Essen mit Mehrwert: Zuckertüten mit soziodemografischer Botschaft

Sonntag, Dinslaken: Das Niederrheinstädtchen war von jeher eine Art Vorort des Ruhrgebiets. Früher wohnten da die Meister und Vorarbeiter, die Büroangestellten und alle, die sich bei der Arbeit die Finger nicht mehr schmutzig machten. „Bürgerlich“ könnte man sagen, wenn es nicht Pott wäre.

Und heute? Geriatrisiert das einst gentrifizierte Dinslaken allmählich. Der Studienrat wohnt da noch immer lieber als in Walsum oder Oberhausen, aber vor allem steigt der Altersdurchschnitt ständig.

Die Pensionäre dort haben im Schnitt wohl mehr Geld auf der Tasche als im naheliegenden nördlichen Ruhrgebiet. Sie bleiben, obwohl die Stadt in den letzten Jahren alles versucht hat, aus ihrer Innenstadt eine seelenlos-austauschbare Betonwüste zu machen. Der verblüffende Effekt: Der völlig am Bedarf vorbeigeplante Bau eines dieses neuen Einkaufstempel hat anders als anderenorts sogar dazu geführt, dass die alten Einkaufsstraßen merklich belebt wurden. Depression herrscht stattdessen im neuen Einkaufstempel, einem fast beispiellos hässlichen Bunker. Die Wetten stehen darauf, dass er nicht mehr als zwei Jahre macht.

Schauplatz Restaurante La Romantica, der Lieblings-Italiener meiner Mutter. Gut, und das auch in den „gehobenen“ Gerichten abseits von Pizza und Pasta. Das Angebot an Fisch und Fleisch ist angemessen klein, durchdacht und frisch. Agnello alla erbe, zartrosa, gut gewürzt: Früher nannte man so etwas ein „Sonntagsessen“.

Nachher dann natürlich noch ein Kaffee, Crema ist die Wahl. Nur ein wenig Zucker dazu, und dann das: Sogar das Zuckertütchen bietet noch Mehrwert!
Vielsagend, oder?

guenstig
Zuckertütchen mit sozio-demografischer Botschaft: Ruhrgebiet 2015

 

 

 

 

Journalistenpreis Ruhr: Bin ausgezeichnet

Was der Miss die Schärpe, dem Gaul das blaue Band Band und dem Sportler die Medaille, ist dem Journalisten der Preis: 38 Jahre, nachdem ich das letzte Mal bei den Bundesjugendspielen eine Ehrenurkunde gewinnen konnte, bin ich gestern Abend mit dem Journalistenpreis der Metropole Ruhr, dem Lorry in Bronze, ausgezeichnet worden. Viereinhalb Kilogramm schwer ist die schöne, stählernde, stilisierte Lore, und hat für mich in mehrfacher Hinsicht Gewicht.

Denn gewonnen habe ich das Ding mit einer Geschichte, die für mich auch ein Stück Abgesang auf die verschwundenen Straßen meiner Kindheit war. Vordergründig geht es um Matthias Langhoff, den aller Voraussicht nach letzten Wirt des „Walsumer Hof“, der noch immer dort steht, wo einst das Walsumer Oberdorf stand – völlig isoliert direkt in der Einfahrt eines frisch erbauten Kohlekraftwerks. Eigentlich geht es aber um etwas anderes: Um Heimatverlust.

Bei der Preisverleihung merkte ein Jurymitglied an, dass es augenfällig sei, wie viele der Geschichten sich „an der Vergangenheit des Ruhrgebiets“ aufhingen, an „alten Klischees“.

Das ist eine (möglicherweise gewollte) Fehlwahrnehmung. Dem Wunsch nach Besserung und Strukturwandel steht im Pott noch immer auch eine andere Wirklichkeit gegenüber, eine oft aberwitzige Gegenwart. Das Walsumer Oberdorf, um das es in meiner Geschichte geht, ist erst im letzten Jahrzehnt entvölkert und evakuiert, planiert und mit einem leider nicht funktionierenden Kraftwerk überbaut worden. Das ist eine viele Millionen Euro teure Realsatire, aber es ist auch eine ganz typische Pott-Geschichte, die anderenorts kaum vorstellbar wäre.

Dieses rigorose Terraforming, bei dem Stadtviertel entstehen oder verschwinden und Landschaften sich innerhalb weniger Jahre völlig verändern, ist Pott-typisch, und es passiert auch in diesem Augenblick: In Hamborn, wo man ein Viertel umsiedelt, um ein Einkaufszentrum zu bauen, in Dortmund und Essen, wo künstliche Seen und neue Stadtviertel anstelle alter Strukturen entstanden und entstehen, in Bruckhausen, wo uralte Stadtstrukturen zu einem Grüngürtel planiert werden.

Walsumer Hof: Restaurant in Kraftwerkseinfahrt

Solche Dinge produzieren natürlich entsprechend krasse Geschichten, die man nicht im eigentlichen Sinne schreiben muss, sondern nur auf. Das ist kein kreativer, sondern ein dokumentierender Akt. Wer nachlesen will, was für verrückte Geschichten das Ruhrgebiet noch immer produziert, kann das im Archiv von SPIEGEL ONLINE: „Der letzte Wirt“ heißt der Artikel.

