My Playlist (V): Ganz alte Helden

Kurze Zeit, nachdem Bachman Turner Overdrive mit „You ain’t seen nothing yet“, auf das sie bis heute meist reduziert werden, ihren Welthit landeten, legte der berühmt-berüchtigte Bertelsmann Buchclub eine Best-of-Platte von BTO auf, die die Toptitel der ersten drei Alben bündeln sollte. Das Ding wurde meine erste LP.

Das kam schon fast einem Initiationsrythus gleich. Über ältere Cousins hatte ich Elvis mitbekommen (und immer gehasst), Neil Diamond, aber zum Glück auch Credence Clearwater Revival. Meine ersten eigenen Platten waren 7“-Singles gewesen, zu mehr reichte das Geld nicht. In Middle of the Road investierte ich gleich zweimal, in Slade, vor allem aber in Sweet. Teeniemusik der Frühsiebziger – und dann sowas. BTO bekam ich zu meinem 12. Geburtstag geschenkt, von einem Onkel, der absolut keine Ahnung hatte. Und weil das so war, kombinierte er das mit einem zweiten Album, das ich gern verdränge: George McCrae („Rock you Baby“).

Ich hatte also sozusagen die Wahl: McCraes schwül-schwülstigen Knallenge-Hosen-Disco-Soul oder harte Stomper a la BTO, die mich musikalisch zu der Zeit klar überforderten. Denn ziemlich abweichend von dem BTO-Zeug, das im Radio lief (You ain’t…; Roll on down the Highway, Hey You etc.), iriitierten auf dem Longplayer auch Lieder, die reichlich sanfter, oder aber jazzig rüberkamen. Rock, Heavy und Jazz?

BTO hatten ihr Durchbruch-Album „Not Fragile“ genannt und damit Yes eins verpassen wollen, deren Art-Konzeptalbum „Fragile“ Maßstäbe gesetzt hatte (sollte meine dritte Scheibe werden). Im Blick zurück entdecke ich den Gegensatz kaum: Beides sind für mich Töne meiner Kindheit – und die einzigen, die ich bis heute mit Genuss höre. Und zwar aus dem gleichen Grund: Egal, wie der Kram verpackt ist, ist es Jazz, der das Herz dieser Musik ausmacht. Das gilt für  „Roundabout“ von Yes genauso wie für BTOs abgefahrene Kombinationen von Hardrock und Jazz-Soli.

Mein Lieblingslied von BTO war, ist und bleibt allerdings eine ganz, ganz ruhige Nummer, die ich gern Leuten vorspiele, die nur „You ain’t seen“ kennen und BTO deshalb für platt halten: „Blue Collar“ vom allerersten Album. Hier gespielt von Randy Bachman, Jahrgang 1943 und natürlich noch immer unterwegs. Ein ganz alter Held: das Video hat er selbst bei Youtube hinterlegt.

Hotels, Hotels: Die Rätsel, auf die man unterwegs so trifft

Hotels: Für Menschen mit normalen Jobs sind das Sehnsuchtsorte. Sie verbinden sie damit, Dinge nicht selbst tun zu müssen, bedient zu werden, serviert zu bekommen, sich verwöhnen zu lassen. Für berufliche Reisende – das gilt für Vertreter genauso wie für Journalisten oder Politiker – sind Hotels die einsamsten Orte der Welt. Auch der „Standard“ eines Hauses ist mir schnutzpiepegal. Irendwann sind alle austauschbar. Fast alle.

Heute Nacht bin ich in einem 120-Euro-die-Nacht-Haus in Darmstadt. Otto Normalverbraucher zuckt da zusammen, aber für ein Stadthotel  ist das billig. Dass ich hier gelandet bin, liegt daran, dass die Pensionen an dem Ort, wo ich eigentlich hinwill, ausgebucht waren. Ein 120-Euro-Stadthotel entspricht dem Standard einer 30-Euro-Pension, nur ist die mitunter sauberer. Es ist nicht das einzige, was man lernt über dieses Land, wenn man so unterwegs ist.

Ich will das mal anhand eines kleinen Rätsels verdeutlichen: Was ist das?

