My Playlist (XIII): Caledonia

Am 8. August 1980 fuhr ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Köln. 60 Kilometer waren das, und mit 17 Jahren war das weit, eigentlich außerhalb meines damals normalen Aktionskreises. Auf der Domplatte lief das „Folkfestival ’80“. Ich war gerade frisch aus Irland zurück und hatte mein musikalisches Repertoire neben Punk, Rock und New Wave um keltische Töne erweitert.

Für Dougie MacLean muss es einer der letzten Auftritte in Deutschland gewesen sein. Seit 1974 hatte er hier auf der Straße gespielt, in Kneipen und auf kleinen Festivals überall in Europa. In dieser Zeit schrieb er auch „Caledonia“, eines von vier, fünf Liedern, die absolut jeder Schotte kennt: Neben „Scotland the Brave“, „Scots Wha Hae“, „The Flower of Scotland“ und natürlich „Loch Lomond“, von dem die Fans des 1. FC Köln fälschlich glauben, es sei als ihre Fan-Hymne geschrieben worden, ist es so etwas wie die fünfte inoffizielle Nationalhymne Schottlands geworden. Es ist die leiseste und gefühlvollste: Caledonia ist das Lied, das meine Schwägerin Celine, die aus Glasgow kommt, nicht singen kann, ohne dabei zu weinen.

Caledonia ist ein bittersüßes Stück schwelgerischen Heimwehs: das Lied eines jungen Buskers, der sechs Jahre lang mit der Gitarre durch Deutschland vagabundiert und sein Geld singend auf der Straße verdient. MacLean spielte es auf der Domplatte mit Silly Wizzard. Kurz darauf ging er zurück nach Schottland, wo Caledonia zum Hit wurde, der bis heute im Repertoire jedes Schnulzensängers, jeder Möchtegern-Sopranette, jeder schottisch-irischen Quasi-Helene-Fischer oder Esoterik-Elfe verbleibt. Es gibt Versionen des Liedes, die auch mir die Tränen in die Augen treiben. Und Ausschlag verursachen.

Wenn Dougie MacLean das Lied singt, kann mir das nicht passieren. Für mich wurde Caledonia eines der ersten Lieder, die ich überhaupt auf der Gitarre zu spielen lernte. Ich hörte MacLean in Köln, und das klang zugleich sehnsüchtig und  lakonisch, schmalzfrei und abgeklärt. MacLeans Heimweh ist „matter-of-factly“: ist halt so, hat er halt, kann er nicht ändern. Er sagte: „Das ist eine Heimweh-Song“, und alle lachten. Als der WDR das Konzert ein paar Tage darauf wiederholte, saß ich mit dem Kasettenrekorder vor dem Radio. Den völlig verrauschten Mitschnitt habe ich heute noch: Ich reimte mir die Griffe nach Gehör zusammen.

MacLean ist inzwischen 62 Jahre alt, und natürlich spielt er noch immer, Caledonia inklusive. In Schottland blieb er eine Größe, in den USA und Kanada leidlich populär. Neben Alben mit seinen Bands Tannahill Weavers und Silly Wizzard nahm er 22 Soloalben auf, steuerte Songs zu Compilations und Filmen bei (der Titelsong von „The last Mohican“ mit Daniel Day Lewis ist eine Version seines Liedes „The Gael“).Wer nach Schottland fährt, kommt nicht an ihm vorbei. Man hört ihn im Radio, beim Essen im Restaurant, in Kneipen. Das meiste ist heute zu süß, zu vergeigt, mit synfonische, Zuckerguss überzogen. Am besten war er immer, wenn er nur zur Gitarre sang.

Diese Aufnahme von Caledonia hier ist von 2010. Bei Youtube hat sie mehr als 2,5 Millionen Aufrufe. Kaum zu glauben, in unseren hippen, ironischen Zeiten, aber wahr: total uncool, und immer noch schön.

Meine Playlist: AnnenMayKantereit

Früher habe ich meine Kinder auf neue Musik aufmerksam gemacht. Es gab Sachen, die bekamen sie von mir drei Jahre bevor die Bands ihre ersten CDs produzierten.

Inzwischen stößt mich mein Sohnemann auf neue Töne, mit schönster Regelmäßigkeit. Und seit er Gitarre spielt, hat er die Schönheit von handgemachter Musik entdeckt. Der Junge hier gehört zur Kölner Formation AnnenMayKantereit. Die Stimme passt nicht ganz zur Biografie. Er ist Abi-Jahrgang 2011. Unfassbar:

Was toll ist an der Gruppe: Die sind fast nonstop auf Tour,  kleine und mittelgroße Hallen. Sie teilen ihre Songs via Youtube.

