Du im Bilde. Du musst die Katastrophe nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit verfolgen, es ändert nichts. Lass Dich nicht runterziehen. Du tust ja alles mögliche, um Dich zu schützen.

– Telefoniere viel mit Freunden, und dann redet über alles außer Corona. Zwei, drei Sätze zu Beginn reichen doch: Und dann frag, was es sonst gibt, wie es Freunden geht, wie sie ihre Zeit gestalten. Tauscht Tipps aus, was man sehen, was man hören kann. Tauscht praktische Tipps aus, wie man den Alltag in Isolation gut gestaltet und übersteht.  DAS sind Themen, über die man nun reden sollte: Wie machen wir das Beste aus der Situation? Und: ich bin bei dir, auch wenn wir uns nicht sehen können.

Die ganze Welt ist eine kognitive Dissonanz

Facebook wird zum virtuellen Herdfeuer, an dem sich die versammeln, die sich nah fühlen, aber es nicht sein können. Kurz vor Mitternacht hatte mein Freund Gerrit eine Nachricht veröffentlicht, die  viele erschreckte.

Er schrieb:

 

Es folgte eine rührende Welle der Solidarität. Gerrit ist Risikogruppe, wir wissen das alle. Am Mittwochmorgen meldete er sich noch einmal: „Danke meine Lieben, das tut uns gut. In der Leitstelle in München gehen pro Tag 4.000 Anrufe ein, alles ist völlig überlastet und sich zu testen lassen fast unmöglich. Wir schaffen es jetzt über persönliche Kontakte zu Ärzten auf einem Parkplatz. Wenn man bedenkt, dass das erst der Anfang ist, fühlt es sich sehr beklemmend an.“

Ganz plötzlich wird Corona persönlich. Im Radio sagt eine Siebenjährige: „Ne, Angst hab‘ ich nicht, ich bin ja immun. Ich kann das gar nicht kriegen.“ Die Sonne scheint an diesem Mittwoch, 18 Grad, die Straße ist voller immuner, spielender Kinder. Ich erschrecke über mich selbst: spielende Kinder, spüre ich, sind jetzt bedrohlich.

Noch ein Blick auf Facebook. Ein örtliches Tatoo- und Piercingstudio jubelt: „Das Ordnungsamt der Stadt Siegburg war eben vor Ort und hat uns mitgeteilt, dass wir regulär geöffnet haben dürfen, da wir unter hohen Hygiene-Standards Arbeiten!“

Super. Die ganze Welt ist eine kognitive Dissonanz.