Kloppos Klopper: Huldigung an einen Wortartisten

Borussia Dortmund alias Lüdenscheid Nord ist jetzt nicht gerade der Verein, an dem man Herz hängt. Man muss aber fair zugestehen, dass die in den letzten zwei Jahren Deutschlands besten und schönsten Fußball gespielt haben. Zudem haben sie die Bayern souverän abgewatscht und auf die Plätze verwiesen. Das ist natürlich ein Verdienst, den man ihnen gar nicht hoch genug anrechnen kann.

Zu verdanken haben sie das nicht zuletzt diesem unrasierten Typ, der auch Karriere als Schlagzeuger bei den Muppets hätte machen können: Jürgen Klopp. Dessen größtes Verdienst aber ist es, dass er etwas völlig Neues in die sonst übliche Schwafel- und Phrasensoße des deutschen Fußballs eingebracht hat: Ironie.

Kloppo ist der absolute Meister darin, absolut bescheuerte Reporterfragen höchst intelligent zu kontern. Er ist kein Quer-, sondern ein Schrägdenker. So etwas ist ein seltenes Talent und verdient Würdigung. Hier also eine kleine Huldigung.

Meine 10 liebsten Kloppo-Zitate, eines ist noch ganz frisch.

Platz 1: „Den Weidenfeller müssen wir uns manchmal schön saufen.“ (verständlich!)

Platz 2: „Ein Schönheitschirurg würde sagen: Enthauptungen mache ich nicht.“ (auf die Anregung, doch als Retter zum FC Köln zu wechseln)

Platz 3: “Ich hab’ meinen Spielern in der Pause gesagt: ‚Wenn wir schon mal hier sind, können wir doch eigentlich auch ein bisschen Fußball spielen.’”

Platz 4: „Der Koller ist 20 Zentimeter größer als unsere Spieler. Es ist eigentlich nicht fair, dass der mitspielen darf.“

Platz 5: “ Wir werden auf ihn warten wie eine gute Ehefrau, die auf ihren Mann wartet, der im Knast sitzt.“ (über den damals verletzten Mats Hummels)

Platz 6: „Wir treten nicht mit vollen Hosen an. Ich habe extra noch mal nachgeschaut.“

Platz 7: „Vielleicht spielen wir zum 1. Advent statt des Tannenbaum-Systems einen Adventskranz.“

Platz 8: „UEFA-Cup-Feeling? Ist das sowas wie Sodbrennen?“

Platz 9: “ Im Spiel denken die Spieler ab und zu selbständig, und man sieht ja, was dabei raus kommt.“

Platz 10: “Beim ersten Interview war ich sehr enttäuscht. Beim zweiten zehn Minuten später ging es schon besser. Wenn ich noch eine halbe Stunde warte, dann habe ich wahrscheinlich das Gefühl, dass wir gewonnen haben.”

Und weil es so schön ist noch ein paar, in Persona, zum genießen:

Schland: Bilanz mit Lücke

Deutschland ist bei der EM ausgeschieden, sowas soll vorkommen. Verwunderlich fnde ich aber, dass nun niemand über Löw spricht. Die Spieler kriegen in Einzelkritiken ihr Fett weg, der Trainer aber scheint sakrosankt. Ich versteh das nicht.

Wir haben das Spiel gestern mit 16 Leuten gesehen, und die Aufregung begann schon, als die Aufstellung klar wurde. Löw hatte mal wieder die Nationalmannschaft von Bayern antreten lassen, ergänzt um ihm treu ergebene, nur leider reichlich formschwache Ex-Jungtalente wie Podolski. Die häufigsten Vokabeln, die vor und in der ersten Halbzeit fielen, waren bei uns „Vollausfall“ und „Pflegefall“ – und gemeint waren neben unser aller Prinz Poldi natürlich vor allem Gomez, Badstuber und Schweinsteiger.

In unserer Runde zumindest herrschte Konsens, dass Löws hochgelobte Personalentscheidungen nicht der Grund dafür waren, dass es „Schland“ bis ins Halbfinale gebracht hatte, sondern dass das der Mannschaft trotzdem gelungen war. Ihren stärksten Auftritt hatte sie, als Löw ausnahmsweise mal ein paar Nasen seiner Sommermärchen-Seilschaft auf der Bank ließ und Schürrle, Reus und (extrem kurz) Götze zum Zuge kommen ließ. Löw selbst scheint das nicht bemerkt zu haben und setzte stattdessen wieder auf seine „bewährten Kräfte“ vornehmlich bayrischen Stallgeruches. Es war über die ganze EM unser Thema Nummer 1.

In der Halbzeit scherzten wir noch, dass „Jogi“ jetzt wohl Müller und Klose bringen würde, um die Sache weiter zu verschlimmern. Tat er dann auch, und ließ mit Götze, Schürrle und auch Höwedes (fit auf jeder Verteidigerposition und Klassen besser als Badstuber) drei der besten Talente des Fußball-Landes weiter auf der Bank versauern. Müller blieb dann wieder ein unauffälliger Vollausfall, während Klose es geschickter machte: Er blieb einfach unsichtbar. „Pass auf“, sagte Kumpel Wolfgang  nach dem Spiel, „jetzt kommt endlich Kritik an Löw“.

Passierte aber nicht. Kein Ton, kein Mucks, nichts. „Waldi“, den Weißbier-Werber, schaut man sich in unseren Breiten dann gar nicht mehr an: Wie die Welt durch die Brille des öffentlich-rechtlichen Fanclub-Beauftragten von Bayern München aussieht, haben wir restlos über – auch da wäre endlich einmal eine Personaldebatte fällig.