Was nicht so toll ist: Ihre CDs sind kaum zu haben, kaufbare Downloads auch nicht. Den ersten Longplayer „AnnenMayKantereit“ kann man noch nicht einmal mehr über ihre eigene Webseite kaufen. Schade auch, dass sie zu spät geboren sind: So ein Talent hätte früher Verträge hinterhergeworfen bekommen.

Alte Helden: Besser kleiner

Ende Juni fuhren wir durch Irland, und wie so oft lief Today FM: Ein Radio-Feuerwerk an Witz, garniert mit einer Playlist ohne „Rotation“. Musikalisch ist da immer alles möglich, gern aber alles knapp neben dem todgedudelten Mainstream.

An dem Abend spielten Counting Crows im Royal Hospital Kilmainham, Dublin. Das ist eine schwer historische Stätte aus dem 17. Jahrhundert, und im Innenhof gibt es seit ein paar Jahren eben auch Konzerte auf prominenter Bühne mittlerer Größe. Und die Counting Crows waren natürlich diese Stars der 90er, denen man im Radio kaum entkam: Immer traurig, immer etwas zu weinerlich. Wunderschöne Lieder, aber irgendwie eben weder Rock noch Pop noch Liedermacher. Okay in kleinen Dosen, sagte mein Schatz, aber „die Stimme macht mich wahnsinnig: Den will man doch von seinem Elend erlösen!“

Die Counting Crows hatte ich als Gruppe längst abgelegt. Vergangenheit, durch, vorbei. Gefühle in Übergröße und Überdosis, zu fett, um zu schwelgen, zu lahm, um zu feiern: Ich finde die Alben nur noch langweilig, und live auf großer Bühne erst recht.

Wo die Musik der Crows aber passt und hingehört, zeigten sie am Nachmittag bei Today FM: In den kleinen Kreis. Auf Stimme und zwei Gitarren reduziert und  siehe da – plötzlich wirkt das, was sonst zu weinerlich und pompös klingt originär, anrührend und gekonnt. So etwas will man live in einer Kneipe hören oder in wirklich kleiner Halle.

Es ist wie so oft: Viele Gruppen wie die Crows, auch viele Sänger wie beispielsweise Elli Goulding wirken auf ihren Alben überproduziert, aufgeblasen und langweilig, live und „klein“ aber sind sie Weltklasse. Warum macht man aus solchen „Radio-Sets“ keine Alben? So kann man sich das doch anhören:

My Playlist (XII): Sex, Leidenschaft und Weihnachten

„Das ist schön“, sagt Petra zu mir, „das gefällt mir echt. Obwohl das ein Kirchenlied ist, oder?“

Es ist eine Geburtstagsfeier im Advent, und irgendwann ist einer darauf gekommen, eine Playlist mit Weihnachtsliedern über die Boxen zu schicken. Die unvermeidlichen Wham bringen ihr englisches Äquivalent eines Weihnachtskarnevalssongs, Maria Carey beweist, dass nicht nur Marianne Rosenberg auch ineinander verliebten Männern aus dem Herzen singen kann und jetzt läuft – ein wunderschönes Missverständnis:  „Hallelujah“, geschrieben von Leonard Cohen, doch wir hören die Version von Rufus Wainwright.

„Nicht ganz“, antworte ich also, „da geht es auch um Leidenschaft und Sex und das Zerbrechen einer Liebe.“

Petra ist nur eine Sekunde perplex, dann lacht sie und prustet: „Upps! Knapp daneben.“

Oder auch nicht. Bei Wainwright gipfelt die Leidenschaft im Hallelujah, und wo die nicht mehr ist, ist sie „ein kaltes und gebrochenes Hallelujah“.  Gefühl, sagt das, wächst nicht aus Glaube, Überzeugung oder Prinzip, sondern aus Beziehung. Was das von einem herkömmlichen Weihnachtslied unterscheidet, ist eigentlich nur die Ehrlichkeit. Denn in seiner Bitterkeit schmeckt Wainwright vergangener Süße nach: Das ist im besten Sinne des Wortes rührend und hat das Potential, Menschen zusammenrücken zu lassen.

Also: gerade DAS ist ein Weihnachtslied: