Die Post ist da: Nimm! Mich! Wahr!

Timo Steppat hat am Montag bei FAZ.net einen schönen Artikel über einen Forentroll veröffentlicht. Ein interessantes Porträt unserer lautstarken, engagierten Internet-Meinungsführer.

Mitunter fragt man sich, was mit solchen Leuten nicht stimmt, aber man hat auch gelernt, mit diesem Mist zu leben. Viel schlimmer finde ich eine andere Spezies, die es in der Zeit, bevor E-Mail für jedermann nutzbar wurde, nicht gegeben hat: Leserbriefschreiber, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, uns „entrückten“ Journalisten mit Perspektiven aus dem echten Leben zu versorgen.
Oder dem
Rechten.

Viele Journalisten im Lande kennen beispielsweise den ganz besonders fleißigen Rudolf (seinen echten Namen lassen wir hier mal weg). Seit etlichen Jahren schreibt er Kommentare und Briefe und verschickt Links zu aus seiner Sicht interessanten Artikeln, um Journalisten und Politiker auf Themen aufmerksam zu machen, wie er immer wieder betont. Meistens geht es bei ihm um den Islam oder gegen Ausländer aus bestimmten Ländern. Seine Quellen reichen von rechtsextremen Blogs bis zu ganz normalen Massenmedien.

Letzteres ist perfide, weil es ihm Glaubwürdigkeit verleiht: Wer ihn nicht kennt, nimmt oft nicht sofort wahr, aus welcher Ecke Rudolf kommt. Es ist die Auswahl der Themen und ihr steter Strom, der Einfluss nehmen soll. Rudolf agiert nach der Devise, dass man etwas nur oft genug behaupten muss, damit etwas davon kleben bleibt.

Viele Links, die er uns schickt, beziehen sich auf Regionen, in denen gerade Chaos herrscht oder wo irgendwelche Untaten begangen wurden. Oder es geht um Straftaten, hierzulande von Ausländern begangen (Einsperren! Ausweisen! Grenzen dicht und aussperren!).

Es sind Mails, die uns etwas lehren wollen: Die da sind weniger wert als wir, teilt uns Leserbrief-Rudolf mit. Und ihr berichtet über die, als seien das Menschen?

Rudolf, begreift man sehr schnell, ist aus tiefster Überzeugung Rassist. Es bestimmt sein Bild von der Welt und prägt und verzerrt seine Wahrnehmung. Seine Wut kommt aus der Empörung darüber, dass wir Journalisten die Welt nicht so wahrzunehmen scheinen wie er. Für ihn sind wir von raubenden und mordenden, minderwertigen Wesen mit gefährlichen Ideologien umgeben, die man doch ganz leicht erkennen könne: An der Farbe ihrer Haut und ihrer Haare, an ihren Sprachen und Bauwerken, an ihren Namen und ihrer Kleidung, an ihrer Fremdheit.

Vor eineinhalb Jahren habe ich Kollegen per Rundmail angeschrieben und wollte wissen, wer von Rudolf gehört habe und von ihm Post bekommt. Es waren viele. Seine Mails gehen an zahlreiche Journalisten, aber auch an Politiker.

Ich begann zu recherchieren. Ich fand heraus, wo er lebt: Ein ruhiges Örtchen im bergigen Süden, reiche Gegend, vorstädtische Wohnlage, Siedlungshäuschen der Fünfziger, gepflegte Vorgärten. Ich fand heraus, wie alt er ist. Ich versuchte herauszufinden, ob er mit irgendeiner rechtsradikalen Partei assoziiert ist.

Ist er nicht.

Rudolf ist ein vermeintlich ganz normaler Mensch Anfang 60, wahrscheinlich Frührentner. Er lebt mit einer engen Verwandten in einem kleinen Häuschen, ist Mitglied in keinem Verein und geht offenbar auch keiner Tätigkeit mehr nach. Außer, Leserbriefe zu schreiben.

Und zwar viele. Manchmal kommen zwei oder drei am Tag, es können aber auch mal 25 und mehr werden. Vor ein paar Wochen kamen einmal über 30 Briefe an einem einzigen Sonntag. Manchmal ist auch wochenlang Ruhe (Urlaub? Kur? Er wird doch hoffentlich nicht krank sein?). Und dann geht es wieder los, mit neuer Kraft und umso heftiger.

Im März 2013 begann ich, die Dinger zu sammeln. Ich wollte wissen, wie lange es dauern würde, bis 2000 zusammen kämen. Im November war es soweit: 2000 Mails in rund 240 Tagen. Macht im statistischen Schnitt rund acht Zuschriften am Tag.

Erst habe ich geglaubt, Rudolf sei ein rechter Lobbyist. Er ist ja nur einer von mehreren Rudolfs, die mich mit der rechten Weltsicht versorgen: Die Zahl der geistigen Brandstifter und potentiell gefährlichen Spinner ist erschreckend.

Inzwischen halte ich Rudolf nicht mehr für einen Akteur. Er ist kein Täter, sondern schlicht ein Opfer seiner eigenen, verzerrten Weltsicht. Die vergiftet ihn ganz offensichtlich, füllt ihn mit Abscheu und Hass und Wut. Meiner Meinung nach ist er vor allem sehr, sehr einsam, wenn nicht sogar krank im psychopathologischen Sinn. Wahnsinn ist eine höchst deskriptive Vokabel: Sie beschreibt die wahnhafte Verzerrung sinnlicher Wahrnehmung. Im Klartext: Da stimmt was nicht mit der Wahrnehmung der Realität, was zu Grütze im Kopf führt. Klingt passend.