Dass es gerade dieser Artikel war, der die Jury für sich gewinnen konnte, hat mich enorm gefreut. Journalisten sind Serientäter, wir produzieren nonstop. Das meiste hat aktuellen Bezug und ist übermorgen schon völlig irrelevant. Ich habe in den letzten 22 Jahren geschätzt 4500 Meldungen, Artikel etc. veröffentlicht. Wirklich persönlich wichtig sind mir in Rückschau davon vielleicht zehn Stück. „Der letzte Wirt“ ist eine davon.

Kloppos Klopper: Huldigung an einen Wortartisten

Borussia Dortmund alias Lüdenscheid Nord ist jetzt nicht gerade der Verein, an dem man Herz hängt. Man muss aber fair zugestehen, dass die in den letzten zwei Jahren Deutschlands besten und schönsten Fußball gespielt haben. Zudem haben sie die Bayern souverän abgewatscht und auf die Plätze verwiesen. Das ist natürlich ein Verdienst, den man ihnen gar nicht hoch genug anrechnen kann.

Zu verdanken haben sie das nicht zuletzt diesem unrasierten Typ, der auch Karriere als Schlagzeuger bei den Muppets hätte machen können: Jürgen Klopp. Dessen größtes Verdienst aber ist es, dass er etwas völlig Neues in die sonst übliche Schwafel- und Phrasensoße des deutschen Fußballs eingebracht hat: Ironie.

Kloppo ist der absolute Meister darin, absolut bescheuerte Reporterfragen höchst intelligent zu kontern. Er ist kein Quer-, sondern ein Schrägdenker. So etwas ist ein seltenes Talent und verdient Würdigung. Hier also eine kleine Huldigung.

Meine 10 liebsten Kloppo-Zitate, eines ist noch ganz frisch.

Platz 1: „Den Weidenfeller müssen wir uns manchmal schön saufen.“ (verständlich!)

Platz 2: „Ein Schönheitschirurg würde sagen: Enthauptungen mache ich nicht.“ (auf die Anregung, doch als Retter zum FC Köln zu wechseln)

Platz 3: “Ich hab’ meinen Spielern in der Pause gesagt: ‚Wenn wir schon mal hier sind, können wir doch eigentlich auch ein bisschen Fußball spielen.’”

Platz 4: „Der Koller ist 20 Zentimeter größer als unsere Spieler. Es ist eigentlich nicht fair, dass der mitspielen darf.“

Platz 5: “ Wir werden auf ihn warten wie eine gute Ehefrau, die auf ihren Mann wartet, der im Knast sitzt.“ (über den damals verletzten Mats Hummels)

Platz 6: „Wir treten nicht mit vollen Hosen an. Ich habe extra noch mal nachgeschaut.“

Platz 7: „Vielleicht spielen wir zum 1. Advent statt des Tannenbaum-Systems einen Adventskranz.“

Platz 8: „UEFA-Cup-Feeling? Ist das sowas wie Sodbrennen?“

Platz 9: “ Im Spiel denken die Spieler ab und zu selbständig, und man sieht ja, was dabei raus kommt.“

Platz 10: “Beim ersten Interview war ich sehr enttäuscht. Beim zweiten zehn Minuten später ging es schon besser. Wenn ich noch eine halbe Stunde warte, dann habe ich wahrscheinlich das Gefühl, dass wir gewonnen haben.”

Und weil es so schön ist noch ein paar, in Persona, zum genießen:

Nach der Wahl

Als meine Kinder anfingen, Politik wahrzunehmen, versuchte ich, ihnen das mit den Parteien zu erklären. Dass es dabei zum einen um Programme gehe, die sich aber oft gar nicht so sehr unterscheiden, wohl aber die generelle Haltung dieser Parteien gegenüber dem Leben oder den Menschen. Wofür steht so eine CDU, SPD, Grüne, FDP? Seht Euch die Leute an, sagte ich, was und wie sich darstellen. Um wen sie sich kümmern, wen sie ablehnen. Und dann fragt Euch, wo Ihr da stehen wollt.

Sie begriffen schnell, dass es dabei um grundsätzliche Dinge geht. In der Politik, so wie wir sie seit Staatsgründung kannten, gab es immer diese grundsätzlichen, oft für ein Leben getroffenen Entscheidungen. Neue Wähler erbten die Parteien regelrecht.

Das war bei mir so, der ich der roten Hochburg des Duisburger Nordens aufwuchs. Das war auch im Rhein-Sieg-Kreis nicht anders, der CDU-Hochburg, wo meine Kinder aufwuchsen. Viel zu lang konnten Parteien hier wie dort jeden Mist machen, ohne vom Wähler dafür bestraft zu werden.

Offenbar ist das vorbei, was eine tolle Nachricht wäre. Keine Partei kann sich mehr ihrer Hochburgen sicher sein. Wer das für eine schlechte Nachricht hält, glaubt immer noch, Politik sei eine Verwaltungsaufgabe, und keine gestalterische. Die wachsende Vielfalt tut gut. Vielleicht endet dann irgendwann sogar dieses blöde Geschwafel von der „Wahl des kleinsten Übels“ und vom „wir können daran doch nichts machen“. Meine Kids waren gestern wählen, und sie haben ihre Wahl durchdacht und bewusst getroffen. Egal, was sie gewählt haben – sie waren Gewinner.

Bildquelle: Landeswahlleiterin NRW