Londons viktorianische Dinosaurier

1853 war es ein enormes Wagnis, sich mit solchen Rekonstruktionen vorzuwagen. Von vielen Tieren gab es nur Funde einzelner Knochen – so auch beim Iguanodon.

Seit Freitag ist ein neues Buch von mir bestellbar, das voraussichtlich ab Dienstag der Pfingstwoche ausgeliefert wird: „Die ersten ihrer Art – die viktorianischen Dinosaurier des Crystal Palace, London“.

Das Ding ist dermaßen Nische, dass man meinen könnte, ich hätte damit beweisen wollen, dass auch wir „kommerziellen Lohnschreiber“ mitunter aus reiner Begeisterung in die Tasten hauen. Ich habe tatsächlich erst gar nicht versucht, dafür einen Verlag zu finden.

Stattdessen habe ich die Gelegenheit genutzt, gleich zwei Herzensangelegenheiten einfach mal durchzuziehen:

1. endlich mal im On-Demand-Verfahren, über das ich so oft geschrieben habe, zu publizieren: im Selbstverlag, mit E-Book-Schiene und allem, was dazu gehört. Es ist ein Selbstversuch, den ich dokumentieren und in gegebener Zeit auch publizieren werde. Wie ist die Qualität der Produkte? Ist das wirklich eine Chance für Autoren, für exotische Themen? Funktioniert es, sind die Produkte so gut erhältlich, wie die Anbieter behaupten? Funktioniert Selbstvermarktung? Verdient man damit etwas? Und so weiter: ich bin gespannt.

2. Über die „viktorianischen Monster“ des Bildhauers Benjamin Waterhouse Hawkins zu schreiben.

Die stehen seit 1854 in einem Park in Südlondon und waren damals der allererste Versuch überhaupt, ausgestorbene Lebewesen, über die man noch herzlich wenig wusste, in rekonstruierter Form abzubilden. Es hat die Vorstellungen von der „Urzeit“ über viele Jahrzehnte geprägt – und war über ein halbes Jahrhundert eine der meistbesuchten Attraktionen Londons.

Es muss über 30 Jahre her sein, dass ich das erste Mal über diese tonnenschweren Monumente gelesen habe: Wie lustig die heute seien, weil sie so „falsch“ sind. Was damals für ein Aufwand betrieben wurde. Die Legende vom spektakulären „Wissenschaftler-Dinner im Dinosaurier“. Und so weiter.

Im Februar habe ich die Figuren im Crystal Palace Park besucht. Das Wetter war lausig, die Inseln, auf denen die Statuen stehen, noch kahl. Trotzdem waren eine Menge Leute unterwegs, die sich die Figuren ansahen. Kaum einer von ihnen wusste, was sie da vor sich hatten – und die Erklärungstafeln vor Ort ändern daran auch herzlich wenig.

Wie „schlechte Dino-Figuren aus den 70ern“ sähen sie aus, sagte meine Frau, und wenn man nichts über die Sydenham-Saurier weiß, kann man das so sehen. Ich erklärte ihr den Stellenwert der Statuen:

– dass sie wissenschaftliche Pionierleistungen sind, die den kargen Wissensstand ihrer Zeit fast vollständig abbildeten;
– dass sie eine einst weltweit berühmte Attraktion waren, die das zwölf Jahre davor erfundene Wort „Dinosaurier“ erst bekannt machte;
– dass sie einer der frühesten Versuche waren, so etwas wie Evolutionsgeschichte darzustellen – sechs Jahre, bevor Darwin sich endlich traute, die „Entstehung der Arten“ zu veröffentlichen;
– dass für Millionen von Menschen des 19. Jahrhunderts die Begegnung mit „Hawkins Monstern“ erstmals die biblische Schöpfungsgeschichte und die Mär von der Sintflut in Frage stellte.

Und dann zeigte ich ihr, was an den Statuen interessant, beeindruckend, lustig oder einfach nur schräg ist.

„Und warum erfährt man das hier nirgendwo?“, fragte sie.

