Vorsicht, Ironie: Spässchen sind Kennzeichnungspflichtig

Was mich immer wieder verblüfft, ist, wie viele unserer lieben Mitmenschen absolut keinen Draht für Ironie haben. Sie erkennen sie einfach nicht. Eine Unzahl von Leuten nehmen die Dinge so, wie sie gesagt werden. Sie hinterfragen nicht, sie denken nicht weiter, vor allem aber lachen sie nicht – und trauen Autoren auch grundsätzlich keine Ironiefähigkeit zu.

Heute habe ich beim Herumstochern und Recherchieren dieses Kleinod britischen Humors gefunden:

Also, ich hab Tränen gelacht.

Erst über den Film, dann noch lauter über die Diskussion, die er ausgelöst hat. Der Clip wurde im Juli 2010 veröffentlicht, aber erst vor etwa einem Jahr auch von der Youtube-Community bemerkt. Seitdem tobt die Debatte. Das Youtube-Publikum teilt sich in drei Lager: Etwas mehr als die Hälfte regt sich darüber auf, dass Frauen in dem Clip als dumm und minder intelligent dargestellt werden. Ein Viertel amüsiert sich einfach nur darüber und ein Viertel versucht, die Ironie-unfähige Mehrheit darüber aufzuklären, dass der Clip eine Satire ist.

Eine Minderheit nimmt die Ironieblinden dann noch auf die Schippe, indem sie ironisch posten, das Ding sei ja wohl „total sexistisch“, oder „Meine Freundin ist krank, die hat einen Uni-Abschluss!“. Das Problem ist, dass auch das nicht von jedem als Gag erkannt wird. Wie auch? Wir reden über Leute, die den Gag noch nicht einmal erkennen, obwohl an den rcihtigen Stellen Publikumslachen als Signal zum „Du darfst jetzt mitlachen!“ eingeblendet wird.

Tatsächlich gibt es zurzeit in 599 Kommentaren eine recht große Sub-Diskussion darüber, ob der Film nun wirklich eine Satire sei. „Vielleicht war der Film mal ernst gemeint“, schreibt da einer stellvertretend für viele, „aber heute sieht man das als Witz.“

Man beginnt zu ahnen, warum der Tusch im rheinischen Karneval erfunden wurde. Er ist die akustische Alternative zu einem gut gemeinten Schlag auf den Hinterkopf.

„Tätä-tätä-tätä – Dsching-Bumm!“: Jetzt bitte lachen. Na, geht doch.

My Playlist (V): Ganz alte Helden

Kurze Zeit, nachdem Bachman Turner Overdrive mit „You ain’t seen nothing yet“, auf das sie bis heute meist reduziert werden, ihren Welthit landeten, legte der berühmt-berüchtigte Bertelsmann Buchclub eine Best-of-Platte von BTO auf, die die Toptitel der ersten drei Alben bündeln sollte. Das Ding wurde meine erste LP.

Das kam schon fast einem Initiationsrythus gleich. Über ältere Cousins hatte ich Elvis mitbekommen (und immer gehasst), Neil Diamond, aber zum Glück auch Credence Clearwater Revival. Meine ersten eigenen Platten waren 7“-Singles gewesen, zu mehr reichte das Geld nicht. In Middle of the Road investierte ich gleich zweimal, in Slade, vor allem aber in Sweet. Teeniemusik der Frühsiebziger – und dann sowas. BTO bekam ich zu meinem 12. Geburtstag geschenkt, von einem Onkel, der absolut keine Ahnung hatte. Und weil das so war, kombinierte er das mit einem zweiten Album, das ich gern verdränge: George McCrae („Rock you Baby“).

Ich hatte also sozusagen die Wahl: McCraes schwül-schwülstigen Knallenge-Hosen-Disco-Soul oder harte Stomper a la BTO, die mich musikalisch zu der Zeit klar überforderten. Denn ziemlich abweichend von dem BTO-Zeug, das im Radio lief (You ain’t…; Roll on down the Highway, Hey You etc.), iriitierten auf dem Longplayer auch Lieder, die reichlich sanfter, oder aber jazzig rüberkamen. Rock, Heavy und Jazz?

BTO hatten ihr Durchbruch-Album „Not Fragile“ genannt und damit Yes eins verpassen wollen, deren Art-Konzeptalbum „Fragile“ Maßstäbe gesetzt hatte (sollte meine dritte Scheibe werden). Im Blick zurück entdecke ich den Gegensatz kaum: Beides sind für mich Töne meiner Kindheit – und die einzigen, die ich bis heute mit Genuss höre. Und zwar aus dem gleichen Grund: Egal, wie der Kram verpackt ist, ist es Jazz, der das Herz dieser Musik ausmacht. Das gilt für  „Roundabout“ von Yes genauso wie für BTOs abgefahrene Kombinationen von Hardrock und Jazz-Soli.

