Batman die Dritte: Film will Helden

Seit 2005 ist es Christopher Nolan gelungen, seinen Film-Batman geschickt zwischen den Extremen anzusiedeln, die man mit der Figur verbindet. Auf der einen Seite steht da die verniedlichte, kaum ernstzunehmende Kaugummi-Version, wie Fans sie in den Batman + Robin-Filmen der 80er und 90er erleiden mussten; auf der anderen Seite die gebrochene, düstere Figur, die Frank Miller Ende der Achtziger in seinen Comics zeichnete. In Batman Begins und The Dark Knight nahm Nolan einiges davon auf, machte aus Batman wieder eine erwachsene Figur. Er blieb dabei aber stets leicht neben der Spur, die Miller gelegt hatte: Sein Batman hat eine düstere Seite, aber er ist kein innerlich gebrochener, letztlich psychisch kranker Vigilant, wie das bei Miller durchscheint.

Das wird wohl auch bei The Dark Knight Rises nicht anders aussehen. Der Film bedient sich offenbar im Miller-Zyklus „Rückkehr des Dunklen Ritters“ sowie im Knightfall-Zyklus, die beide deutlich dystopische Züge aufweisen – in Bezug auf die Figur des Helden. Bei Miller ist der ein reichlich psychopathischer, alternder, Selbstjustiz übender Bitterling mit einem – freundlich gesagt – nicht ganz geklärtem Verhältnis zu jugendlichen Helfern (Robin), von denen er in der Vergangenheit einige durchgebracht hat. In der „Rückkehr“ verbündet er sich mit einem minderjährigen Mädchen, die er ohne zu große Bedenken mit in einen im Wortsinn tödlichen Kampf nimmt – denn Millers Batman ist ein Killer, für den Resozialisierung bedeutet, dass man Asoziales ausmerzt. Dabei schreckt er nicht davor zurück, mörderische Gangs drogensüchtiger Psychopathen als seine Hilfstruppen zu instrumentalisieren. Millers Batman ist ein Verbrechensbekämpfer, der sich in seinen Methoden in keiner Weise von seinen Gegnern unterscheidet.

Vom Nolan-Film ist das nicht zu erwarten. Wieder, wie die extensiven Vorab-Teaser und makling-ofs inzwischen klarmachen, bekommen wir eine Batman-Saga mit Millerschen Zutaten, das Gericht selbst aber hat ein weniger ambivalentes Gschmäckle: Immer ist klar, wer hier auf welcher Seite steht. Nolans Batman ist nicht fragwürdig.

Das ließe, anders als bei der Miller-Vorlage, Raum für eine Fortführung. Nolan und Christian Bale wollen an der nach eigenem Bekunden keinen Anteil haben. Auch das ist verständlich, denn wo sollte es noch hingehen? Im ersten Teil der Trilogie, der in Rückschau wie eine Einführung, ein Image-Makeover wirkt, ist Batman eine Figur, die sich über mehr als 20 Jahre entwickelt. Im zweiten Teil ist sie etabliert, ihr Charakter ausdefiniert. Der Film ist krachender, lauter, Action-versessener, weil sich in Bezug auf die Figur eigentlich wenig tut. An seinem Ende erklärt sich Batman selbst zum Vogelfreien, um den Ruf von Harvey Dent zu retten. Ein so edler wie bescheuerter Schritt, der rational kaum nachzuvollziehen ist – und die Prämisse für den nun folgenden dritten Teil.

Um dem Tiefe zu geben, müsste man Batman wieder aus seiner Statik holen, ihn als Figur weiter entwickeln. Täte man das, landete man wohl bei Miller, wenn man die Wayne/Batman-Biografie nicht völlig brechen wollte. Es ist nicht zu erwarten, dass das passiert, denn es wäre das Ende der Heldenfigur. So scheint sich der Hauptteil des Filmes mit seiner Konfrontation mit dem Schurken Bane eher am Knightfall-Zyklus zu orientieren, spart aber auch da aus, was das Heldenimage ankratzen könnte – Waynes Ausstieg aus der Batman-Identität nach seiner Querschnittslähmung, die Übergabe der Batman-Figur an den mörderischen Azrael, die beknackte Wiederauferstehung des wunderbar genesenen Wayne. Kurzum: der letztlich kaum verfilmbare Comic-Kokolores, der der Figur nur die Glaubwürdigkeit nehmen würde. Was bleibt, ist Bane, der Schurke, was auf Action als Ersatz für Handlung hindeutet.

Also richten wir uns auf ein Action-Feuerwerk der Sonderklasse ein und darauf, dass Batman am Ende kein Irrer, kein psychopathischer Vigilant sein wird, sondern eine Figur, deren Wiederbelebung offen bleibt – als dann leider wieder reichlich statische Schablone, als vertraute Figur, die sich dem Schrecken entgegenstellt, statt uns zu erschrecken. Wenn ich Nolan wäre, hätte ich darauf dann auch keine Lust mehr. Der Film wird bestimmt cool, aber er wird eine Abschiedsfeier.

