Kleine Ehren: Ich bin Prüfungsrelevant

selfies

Gestern bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass mein Selfie-Text vom Juni letzten Jahres Abituraufgabe Nummer Drei im niedersächsischen Deutsch-Abitur 2016 war (und offenbar eine ziemlich populäre Wahl).

Hüstel-hüstel: Es wäre geheuchelt, wenn ich behaupten würde, dass das meiner Wenigkeit nicht schmeichelte.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass mich die meisten der Abiturienten offenbar für uralt und komplett ahnungslos halten. So irritierte der Titel „Egoshooter“ die meisten der Kids ganz erheblich, weil der ja irreführend und unpassend war und zu Verwechslungen mit den gleichnamigen Videospielen führen konnte. Aber darum ging es inhaltlich ja gar nicht!

Schwamm drüber, schnell hatten alle kapiert, dass es in Wahrheit um Selfies ging (und manche erkannten sogar, dass das was mit Egozentrik zu tun haben könnte). Aaaaaaber, „schwache Argumente“ hätte ich, schrieb ein Schüler in einem Diskussionsforum: „Ich meine, wen interessiert die Meinung seiner Frau?“

Genau, denke ich auch manchmal. Man lernt dann aber im Laufe seines Lebens, dass sich Relevanz im Gefüge zwischenmenschlicher Beziehungen anders definiert.

Ein anderer analysierte tiefergehend: „Vor allem scheint der Autor jemand aus der alten Generation zu sein, der selbst nie die tatsächliche Wirkung von Selfies erprobt hat (so blöd es auch klingt). Er sinniert da quasi über Dinge, über die er nicht fachkundig ist.“

Hallo? Ich könnte ihm jetzt Selfies zeigen, die ich 1978 – OHNE STANGE! – gemacht habe. Aber erstens sah ich mit den langen Haaren und der knallengen, weißen Schlaghose nach heutigen Maßstäben so dämlich aus, dass mich das vollends diskreditieren würde. Und zweitens müsste ich ihm erklären, dass sich mein Selfie von seinen Selfies tatsächlich massiv unterschied.

Trotzdem: Sowas liest man doch gern, wenn sich junge Leute so eingehend mit einem Text beschäftigen, von dem sie offenbar annehmen, er wäre strategisch geplant: „Mir ist aufgefallen, dass er bei Befürwortung Hypotaxen verwendet und bei Ablehnungen Parataxen„, erkennt Forennutzer und Frisch-Abiturient „mamapa“ scharfsinnig.

Echt jetzt? Da kann mal sehen. Man lernt nicht aus, auch über sich. „mamapa“ weiter: „Jedoch konnten die Hypotaxen seine Argumente auch nicht wirklich bestätigen, da die Argumente, wie ich finde, sehr schwach waren.“

Klar, davon gingen wir inzwischen ja schon aus.

Zur Rettung der eigenen Ehre: So einige sahen das auch anders. Unter dem Strich kam ich sogar ganz gut weg mit meiner Abiturtext-Vorlage. Könnte man vielleicht so zusammenfassen: Gemessen an meinem biblischen Alter bin ich gar nicht so doof, wie man erwarten müsste.

Das sah sogar „RoxasNova“ so, die sich redlich bemüht hatte, irgendwo in meinem Geschreibsel die bösartige Fußangel zu finden: „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich extrem paranoid bin, und versteckte Botschaften nicht identifizieren konnte… aber der Text war sehr angenehm.“

Danke dafür, Euch allen!
In Echt, ich so: Yo!

P.S.: Könnte mir vielleicht mal ein 17-jähriger „die tatsächliche Wirkung von Selfies“ (siehe oben) erklären? Steht die im Gegensatz zur Angeblichen? Und auf wen wirkt sie? Und wie und wozu?
Könnte es sein, dass ich wirklich was verpasst habe?

P.P.S.: In einer früheren Version dieses Textes hatte ich das hintere „i“ in „Abiturient“ vergessen. Der Lack ist halt ab in meinem Alter: Da übersieht man sowas. Abzug in der B-Note, mindestens.

 

Storytelling-Projekt SPON20: Binnensicht

spon20
Special zu 20 Jahre SPIEGEL ONLINE: www.spon20.de

 

Am heutigen Dienstag ist das inhaltlich von Jule Lutteroth und mir erarbeitete Special zu 20 Jahre SPIEGEL ONLINE veröffentlicht worden. Ich habe die letzten zweieinhalb Monate fast ausschließlich daran gearbeitet.

Gespannt bin ich nun darauf, wie das ankommt: Wie viele Leser findet so etwas? Wie vollständig wird es genutzt? Der Aufwand hinter so einem Projekt ist enorm, und er ist nicht wirklich sichtbar. So ein Projekt bindet die Arbeitskraft vollständig: meine voll, Jules erst teilweise, in den letzten 6 Wochen dann ebenfalls voll. Ich vermute mal, durchgerechnet käme man hier locker auf 100 Vollzeittage und mehr.

Interessant ist so etwas, weil „andere Erzählformen“, multimediale Info-Aufarbeitung etc. ja immer häufiger eingefordert werden. Das steht im krassen Gegensatz zum Medientrend der rapide schrumpfenden Ressourcen. Gute Onlineredaktionen arbeiten selbverständlich auch mit einer Themenvorplanung, wo Recherchen angeschoben, Reisen unternommen oder Autoren beauftragt werden. Diese Sahnestückchen sind aber natürlich die Kür, die Ausnahme im schnellen Newsflow.

Das originäre Format des Onlinejournalismus ist die ad-hoc-Produktion: Info bekommen, verarbeiten, publizieren. Sofort. Der Ausbau durch Nachfragen und Zusatzrecherchen geschieht je nach Wichtigkeit des Themas – was Online vor allem „Eiligkeit“ bedeutet – entweder vorher oder sukzessive nachher. Da ist „Storytelling“ ein echter Bruch.

Für ein publizistisches Dickschiff wie uns bei SPIEGEL ONLINE sind ein paar solcher Projekte pro Jahr natürlich stemmbar. Bei Tageszeitungen unterhalb der SZ/Welt-Schwelle sehe ich das auf Dauer nicht. Da wird man an Kooperationen kaum vorbeikommen. Zumal es anders auch nicht finanzierbar sein dürfte: Man stelle sich vor, eine Regionalzeitung wollte so etwas als fertiges Produkt einkaufen. Hunderte Arbeitsstunden, dazu Grafik, Lizenzen, Bildredaktion, Programmierung?

Vielleicht setzen sich solche multimedialen Ansätze ja trotzdem durch. Noch wissen wir noch nicht einmal, ob es wirklich der Leser ist, der danach verlangt, oder wir Medienmacher uns nur vorstellen, dass der Konsument das will. Ich persönlich bin da Pragmatiker, weil ich mein eigenes Leseverhalten kenne: Einen konsistent geschriebenen Artikel lese ich auch dann zuende, wenn er lang ist. Ein Inhaltepaket, wie ich das jetzt selbst mit erarbeitet habe, lese und konsumiere ich selektiv. Für mich als „Macher“ bedeutet das, dass die meisten Nutzer nie vollständig lesen/hören/sehen werden, was wir für sie da zusammengestellt haben.

Wie auch immer: Jetzt hat der Dampfer spon20 abgelegt, man wird sehen, wie und wo er ankommt. Ich bin seit Montag zurück im redaktionellen Alltag: Drei Artikel, die bis zum Wochenende erscheinen sollen, sind in Arbeit, eine Recherchereise mit Terminen für drei weitere ist in Vorbereitung/Verhandlung.

Normal, das ist Onliner-Alltag. „They sentenced us to 20 years of newsdom, to try and change the system from within…“ dichtete Kollege Andreas Borcholte heute morgen frei nach Leonard Cohen bei Facebook. Egal, wie man zu uns Onlinern steht: Das haben wir wohl. Mal schauen, wie es weiter geht.

Unverschämt trifft blasiert

Ein echter Surftipp ist die „jung & naiv“-Interview-Reihe des Berliner Youtube-Journalisten Thilo Jung. Wie einst Wolfgang Korruhn rückt der Politikern körperlich und verbal auf die Pelle und entzaubert sie so kräftig, wie man das seit Jahren nicht gesehen hat. Kein Fernsehsender hat bisher Interesse an der Reihe, von der ich hoffe, dass sie im nächsten Durchgang diesen ARD– Grimme-Preis bekommt (was mangels „normalem“ Sender natürlich nicht geht).

Was daran preiswürdig ist, erkennt man nicht nur in den teils sehr gelungenen langen Interviewformaten, sondern schon in kurzen Spots wie dem folgenden: Wie sich da der so unverschämt wie konsequent geduzte Hans-Peter (Friedrich) zum „Neo-Feminist“ erklärt, das ist schon ein Lacher. Der absolute Knaller aber ist Kulturstaatsminister Bernd (Neumann). Gründlicher kann man sich selbst in zehn Sekunden nicht demontieren.