Mein Lieblingslied von BTO war, ist und bleibt allerdings eine ganz, ganz ruhige Nummer, die ich gern Leuten vorspiele, die nur „You ain’t seen“ kennen und BTO deshalb für platt halten: „Blue Collar“ vom allerersten Album. Hier gespielt von Randy Bachman, Jahrgang 1943 und natürlich noch immer unterwegs. Ein ganz alter Held: das Video hat er selbst bei Youtube hinterlegt.

Hotels, Hotels: Die Rätsel, auf die man unterwegs so trifft

Hotels: Für Menschen mit normalen Jobs sind das Sehnsuchtsorte. Sie verbinden sie damit, Dinge nicht selbst tun zu müssen, bedient zu werden, serviert zu bekommen, sich verwöhnen zu lassen. Für berufliche Reisende – das gilt für Vertreter genauso wie für Journalisten oder Politiker – sind Hotels die einsamsten Orte der Welt. Auch der „Standard“ eines Hauses ist mir schnutzpiepegal. Irendwann sind alle austauschbar. Fast alle.

Heute Nacht bin ich in einem 120-Euro-die-Nacht-Haus in Darmstadt. Otto Normalverbraucher zuckt da zusammen, aber für ein Stadthotel  ist das billig. Dass ich hier gelandet bin, liegt daran, dass die Pensionen an dem Ort, wo ich eigentlich hinwill, ausgebucht waren. Ein 120-Euro-Stadthotel entspricht dem Standard einer 30-Euro-Pension, nur ist die mitunter sauberer. Es ist nicht das einzige, was man lernt über dieses Land, wenn man so unterwegs ist.

Ich will das mal anhand eines kleinen Rätsels verdeutlichen: Was ist das?

Einfach, mag da mancher denken, ein Zebra natürlich! Andererseits: dieses Fell ist Braun, nicht schwarz, wie Zebras doch normalerweise sind. Da es hier um Hotels geht, könnte es natürlich die Tagesdecke meines Bettes sein, aber auch das wäre natürlich zu einfach.

Nein, es ist komplexer als das: Es ist Design. Was sage ich da? Ein Konzept!

Und zwar ein Flächendeckendes. Das Foto oben zeigt einen Ausschnitt meines Teppichs im Schlafzimmer. Hier sieht man die volle Pracht:

Hab ich erwähnt, dass das sogar ein Corporate Design ist? Der Teppich ist absolut allgegenwärtig. Von dem Moment an, in dem man das Haus betritt, läuft man über braunes Zebra. In den Korridoren, in den Fluren vor den Toiletten, im Treppenhaus. Irgendwo in Darmstadt lebt ein Mensch, der es chic findet, ein vierstöckiges Haus komplett mit gefälschtem Zebra auszulegen. Ich finde das total cool. Scheußlich, aber irgendwie beruhigend: Wer sich sowas ausdenkt, ist offensichtlich ungefährlich.

Wirklich gerissen hat mich aber der Aufzug. Runter laufe ich lieber über die Treppen. Die Vorstellung, da drin stecken zu bleiben, weckt den Ruf der Wildnis in mir.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zebra-Wände! Ist das zu toppen?

My Playlist (IV): Walk off the Earth

Als vor ein paar Monaten Walk off the Earth (WOT) ihr „Fünf Leute spielen eine Gitarre“-Cover des Gotye-Ohrwurms „Somebody that I used to know“ bei Youtube veröffentlichten, haben sie mir den Spaß am Original verdorben: das Cover finde ich Klassen besser. Seitdem habe ich so ziemlich alles gehört, was WOT so gemacht haben. Ihre eigenen, sehr Reggae-lastigen Sachen sind okay, ihre Cover und musikalischen Kaspereien aber sind phantastisch. Da steckt jede Menge Humor drin, vor allem aber Talent. Stilistisch sind die überhaupt nicht festgelegt, am stärksten sind aber ihre folkigen Nummern.

Heute haben sie eine angeblich spontan entstandene Nummer veröffentlicht, die sie vor einem Gig mit der ebenfalls höchst originellen Julia Nunes (ein echter Youtube-Star im Sinn des Wortes!) eingesungen haben. Völlig egal, ob man diese Art Musik mag oder nicht: das ist einfach gut.

WOT ist im August und September in Deutschland auf Tour. Berlin, Hamburg und Köln sind seit Monaten ausverkauft, aber in Wiesbaden, Nürnberg und Bochum kann man sie noch sehen. Ist vielleicht das letzte Mal, dass man diese witzige Truppe in kleiner Halle wird improvisieren und herumkaspern sehen.