So wie über Sankt Jogi. Der Reflex, bei Niederlagen den Kopf des Trainers zu fordern, ist natürlich auch bescheuert. Ihn aber in der kritiklosen Zone zu lassen, als trüge er einen Heiligenschein, ist nicht nachzuvollziehen. Man muss es klar sagen: Verloren hat die Nationalmannschaft nicht mit Pech, sondern unter anderem wegen offenkundiger Fehlentscheidungen des Trainers.

P.S.: Am Freitagvormittag legte SPON mit einer guten, sachlichen Analyse von Peter Ahrens und Rafael Buschmann vor.

Eigentore: Schluss mit lustig

Meine Frau ist mit Fußball aufgewachsen – genauer mit Fußball-bekloppten Brüdern. Sie sagt, sie habe sich deshalb einen Mann gesucht, der mit Fußball nichts am Kopf hatte: mich.

Dumm gelaufen, denn irgendwann kam Sohnemann. Der begann seine Laufbahn Prä-Bambini, und er ist heute immer noch dabei. Ein Lahm der Kreisklasse, ein Guter ist er. Ich habe durch ihn zum Fußball gefunden. Trotz Erfahrungen, die das lange verhindert haben.

Wenn ich an meine Jugendtage zurückdenke und an die damalige Szene, wird mir heute noch übel. Ich war Anfang der Achtziger mal im Stadion Wedau, als der MSV auf Schalke traf. Weil beide Fanblöcke blau-weiß waren, bekam man die nicht getrennt. Als ein paar Vollbescheuerte ihre Schlägerei begannen, löste die Polizei das Problem, indem sie auf Pferden in die Menge ritt und mit dem Schlagstock hineinschlug. Und zwar auf alle: Frei nach dem Motto „Immer drauf, trifft immer den Richtigen“. Ich mag Pferde, aber nicht aus der Perspektive. Für mich folgte auf den Tag eine lange Stadionpause. Die Achtziger waren die Zeit der enthirnten Hools, die Fußballszene schien von Vollidoten dominiert.

Im letzten Drittel der Neunziger ging es mit Sohnemann erstmals ins Stadion: die Zeiten hatten sich geändert. Die Stimmung hatte Volksfest-Charakter, die viel zu seltenen Stadionbesuche waren aufregende kleine Feiern. Es wurde immer besser: Choreographien kamen, unermüdlich singende Fanblocks, eine Fankultur mit Ritualen und Tiefen und einem die Kultur des eigenen Clubs pflegenden „So sind wir“-Bewusstsein. Zeitschriften wie „11 Freunde“ (lese ich seit Jahrgang 1 jeden Monat) unterfütterten das alles mit dem Bewusstsein, dass es hier auch um Lebenshaltungen und Verwurzelungen geht, nicht nur um Profisport und Popkultur.

Die WM 2006 erlebten wir als rauschendes, Missgunstfreies Fußballfest, als landesweite Party.

Und jetzt schau man sich an, was in den letzten eineinhalb Jahren passiert ist: Die Vollidioten sind zurück. Köln, deren Fans über Jahre zu den sangesfreudigsten, witzigsten Anhängern überhaupt gehörten, die auch noch den grottigsten Kick im Stadion zu einer kleinen Karnevalsfeier machen konnten, haben in der letzten Saison gegnerische Fans mit Kot-gefüllten Pappbechern beworfen, keine Randale ausgelassen, bis hin zu Überfällen auf Fanbusse anderer Mannschaften. Vollidioten.

Wenn Mannschaften absteigen, muss man wieder mit Bürgerkriegsähnlichen Szenen rechnen. Am Dienstagabend schaffte es die Düsseldorfer Idiotenhorde fast, den Aufstieg ihrer Mannschaft noch im Stadion zu verhindern, indem sie das Spiel unterbrach. Die Sache wird wohl ein gerichtliches Nachspiel haben, noch ist nichts ausgemacht oder ausgestanden.

Und zurecht: Ein Bekloppter klaute vor laufender Kamera den Elfmeterpunkt. Die letzten 60 Sekunden spielten die Mannschaften nach massivem Polizeieinsatz und 20 Minuten Zwangsunterbrechung auf einem Acker, aus dem die ach so treuen Fans mit bloßen Händen Grasoden gebrochen hatten. Auf den Rängen brannten vorher schon „Fans“ von „Hertie“ Berlin Bengalos ab und warfen mit Feuerwerkskörpern. Der Versuch, so was als kleine, harmlose Lichtlein-Festspiele niedlich zu reden, hat sich spätestens nach den Bengalo- und Rauchbomben-Festivals der letzten Wochen erledigt. Von mir aus können beide Mannschaften in der zweiten Liga versauern und stattdessen der Viertplatzierte aufsteigen: St Pauli ist ein Club, dessen Fans zumindest Erstligareif sind.

Ernsthaft: Über die letzten 15 Jahre ist mein Spaß am Fußball nur gewachsen. Mir fällt nichts ein, was Menschen völlig unterschiedlichen Hintergrunds besser, spaßiger und spannender zusammenbringt und gemeinsame Erlebnisse ermöglicht, als Fußball.

Was aber in den letzten Monaten abgeht, ist Deja vu, ist wie die Rückkehr der Achtziger-Idiotenszene. Wenn das so weiter geht, ist der Spaß bald vorbei. Das alles sind keine Einzelfälle mehr, das ist ein Scheißtrend. Wer jetzt noch für Bengalos und „feurige“ Fankultur argumentiert, muss sich fragen lassen, ob er sie noch alle beieinander hat.