Einfach, mag da mancher denken, ein Zebra natürlich! Andererseits: dieses Fell ist Braun, nicht schwarz, wie Zebras doch normalerweise sind. Da es hier um Hotels geht, könnte es natürlich die Tagesdecke meines Bettes sein, aber auch das wäre natürlich zu einfach.

Nein, es ist komplexer als das: Es ist Design. Was sage ich da? Ein Konzept!

Und zwar ein Flächendeckendes. Das Foto oben zeigt einen Ausschnitt meines Teppichs im Schlafzimmer. Hier sieht man die volle Pracht:

Hab ich erwähnt, dass das sogar ein Corporate Design ist? Der Teppich ist absolut allgegenwärtig. Von dem Moment an, in dem man das Haus betritt, läuft man über braunes Zebra. In den Korridoren, in den Fluren vor den Toiletten, im Treppenhaus. Irgendwo in Darmstadt lebt ein Mensch, der es chic findet, ein vierstöckiges Haus komplett mit gefälschtem Zebra auszulegen. Ich finde das total cool. Scheußlich, aber irgendwie beruhigend: Wer sich sowas ausdenkt, ist offensichtlich ungefährlich.

Wirklich gerissen hat mich aber der Aufzug. Runter laufe ich lieber über die Treppen. Die Vorstellung, da drin stecken zu bleiben, weckt den Ruf der Wildnis in mir.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zebra-Wände! Ist das zu toppen?

My Playlist (IV): Walk off the Earth

Als vor ein paar Monaten Walk off the Earth (WOT) ihr „Fünf Leute spielen eine Gitarre“-Cover des Gotye-Ohrwurms „Somebody that I used to know“ bei Youtube veröffentlichten, haben sie mir den Spaß am Original verdorben: das Cover finde ich Klassen besser. Seitdem habe ich so ziemlich alles gehört, was WOT so gemacht haben. Ihre eigenen, sehr Reggae-lastigen Sachen sind okay, ihre Cover und musikalischen Kaspereien aber sind phantastisch. Da steckt jede Menge Humor drin, vor allem aber Talent. Stilistisch sind die überhaupt nicht festgelegt, am stärksten sind aber ihre folkigen Nummern.

Heute haben sie eine angeblich spontan entstandene Nummer veröffentlicht, die sie vor einem Gig mit der ebenfalls höchst originellen Julia Nunes (ein echter Youtube-Star im Sinn des Wortes!) eingesungen haben. Völlig egal, ob man diese Art Musik mag oder nicht: das ist einfach gut.

WOT ist im August und September in Deutschland auf Tour. Berlin, Hamburg und Köln sind seit Monaten ausverkauft, aber in Wiesbaden, Nürnberg und Bochum kann man sie noch sehen. Ist vielleicht das letzte Mal, dass man diese witzige Truppe in kleiner Halle wird improvisieren und herumkaspern sehen.

Abgehört: Ein Drama in zwei Sätzen

Es gibt Situationen, da fällt es einem nachher mitunter schwer zu glauben, dass man das live erlebt  und nicht im Fernsehen gesehen hat. So wie folgende Szene.

Die Hauptdarsteller:
Mama, zierlich und jung, pechschwarz gefärbte Haare, Jogginghose.
Papa: dürr und jung, trägt ein weites T-Shirt zur Jeans.
Er schiebt einen Kinderwagen, in dem ein Baby liegt. Sie schiebt einen Buggy, in dem ein schätzungsweise fünf- bis sechsjähriges, pausbackig-fülliges Kind sitzt, das wohl wegen der neuen Konkurrenz das Laufen verlernt hat.

Die Situation:
Mama und Papa wollen einkaufen. Er schafft es durch eine Schwing-Glastür, indem er im Windschatten eines anderen Shoppers reinschlüpft. Sie ist drei Schritte dahinter und muss erst einmal eine kleine Stufe hoch.

Und jetzt der Höhepunkt:
Der Dialog. Ein Drama in zwei Sätzen.

Mama: Boah, ey! Isch schaff dat bald nisch mehr, Disch hier überall zu schieben!
Kind: Boah ey, Alte! Streng Disch ma an!

Vorhang, Ende, Fin.
Ehrlich. Ich war dabei.
War voll das Leben. RTL2 sehe ich jetzt mit ganz anderen Augen.