„The Angel’s Share“ von Ken Loach: Schön rauh

Über „The Angel’s Share“ von Ken Loach, frisch im deutschen Kino und zuvor in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichnet, kann man durchaus geteilter Meinung sein. Wie in allen Loach-Filme gibt es reichlich schottischen Gossen-Realismus, trotzdem sieht etwa meine Kollegin Hannah Pilarczyk den Film als stramm auf Kurs Richtung „feelgood movie“ und Schottland-Klischees.

So einige deutsche Rezensenten strichen das Märchenhafte an dem Film heraus. Düster im Ansatz, bonbonsüß im Abgang, heißt es da des öfteren. In irgendeiner Programmzeitschrift sah ich eine Kritik, die den Film als „schottische Antwort auf The Full Monty“ beschrieb („Ganz oder gar nicht“).

Das kann man wohl so sehen, wenn man die deutsch synchronisierte Version gesehen hat. Wenn nicht, ist der Loach-Film unter dem Strich eher erschütternd, obwohl er tatsächlich einen „Entspannungsbogen“ von Brutalität und Depression hin zu Heiterkeit und Hoffnung zieht. Synchronisiert fällt das nur nicht mehr so auf.

Wer kann, sollte sich das Original zu Gemüte führen, was uns Deutschen allerdings einiges an Sprachkompetenz abverlangt – sie ist aber erheblich authentischer. Was Loach’s Darsteller da kauderwelschen, wird gemeinhin auch im britischen Fernsehen untertitelt. Mit dem, was man uns in Schule oder Uni als Englisch verkauft, hat das nur rudimentär etwas zu tun.

Für den Film ist es aber essentiell: Wer so wie der „Held“ Robbie und seine Kumpel spricht, trägt ein Stigma. Robbie scheint anfänglich zu lebenslanger Gosse verurteilt, was es aber auch wieder nicht richtig trifft, weil er ja kein Opfer ist, sondern ein Täter.  Er ist ein völlig enthemmt brutaler Thug, ein verabscheuungswürdig kalter, perspektivloser Prügler, dem das selbst erst aufgeht, als er selbst Vater wird. Es ist eine Art emotionales Erwachen, das dazu führt, dass ihn nun auch seine eigenen Taten berühren.

Das ist kein Klischee, sondern ein höchst nachvollziehbarer Entwicklungsschritt. Ich weiß nicht, ob Sie das Pech hatten, einmal so einen Robbie kennen zu lernen. Ich kannte ein paar. Für mich waren das „Fische“, weil sie glatt und kalt und scheinbar völlig emotionslos waren. Wenn so ein Brutalo überhaupt aufwacht, dann ja wohl nur in so einem Augenblick, der ihn selbst zutiefst betrifft. Vorher ist da kein Raum für ein Denken an andere. Robbie denkt und fühlt also um, er wird eine neue Person.

Was im Film folgt, ist natürlich ein Märchen, aber es ist nicht „feel-good“, sondern hinterläßt trotz Happy End einen schalen Nachgeschmack. Wenn sich am Ende Robbie und Co. in Richtung bessere Zukunft verabschieden, dann tun sie das ja auch räumlich: Wer nicht verrecken und versacken will, sagt Loach uns, der muss raus aus diesem Millieu, raus aus der Stadt, weil da alles dermaßen marode und verrottet ist, dass es selbst für Gutwillige keine Chance mehr gibt. Und natürlich ist das mit legalen Mitteln so oder so nicht zu schaffen. Als „Urteil“ über die harten Millieus von Glasgow ist das ganz schön hart. Es ist zu befürchten, dass auch darin ein gutes Stück Realismus steckt.

Und der schließt, wie so oft bei Loach, auch die Schauspieler ein. Hauptdarsteller Paul Brannigan kommt von Glasgows Straßen. Über Robbie sagt er, dass er sich in die Rolle gut einfühlen konnte, weil er eben auch entsprechende Erfahrungen hat. Daran zweifelt man keine Sekunde. Durch den Loach-Film ist er nun Schauspieler: Als nächstes wird man ihn – DAS ist mal ein Märchen! – als Hauptdarsteller des Sci-Fi-Flics „Under the Skin“ sehen – neben Scarlett Johansson. Natürlich spielt er darin wieder einen Jungen aus Glasgow, was anderes dürfte für ihn vorerst kaum drin sein.

Trotzdem: Da schlägt die Realität das Film-Happy-End um Längen, würde ich sagen.