My Playlist XXI: AnnenMayKantereit (zum Zweiten)

Im Herbst 2015 machte mich mein Sohn auf eine Kölner Schülerband aufmerksam, die bei Youtube Furore machte, aber noch keinen Vertrag mit einem Label hatte. Ich setzte mich damals mit dem Management in Kontakt, weil die Jungs meilenweit gegen den Wind nach Megatalent rochen. Ich hätte so einen „Star is born-Moment“ gern dokumentiert.

Es wurde nichts draus, das Management mauerte, weil hinter den Kulissen längst der Vertrag mit Universal verhandelt wurde. 2016 kam das Album und löste vieles ein: Eine irre Stimme und handgemachte Musik. Aber auch viel spätpubertärer Weltschmerz war in den Songs. Fiona fand das nervend, konnte nie mehr als ein, zwei Lieder hintereinander hören. „Wird Zeit, dass der ’ne Freundin findet“, urteilte sie. Hat er wohl dann gemacht.

Am 7. Dezember erschien das zweite Major-Album der Ex-Schülerband. Es beginnt unfassbar abrupt mit einem rau hingesungenen Satz: „Vögel scheißen vom Himmel. Und ich seh dabei zu.“

What? Was für ein Einstieg. Weiter geht es übrigens so: „Und ich bin hier und alleine. Marie, wo bist Du?“

Naguggemal: Die Weltschmerzer haben den Humor entdeckt, und das auch musikalisch. Das elegisch-weinerliche ist nicht ganz verschwunden, wird aber ironisch gebrochen. Auf einmal darf Melancholie zu tanzbaren Grooves mutieren. Und noch immer schrammeln die Gitarren und klingt das Schlagzeug, als stünde es im Wohnzimmer: In den besten Momenten erinnert das an Ton Steine Scherben oder vielleicht eher an den späteren Rio Reiser – denn natürlich ist es leider auch völlig unpolitisch.

Aber es ist nun intelligente Spaßmusik, und die überschreitet Grenzen, wo immer sie will: karibische Rythmen treffen auf Chanson, Garagenrock auf Liedermachertöne. Das ist eine echte Mauser: Die jungen Vögel haben sich von ihrem grauen Erstgefieder getrennt. Das macht jede Menge Spaß und geht weit über das Erstlings-Album hinaus, dass es immerhin auf Platz 1 der deutschen Charts schaffte.

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Parasiten-Prävention wegen DSGVO: Ich duck mich dann mal weg

Ich habe gestern Abend mein Blog hier weiter zurechtgestutzt. Grund ist die hirnfreie Datenschutz-Grundverordnung DSGVO, von der man erwarten darf, dass sie so manchen Leuten in diesem Land bald viel Freude bereiten wird: Den Legionen komplett parasitär lebender Juristen, die sich von Abmahnungen ernähren.

Mir fehlt leider die Zeit, die Lust und auch das Geld, mich mit diesem Pack zu beschäftigen. Deshalb bietet dieses Blog ab sofort

  • keine Kommentarfunktion mehr, über die Namen und andere personenbezogene Informationen gespeichert würden;
  • keine Google-Werbung mehr (über die so oder so noch nie auch nur ein einziger Cent generiert wurde);
  • keine Blogrole mehr, über die jemand Datentracks erheben könnte;
  • so oder so keine Affiliate-Werbung;
  • keine Social-Media-Integration per Like-Button etc.  (weil man ja wirklich nicht weiß, was die konkret an Daten erheben);
  • keinen Shop-Link mehr. Wer sich für meine Bücher interessiert, findet die nun unter „Bücher“, und dort dann auch Service-Links zu Amazon.

Darüber hinaus verkneife ich mir auch den bisher eingesetzten Spam-Schutz (weil auch der ohne Daten nicht auskommt)  sowie meine bisher im Hintergrund laufende Zugriffszahlen-Zählung. Die lieferte zwar auch nicht mehr als Browsertypen und Feedback darüber, ob die Seite via Facebook, Suchmaschine oder direkt aufgerufen wurde, aber auch das sind ja schon verwertbare Daten, wenn man so will.

Aber es ist auch nicht so, dass die DSGVO so einem privaten Blog ohne ernsthafte Geschäftsinteressen nicht auch Zuwachs bescheren würde. Ab sofort ist zum Beispiel das Impressum um die Benennung „und Datenschutz“ ergänzt – und natürlich gefühlt neunzehnmal länger als vorher. Alles in feinstem Juristendeutsch verfasst, generiert über den großartigen Datenschutz-Mustergenerator der Rechtsanwaltskanzlei Dr. Schwenke.

All das macht natürlich nichts besser, behebt keinen Missstand, macht es kleinen Playern auf dem Ecommerce-Markt aber unendlich viel schwerer, zum Zuge zu kommen.

Eine Freundin, die lange Zeit selbstproduzierte Handwerkserzeugnisse via Web-Shop vertrieb und damit einen kleinen Nebenverdienst erzielte, erzählte mir neulich, dass sie den dichtmachen musste: Sie konnte sich die für sie nicht nachvollziehbaren Abmahnungen nicht leisten, weil die ihre Umsätze zu deutlich überschritten. Anwaltliche Hilfe verbot sich aus gleichem Grunde. Die DSGVO dürfte dafür sorgen, dass der Shop geschlossen bleibt, denn jetzt werden sich erst einmal diese Abmahnungs-Parasiten auf alles stürzen, was sich nicht wegduckt. Gruselig.

My Playlist XVII: Once & Future Band

Von Möbel bis Motorräder ist retro ja gerade wieder schwer In. Offenbar gilt das auch für Mucke, auch wenn der Mainstream gerade wieder Richtung Elektropop driftet. Wie langweilig der aktuelle Radio-Brei ist, zeigt der Vergleich mit einer Nummer wie Once & Future Band. Die ömmeln auf ihrem Debütalbum von 2017 einmal durch die Popgeschichte ab 1960 von Beat über Steely Dan, den Psychodelic Rock der frühen Yes, die Cannabis-schweren Harmonieteppiche der frühen Pink Floyd bis hin zum Indy-Britpop – aber dermaßen gut, dass die Summe der Zitate in sich schon wieder neu ist. Ankerpunkt sind die Schrägheiten der Siebziger – fraglos ein unerschöpflicher Steinbruch innovativer Klänge.

Man höre sich da mal „Hide & Seek“ an (meine Lieblingsnummer von denen): In 6 Minuten 18 (!!!) geht es da erst Britpoppig a la Athlete hinein in ein vermeintlich harmloses Liebeslied – Uhuuu-Chor inklusive. Schnell bricht da aber was: Der Rythmus erlaubt sich, elegant zu stolpern. Die Gitarre klingt jetzt wie Walter Becker oder Randy Bachmann auf den Jazz-Nummern der BTO, und dann dudelt uns auch das satte Keyboard zunehmend jazzige Harmoniewechsel um die Ohren.

Im furiosen letzten Drittel setzt die Band dann grenzwertig-zuckersüße Harmoniegesänge auf oder gegen ein sich ständig steigerndes Instrumentalfinale, das an Zappas Garage-Zeiten oder Becker/Fagan Live erinnert – Yo, Mama, denkt man da, Ihr habt Eure Vorbilder echt begriffen und gefressen!

Tipp: Laut hören, erst dann kommt es richtig rüber.