Verstummt: manchmal ist das besser

Ich habe dieses Blog in den letzten Monaten kaum noch gepflegt. Mir war nicht nach Bloggen. Meine Familie hat seit Oktober 2012 eine persönliche Katastrophe erlebt, die meine Zeit und mein Denken in erheblichem Maße in Anspruch genommen hat. Wir hatten einen mit einer schmerzlichen Leidenszeit verbundenen Todesfall. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die solche privaten Dinge öffentlich ausleben.

Ich habe es trotzdem als Druck empfunden, die von mir normalerweise mit Texten und Gedanken beschickten öffentlichen Plattformen weniger intensiv beackert zu haben als sonst üblich. Ich finde das bedenkenswert. Es ist, als hätte dieses Medium einen inhärenten Druck, nach dem ersten Schritt auch immer weitere zu tun.

Ich verweigere mich dieser Verlagerung meiner Privatsphäre ins Netz und glaube, dass es besser für uns alle wäre, wenn wir das alle täten. Dass ich meine „Geschichte“ der letzten vier Monate nicht öffentlich gemacht habe, hat in meinem Empfinden ihre Würde bewahrt. Sie häppchenweise in Blog oder bei Facebook zu posten, hätte ich als Entwertung eines auf quälende Weise intimen Vorgangs empfunden – es hätte sie zum konsumierbaren öffentlichen Gut gemacht, zu einer „Geschichte“ eben. Das öffentliche Ausleben in „Echtzeit“ trivialisiert die Dinge, die uns im tiefsten Inneren erschüttern sollten und eigentlich danach verlangen, erst einmal verarbeitet zu werden.

Viele Leute tun das trotzdem, ich empfinde das als Fehler. Es ist auch ein Vertrauensbruch gegenüber denen, über die wir dann schreiben: sie sollten im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stehen, und nicht unsere eigene Befindlichkeit.

Die relevanten Geschichten unseres Lebens sollten wir nicht beiläufig erzählen. Das heißt nicht, dass Blogs oder Social Media nur Räume für Belanglosigkeiten sein sollten. Im Gegenteil: Belanglos werden die Dinge dadurch, dass man sie als Wasserstandsmeldungen über die eigene, aktuelle Gefühlslage in die Welt hinausbläst. Bei Facebook hat die echte Katastrophe nicht mehr Gewicht als das Posting über die Grippe oder den Pickel auf der Nase, mit denen man am Morgen aufwacht. Die Anteilnahme misst man in allen Fällen mit „Likes“ und „hdgdl“ – nur wenigen fällt noch auf, wie bescheuert das ist. Mir kommt das sehr einsam vor, als ersetzte die Veröffentlichung den Trost durch real Mitleidende oder Nahestehende.

Es ist gut möglich, dass ich irgendwann öffentlich mache, was wir in den letzten vier Monaten erlebt haben. Ich werde das aber nur dann tun, wenn ich eine Form dafür finde, die auch dem Leser etwas bringt. Wenn ich die nicht finde, bleibe ich lieber stumm.