Hotels, Hotels: Die Rätsel, auf die man unterwegs so trifft

Hotels: Für Menschen mit normalen Jobs sind das Sehnsuchtsorte. Sie verbinden sie damit, Dinge nicht selbst tun zu müssen, bedient zu werden, serviert zu bekommen, sich verwöhnen zu lassen. Für berufliche Reisende – das gilt für Vertreter genauso wie für Journalisten oder Politiker – sind Hotels die einsamsten Orte der Welt. Auch der „Standard“ eines Hauses ist mir schnutzpiepegal. Irendwann sind alle austauschbar. Fast alle.

Heute Nacht bin ich in einem 120-Euro-die-Nacht-Haus in Darmstadt. Otto Normalverbraucher zuckt da zusammen, aber für ein Stadthotel  ist das billig. Dass ich hier gelandet bin, liegt daran, dass die Pensionen an dem Ort, wo ich eigentlich hinwill, ausgebucht waren. Ein 120-Euro-Stadthotel entspricht dem Standard einer 30-Euro-Pension, nur ist die mitunter sauberer. Es ist nicht das einzige, was man lernt über dieses Land, wenn man so unterwegs ist.

Ich will das mal anhand eines kleinen Rätsels verdeutlichen: Was ist das?

Einfach, mag da mancher denken, ein Zebra natürlich! Andererseits: dieses Fell ist Braun, nicht schwarz, wie Zebras doch normalerweise sind. Da es hier um Hotels geht, könnte es natürlich die Tagesdecke meines Bettes sein, aber auch das wäre natürlich zu einfach.

Nein, es ist komplexer als das: Es ist Design. Was sage ich da? Ein Konzept!

Und zwar ein Flächendeckendes. Das Foto oben zeigt einen Ausschnitt meines Teppichs im Schlafzimmer. Hier sieht man die volle Pracht:

Hab ich erwähnt, dass das sogar ein Corporate Design ist? Der Teppich ist absolut allgegenwärtig. Von dem Moment an, in dem man das Haus betritt, läuft man über braunes Zebra. In den Korridoren, in den Fluren vor den Toiletten, im Treppenhaus. Irgendwo in Darmstadt lebt ein Mensch, der es chic findet, ein vierstöckiges Haus komplett mit gefälschtem Zebra auszulegen. Ich finde das total cool. Scheußlich, aber irgendwie beruhigend: Wer sich sowas ausdenkt, ist offensichtlich ungefährlich.

Wirklich gerissen hat mich aber der Aufzug. Runter laufe ich lieber über die Treppen. Die Vorstellung, da drin stecken zu bleiben, weckt den Ruf der Wildnis in mir.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zebra-Wände! Ist das zu toppen?

My Playlist (IV): Walk off the Earth

Als vor ein paar Monaten Walk off the Earth (WOT) ihr „Fünf Leute spielen eine Gitarre“-Cover des Gotye-Ohrwurms „Somebody that I used to know“ bei Youtube veröffentlichten, haben sie mir den Spaß am Original verdorben: das Cover finde ich Klassen besser. Seitdem habe ich so ziemlich alles gehört, was WOT so gemacht haben. Ihre eigenen, sehr Reggae-lastigen Sachen sind okay, ihre Cover und musikalischen Kaspereien aber sind phantastisch. Da steckt jede Menge Humor drin, vor allem aber Talent. Stilistisch sind die überhaupt nicht festgelegt, am stärksten sind aber ihre folkigen Nummern.

Heute haben sie eine angeblich spontan entstandene Nummer veröffentlicht, die sie vor einem Gig mit der ebenfalls höchst originellen Julia Nunes (ein echter Youtube-Star im Sinn des Wortes!) eingesungen haben. Völlig egal, ob man diese Art Musik mag oder nicht: das ist einfach gut.

WOT ist im August und September in Deutschland auf Tour. Berlin, Hamburg und Köln sind seit Monaten ausverkauft, aber in Wiesbaden, Nürnberg und Bochum kann man sie noch sehen. Ist vielleicht das letzte Mal, dass man diese witzige Truppe in kleiner Halle wird improvisieren und herumkaspern sehen.

Abgehört: Ein Drama in zwei Sätzen

Es gibt Situationen, da fällt es einem nachher mitunter schwer zu glauben, dass man das live erlebt  und nicht im Fernsehen gesehen hat. So wie folgende Szene.

Die Hauptdarsteller:
Mama, zierlich und jung, pechschwarz gefärbte Haare, Jogginghose.
Papa: dürr und jung, trägt ein weites T-Shirt zur Jeans.
Er schiebt einen Kinderwagen, in dem ein Baby liegt. Sie schiebt einen Buggy, in dem ein schätzungsweise fünf- bis sechsjähriges, pausbackig-fülliges Kind sitzt, das wohl wegen der neuen Konkurrenz das Laufen verlernt hat.

Die Situation:
Mama und Papa wollen einkaufen. Er schafft es durch eine Schwing-Glastür, indem er im Windschatten eines anderen Shoppers reinschlüpft. Sie ist drei Schritte dahinter und muss erst einmal eine kleine Stufe hoch.

Und jetzt der Höhepunkt:
Der Dialog. Ein Drama in zwei Sätzen.

