Streep!

Sport und Entertainment, glauben manche, sollten frei von Politik sein. Man reduziert sie damit auf ein nur vermeintlich apolitisches  „Brot und Spiele“, auf Massen-Bespaßung, die gern auch ablenken darf von den finsteren Dingen. Schon die Nazis wussten, wie viel das wert ist – und förderten und finanzierten das ablenkende Spektakel nach Kräften. Sie hatten verstanden, dass ein Schweigen der Multiplikatoren wie Propaganda für die wirkt, die man unwidersprochen laut sein lässt.

Wie das besser geht, zeigte Meryl Streep bei den Golden Globes 2017. Die sind einer dieser Events, mit denen sich die Entertainment-Industrie selbst feiert. Normalerweise prallvoll mit cool, love, love you all, great, super, spitze, toll.

Dieses Jahr war das anders: Nicht nur Streep nutzte diesmal die große Bühne (zumindest Teile der Show erreichen jedes Jahr mehrere Hundert Millionen Menschen ), um politisch Farbe zu bekennen, indem sie Anstand, Würde und Werte beschwor. Und sich klar gegen das Gegenteil positionierte, verkörpert durch Donald Trump.

Zurzeit geht ein 45-Sekunden-Zusammenschnitt ihrer deutlichsten Statements „viral“, vor allem bei Facebook. Ich finde, solche Sachen sollte man nicht aus ihrem Kontext reißen: Es lohnt sich, sich die ganze Rede anzuhören. Mehr Rückgrad sieht man auf solchen Promi-Parties selten. Siehe oben.

Snowpiercer: Action und Handlung sind zum Glück nicht dasselbe

snowpiercerHeute ist bei SPON ein kleines Stück von mir zu Bong Joon-hos im April anlaufender Action-Sci-Fi-Dystopie Snowpiercer erschienen. Primär geht es um das bizarre Hickhack, mit dem der US-Verleiher Weinstein den Start des Films seit Monaten verhinderte, weil der ihm „zu intelligent“ für sein US-Publikum erschien.

Wenn einer der Strippenzieher der Kino-Industrie so über die eigene Kundschaft denkt, ist das ja auch entlarvend und erklärt so manches Problem, dass das US-Blockbuster-Kino zurzeit hat: Die haben den Mut, mit Massen von Geld zu werfen und haben gleichzeitig totale Panik, dass sich das nicht lohnen könnte. Also muten sie ihrem Publikum nichts zu, orientieren sich an der Anspruchs-Untergrenze. Dass Weinstein so ein Problem mit Snowpiercer hat, ist wohl das Resultat eines Missverständnisses: Ich wette darauf, der sah Bong Joon-ho nur als vielversprechenden Horror- oder Action-Regisseur, ließ sich über das Plot von Snowpiercer briefen und glaubte, er bekäme damit einen reinen Action-Kracher.

Womit er offenbar nicht gerechnet hatte war, dass „Action“ ja doppeldeutig ist – nicht nur ins Deutsche kann man das auch mit „Handlung“ übersetzen. Und was Bong Joon-ho geschafft hat, ist eben, aus einem extrem einfachen Plot – unterdrückte Arme üben Aufstand gegen totalitär herrschende Reiche und kämpfen sich von A nach B – eine Geschichte mit Tiefe, Hinter- und Abgründen zu konstruieren. Ach Du Scheiße, muss sich der gute Weinstein da gedacht haben: Ein Blutbad, über das man auch noch nachdenken soll? Das geht natürlich gar nicht, und so ließ er die Steilvorlagen zum Nachdenken herausschneiden.

Der SPON-Artikel enthält nur eine wenige Sätze zum Film selbst, wir wollten der Berlinale-Premiere nicht mit einer Rezension vorgreifen. Dass der Film lohnt, ihn sich anzusehen, lasse ich durchblicken, denn natürlich habe ich ihn schon gesehen.  Ich will auch hier nicht spoilern Nur so viel: Ich bin noch nicht einmal ein Freund von Action. Gewalt ist für mich normalerweise ein Argument, einen Film nicht anzusehen, normalerweise ist das im Kino ja reine Idiotie, ein Handlungsersatz.