Stimmt, dachte ich. Da stehen diese Monumente menschlicher Erkenntnis halb vergessen in einem leicht heruntergekommenen Park, der selbst einmal eine der berühmtesten Attraktionen der Welt war, und man findet kaum Erklärungen.

Abends schaute ich, was es darüber so auf dem Buchmarkt gibt. In Reiseführern sind die Statuen im Crystal Palace Park selten mehr als eine Randnotiz. In englischer Sprache gibt es – mehr oder minder schwer erhältlich – zwei Replikas von Büchern aus dem 19. Jahrhundert darüber und eines, das 1994 aufgelegt, seit zwanzig Jahren aber nicht mehr nachgedruckt wurde. Es wird für bis zu 150 Pfund gehandelt, je nach Zustand.

In deutscher Sprache gab es – nichts.

Drei Tage nach unserem Besuch im Crystal Palace Park begann ich zu schreiben. Statue für Statue erklärte ich das, was man da sieht, die Geschichten und Annekdoten dahinter, den Kenntnisstand heute. Zusammengenommen ergab sich daraus nicht nur eine „Gebrauchsanweisung“ für den Park, sondern auch ein konziser Abriss über die Anfangstage der Paläontologie und ihre „Helden“ – über Crystal Palace zu schreiben bedeutet, Wissenschaftsgeschichte zu erzählen.

Anfahrtskizzen und Beschreibungen kamen dazu, und am Ende noch ein Essay darüber, was die Statuen über Kultur und Wissenschaft des viktorianischen Zeitalters aussagen und dafür bedeuteten. Bevor ich mir selbst ganz darüber im Klaren war, hatte ich eine Art kleinen Nischen-Reise- oder Museumsführer geschrieben.

Nicht, weil ich glaube, dass ich damit auch nur die Druckkosten wieder hereinhole, sondern weil es mir am Herzen lag: Hawkins Monster verdienen es, verstanden zu werden. Ich verstehe sie als in Beton gegossene Dokumente eines Erkenntnisprozesses, der die Welt von Grund auf verändert hat. Für mich macht sie das bis heute nicht nur lustig und rührend, sondern auch wichtig und beeindruckend.

Es würde mich freuen, wenn das Büchlein den paar Enthusiasten und Dino-Fans, den Wissenschafts-Nostalgikern und Wissens-historisch Interessierten, die sich nach Südlondon in den Crystal Palace Park verirren, ein wenig Spaß und einen vertieften Blick auf Hawkins viktorianische Monster bescheren würde. Kaufen kann man das 140-Seiten-Bändchen für 5,99 Euro in den meisten Online-Buchläden, man kann es im Handel bestellen oder als E-Book für Reader, Tablet oder Handy beziehen (in den meisten wird es knapp 3 Euro kosten).

Hier schon einmal ein erster Link: Die gedruckte Ausgabe soll im Laufe der Pfingstwoche bei allen Online-Buchhändlern erhältlich sein, das Ebook wird irgendwann im Laufe der nächsten zwei Wochen folgen.

Die ersten ihrer Art – die viktorianischen Dinosaurier des Crystal Palace, London

Beinahe-Ente: Hubbles Supernova

Bei Facebook gehen derzeit Videolinks um, die angeblich einen „Film“ zeigen, der eine vom Raumteleskop Hubble dokumentierte Supernova zeigen soll. Wer sich die Mühe macht, von Facebook zu Youtube zu wechseln, findet heraus, dass diese Neuigkeit so ganz brandheiß nicht sein kann: Die meistverbreitete Version des Videos dort stammt vom November 2011 und hat seitdem rund 1,2 Millionen Abrufe gesammelt.

