Einfach nur gut: Denkstoff

Das unten eingebundene Feature wurde eigentlich für einen öffentlich-rechtlichen Sender produziert, aber als „zu religionskritisch“ abgelehnt. Das ist so bedauerlich wie typisch für unseren Staatsfunk mit Kirchenbeteiligung. Das Feature ist durch und durch hörenswert.

Seufz: Die Post ist da

Heute früh, in meinem Email-Postfach:
 
„Sehr geehrter Herr Patalong,
seit Juni 2016 kann man sich bei der XXXXXXXX AG deutschlandweit zur Fachkraft für Lagerlogistik weiterqualifizieren.
Die Fakten dazu finden Sie hier als druckfähige Datei. Möchten Sie weitergehende Informationen, dann klicken Sie auf XXXXXXX oder rufen Sie einfach an.
Im Fall einer Veröffentlichung freuen wir uns über Belegexemplare, gern auch als PDF.
 
Mit freundlichen Grüßen
Frau PXXXX
Marketing & Organisation“
 
Das ist professionelle PR.
Komplett unzielgerichtet, völlig erratisch und absolut nutzlos.
Selbst wenn das Thema irgendetwas mit mir und meiner Arbeit zu tun hätte, wo sollte ich das veröffentlichen? Bei SPIEGEL ONLINE?
Ein guter Plan! Schlagzeile:
„XXXXXX bildet Lagerpacker aus!“
Vielleicht sollte sich auch Frau PXXXX da mal weiterqualifizieren. Vielleicht packt sie das besser als PR.
 
P:S: Ich habe absolut nichts gegen Lagerarbeiter.

Für immer Vorgestrig: Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm …

willi
Wilhelm II:: Zu den Großtaten des vermeintlich harmlosen Schnäuzelchens gehörte die Entfesselung eines Weltkriegs mit 27 Millionen Toten. Heutige Adelige beschäftigen sich meist mit Winken, was deutlich weniger Opfer fordert. Copyright: gemeinfrei

Vor ein paar Jahren teilte ich mir mal ein Zugabteil von Hannover nach Köln mit einer uralten Dame und einem dicklichen Polizisten mittleren Alters. Der Zug war mächtig verspätet, und machte dann wegen einer technischen Panne auch nochmal Pause. Wir hatten also viel Gelegenheit zum Kennenlernen.

Die alte Dame erzählte sehr lebendig und interessant aus ihrem Leben. Kriegsgeneration, buntcheckiger Lebenslauf. Kinder, mehrere Berufe, Vertreibung, das volle Programm. Gebildet und nicht unzufrieden – außer mit dem aktuellen Status Quo, vor allem in der Politik.

Denn genau wie der Polizist, der auf dem Weg zum Dienst am Flughafen Köln-Bonn war, hielt sie nicht viel von der Demokratie. „Am besten“, sagte der Beamte dann irgendwann, „wäre es doch, wenn wir wieder einen Kaiser hätten.“

Als ich ihn daraufhin neckend, aber korrekt mit „Verteidiger unserer Verfassung“ ansprach, fühlte er sich verarscht. Verärgern wollte ich ihn aber auch nicht, denn eigentlich schien der Mann zwar etwas einfach gestrickt, aber harmlos. Deshalb schickte ich schnell hinterher: „Könnte man ja so sehen, wenn Monarchen immer weise, liebe alte Herren mit Bart wären, die nur das Wohl der Bevölkerung im Auge haben und nie, nie etwas Böses tun. Nur leider kann ich die nirgendwo entdecken. Nicht in der Welt, und nicht in der Geschichte.“

Naja, meinten meine beiden Zwangs-Reisegenossen und wackelten seitlich mit den Köpfen, naja.

Ich hatte ab da verschissen, während sie weiter angeregt miteinander plauderten. Vielleicht leben sie heute miteinander und natürlich glücklich bis ans Ende ihrer Tage irgendwo zwischen Hannover und Köln. In froher Erwartung der Wiedereinführung der Monarchie schauen sie jeden Abend „Exclusiv/Prominent“ (Achtung: Verwechslungsgefahr: geklontes Format, geklonte Moderatorin) mit Frauke Ludewig/Constanze Rick („Welcher Promi noch versehentlich seinen Bauchnabel gezeigt hat, sehen Sie in unseren Top 10 nach den Nachrichten!“). Natürlich haben sie das Goldene Blatt, Frau im Spiegel und Bild der Frau abonniert. Ich würde es ihnen gönnen.

