Facebooks KB: bescheuerter geht’s kaum

Habe gerade bei Facebook Werbung für eine Art Taschen-Todschläger serviert bekommen. Das Ding besteht aus einer Art Griff mit Schlagdorn, aus dessen Inneren man ein Stahlseil schnellen lassen kann, mit dem man z.B. Melonen mühelos köpft. Dürfte auch prächtig funktionieren, Köpfe zu beschädigen.

Hab die Werbung sofort gemeldet, Begründung „Gewalt“, mehr oder etwas anderes ist nicht möglich. Facebook stellt mir immerhin frei, den Werbetreibenden in meinem Profil zu blockieren (hab ich sofort gemacht). Und natürlich, meine Werbeeinstellungen zu ändern.

Da lerne ich jetzt, dass ich drei große, wichtige Themen sechs Monate, ein Jahr oder sogar dauerhaft verbergen kann, damit ich nie mehr damit belästigt werde: Alkohol, Kindererziehung und Haustiere.

Ernsthaft, das war’s. Waffenwerbung, AfD-Propaganda und sonstiger Müll sind keine Kategorien. Aber Kindererziehung, vor der kann man sich schützen. Super, Facebook.

Besonders lustig ist dann noch „Warum sehe ich diese Werbung?“. Die Antwort: weil ich gegenüber Facebook die Hose nicht runtergelassen habe. Unbehelligt von diesem Scheiss bleibe ich offenbar nur, wenn ich denen sage, wofür ich mich interessiere, wie meine „Präferenzen“ aussehen etc..
Liebes Facebook: find’s doch selbst raus.

Ansonsten schlage ich vor, die KI dieser Trash-Plattform in KB umzubenennen. B wie Blödheit.

P.S.: Ich werde meine Präferenzen jetzt doch ändern und Facebook mitteilen, wofür ich mich interessiere: Treckerfahren, Sandbilder, Emojis häkeln, tibetanische Glockenspiele, Blumen färben und Kühe anmalen. Mal gucken, wer da wirbt.

P.P.S.: Welche Präferenzen muss ich denn bestätigen, um Waffenwerbung zu bekommen? Rechtsradikalismus? Idiotie? Asoziales Verhalten?

 

Online-Publishing: Perlen hinter Pay-Walls

Heute morgen ging eines der aufwändigsten Stücke, die ich in nun bald 20 Jahren für SPIEGEL Online produziert habe, hinter der Paywall von SPIEGEL Plus online. Für mich keine ganz neue Erfahrung, ich habe im letzten Jahr auch viele Artikel für Daily geschrieben, die ja auch „nur“ für Abonnenten sichtbar waren.

Trotzdem sind das merkliche Veränderungen, die für Schreiber wie Leser gewöhnungsbedürftig sind.

Wir Autoren müssen uns wieder an den Gedanken gewöhnen, mit unserer Arbeit nicht mehr die ganz große Masse zu erreichen. Beim für jedermann abrufbaren SPON finden manche Artikel sechs-, selten auch einmal siebenstellige Leserzahlen.

Das war lange Zeit sehr befriedigend. Weniger befriedigend war allerdings schon immer, dass auf der großen, kostenlosen Plattform die Agenturmeldung mit 650 Zeichen auf Augenhöhe mit dem Autorenstück konkurriert, in das jede Menge Know-how, Tage von Arbeit mit Recherche- und unter Umständen Reiseaufwand flossen. Wenn man Pech hat gewinnt dann gerade die profane Agentur („Das neunte Mal: Promi XYZ heiratet wieder“) gegen das Relevante, Schöne, Erhellende, das nicht wahrgenommen wird.

Für den Leser war und ist die große Plattform ein Selbstbedienungsladen, in dem Perlen neben Plörren liegen. Beim Klick auf eine Überschrift weiß auch er/sie nicht, ob es nun knappste Agenturware, die man auch anderenorts findet, oder tief ausrecherchiertes Exklusives gibt. Manchmal ist die Überraschung positiv, oft aber auch nicht.

In gewissem Sinne schafft ein Pay-Angebot wie Plus hier klare Verhältnisse: Was bezahlt werden muss, soll auch etwas wert sein.

Das ist ein Ansatz, der Produktenttäuschung vermeiden muss, sonst funktioniert er nicht. Ich weiß, dass Viele das nicht so sehen, aber ich halte es inzwischen für einen Fortschritt. Wie sonst soll man journalistischen Aufwand refinanzieren?

Nehmen wir mein Nordirland-Stück: Ich bin dafür sechs Tage entlang der inneririschen Grenze unterwegs gewesen. Zurück kam ich mit elf Interviews mit einer Gesamtlänge von über sechs Stunden, von denen nur Auszüge aus Vieren in den Artikel einflossen. Sowas muss man sichten, zumindest in Teilen transkribieren, übersetzen. Dann kommt das Schreiben, die Recherche von Background, die Überprüfung von Quellen. Die technische Produktion, das Layout. Insgesamt, schätze ich, sind da gut zehn bis elf Tage eingeflossen.