Die eigentliche Story ist noch weit älter. Bemerkt wurde die Nova 2002, relativ kurz, nachdem sie stattfand (respektive: nachdem ihr Licht uns erreichte): Bilder der eigentlichen Explosion gibt es nicht, die Nasa veröffentlichte 2006 allerdings einige Animationen. Die Bilder, die dem jetzt gerade als News verkauften Video zugrundeliegen, entstanden zwischen 2002 und 2006. Es sind acht sehr hoch aufgelöste Hubble-Fotos, die am Ende der Beobachtungssequenz zu einem Morph-Video animiert wurden. Die Nachricht von der direkt „gefilmten“ Supernova ist also knapp neben der Wahrheit – und die Nachricht, die gerade bei Facebook umgeht, eine Art auf kaltem Kaffee schwimmende Beinahe-Ente.

Daran, dass das am 26.Oktober 2006 von der Nasa veröffentlichte Video beeindruckend ist, ändert all das allerdings gar nichts. Hier ist das Original, eingebettet von der Hubble-Seite der esa:

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Es ist eine auf echten, in großen Abständen fotografierten Einzelaufnahmen beruhende Animation eines katastrophalen Events, der bis heute nicht ganz verstanden wird. Klar scheint zu sein, dass sich da ein Stern zuerst rapide zu einem Roten Riesen aufblähte, der seine Masse dann explosionsartig ins All schoss. Seine Überreste bilden heute eine dieser schönen stellaren Wolken.

Es ist also ein durchaus dokumentierter Sternentod, aber keineswegs der erste und auch nicht im eigentlichen Sinne „filmisch“ dokumentiert. Ist letztlich ja auch gut so, denn aus der riesigen Distanz und wegen der unfassbaren räumlichen Dimensionen ist alle stellare Bewegung natürlich extreme Slow Motion – 55 Sekunden Video stehen hier für vier Jahre.

Der Nebel, der am Ende als Produkt dieser Nova im All steht, würde unser Sonnensystem mühelos „schlucken“. Geschähe so etwas mit unserer Sonne, würden wir die eigentliche Explosion nie bemerken: Unsere Erde würde innerhalb der ersten drei Sekunden der Explosion einfach verdampfen, wenn sie nicht schon vorher vom sich ausdehenden Roten Riesen verschluckt würde.

Humanismus: Haben und Sein

Mitunter finde ich es ermüdend, über Humanismus und Atheismus zu lesen, schreiben, reden, diskutieren. Zu oft habe ich das Gefühl, ich müsste eine Form von Mangel rechtfertigen. Der Religiöse ist etwas, der Humanist nicht. Der Gläubige hat etwas, der Atheist nicht.

Es ist, als ginge es bei Humanisten oder Atheisten um ein Fehlen von Glaube, Religiösität, Werteorientierung oder Kultur. Entsprechend gerät die Argumentation vieler Humanisten zu oft verteidigend, aggressiv antireligiös, rechtfertigend oder besserwisserisch.

Wie unnötig das ist, zeigt in diesem Video der British Humanist Association souverän der Schauspieler und Autor Stephen Fry.

So muss das sein. Nicht nur gegen andere nörgeln und sich über den Gegensatz zu etwas definieren lassen, sondern demonstrieren und kommunizieren, was man ist und zu bieten hat: Ein reiches, reifes, einsichtsvolles, die Welt wirklich erklärendes und erschließendes, echte Toleranz und soziales Zusammenleben ermöglichendes Wertesystem, das den Blick auf die Realität nicht einengt, sondern erweitert.

Das ist das Gegenteil von Mangel, es ist erstrebenswert.

Hadfield: A star is born

Was wird Chris Hadfield nach der Landung machen? Prinzipiell könnte er nun wohl so ziemlich alles angehen, aber wahrscheinlich macht er einfach weiter: Er hat ja einen irren Job. Und trotzdem ist er wohl der schillernste, auf jeden Fall aber vielfältigst talentierte Astronaut, den wir bisher im Orbit gesehen haben. Seine Fotoserien sind in den letzten Monaten um die Welt gegangen, und auch musikalisch ist er nicht gerade ahnungslos. Das Musikvideo, das er für seine persönliche, zum Abschied von der ISS produzierte Version der „Space Oddity“ vorlegte, ist auf dem Weg, zum Youtube-Smashhit zu werden. Der Mann ist ein Lottogewinn für die PR der Nasa.