Online-Publishing: Perlen hinter Pay-Walls

Heute morgen ging eines der aufwändigsten Stücke, die ich in nun bald 20 Jahren für SPIEGEL Online produziert habe, hinter der Paywall von SPIEGEL Plus online. Für mich keine ganz neue Erfahrung, ich habe im letzten Jahr auch viele Artikel für Daily geschrieben, die ja auch „nur“ für Abonnenten sichtbar waren.

Trotzdem sind das merkliche Veränderungen, die für Schreiber wie Leser gewöhnungsbedürftig sind.

Wir Autoren müssen uns wieder an den Gedanken gewöhnen, mit unserer Arbeit nicht mehr die ganz große Masse zu erreichen. Beim für jedermann abrufbaren SPON finden manche Artikel sechs-, selten auch einmal siebenstellige Leserzahlen.

Das war lange Zeit sehr befriedigend. Weniger befriedigend war allerdings schon immer, dass auf der großen, kostenlosen Plattform die Agenturmeldung mit 650 Zeichen auf Augenhöhe mit dem Autorenstück konkurriert, in das jede Menge Know-how, Tage von Arbeit mit Recherche- und unter Umständen Reiseaufwand flossen. Wenn man Pech hat gewinnt dann gerade die profane Agentur („Das neunte Mal: Promi XYZ heiratet wieder“) gegen das Relevante, Schöne, Erhellende, das nicht wahrgenommen wird.

Für den Leser war und ist die große Plattform ein Selbstbedienungsladen, in dem Perlen neben Plörren liegen. Beim Klick auf eine Überschrift weiß auch er/sie nicht, ob es nun knappste Agenturware, die man auch anderenorts findet, oder tief ausrecherchiertes Exklusives gibt. Manchmal ist die Überraschung positiv, oft aber auch nicht.

In gewissem Sinne schafft ein Pay-Angebot wie Plus hier klare Verhältnisse: Was bezahlt werden muss, soll auch etwas wert sein.

Das ist ein Ansatz, der Produktenttäuschung vermeiden muss, sonst funktioniert er nicht. Ich weiß, dass Viele das nicht so sehen, aber ich halte es inzwischen für einen Fortschritt. Wie sonst soll man journalistischen Aufwand refinanzieren?

Nehmen wir mein Nordirland-Stück: Ich bin dafür sechs Tage entlang der inneririschen Grenze unterwegs gewesen. Zurück kam ich mit elf Interviews mit einer Gesamtlänge von über sechs Stunden, von denen nur Auszüge aus Vieren in den Artikel einflossen. Sowas muss man sichten, zumindest in Teilen transkribieren, übersetzen. Dann kommt das Schreiben, die Recherche von Background, die Überprüfung von Quellen. Die technische Produktion, das Layout. Insgesamt, schätze ich, sind da gut zehn bis elf Tage eingeflossen.

Das Resultat: Ein Artikel mit Stimmen und Informationen, die man heute definitiv nirgendwo anders wird lesen können – und für die man Tage braucht, um sie zusammenzutragen. Exklusiver Inhalt, dessen Entstehung viel zu aufwändig war, um ihn verschenken zu können. Es würde sich nicht rechnen.

Man muss das Aufkommen von Pay-Modellen im Online-Publishing nicht bejubeln. Leser zahlen nicht gern, und Schreiber haben gern viele Leser. Beide mögen es aber auch, wenn das Produkt – der Artikel, der Hörfunk- oder Videobeitrag – von einer Qualität ist, die befriedigt. Wir alle werden uns wohl mittelfristig daran gewöhnen müssen, dass so etwas immer häufiger einen Preis haben wird.

Es ist eine pragmatische Entscheidung, denn die Alternative dazu ist, dass Aufwändiges erst gar nicht mehr entsteht. Die Perlen im Publishing werden wir künftig hinter Pay-Walls finden.

Happy Friends Day: Hey! Ho! Juchuuuu!

Heute vormittag habe ich bei SPIEGEL ONLINE einen kurzen Artikel über den „Friends-Day“ von Facebook veröffentlicht. Der Text hat am Ende eine Pointe: Er zeigt, dass die tanzende Figur, die Facebook seinen Nutzern serviert, im Grunde dafür gedacht ist, die dazu zu bringen, die Datenbasis über eben diese Nutzer händisch zu verbessern.

Im Klartext:

Der Friends-Day ist ein Data-Mining-Trick, der etwas leisten soll, was Facebook mit Algorithmen allein nicht hinbekommt: Zwischen reinen Facebook-Freunden und echten sozialen Beziehungen zu unterscheiden. Also herauszufinden, wer wem besonders wichtig ist, und wer besonders eng mit wem verbunden ist. Es ist ein Tool, das auf die Privatsphäre der Nutzer zielt und versucht, deren Beziehungen besser zu erfassen.

Ich verglich diesen „Freudentänzer“ mit dem Trojanischen Pferd: Ein Ding, das wie ein Geschenk aussieht, aber zum eigenen Vorteil arbeitet.

Wenige Minuten, nachdem der Artikel veröffentlicht wurde, bewarb ihn unser Social Media Team bei Facebook.  Die Kollegen teaserten: „Hinter Facebooks #Friendsday steckt ein perfider Plan, vermutet Frank Patalong.“

Interessant ist, was folgte. Der Post wurde bisher über 520mal geteilt, vor allem aber über 120mal kommentiert. Und fast ausnahmslos bekam ich Haue: Nicht, weil ich auf den Data-Mining-Trick hingewiesen hatte – das scheint den meisten Leuten weitgehend egal zu sein. Sondern weil ich es gewagt hatte, in dem Artikel einen Unterschied zwischen echten und Facebook-Freundschaften zu behaupten.

