Koalitionspoker: Verlieren kann man dabei nur sich selbst

Drei Wochen nach der Bundestagswahl kommen heute CDU und SPD zur zweiten Sondierungsrunde zusammen. Die SPD, heißt es, erwarte „klare Zusagen“.

Die haben wohlmöglich auch die Wähler der SPD erwartet, als sie zur Wahl gingen. Im Ernst: Oft wünsche ich mir die Zeiten zurück, als Politik noch polarisierte. Als noch nicht jeder mit jedem konnte oder wollte. Als es um mehr ging als um Teilhabe an der Macht, um Gestaltungsfragen im Detail, um Pöstchen und Zugeständnisse.

Eines der primären Probleme der SPD ist, dass sich ihre Wählerschaft noch längst nicht davon verabschiedet hat, sich selbst als Werte-orientiertes Lager zu sehen. Schon wahr, viele von denen, für die das gilt, haben sich mit der Agenda 2010 in Richtung Linke verabschiedet. Trotzdem gilt noch immer: Eine Stimme für die SPD ist eine Entscheidung für eine bestimmte Prägung von Politik, für eine Sicht der Welt, die auch idealistisch ist und nicht nur pragmatisch oder zynisch.

Das primäre Problem der SPD-Wählerschaft ist darum, dass sich die Partei – zumindest auf Spitzen-Ebene – leider längst davon verabschiedet hat, sich selbst als Werte-orientiertes Lager zu sehen. Im Koalitionspoker geht es ihr nur um Teilhabe an der Macht, um Gestaltungsfragen im Detail, um Pöstchen und Zugeständnisse. Mitunter wird es reichen, wie man das Kindchen nennt, um kleine Siege zu verkünden, wo in Wahrheit nichts durchgesetzt, keine Weiche anders gestellt, nichts anders gestaltet wird.

Am Ende dieses Trauerspiels wird die SPD aller Erwartung nach als vermeintliche Siegerin in eine Regierung einziehen, in der sie sich wieder ein Stück verliert, vor allem aber ihre Wähler. Ich habe mein Kreuz auch bei SPD gemacht, und ich tat das wider besseren Wissens in der Hoffnung, nicht noch eine Merkel-Regierungszeit erleben zu müssen. Meine Stimme war nicht dafür gedacht, Frau Merkel die Macht zu erhalten. Ich vermute mal, das habe ich mit den meisten SPD-Wählern gemein.