Snowpiercer ist ein ganz schön gewalthaltiger Film, aber selbst wenn die da mit Äxten aufeinander zu gehen, ist das kein Selbstzweck, dient keinen perversen Pointen. Der Film setzt den Zuschauer einem Wechselbad hochgradig stressiger und surreal langsamer Sequenzen aus. Bong Joon-ho weiß wie kaum ein anderer, wie er emotionalen Stress erzeugen kann. Das macht Snowpiercer mitunter zu einer Art klaustrophobischen „Psycho“, unter dem Strich aber zu einem bizarren Trip: Mich erinnert der eigentümliche Zug dieser Zug-Geschichte, bei der man ahnt, dass sie von Anfang an auf eine Katastrophe zurasen muss, beispielsweise an „Twelve Monkeys“, einem meiner liebsten Sci-Fi-Flics. Ich tippe mal, bei den Fans dieser Filme wird es etliche Überschneidungen geben.

Mein persönliches Fazit: Ich habe in den letzten zwei Jahren keinen Film gesehen, den ich lieber durchlitten habe. Snowpiercer ist weit davon entfernt, gute-Laune-Popcorn-Kino zu sein. Wer sowas will, wartet auf den nächsten bekloppten Blockbuster nach „Avenger“-Muster. DIE finde ich langsam wirklich ermüdend. Snowpiercer ist der Beweis, dass Action nicht dämlich sein muss.

P.S.: Deutsche Trailer gibt es noch nicht. Hier bekommt man schon mal einen untertitelten Eindruck:

„The Angel’s Share“ von Ken Loach: Schön rauh

Über „The Angel’s Share“ von Ken Loach, frisch im deutschen Kino und zuvor in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichnet, kann man durchaus geteilter Meinung sein. Wie in allen Loach-Filme gibt es reichlich schottischen Gossen-Realismus, trotzdem sieht etwa meine Kollegin Hannah Pilarczyk den Film als stramm auf Kurs Richtung „feelgood movie“ und Schottland-Klischees.

So einige deutsche Rezensenten strichen das Märchenhafte an dem Film heraus. Düster im Ansatz, bonbonsüß im Abgang, heißt es da des öfteren. In irgendeiner Programmzeitschrift sah ich eine Kritik, die den Film als „schottische Antwort auf The Full Monty“ beschrieb („Ganz oder gar nicht“).

Das kann man wohl so sehen, wenn man die deutsch synchronisierte Version gesehen hat. Wenn nicht, ist der Loach-Film unter dem Strich eher erschütternd, obwohl er tatsächlich einen „Entspannungsbogen“ von Brutalität und Depression hin zu Heiterkeit und Hoffnung zieht. Synchronisiert fällt das nur nicht mehr so auf.

Wer kann, sollte sich das Original zu Gemüte führen, was uns Deutschen allerdings einiges an Sprachkompetenz abverlangt – sie ist aber erheblich authentischer. Was Loach’s Darsteller da kauderwelschen, wird gemeinhin auch im britischen Fernsehen untertitelt. Mit dem, was man uns in Schule oder Uni als Englisch verkauft, hat das nur rudimentär etwas zu tun.

Für den Film ist es aber essentiell: Wer so wie der „Held“ Robbie und seine Kumpel spricht, trägt ein Stigma. Robbie scheint anfänglich zu lebenslanger Gosse verurteilt, was es aber auch wieder nicht richtig trifft, weil er ja kein Opfer ist, sondern ein Täter.  Er ist ein völlig enthemmt brutaler Thug, ein verabscheuungswürdig kalter, perspektivloser Prügler, dem das selbst erst aufgeht, als er selbst Vater wird. Es ist eine Art emotionales Erwachen, das dazu führt, dass ihn nun auch seine eigenen Taten berühren.

Das ist kein Klischee, sondern ein höchst nachvollziehbarer Entwicklungsschritt. Ich weiß nicht, ob Sie das Pech hatten, einmal so einen Robbie kennen zu lernen. Ich kannte ein paar. Für mich waren das „Fische“, weil sie glatt und kalt und scheinbar völlig emotionslos waren. Wenn so ein Brutalo überhaupt aufwacht, dann ja wohl nur in so einem Augenblick, der ihn selbst zutiefst betrifft. Vorher ist da kein Raum für ein Denken an andere. Robbie denkt und fühlt also um, er wird eine neue Person.