Das Resultat: Ein Artikel mit Stimmen und Informationen, die man heute definitiv nirgendwo anders wird lesen können – und für die man Tage braucht, um sie zusammenzutragen. Exklusiver Inhalt, dessen Entstehung viel zu aufwändig war, um ihn verschenken zu können. Es würde sich nicht rechnen.

Man muss das Aufkommen von Pay-Modellen im Online-Publishing nicht bejubeln. Leser zahlen nicht gern, und Schreiber haben gern viele Leser. Beide mögen es aber auch, wenn das Produkt – der Artikel, der Hörfunk- oder Videobeitrag – von einer Qualität ist, die befriedigt. Wir alle werden uns wohl mittelfristig daran gewöhnen müssen, dass so etwas immer häufiger einen Preis haben wird.

Es ist eine pragmatische Entscheidung, denn die Alternative dazu ist, dass Aufwändiges erst gar nicht mehr entsteht. Die Perlen im Publishing werden wir künftig hinter Pay-Walls finden.

Happy Friends Day: Hey! Ho! Juchuuuu!

Heute vormittag habe ich bei SPIEGEL ONLINE einen kurzen Artikel über den „Friends-Day“ von Facebook veröffentlicht. Der Text hat am Ende eine Pointe: Er zeigt, dass die tanzende Figur, die Facebook seinen Nutzern serviert, im Grunde dafür gedacht ist, die dazu zu bringen, die Datenbasis über eben diese Nutzer händisch zu verbessern.

Im Klartext:

Der Friends-Day ist ein Data-Mining-Trick, der etwas leisten soll, was Facebook mit Algorithmen allein nicht hinbekommt: Zwischen reinen Facebook-Freunden und echten sozialen Beziehungen zu unterscheiden. Also herauszufinden, wer wem besonders wichtig ist, und wer besonders eng mit wem verbunden ist. Es ist ein Tool, das auf die Privatsphäre der Nutzer zielt und versucht, deren Beziehungen besser zu erfassen.

Ich verglich diesen „Freudentänzer“ mit dem Trojanischen Pferd: Ein Ding, das wie ein Geschenk aussieht, aber zum eigenen Vorteil arbeitet.

Wenige Minuten, nachdem der Artikel veröffentlicht wurde, bewarb ihn unser Social Media Team bei Facebook.  Die Kollegen teaserten: „Hinter Facebooks #Friendsday steckt ein perfider Plan, vermutet Frank Patalong.“

Interessant ist, was folgte. Der Post wurde bisher über 520mal geteilt, vor allem aber über 120mal kommentiert. Und fast ausnahmslos bekam ich Haue: Nicht, weil ich auf den Data-Mining-Trick hingewiesen hatte – das scheint den meisten Leuten weitgehend egal zu sein. Sondern weil ich es gewagt hatte, in dem Artikel einen Unterschied zwischen echten und Facebook-Freundschaften zu behaupten.

Man wirft mir nun vor

  • dass ich mich bei Facebook mit Leuten befreunde, die ich nicht kenne
  • dass ich ja nicht jede Anfrage annehmen muss, wenn ich die Leute nicht kenne
  • dass ich alte Hüte verbreite, weil ja jeder weiß, dass ein Facebook-Freund kein echter Freund sei
  • dass ich angeblich eine schlimme Kindheit hatte
  • dass ich „Vollpfosten“ selbst schuld sei, weil ich zuviele Freunde sammele

…und so weiter.

Am niedlichsten sind die, die mich darauf hinweisen, dass ich „im übrigen auch das Video (vor dem Veröffentlichen) ändern und sich die ‚Freunde‘, die drin erscheinen sollen, aussuchen“ könne.

Ja, genau, darum ging es in dem Text. Darum, dass man, wenn man das tut, Facebook hilft, Persönlichkeitsprofile zu schärfen. Data-Mining. Aber sorry, dafür hätte man den Text natürlich bis zum Ende lesen müssen. Was natürlich viel verlangt ist.

Einige wenige helfen mir dann, trotzdem mein Bild vom mündigen Leser zu bewahren.

Nach dem Lesen von zehn Kommentaren muss ich sagen: Manchmal (…)  tut ihr mir leid, dass ihr euch mit so viel schwachsinnigem Themaverfehlungsgelaber rumärgern müsst. Also, mein ernst gemeintes Beileid dazu. Guter Artikel. Danke.“

Nein, Dank zurück. Von ganzem Herzen.

