Strom ist gesund: Oma im Käfig

Was ist das, ist man mitunter geneigt zu fragen: Ein Oma-Grill (siehe unten)? Mitnichten: Die Anfänge der Elektrotherapie produzierten diese prächtigen Bilder, die heute wie Realsatire erscheinen. Viele dieser Maschinen sind Paradebeispiele für den mächtigen Placebo-Wert aufwändiger Medizingeräte.

Vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts hielt sich hartnäckig die Mär, Strom sei mit der mysteriösen Energie gleichzusetzen, die dem Mensch das Leben gibt. Nach Entdeckung des „galvanischen“ Stroms versuchte man rund 40 Jahre lang, Leichen durch Schocktherapien wieder zu wecken. So ganz klappte das bekanntlich nicht, dafür entdeckte man auf dem Weg einige andere Möglichkeiten, Elektrizität zum Wohle lebender Patienten in deren Körper zu bekommen.

Die Bilder der abgefahrensten Maschinen, die man sich dafür ausdachte, begegnen uns im Web immer wieder. Hier sind zwei, die fast exemplarisch sind.

Sie stammen aus dem Versandkatalog „Hochfrequenz-Therapie: Arsonvalisation – Fulguration“ der Firma Reiniger, Gebbert und Schall, 1886 gegründet und 1925 von Siemens & Halske übernommen. Der nicht datierte Katalog stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1909 oder 1910.

Die erste Maschine (Klick aufs Bild für Großversion) erklärt sich quasi selbst. Der Patient sitzt und hält einen Kontakt, der ihn mit der nicht gerade zierlichen Stromquelle im Hintergrund verbindet (das Ding in der Mitte ist die Batterie, eine „Leydener Flasche“, rechts und links stehen nur Spulen). Der Mediziner hält den anderen Kontakt und verabreicht dem Patienten vermeintlich heilsame Stromstöße. Der Katalog erklärt, dass bei dieser Behandlung „keine Schmerzen“ entstünden, der Mediziner zudem die Intensität und Tiefe der Behandlung einfach über den Abstand zur Haut des Patienten regulieren könne. Das hört man doch gern. Bei einem bestimmten Abstand gingen die Stromstöße dabei in „Büschelentladungen“ über. Das prickelt und wärmt!

Erheblich erklärungsbedürftiger ist die zweite Maschine, die ein wenig nach Oma-Grill aussieht. Ich habe hier die Erklärungen des Katalogs nicht abgeschnitten, weil allein die schon eine Menge erzählen.

Es gibt sehr viele dieser martialischen Konstruktionen, die heute lustig wirken und immer wieder in Tech-Nostalgie-Blogs auftauchen. Sie basieren alle auf dem gleichen Prinzip: Es sind mit hochfrequentem Strom beschickte Spulen, die im Körper des Patienten oder der Patienten einen Induktionsstrom verursachen sollen, der für den Behandelten nicht fühlbar ist, aber sich „durch Aufleuchten einer Glühlampe bemerkbar machen lässt“.

Da „große Spule, deren Strom man nicht spürt“ wohl ein ziemlicher Abtörner gewesen wäre, nannte man das Ding bombastischerweise einen „großen Solenoid“, was mir als Scifi-Fan total sympathisch ist. Hätte ich auch so genannt. Allein der Placebo-Effekt dürfte den Dingern eine Erfolgsquote von mehr als 30 Prozent gesichert haben – in Anbetracht des beeindruckenden Maschinenaufbaus bestimmt auch mehr.

(Spott einmal beiseite: Natürlich gibt es tatsächlich Anwendungsmöglichkeiten für Elektrotherapie. Die sehen heute aus gutem Grund aber anders aus)

Allzu viel Bedenken, sich in so einen Käfig zu setzen, dürfte Ur-Uroma übrigens nicht gehabt haben. Erstens galt Hochfrequenztherapie als Hightech und letzter Schrei, und zweitens hatte die Behandlungsmethode auch in anderer Hinsicht einen höchst angenehmen Nebeneffekt für Mediziner und Patient: Man konnte seine Klamotten anbehalten.