Was im Film folgt, ist natürlich ein Märchen, aber es ist nicht „feel-good“, sondern hinterläßt trotz Happy End einen schalen Nachgeschmack. Wenn sich am Ende Robbie und Co. in Richtung bessere Zukunft verabschieden, dann tun sie das ja auch räumlich: Wer nicht verrecken und versacken will, sagt Loach uns, der muss raus aus diesem Millieu, raus aus der Stadt, weil da alles dermaßen marode und verrottet ist, dass es selbst für Gutwillige keine Chance mehr gibt. Und natürlich ist das mit legalen Mitteln so oder so nicht zu schaffen. Als „Urteil“ über die harten Millieus von Glasgow ist das ganz schön hart. Es ist zu befürchten, dass auch darin ein gutes Stück Realismus steckt.

Und der schließt, wie so oft bei Loach, auch die Schauspieler ein. Hauptdarsteller Paul Brannigan kommt von Glasgows Straßen. Über Robbie sagt er, dass er sich in die Rolle gut einfühlen konnte, weil er eben auch entsprechende Erfahrungen hat. Daran zweifelt man keine Sekunde. Durch den Loach-Film ist er nun Schauspieler: Als nächstes wird man ihn – DAS ist mal ein Märchen! – als Hauptdarsteller des Sci-Fi-Flics „Under the Skin“ sehen – neben Scarlett Johansson. Natürlich spielt er darin wieder einen Jungen aus Glasgow, was anderes dürfte für ihn vorerst kaum drin sein.

Trotzdem: Da schlägt die Realität das Film-Happy-End um Längen, würde ich sagen.

Vorsicht, Ironie: Spässchen sind Kennzeichnungspflichtig

Was mich immer wieder verblüfft, ist, wie viele unserer lieben Mitmenschen absolut keinen Draht für Ironie haben. Sie erkennen sie einfach nicht. Eine Unzahl von Leuten nehmen die Dinge so, wie sie gesagt werden. Sie hinterfragen nicht, sie denken nicht weiter, vor allem aber lachen sie nicht – und trauen Autoren auch grundsätzlich keine Ironiefähigkeit zu.

Heute habe ich beim Herumstochern und Recherchieren dieses Kleinod britischen Humors gefunden:

Also, ich hab Tränen gelacht.

Erst über den Film, dann noch lauter über die Diskussion, die er ausgelöst hat. Der Clip wurde im Juli 2010 veröffentlicht, aber erst vor etwa einem Jahr auch von der Youtube-Community bemerkt. Seitdem tobt die Debatte. Das Youtube-Publikum teilt sich in drei Lager: Etwas mehr als die Hälfte regt sich darüber auf, dass Frauen in dem Clip als dumm und minder intelligent dargestellt werden. Ein Viertel amüsiert sich einfach nur darüber und ein Viertel versucht, die Ironie-unfähige Mehrheit darüber aufzuklären, dass der Clip eine Satire ist.

Eine Minderheit nimmt die Ironieblinden dann noch auf die Schippe, indem sie ironisch posten, das Ding sei ja wohl „total sexistisch“, oder „Meine Freundin ist krank, die hat einen Uni-Abschluss!“. Das Problem ist, dass auch das nicht von jedem als Gag erkannt wird. Wie auch? Wir reden über Leute, die den Gag noch nicht einmal erkennen, obwohl an den rcihtigen Stellen Publikumslachen als Signal zum „Du darfst jetzt mitlachen!“ eingeblendet wird.

Tatsächlich gibt es zurzeit in 599 Kommentaren eine recht große Sub-Diskussion darüber, ob der Film nun wirklich eine Satire sei. „Vielleicht war der Film mal ernst gemeint“, schreibt da einer stellvertretend für viele, „aber heute sieht man das als Witz.“

Man beginnt zu ahnen, warum der Tusch im rheinischen Karneval erfunden wurde. Er ist die akustische Alternative zu einem gut gemeinten Schlag auf den Hinterkopf.

„Tätä-tätä-tätä – Dsching-Bumm!“: Jetzt bitte lachen. Na, geht doch.