Selbstverlag, erstes Fazit: es steht Vierzig zu Vier

Flach gebaut und mit Horn auf dem Maul statt am Daumen - so "falsch" sie heute sind, sind sie doch Ikonen der Wissenschaftsgeschichte
Flach gebaut und mit Horn auf dem Maul statt am Daumen – so „falsch“ sie heute sind, sind sie doch Ikonen der Wissenschaftsgeschichte

Im Frühjahr letzten Jahres habe ich meinen kleinen Führer zu den 33 Statuen prähistorischer Lebewesen im Londoner Crystal Palace Park als Book on Demand veröffentlicht. Nach einem Verlag hatte ich erst gar nicht gesucht: Wissenschaftsgeschichte ist immer Nische, aber ein deutschsprachiger Führer zu einer Art Freilichtmuseum aus dem Jahr 1854, das ist nischigste Nischennische.

Es war mir einfach ein Anliegen, weil es so etwas in deutscher Sprache noch nie gab. Ich stellte mir einfach vor, dass es toll wäre, wenn jemand vor den Statuen stünde, nichts damit anzufangen wüsste, sie googelte – und 20 Sekunden später meinen bebilderten Führer als APP/Ebook auf dem Handy hätte, wenn er/sie wollte.

Leseprobe im Google-Play-Store: Vorwort und die ersten drei Service-Kapitel

Eigentlich ging es mir also ums Ebook. Ich setzte den Preis bei 2,99 an, um die Mastering-Kosten wieder herein zu holen (38 Euro), und bot zugleich ein Print-Ausgabe für 5,99 an, einfach, weil das im Paket war. Werbung habe ich nicht dafür gemacht (abgesehen davon, dass ich hier im Blog darüber schrieb und es hier auch anbot), ich ließ es einfach drauf ankommen.

In zehn Tagen ist seitdem ein Jahr vergangen, Zeit für eine erste Bilanz. Meine 38 Euro habe ich noch nicht ganz wieder drin: 40 ist die Zahl der verkauften Print-Ausgaben im letzten Jahr. Ich hatte nicht mit so vielen gerechnet. Nochmal 24 und die Kosten sind wieder drin.

Anders sieht das beim Ebook aus. 2,99 ist offenbar eine zu hohe Schwelle: Gerade einmal sechs Ebooks wurden über verschiedene Plattformen (viermal Amazon, einmal Android, einmal Apples iTunes) abgerufen – und davon hatte zwei ich selbst gekauft, um zu sehen, wie das umgesetzt ist (Freiexemplare gibt es da nicht).

Die wahre Ratio der verkauften Versionen liegt also bei 40 zu 4, obwohl die Ebook-Nutzung vor Ort eigentlich das wahrscheinlichste Anwendungsszenario war. Liegt das nur daran, dass das Ebook schon zwei Wochen nach Erscheinen in diversen Börsen illegal angeboten wurde (so wie jedes andere Buch)?

Ich glaube, der deutsche Ebook-Markt ist trotz all der E-Reader, die man morgens in der U-Bahn sieht, eine Todgeburt. Bei Geburt stranguliert von Verlagen, die glauben, zehn Prozent Preisabschlag sei ein Kaufanreiz für ein Datenprodukt. Ich sehe es ja an mir selbst: Auf meinen zwei Kindle-Readern sind etliche Bücher, aber kein einziges in deutscher Sprache. Wenn ich die Wahl habe zwischen 18 Euro für ein gedrucktes Buch oder 16 für ein Ebook, kaufe ich den Druck. Ich kaufe dagegen regelmäßig Englisches in E-Form, weil mir da echte Preisvorteile geboten werden.

Ich wüsste wirklich gern, wo die Schwelle liegt, an der ein Ebook attraktiver wird als ein Druck. Ich werde deshalb den Preisvorteil des Ebooks gegenüber der gedruckten Ausgabe für mein „Die ersten ihrer Art“ vergrößern, per Absenkung des Ebook-Preises auf 99 Cent. Nur um zu schauen, was passiert. Beantragt habe ich die Preissenkung vor knapp zwei Wochen, und am gestrigen Dienstag Bescheid bekommen, dass der neue Preis an die Ebook-Stores (Amazon, Play, iTunes etc.) weitergegeben worden sei. Die sollen den Preis nun innerhalb der nächsten Tage senken.

Ich bin gespannt, was passiert. Ein merkliches Anziehen der Verkäufe wäre ein zwiespältiges Zeichen. Zum einen würde es zeigen, dass deutlich mehr drin wäre im deutschen Ebook-Verkauf, wenn man nur die Preise richtig setzte. Zum anderen würde es zeigen, dass der Buchmarkt endgültig auf dem Weg zum „nur die Masse machts“ ist: Nischige Bücher sind schon jetzt nichts, mit dem man Geld verdienen kann. Wenn aber nur absolutes Preisdumping überhaupt Ebook-Käufe generiert, wird alles von Hochliteratur bis Fachbuch-/Nische/anspruchsvolles Sachbuch zum reinen Ehrenamt.

UPDATE: Die Preissenkung ist bei Amazon, Apple und Google inzwischen erfolgt.