Glööckler für Arme: Lurchbürger

Darf ich mich mal outen? Mit einem kleinen gegentrendigen Bekenntnis?

Ich mag Augenbrauen. Klingt jetzt nicht so gewagt, ist es aber. Ein wachsender Teil der Bevölkerung hat zur Braue ein ähnliches Verhältnis wie zu Achselhaaren. Ich nicht.

Laut Wikipedia schützen Brauen die Augen vor Nässe, „die am Gesicht herunterläuft, oder vor zu starker Sonnenlichteinstrahlung“. Daneben senden wir damit kommunikative Signale.
Vor allem aber sind sie schön.

Nicht hässlich: Natürlich gewachsene Augenbraue
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Sie lenken unsere Aufmerksamkeit auf Gesicht und Augen. Ich sage nur: Ali McGraw, Isabelle Adjani, Sophie Marceau, Audrey Hepburn!

Alles wahre Augenbrauen-Monster – so wie die heutige Beauty-Riege von Scarlett Johansson über Amy Adams bis Eva Mendes. Ohne ihre Brauen wären das austauschbare, konturlose Gesichter. Die wissen, warum sie ihren Vorderschädel nicht rasieren und Schein-Brauen mit gekonnt geschwungenem Pinselstrich anderweitig platzieren, wenn nicht gleich – wie einst Daniela Katzenberger –  einfach irgendwo auf den Schädel tätowieren.

Sorry, ich finde das hässlich. Es sieht immer billig aus. Früher gehörte das zu den Marotten durchgeknallter 70-jähriger, die sich dazu das weiße Haar pink oder blau färbten. Heute macht es sich ausgerechnet in der jungen Generation breit, die Haarlosigkeit ja generell für eine Tugend hält.

Die Steigerung dieser absurden Stil-Verirrung ist aber der Augenbrauen-gezupfte oder gar rasierte Mann.

An unserer örtlichen Tankstelle steht so ein Ballermann: Fast zwei Meter groß, Burger-und-Pommes überfüttert, aber Bodybuilding-gestählt und chemisch gebräunt. Und dann: kunstvoll getrimmter Bart der Marke „Jeden morgen nur eine Stunde!“ – und über den Augen zwei fein definierte Bögen von einer Perfektion,  die die meisten Transvestiten gern vor dem Auftritt hinbekommen würden. Inklusive abschließendem, neckischen Kajal-Swoooooooooosh, der die Braue zu einem kühnen Haken stilisiert, wie er in der Natur garantiert nicht vorkommt.

Jedes Mal, wenn ich da tanke, starre ich dem auf die Stirn.

Er hat schwarze Haare, rasiert seine Brauen und zieht sie dann mit einem feinen Kajalstrich nach. Jetzt noch eine Glatze und er könnte den Harems-Eunuchen in einem B-Movie der frühen 50er spielen. Oder Dschingis Khan in einem Stummfilm der 20er. Oder Glööckler für Arme.

Hat der keine Freunde? Die ihn mal ein wenig beraten könnten? Ihm mal ehrlich sagen, wie er aussieht?

Der Junge ist vielleicht 20. Modisch kommt er natürlich aus der Litfaßsäulen-Ecke, in der man astronomische Summen dafür bezahlt, metergroße Logos irgendwelcher Bling-Bling-Marken durch die Gegend zu tragen. Es macht sich breit, überall. Invasion der Schaufensterpuppen.

Gestern habe ich in unserem SPAM-Angebot endlich ein Wort für diese Verirrten  gefunden: Das sind Lurchbürger.

Da weiß man doch sofort, was gemeint ist. Für mich das schönste und treffendste Neuwort seit Jahren.

Der enthaarte Mann: Endlich hat das nackte Grauen einen Namen.