Denn natürlich ist dieses Monarchie- und Adels-Gedöns eine vergleichsweise harmlose Variante der undemokratischen Wirklichkeitsverweigerung. Meistens ist sie sogar gänzlich unpolitisch und erinnert in vielen Aspekten eher an eine Art Religion, in der an bizarren Titeln und Namensfortsätzen zu erkennende „Adelige“ als Sonderklasse des Homo sapiens als quasi Unberührbare durch die Welt schweben und uns Menschen zwar begegnen, selbst aber nicht als normale Menschen behandelt werden dürfen.

Tatsächlich ist für sie offenbar per Geburtsrecht ein ganz eigener Satz von sozialen Verhaltensregeln sprachlicher wie körpersprachlicher Art vorbehalten: Verneigen und langsame Bewegungen gehören dazu. Und natürlich die absolut wichtigste Regel: Gucken darf man, aber bloß nicht anfassen!

Im Gegenzug dürfen auch Adelige dann ganz normale Dinge nicht, wie zum Beispiel Rumpöbeln, an Messehallen pinkeln, pleite sein, mit bizarren, oft Brust- und Lippen-operierten F-Promis techtelmechteln und so weiter. Wenn sie es doch tun, kommen sie zur Strafe bei Frauke Ludewig in die Top 10 statt weiter vorn in die Sendung, wo ihre sich besser benehmenden Mitadeligen in den Genuss täglicher Götzenanbetung kommen.

Und das alles ist tatsächlich eine Massenbewegung. Sie begegnet uns nicht nur in Form dieser voll fiktiven Boulevardmedien, die ihre Recherchen vornehmlich telepathisch im Kopf irgendwelcher Prinzessinen und Prinzen vornehmen („Was denkt Herzogin Kate?“). Nein, auch wir ganz normalen Medienmacher im Mainstream der nachrichtlichen Information kommen nicht daran vorbei.

Derzeitiger Darling im Pantheon der adeligen Übermenschen ist Ihre königliche Hoheit Catherine Elizabeth, Duchess of Cambridge, Countess of Strathearn, Baroness Carrickfergus, die eigentlich dem Geldadel entstammt und weit profaner als Catherine Elizabeth, genannt Kate Middleton geboren wurde. Seit die schmucke Kate aber ihrem William (Ha! Ein Wilhelm! Und dann auch noch mit ihm verwandt!) zur Seite steht und ihr Geld vornehmlich mit Winken und Kinderkriegen verdient, ist sie so etwas wie die designierte Ober-Adelige aller Klassen, sollte sich ihre Schwieger-Großmutter wider Erwarten doch einmal als sterblich erweisen.

Wie auch immer: Alles, was Kate tut, ist eine Nachricht. Und zwar eine harte, wichtige, populäre.

In der letzten Woche zum Beispiel tat sie folgendes: Sie zuckte nicht, als irgendein Basket-Ball-Star ihr doch glatt die Hand auf die Schulter legte.

DIE HAND!
AUF DIE SCHULTER!

Wahnsinn. Sie erinnern sich an die Regel?
Gucken ja, aber nicht anfassen!

Frauke Ludewig war aus dem Häuschen. Und jetzt das: Bei einem weiteren Benefiz-Termin, bei dem Kate für die Kameras gemeinnützige Arbeit vortäuschen musste, wurde sie doch glatt von einer Vorarbeiterin angeranzt, schneller zu sein und bei der Sache zu bleiben. So als ob man von einer Adeligen erwarten dürfe, dass sie ARBEITET.

Und was tat Kate?
Sie rollte mit den Augen!
Ich weiß, ich weiß: Wahnsinn!
Eine Reaktion wie bei einem Menschen!

Kein Wunder, dass der „Guardian“, sonst eher als intelligent und links bekannt, begeistert twitternd kommentierte, das sei „das sympathischste, was sie seit Langem gemacht hat. Mehr davon!“.

Ein guter Vorschlag. Vielleicht ließen sich die royalen Pflichten neben Rumreisen, Winken, Schreiten und Lächeln ja wirklich noch um Augenrollen erweitern. Und nicht nur die ganze Briten-Presse feierte, wie quasi menschlich ihre kommende Ober-Adelige die unverzeihlichen Affronts im Land der adelslosen Barbaren (Ach, Amerika!) souverän mit Regungslosigkeit respektive Augenrollen quittiert hatte.

Auch hier in Deutschland, wo man sich formell am 11. August 1919 vom Adel verabschiedete, gab es kein Thema, das die Menschen mehr interessiert hätte.

