Guagua und Motoconcho: mobile Kulturschocks

Andere Länder, andere Sitten, heißt es, aber heute ist das meist gelogen. Die Globalisierung hat dafür gesorgt, das vom Warenangebot über die Musik bis zum Fernsehen weltweit weitgehend Einheitsbrei herrscht. Draußen auf der Straße allerdings gibt es noch kleine bis mittlere Kulturschocks. In der DomRep bietet die vor allem der Straßenverkehr selbst, wenn man dieses lebensgefährliche Chaos so nennen will. So gut wie jeder Reiseführer rät davon ab, dort selbst einen Mietwagen zu fahren. Normalerweise pfeiffen wir auf so etwas, in diesem Fall aber brauchten wir nur wenige Minuten, um den Sinn der Warnung zu verstehen.

Der Straßenverkehr auf zweispurigen Straßen läuft inner- wie außerorts bis zu fünfspurig. Dabei ist nicht unbedingt gesagt, dass alle, die rechts fahren, auch in die Richtung unterwegs sind, die man dann normalerweise vermutet. Vorfahrtregeln scheint es auch keine zu geben: Oft fädelt sich ein Wagen aus linken Querstraßen sukzessive diagonal über die Spuren in den Verkehr ein – mit voller Beschleunigung, versteht sich. Wenn man Pech hat, wird man in so einem Augenblick parallel rechts überholt. In Dörfern scheint die Geschwindigkeit auf 5 bis 90 Km/h reguliert zu sein – schließlich gehören auch Pferde zum Straßenbild. Wer es eilig hat, hupt audauernd, um die auf der Straße spielenden Kinder vor der Druckwelle zu warnen.

In den ersten zwei Stunden Fahrt haben wir öfter mal vor Schreck geschrien oder hysterisch gelacht, wenn wir glaubten, unser Fahrer würde gleich zum Mörder. Der lächelte dann höchst relaxed, drehte sich zu uns um und meinte „No problem, no problem!“. Wir unterdrückten die Schrecklaute daraufhin, um unsere Chancen zu erhöhen, die Fahrt zu überleben. Aber wie das so ist: man gewöhnt sich schnell an so ziemlich alles. Am Ende unseres Urlaubs dort nickten wir eher anerkennend, wenn dem Fahrer wieder eine besonders souveräne Katastrophenvermeidung gelang. So ist das Leben.

Zutiefst beeindruckt haben mich allerdings die öffentlichen Verkehrsmittel: Das Motoconcho und das Guagua.

Ein Guagua ist ein meist uraltes, gerade noch fahrtüchtiges, als Sammeltaxi genutztes Fahrzeug, von dem seine Entwickler fälschlicherweise glaubten, es wäre für den Transport von  vier bis fünf Personen gedacht. Ein Irrtum, weil so ein Ding ja viel mehr kann: In unserem ersten Guagua saßen wir zu zehnt, den von uns gezählten Rekord sieht man in der Bildergalerie: 16 Personen in und auf einem Pickup – plus Ladung versteht sich. Die kann aus Reissäcken bestehen, aus Hühnern, Baumaterialien, Gasflaschen oder großen Benzinkanistern, die die Guaguas von Ort zu Ort transportieren. Dort wird der Sprit in Bierflaschen umgefüllt, die an kleinen Straßenständen präsentiert dann als informelle Zapfstellen für das zweite und häufigste Verkehrsmittel dienen, das Motoconcho.

Gemeint ist damit ein schwachbrüstiges, aber meist satt frisiertes Motorrädchen mit 50 bis 150 Kubik und sechs Fußrasten. Die brauchen die Dinger, weil anscheinend ausnahmslos jedes dieser Moppeds auch ein „Taxi“ ist, das man jederzeit anhalten kann, bis es voll ist.

Und das ist bei drei bis sechs Personen der Fall: Sechs – zwei Erwachsene, drei Kinder und ein Säugling – war der von uns bestaunte Rekordfall, drei bis vier Personen ist dagegen schon fast der Regelfall. Weniger Personen transportiert das Motoconcho allerdings dann, wenn Damen darauf Platz nehmen. Denn die sitzen darauf natürlich im Damensitz, also quer. Platz bleibt dann allenfalls noch auf dem Gepäckträger, was man allerdings auch des öfteren sieht. Wer einen empfindlichen Hintern hat, legt sich eine leere Plastikflasche als Kissen darunter.

Das alles ist unglaublich witzig und wahnsinnig anarchisch. Polizisten am Straßenrand drehen sich noch nicht einmal um, wenn ein Concho mit vier Personen vorbeiächzt, dessen Fahrer auf dem Tank sitzend telefefoniert, während ihm während der Fahrt eine Zigarette im Mundwinkel hängt. Auch das geht, weil es zwar Helmpflicht gibt, offenbar aber keine Helme. Weniger witzig ist dann auch die Konsequenz aus diesem Verkehrswahnsinn: Die DomRep gilt als der karibische sowie mittelamerikanische Staat mit der höchsten Unfall- und Totesopferquote im Straßenverkehr. Da hört der Humor dann auf.

3 Antworten auf „Guagua und Motoconcho: mobile Kulturschocks“

  1. Kann man so sagen. Das ist erschreckend, aber wohl ohne Alternative: Es ist die einzige ÖNV-Infrastruktur, die die haben. Und sie funktioniert überraschend gut.

    1. Manchmal muss man sich auch nur dran gewöhnen. In den USA hat z. B. immer der Vorfahrt, der als erstes die Kreuzung erreicht hat. Fand ich zu Beginn ziemlich seltsam, hat aber immer klasse funktioniert. :-)

  2. Ist nicht gerade das, was wir in Deutschland gewöhnt sind. Beim Anblick von kleinen Kindern auf Motorrädern wird mir aber doch unbehaglich.

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