Apropos Adblocker: (Wie lange) geht’s noch?

Mein Arbeitgeber SPIEGEL ONLINE, der sich einer Kampagne populärer Webseiten gegen Adblocker angeschlossen hat, bekommt dafür zurzeit mächtig Prügel in Blogs und Foren. Argumentiert wird da so, wie schon seit 1995: Werbung sei Belästigung, zu schrill, ihre Unterdrückung darum eine Art Notwehr.

Es ist eine unglaublich kurzsichtige, die Realitäten ignorierende Argumentation.

Notwehr wäre es aus Sicht der Verlage, von denen viele seit 20 Jahren Geld ins Internet stecken und kostenfrei Inhalte anbieten, ohne dass sie damit Geld verdienen, ihre Angebote dicht zu machen und Geld zu verlangen. Viele werden das noch dieses Jahr versuchen. Die meisten davon werden schlicht verschwinden. Weil entgegen aller Beteuerungen, die man in diesen Tagen auch wieder liest, kaum ein Nutzer wirklich bereit ist, auch nur Mini-Beträge für Web-Inhalte zu bezahlen. Und damit meine ich nicht einmalig, so als Spende, sondern andauernd. Am besten an alle Seiten, die man nutzt.

Hallo? Wer hat da noch Probleme mit Werbung, wenn man sich das als alternatives Szenario vorstellt?

Für ein Ausschalten von Adblockern zu werben ist nichts anderes als der Versuch, weiterhin für den Nutzer kostenlos Inhalte anzubieten. Alles, was der dafür ertragen muss, ist ein wenig Bling-Bling.

Forderungen, Werbung unauffälliger zu machen, sind übrigens schlicht bescheuert. Wer so etwas fordert, hat nicht begriffen, worum es bei Werbung geht. Natürlich muss die auffallen, sonst wirkt sie nicht. Und wenn sie nicht wirkt, taugt sie auch nicht als Refinanzierungsbasis für kostenlose Angebote. „Gezieltere“, „personalisierte“ Werbung einzufordern ist dann noch der ultimative Blödsinn. Wünschen wir uns wirklich noch mehr Profilierung unser Persönlichkeiten, mehr Schnüffelei, mehr Eindringen in unsere Daten, den Verkauf dieser Daten? Geht’s noch? Ich will das nicht.

Mit schönster Regelmäßigkeit wird dann noch die Plattitüde ausgepackt, die Verlage verstünden das Internet nicht. Sorry, aber wir haben es mit geformt: Der SPIEGEL war ab 1993 online präsent (Compuserve), ab 1994 als erste News-Webseite weltweit auch im WWW. Wo war damals die von Vorträgen lebende, heute als Berater oder Experten vor sich hinsalbadernde „digitale Avantgarde“ dieser Welt? Sorry, aber das bringt einen echt auf die Palme.

Liebe Web-Experten, Community-Bewohner, Blogger, Digerati und Technorati: Ihr verteidigt das Web nicht, sondern Ihr macht es Euch selbst und uns allen kaputt. Man kann das, was Medien im Web bieten, mitunter Käse finden. Dort aber keine Medien mehr zu finden, die man einfach aufrufen kann, ohne vorher ein zahlungspflichtiges Abo abzuschließen, wäre wirklich Käse. Die Verlage denken solche Dinge nicht an, weil sie das wollen, sondern weil ihnen keine Alternative mehr bleibt. Sie bluten gerade finanziell aus, falls das jemand verpasst haben sollte. Weil selbst am Kiosk immer weniger Leute Geld in die Hand nehmen wollen – es gibt ja das Internet, wo es alles umsonst gibt.

Wer das wirklich glaubt, hat den Knall allerdings wirklich nicht gehört. Gratis gibt es nichts im Leben. Wenn Nutzer von Webseiten per Adblocker die Werbung unterdrücken, nötigen sie den Anbieter, die Zeche für ihn zu zahlen. Bei 25 Prozent Adblockerquote (und mehr) ist das heute ein Normalfall, den kein Verlag länger hinzunehmen bereit ist.

Ja, Internet-Werbung ist oft lästig, ärgerlich, hässlich. Der Witz ist nur, dass ich auch etwas dafür bekomme, wenn ich sie hinnehme. Tue ich das nicht, gilt das nicht mehr lang. So einfach ist das.