Avatar, Avengers und Co.: Zum Glück schön schlecht

Es gibt eine ganze Menge Leute, die halten es für ein Qualitätsmerkmal, wenn ein Film schlechte Kritiken bekommt. Dazu gehört nicht nur der bekannte Till-Schweiger-Darsteller Till Schweiger (plant wahrscheinlich gerade „Sechsbeinwelpen“ und „Neunschwanzkatzen“), so denken massenhaft ganz normale Menschen.

Mein Freund Thomas ist so einer. Er hält Avatar für einen wirklich guten Film, und im ernst fällt es mir schwer, darüber zu streiten. Ich weiß, was er meint. Wenn ich allerdings als Journalist eine Kritik über Avatar verfassen würde, fiele die wohl reichlich durchwachsen aus. Denn in Sachen Handlung ist da ja nicht viel, was wir nicht schon in Disneys Pocahontas gesehen hätten, nur halt in Blau und 3D. Als Kritiker schreibt man da: „Action kann eine echte Handlung nicht ersetzen.“ Und Abziehbilder keine Personen.

Als Kinogänger weiß ich, dass das natürlich nicht ganz stimmt. Avatar ist, so wie nun Marvels Avengers, kein Film im cineastischen Sinne. Solche Filme sind Pop. Wir bierersten Deutschen vergessen das manchmal: Die Deaktivierung des Hirns fördert in solchen Fällen den Spaß an der Sache – so wie auf der Achterbahn. Eigentlich brauchen solche Blockbuster also eine eigene Kategorie, um angemessene Kritik ernten zu können. So wie man Oper nicht mit Rummelplatz vergleicht, sollte man aufhören, Avatar und Co. mit den Maßstäben des Kunstfilms zu bewerten.

Bei IMDB erntet Avengers gerade Top-Bewertungen. Ich werde mir die Kiste auch ansehen, ohne davon mehr zu erwarten als Spaß. Am besten jede Menge.

Die Handlung kenne ich ja jetzt schon, ohne Zusammenfassungen lesen zu müssen. Heldengeschichten sind Archetypen, die nur wenige Varianten haben. Treffen mehrere Helden aufeinander, dürfen wir erst den Clash der Alphatierchen erwarten, dann die interne krisenhafte Konfrontation, dann die übermächtige äußere Bedrohung, dann die große Solidarisierung und den Sieg im gemeinschaftlichen Kampf gegen den gemeinsamen Gegner. Was sonst?

Es ist genau das, was wir im Popcorn-und-Pilsken-Modus sehen wollen. Es ist ein Spektakel, gute Unterhaltung, „a good show“, wie der Angelsachse sagt. Cool. Mehr muss so was auch nicht sein.

Als Kritiker legt man andere Qualitätsmaßstäbe an einen Film. Man fragt sich: Sind außergewöhnliche Leistungen zu sehen? Schauspielerische, erzählerische, ästhetische? Entwickeln sich die Figuren, haben sie Tiefe, sind sie glaubhaft? Berührt die Geschichte, wirkt sie nach? Bei den meisten Blockbustern führt das zu einem Nullbefund, weil es einfach die falschen Maßstäbe sind.

Und dann wird die schlechte Kritik mitunter wirklich zum Qualitätsmerkmal. Zeit fürs Popcorn, war eine emsige Woche.

Superhelden: Comics sind Kopfkino

Ich war acht Jahre alt, als ich anfing, DIE SPINNE zu lesen (so hieß SPIDER-MAN damals). Ich fand die Geschichten gut, weil Peter Parker, dieser dürre Held, ähnlich wie ich Dreikäsehoch auch öfter einmal eins auf die Glocke bekam. Er siegte nicht immer, wie dieser langweilige Superman mit der Lizenz zur Unbesiegbarkeit (wer denkt sich sowas aus?), erlebte zudem ständig auch irgendwelchen Seelenschmerz. Wie im richtigen Leben, wenn man davon absieht, dass der Typ im Gegensatz zu mir (Höhenangst!) Gebäude hoch- und runterlief und – wenn ihm ein Supergangster zu pampig kam – sich auch schon mal damit wehren konnte, dass er dem ein Auto vor den Kopf warf.

In ihrem Ansatz sind Superhelden-Phantasien höchst kindlich, und so sehen die frühesten Stories und viele entsprechende Kinofilme auch aus. Aus Erwachsenensicht ist das intellektuelle Magerkost. Fliegen können, stark wie ein Elefant zu sein, unverletzlich – das ist das, was man sich so wünscht, wenn man das genaue Gegenteil davon ist: Klein, ziemlich wehrlos gegen Starke und dem allmächtigen Willen dieser Typen unterworfen, die einen schon um acht ins Bett schicken, obwohl man noch gar nicht müde ist. Wie gut, wenn man seine Ohnmacht unter der Bettdecke mit der Taschenlampe und dem Comic-Heft sublimieren kann.