Man wirft mir nun vor

  • dass ich mich bei Facebook mit Leuten befreunde, die ich nicht kenne
  • dass ich ja nicht jede Anfrage annehmen muss, wenn ich die Leute nicht kenne
  • dass ich alte Hüte verbreite, weil ja jeder weiß, dass ein Facebook-Freund kein echter Freund sei
  • dass ich angeblich eine schlimme Kindheit hatte
  • dass ich „Vollpfosten“ selbst schuld sei, weil ich zuviele Freunde sammele

…und so weiter.

Am niedlichsten sind die, die mich darauf hinweisen, dass ich „im übrigen auch das Video (vor dem Veröffentlichen) ändern und sich die ‚Freunde‘, die drin erscheinen sollen, aussuchen“ könne.

Ja, genau, darum ging es in dem Text. Darum, dass man, wenn man das tut, Facebook hilft, Persönlichkeitsprofile zu schärfen. Data-Mining. Aber sorry, dafür hätte man den Text natürlich bis zum Ende lesen müssen. Was natürlich viel verlangt ist.

Einige wenige helfen mir dann, trotzdem mein Bild vom mündigen Leser zu bewahren.

Nach dem Lesen von zehn Kommentaren muss ich sagen: Manchmal (…)  tut ihr mir leid, dass ihr euch mit so viel schwachsinnigem Themaverfehlungsgelaber rumärgern müsst. Also, mein ernst gemeintes Beileid dazu. Guter Artikel. Danke.“

Nein, Dank zurück. Von ganzem Herzen.

Seufz: Die Post ist da

Heute früh, in meinem Email-Postfach:
 
„Sehr geehrter Herr Patalong,
seit Juni 2016 kann man sich bei der XXXXXXXX AG deutschlandweit zur Fachkraft für Lagerlogistik weiterqualifizieren.
Die Fakten dazu finden Sie hier als druckfähige Datei. Möchten Sie weitergehende Informationen, dann klicken Sie auf XXXXXXX oder rufen Sie einfach an.
Im Fall einer Veröffentlichung freuen wir uns über Belegexemplare, gern auch als PDF.
 
Mit freundlichen Grüßen
Frau PXXXX
Marketing & Organisation“
 
Das ist professionelle PR.
Komplett unzielgerichtet, völlig erratisch und absolut nutzlos.
Selbst wenn das Thema irgendetwas mit mir und meiner Arbeit zu tun hätte, wo sollte ich das veröffentlichen? Bei SPIEGEL ONLINE?
Ein guter Plan! Schlagzeile:
„XXXXXX bildet Lagerpacker aus!“
Vielleicht sollte sich auch Frau PXXXX da mal weiterqualifizieren. Vielleicht packt sie das besser als PR.
 
P:S: Ich habe absolut nichts gegen Lagerarbeiter.

Rrrrrrrrrrrssssssssssssssss….

Total cool, endlich erforscht das mal einer:

„Sehr geehrte Redaktion,

mit unserem heutigen Pressetext möchten wir Sie über die Ergebnisse unserer aktuellen Studie zum Thema „Staubsaugen im Visier: Österreicher mögen es staubfrei“ informieren:

Österreichs Online Markt- und Meinungsforschungsinstitut Marketagent.com lüftet Geheimnisse rund um die Hausarbeit Staubsaugen. 1.035 Personen zwischen 18 und 69 Jahren wurden zu ihrem Staubsaugverhalten, als auch rund um ihre Einstellung und Wahrnehmung der bekanntesten Staubsaugermarken befragt. Ergebnis: Jeder achte Befragte staubsaugt einmal in der Woche oder öfter zuhause. Am häufigsten wird dazu der Bodenstaubsauger verwendet.“

Ehrlich?
1.035 Österreicher waren bereit, sich über ihren Saugerythmus befragen zu lassen?
Und nicht nur das: Auch über die besten Sauger-Marken (hier aus offensichtlichen Gründen weggelassen)?
Wow.

Wer sich fragt, wie man zu solchen Studien kommt, sehe sich auf der Unternehmenswebseite um: Hinter solchen Befragungen stehen natürlich zahlende Auftraggeber.  Als Befragter verdient man hingegen Geld damit. Zitat: “ An Online Umfragen teilnehmen – Mit jeder Umfrage online Geld verdienen“.

Im Klartext: Die „Studie“ basiert auf 1035 bezahlten Antworten.

Um so bitterer, dass so ein Müll trotzdem regelmäßig in Medien landet. Ein Wunder ist es aber leider nicht: Wir Redakteure bekommen so etwas als kostenlosen Inhalt angeboten, und wenn wir nachfragen, gibt es meist noch eine schicke Infografik dazu. Ein wachsende Zahl kleinerer Medien – Online wie Print – bekommt ihren redaktionellen Teil nur noch mit immer größerer Mühe produziert – mangelnde Zahlungsbereitschaft, miese Werbeumsätze und (bei Onlinemedien) dann noch Adblocker obendrauf entziehen ihnen die finanzielle Basis. Kein Wunder, dass sie PR-Mist allzu oft Eins-zu-Eins bringen, ohne Rückfrage, ohne Blick darauf, wo der Müll herkommt.

Wetten, dass wir sowas immer häufiger sehen werden?