Im Ernst: Die Welt brennt, der IS mordet, die rechten Rattenfänger von Pegida heizen den Fremdenhass an, Flüchtlingsheime brennen, Bayern wird Herbstmeister – und statt all dieser Katastrophen sind die meisten Leser vor allem an einem interessiert – Kates Augenrollen. Am Samstagnachmittag rückte die Meldung über diese ungewöhnliche Tätigkeit auf Platz 1 der meistgelesenen Artikel bei Spiegel Online.

Vielleicht ist ja doch noch Hoffnung, liebe Mitreisende. Andererseits: ich hoffe nicht.

Storytelling-Projekt SPON20: Binnensicht

spon20
Special zu 20 Jahre SPIEGEL ONLINE: www.spon20.de

 

Am heutigen Dienstag ist das inhaltlich von Jule Lutteroth und mir erarbeitete Special zu 20 Jahre SPIEGEL ONLINE veröffentlicht worden. Ich habe die letzten zweieinhalb Monate fast ausschließlich daran gearbeitet.

Gespannt bin ich nun darauf, wie das ankommt: Wie viele Leser findet so etwas? Wie vollständig wird es genutzt? Der Aufwand hinter so einem Projekt ist enorm, und er ist nicht wirklich sichtbar. So ein Projekt bindet die Arbeitskraft vollständig: meine voll, Jules erst teilweise, in den letzten 6 Wochen dann ebenfalls voll. Ich vermute mal, durchgerechnet käme man hier locker auf 100 Vollzeittage und mehr.

Interessant ist so etwas, weil „andere Erzählformen“, multimediale Info-Aufarbeitung etc. ja immer häufiger eingefordert werden. Das steht im krassen Gegensatz zum Medientrend der rapide schrumpfenden Ressourcen. Gute Onlineredaktionen arbeiten selbverständlich auch mit einer Themenvorplanung, wo Recherchen angeschoben, Reisen unternommen oder Autoren beauftragt werden. Diese Sahnestückchen sind aber natürlich die Kür, die Ausnahme im schnellen Newsflow.

Das originäre Format des Onlinejournalismus ist die ad-hoc-Produktion: Info bekommen, verarbeiten, publizieren. Sofort. Der Ausbau durch Nachfragen und Zusatzrecherchen geschieht je nach Wichtigkeit des Themas – was Online vor allem „Eiligkeit“ bedeutet – entweder vorher oder sukzessive nachher. Da ist „Storytelling“ ein echter Bruch.

Für ein publizistisches Dickschiff wie uns bei SPIEGEL ONLINE sind ein paar solcher Projekte pro Jahr natürlich stemmbar. Bei Tageszeitungen unterhalb der SZ/Welt-Schwelle sehe ich das auf Dauer nicht. Da wird man an Kooperationen kaum vorbeikommen. Zumal es anders auch nicht finanzierbar sein dürfte: Man stelle sich vor, eine Regionalzeitung wollte so etwas als fertiges Produkt einkaufen. Hunderte Arbeitsstunden, dazu Grafik, Lizenzen, Bildredaktion, Programmierung?

Vielleicht setzen sich solche multimedialen Ansätze ja trotzdem durch. Noch wissen wir noch nicht einmal, ob es wirklich der Leser ist, der danach verlangt, oder wir Medienmacher uns nur vorstellen, dass der Konsument das will. Ich persönlich bin da Pragmatiker, weil ich mein eigenes Leseverhalten kenne: Einen konsistent geschriebenen Artikel lese ich auch dann zuende, wenn er lang ist. Ein Inhaltepaket, wie ich das jetzt selbst mit erarbeitet habe, lese und konsumiere ich selektiv. Für mich als „Macher“ bedeutet das, dass die meisten Nutzer nie vollständig lesen/hören/sehen werden, was wir für sie da zusammengestellt haben.

Wie auch immer: Jetzt hat der Dampfer spon20 abgelegt, man wird sehen, wie und wo er ankommt. Ich bin seit Montag zurück im redaktionellen Alltag: Drei Artikel, die bis zum Wochenende erscheinen sollen, sind in Arbeit, eine Recherchereise mit Terminen für drei weitere ist in Vorbereitung/Verhandlung.

Normal, das ist Onliner-Alltag. „They sentenced us to 20 years of newsdom, to try and change the system from within…“ dichtete Kollege Andreas Borcholte heute morgen frei nach Leonard Cohen bei Facebook. Egal, wie man zu uns Onlinern steht: Das haben wir wohl. Mal schauen, wie es weiter geht.