Aber Superhelden-Comics sind weit mehr. Nicht von ungefähr arbeiten viele Drehbuchautoren und Regisseure mit gezeichneten Storyboards, um ihre Filmideen zu visualisieren. Comics sind Kopfkino, und mehr noch: Im Comic waren früh Dinge möglich, die auf der Leinwand bis heute nur schlecht darzustellen sind.

Irgendwann wurden mir die Superhelden zu albern, zu pathetisch, aufgeblasen und pompös. Ich landete bei den franko-belgischen Comics: Moebius, Franquin, Herge. Mit Valerian und Veronique ging’s es ab ins All, mit Gaston gegen die schlechte Laune. Anfang der Neunziger wurde Jamiri zu einer Identifikationsfigur, viel später auch ein Freund.

Den Superheldencomic habe ich erst mit Frank Miller wieder entdeckt. Der Mann ist mir unheimlich. Ich kann mir kaum etwas psychopathischeres vorstellen als seine Sin-City-Reihe, vor allem die ersten zwei Bände. Da wird Comic zum Blick in eine kranke Geisteswelt, in der sich die finstersten eigenen Seiten spiegeln: Die Zeichnungen sind ja so Schattenrissartig, dass der wahre Horror letzlich in der eigenen Vorstellungskraft liegt. Mitleiden kann da nur der, der sich das Leid vorstellen kann. Ich finde das so verstörend, dass ich Millers Sin City irgendwann weglegte und nie wieder anfasste.

Man spürt diesen ungesunden Wahnsinn auch in Millers ersten beiden Batman-Comics – die einzigen Comics über den Fledermausmann, die man wirklich gelesen haben sollte.

Das erste Jahr“  ist der gelungene Versuch, die auf ein kindliches Publikum zielende Batman-Legende erwachsen werden zu lassen. „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ ist dann die Demontage, die brutale Entzauberung dieses Idols aus Kindertagen – und kommt dem Kern der Figur viel näher als alles andere, was jemals darüber veröffentlicht wurde.

Für Alan Moores „Watchmen“ schließlich würde ich als Vertreter tingelnd auf die Straße gehen. Das Buch – und es ist ein Schmöker, an dem man mehrere Tage liest! – ist emotional richtig heftiger Stoff, viel düsterer noch als der Film, der später herauskam. Die Geschichte bewegt sich auf mehreren Ebenen, in mehreren Erzählformen (Comic, Briefe, Piratengeschichte), die sich zu einem horrenden Ende zusammenfinden, das den Leser mit einem kalten Klumpen im Magen zurück lässt. Definitiv nichts für Kinder, so konventionell der Comic grafisch zunächst daherkommt! Düster!

Düster ist auch das, was die Verlage in den letzten zwanzig Jahren aus dem Superhelden-Genre gemacht haben. DC wie Marvel, die hier führenden Verlage, verstrickten sich in immer bescheuerteren, verkomplizierten Handlungssträngen, die irgendwann nicht mehr plausibel zu verkaufen waren, ohne gleich ein Paralleluniversum aufzumachen. Die Batman-Reihe hält ein wenig dagegen, mit aufwendigen abgeschlossenen, inhaltlich aber meist überbewerteten Serien (Hush, Long Halloween) und Einzeltiteln (Arkham Asylum, Killing Joke). Auch sie leiden aber daran, dass sie das „Erwachsene“ nur auf der Basis völlig überzogener Brutalität darstellen können. Das ist unter dem Strich armselig, wie im Kino ist auch im Comic eine gute Handlung niemals durch Action zu ersetzen.

Was an den „großen“ Helden stört, ist vor allem ihr dumpfes Pathos. Millers Batman war ein verdammter Schmutzfink, ein von Rache besessener und zerfressener halb Wahnsinniger. Er passte in die End-Achtziger, so wie Hancock, Kick-Ass oder nun Chronicles, grundironische  Entzauberungen der Superhelden-Mythen, in unsere Dekade passen. Das ist amüsant, aber als Pointe, Grundmotiv und Masche auch nur begrenzt oft einsetzbar. Am Ende wollen Superhelden-Leser dann doch einen Helden. Und ich meine, wir wollen einen zerrissenen, der uns spiegelt oder inhaltlich herausfordert: So wie der frühe Spidey mit seinen pubertären Problemen, so wie der grimmige, verbitterte  Vigilant Batman bei Miller. Der von Miller inspirierte Batman hat in diesem Sommer noch einmal einen cineastischen Auftritt, auf den sich Superhero-Fans nach Batman Begins und Dark Knight wohl freuen dürfen. Wie es danach weiter geht?

Die Verlage starten ihre Serien gerade neu, weil sie eingesehen haben, dass sie in einer Sackgasse gelandet sind. Schaun wir mal: Im günstigsten Fall gewinnen die alten Helden ein paar Schwächen und Macken. Nichts ist langweiliger als ein Superman.