Mama: Boah, ey! Isch schaff dat bald nisch mehr, Disch hier überall zu schieben!
Kind: Boah ey, Alte! Streng Disch ma an!

Vorhang, Ende, Fin.
Ehrlich. Ich war dabei.
War voll das Leben. RTL2 sehe ich jetzt mit ganz anderen Augen.

 

Batman die Dritte: Film will Helden

Seit 2005 ist es Christopher Nolan gelungen, seinen Film-Batman geschickt zwischen den Extremen anzusiedeln, die man mit der Figur verbindet. Auf der einen Seite steht da die verniedlichte, kaum ernstzunehmende Kaugummi-Version, wie Fans sie in den Batman + Robin-Filmen der 80er und 90er erleiden mussten; auf der anderen Seite die gebrochene, düstere Figur, die Frank Miller Ende der Achtziger in seinen Comics zeichnete. In Batman Begins und The Dark Knight nahm Nolan einiges davon auf, machte aus Batman wieder eine erwachsene Figur. Er blieb dabei aber stets leicht neben der Spur, die Miller gelegt hatte: Sein Batman hat eine düstere Seite, aber er ist kein innerlich gebrochener, letztlich psychisch kranker Vigilant, wie das bei Miller durchscheint.

Das wird wohl auch bei The Dark Knight Rises nicht anders aussehen. Der Film bedient sich offenbar im Miller-Zyklus „Rückkehr des Dunklen Ritters“ sowie im Knightfall-Zyklus, die beide deutlich dystopische Züge aufweisen – in Bezug auf die Figur des Helden. Bei Miller ist der ein reichlich psychopathischer, alternder, Selbstjustiz übender Bitterling mit einem – freundlich gesagt – nicht ganz geklärtem Verhältnis zu jugendlichen Helfern (Robin), von denen er in der Vergangenheit einige durchgebracht hat. In der „Rückkehr“ verbündet er sich mit einem minderjährigen Mädchen, die er ohne zu große Bedenken mit in einen im Wortsinn tödlichen Kampf nimmt – denn Millers Batman ist ein Killer, für den Resozialisierung bedeutet, dass man Asoziales ausmerzt. Dabei schreckt er nicht davor zurück, mörderische Gangs drogensüchtiger Psychopathen als seine Hilfstruppen zu instrumentalisieren. Millers Batman ist ein Verbrechensbekämpfer, der sich in seinen Methoden in keiner Weise von seinen Gegnern unterscheidet.

Vom Nolan-Film ist das nicht zu erwarten. Wieder, wie die extensiven Vorab-Teaser und makling-ofs inzwischen klarmachen, bekommen wir eine Batman-Saga mit Millerschen Zutaten, das Gericht selbst aber hat ein weniger ambivalentes Gschmäckle: Immer ist klar, wer hier auf welcher Seite steht. Nolans Batman ist nicht fragwürdig.

Das ließe, anders als bei der Miller-Vorlage, Raum für eine Fortführung. Nolan und Christian Bale wollen an der nach eigenem Bekunden keinen Anteil haben. Auch das ist verständlich, denn wo sollte es noch hingehen? Im ersten Teil der Trilogie, der in Rückschau wie eine Einführung, ein Image-Makeover wirkt, ist Batman eine Figur, die sich über mehr als 20 Jahre entwickelt. Im zweiten Teil ist sie etabliert, ihr Charakter ausdefiniert. Der Film ist krachender, lauter, Action-versessener, weil sich in Bezug auf die Figur eigentlich wenig tut. An seinem Ende erklärt sich Batman selbst zum Vogelfreien, um den Ruf von Harvey Dent zu retten. Ein so edler wie bescheuerter Schritt, der rational kaum nachzuvollziehen ist – und die Prämisse für den nun folgenden dritten Teil.

Um dem Tiefe zu geben, müsste man Batman wieder aus seiner Statik holen, ihn als Figur weiter entwickeln. Täte man das, landete man wohl bei Miller, wenn man die Wayne/Batman-Biografie nicht völlig brechen wollte. Es ist nicht zu erwarten, dass das passiert, denn es wäre das Ende der Heldenfigur. So scheint sich der Hauptteil des Filmes mit seiner Konfrontation mit dem Schurken Bane eher am Knightfall-Zyklus zu orientieren, spart aber auch da aus, was das Heldenimage ankratzen könnte – Waynes Ausstieg aus der Batman-Identität nach seiner Querschnittslähmung, die Übergabe der Batman-Figur an den mörderischen Azrael, die beknackte Wiederauferstehung des wunderbar genesenen Wayne. Kurzum: der letztlich kaum verfilmbare Comic-Kokolores, der der Figur nur die Glaubwürdigkeit nehmen würde. Was bleibt, ist Bane, der Schurke, was auf Action als Ersatz für Handlung hindeutet.

Also richten wir uns auf ein Action-Feuerwerk der Sonderklasse ein und darauf, dass Batman am Ende kein Irrer, kein psychopathischer Vigilant sein wird, sondern eine Figur, deren Wiederbelebung offen bleibt – als dann leider wieder reichlich statische Schablone, als vertraute Figur, die sich dem Schrecken entgegenstellt, statt uns zu erschrecken. Wenn ich Nolan wäre, hätte ich darauf dann auch keine Lust mehr. Der Film wird bestimmt cool, aber er wird eine Abschiedsfeier.