Die Vorstellung, in acht Monaten 2000 Briefe in ein digitales Nirvana zu schicken, aus dem als Antwort allenfalls ab und zu einmal ein „Hören Sie doch bitte auf damit!“ schallt, ist jedenfalls gruselig. Wie viel Zeit muss man investieren, um zwei, drei, 15 oder 25 Mails am Tag zu verfassen und zu verschicken? 

Man muss sich das einmal vorstellen. Wie Rudolf nach Themen sucht, nach negativen Nachrichten, nach Bestätigungen für seinen Hass. Den ganzen Tag. Und dann fünf, zehn, zwanzig Leserbriefe schreibt und verschickt. Immer ohne Antwort. 

Rudolf, was ist ein guter Tag für Dich? Gehst Du zufrieden zu Bett, wenn Du 30mal Hass verschickt hast? Was für ein verschwendetes Leben!

Du könntest stattdessen spazieren gehen oder kegeln, Du könntest lernen, wie man Aquarelle malt oder Bud-Spencer-Filme sehen, wenn das eher Dein Ding ist. Du könntest Menschen treffen, mit ihnen reden, Ihr könntet Karten spielen, Witze reißen oder gemeinsam Essen gehen: Deutsch, aber auch chinesisch, indisch oder türkisch. Hast Du schon mal persisches Rosen-Eis probiert, Rudolf? Dich durch Kokos und Curry zu unbekannten Gewürzen auf unerkannten Gemüsesorten durchgeschmeckt, die Dir der dunkelhäutige Kellner bestimmt gern, stolz und lustig erklären wird?

Wahrscheinlich nicht. Ich fürchte, die Rudolfs dieser Welt suchen keine Aha-Erlebnisse.

Ich habe Deine 2000 Mails am Ende ungelesen gelöscht, Rudolf, tut mir leid. Und ich habe Dich inzwischen in zig Varianten im Spamfilter verewigt. Es wirkt, das Ding hält dicht. Wenn man so will, ist mein Mailsystem auf Deine Mails optimiert. Möglich, dass Dich das sogar freut, denn das wolltest Du doch: Wahrgenommen werden.

Rudolf, lass Dir helfen.

Körper unter Strom: Marionettenspiele mit der Mimik

SPIEGEL ONLINE hat einen Artikel von mir über Leichen-Galvanisierung und frühe Elektrotherapie gebracht. Einige der Bilder daraus verbreiten sich gerade im Netz. Kein Wunder:

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Anfänge der Elektrotherapie

Leichen wecken mit Stromstößen

Von Frank Patalong

Medizinische Elektroanwendungen: Ein kleines bisschen HorrorshowAls die Elektrizität entdeckt wurde, setzten Forscher Menschen unter Strom, egal ob tot oder lebendig. Die geheimnisvolle Energie schien irgendwie zu helfen. Ein Glaube, der bizarre Blüten trieb – bis weit ins 20. Jahrhundert.
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Aufgemacht hatte ich den Artikel mit einem der berühmten Duchenne-Bilder früher Experimente über Nerven-Reizleitung. Die sehen ja auch zu gruselig aus: Dieser arme, offensichtlich weitgehend mittellose Kerl, dem da Elektroden angelegt werden, war wohl weniger „freiwillig“, wie Duchenne angab, als vielmehr bedürftig – ich hoffe, er hat mehr als ein warmes Mittagessen dafür bekommen.

Der gequälte Ausdruck täuscht allerdings auch. Die verzerrte Mimik ist das Resultat angelegter kleiner Spannungen. Duchenne legte Elektroden ganz gezielt an Nerven an, um Reaktionen der Muskulatur zu erzeugen. Das wirkt wie Puppenspielerei, war aber natürlich weit mehr: Auch wenn Duchenne für seine Fotos ganz offensichtlich gern nach Punkten suchte, die besonders lustige Resultate erbrachten, war das Wissenschaft. Er führte den Nachweis, dass elektrische Signale eine wichtige Rolle im kommunikativen Intranetz unserer Nervenbahnen spielen. Die therapeutischen Implikationen waren klar und führten auch ziemlich umgehend zu entsprechenden Anwendungen – Duchenne gilt als einer der Väter der Neurologie.

Schmerzhaft war das alles für seine Freiwilligen wohl eher nicht. Tatsächlich gibt es in Duchennes Foto-Atlas zu seinen Experimenten auch mehr als nur dieses eine Modell, das immer wieder gezeigt wird, eben weil seine Bilder die „lustigsten“ sind. Duchenne hatte weitere Freiwillige, die sich Elektrisieren und Fotografieren ließen. Die Frauen darunter waren offenbar weit weniger gewillt, wissenschaftlich sanktioniertes Infotainment zu liefern. Wenn man einmal davon absieht, dass Duchenne mit einer seiner Freiwilligen auch einen Gesichtsausdruck der heiligen Andacht produzierte, bei der sie in weiß gewandet mit gefalteten Händen niederkniet – das wirkt schon reichlich ironisch inszeniert.

Mein persönliches Lieblingsfoto ist aber gänzlich unspektakulär. Meine Tochter, die für mich im letzten Jahr Bilder aus dem Duchenne-Atlas von 1876 zog und bearbeitete, brachte den Ausdruck der Elektrisierten auf den Punkt – mit dem Dateinamen, den sie dem Bild gab: „moderne_frau.jpg“.

Passt perfekt, finde ich: