Warum Blaubär?

Das hier habe ich gerade zufällig bei Buch.de gefunden:

blaubaerNicht, dass ich mich nicht geschmeichelt fühlen würde. Ich mag den Blaubär (ein Held meiner Kinder, als sie klein waren), auch, wenn ich die Augsburger Puppenkiste vorgezogen hätte (MEIN Kinderprogramm, als ich klein war). Gut möglich, dass sich die Kombi mit dem Blaubär sogar verkaufsfördernd für mein Buch auswirkt. Der ist immerhin ziemlich prominent, und dann auch noch von Walter Moers!

Ich frage mich nur, WARUM man einen Viktorianischen Vibrator bei Buch.de angeblich am liebsten mit einer Blaubär-DVD kombiniert.

Gibt es da einen Grund?
Oder ist das nur digital?

Storytelling-Projekt SPON20: Binnensicht

spon20
Special zu 20 Jahre SPIEGEL ONLINE: www.spon20.de

 

Am heutigen Dienstag ist das inhaltlich von Jule Lutteroth und mir erarbeitete Special zu 20 Jahre SPIEGEL ONLINE veröffentlicht worden. Ich habe die letzten zweieinhalb Monate fast ausschließlich daran gearbeitet.

Gespannt bin ich nun darauf, wie das ankommt: Wie viele Leser findet so etwas? Wie vollständig wird es genutzt? Der Aufwand hinter so einem Projekt ist enorm, und er ist nicht wirklich sichtbar. So ein Projekt bindet die Arbeitskraft vollständig: meine voll, Jules erst teilweise, in den letzten 6 Wochen dann ebenfalls voll. Ich vermute mal, durchgerechnet käme man hier locker auf 100 Vollzeittage und mehr.

Interessant ist so etwas, weil „andere Erzählformen“, multimediale Info-Aufarbeitung etc. ja immer häufiger eingefordert werden. Das steht im krassen Gegensatz zum Medientrend der rapide schrumpfenden Ressourcen. Gute Onlineredaktionen arbeiten selbverständlich auch mit einer Themenvorplanung, wo Recherchen angeschoben, Reisen unternommen oder Autoren beauftragt werden. Diese Sahnestückchen sind aber natürlich die Kür, die Ausnahme im schnellen Newsflow.

Das originäre Format des Onlinejournalismus ist die ad-hoc-Produktion: Info bekommen, verarbeiten, publizieren. Sofort. Der Ausbau durch Nachfragen und Zusatzrecherchen geschieht je nach Wichtigkeit des Themas – was Online vor allem „Eiligkeit“ bedeutet – entweder vorher oder sukzessive nachher. Da ist „Storytelling“ ein echter Bruch.

Für ein publizistisches Dickschiff wie uns bei SPIEGEL ONLINE sind ein paar solcher Projekte pro Jahr natürlich stemmbar. Bei Tageszeitungen unterhalb der SZ/Welt-Schwelle sehe ich das auf Dauer nicht. Da wird man an Kooperationen kaum vorbeikommen. Zumal es anders auch nicht finanzierbar sein dürfte: Man stelle sich vor, eine Regionalzeitung wollte so etwas als fertiges Produkt einkaufen. Hunderte Arbeitsstunden, dazu Grafik, Lizenzen, Bildredaktion, Programmierung?

Vielleicht setzen sich solche multimedialen Ansätze ja trotzdem durch. Noch wissen wir noch nicht einmal, ob es wirklich der Leser ist, der danach verlangt, oder wir Medienmacher uns nur vorstellen, dass der Konsument das will. Ich persönlich bin da Pragmatiker, weil ich mein eigenes Leseverhalten kenne: Einen konsistent geschriebenen Artikel lese ich auch dann zuende, wenn er lang ist. Ein Inhaltepaket, wie ich das jetzt selbst mit erarbeitet habe, lese und konsumiere ich selektiv. Für mich als „Macher“ bedeutet das, dass die meisten Nutzer nie vollständig lesen/hören/sehen werden, was wir für sie da zusammengestellt haben.

Wie auch immer: Jetzt hat der Dampfer spon20 abgelegt, man wird sehen, wie und wo er ankommt. Ich bin seit Montag zurück im redaktionellen Alltag: Drei Artikel, die bis zum Wochenende erscheinen sollen, sind in Arbeit, eine Recherchereise mit Terminen für drei weitere ist in Vorbereitung/Verhandlung.

Normal, das ist Onliner-Alltag. „They sentenced us to 20 years of newsdom, to try and change the system from within…“ dichtete Kollege Andreas Borcholte heute morgen frei nach Leonard Cohen bei Facebook. Egal, wie man zu uns Onlinern steht: Das haben wir wohl. Mal schauen, wie es weiter geht.

Die Post ist da: Nimm! Mich! Wahr!

Timo Steppat hat am Montag bei FAZ.net einen schönen Artikel über einen Forentroll veröffentlicht. Ein interessantes Porträt unserer lautstarken, engagierten Internet-Meinungsführer.

Mitunter fragt man sich, was mit solchen Leuten nicht stimmt, aber man hat auch gelernt, mit diesem Mist zu leben. Viel schlimmer finde ich eine andere Spezies, die es in der Zeit, bevor E-Mail für jedermann nutzbar wurde, nicht gegeben hat: Leserbriefschreiber, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, uns „entrückten“ Journalisten mit Perspektiven aus dem echten Leben zu versorgen.
Oder dem
Rechten.

Viele Journalisten im Lande kennen beispielsweise den ganz besonders fleißigen Rudolf (seinen echten Namen lassen wir hier mal weg). Seit etlichen Jahren schreibt er Kommentare und Briefe und verschickt Links zu aus seiner Sicht interessanten Artikeln, um Journalisten und Politiker auf Themen aufmerksam zu machen, wie er immer wieder betont. Meistens geht es bei ihm um den Islam oder gegen Ausländer aus bestimmten Ländern. Seine Quellen reichen von rechtsextremen Blogs bis zu ganz normalen Massenmedien.

Letzteres ist perfide, weil es ihm Glaubwürdigkeit verleiht: Wer ihn nicht kennt, nimmt oft nicht sofort wahr, aus welcher Ecke Rudolf kommt. Es ist die Auswahl der Themen und ihr steter Strom, der Einfluss nehmen soll. Rudolf agiert nach der Devise, dass man etwas nur oft genug behaupten muss, damit etwas davon kleben bleibt.

Viele Links, die er uns schickt, beziehen sich auf Regionen, in denen gerade Chaos herrscht oder wo irgendwelche Untaten begangen wurden. Oder es geht um Straftaten, hierzulande von Ausländern begangen (Einsperren! Ausweisen! Grenzen dicht und aussperren!).

Es sind Mails, die uns etwas lehren wollen: Die da sind weniger wert als wir, teilt uns Leserbrief-Rudolf mit. Und ihr berichtet über die, als seien das Menschen?

Rudolf, begreift man sehr schnell, ist aus tiefster Überzeugung Rassist. Es bestimmt sein Bild von der Welt und prägt und verzerrt seine Wahrnehmung. Seine Wut kommt aus der Empörung darüber, dass wir Journalisten die Welt nicht so wahrzunehmen scheinen wie er. Für ihn sind wir von raubenden und mordenden, minderwertigen Wesen mit gefährlichen Ideologien umgeben, die man doch ganz leicht erkennen könne: An der Farbe ihrer Haut und ihrer Haare, an ihren Sprachen und Bauwerken, an ihren Namen und ihrer Kleidung, an ihrer Fremdheit.

Vor eineinhalb Jahren habe ich Kollegen per Rundmail angeschrieben und wollte wissen, wer von Rudolf gehört habe und von ihm Post bekommt. Es waren viele. Seine Mails gehen an zahlreiche Journalisten, aber auch an Politiker.

Ich begann zu recherchieren. Ich fand heraus, wo er lebt: Ein ruhiges Örtchen im bergigen Süden, reiche Gegend, vorstädtische Wohnlage, Siedlungshäuschen der Fünfziger, gepflegte Vorgärten. Ich fand heraus, wie alt er ist. Ich versuchte herauszufinden, ob er mit irgendeiner rechtsradikalen Partei assoziiert ist.

Ist er nicht.

Rudolf ist ein vermeintlich ganz normaler Mensch Anfang 60, wahrscheinlich Frührentner. Er lebt mit einer engen Verwandten in einem kleinen Häuschen, ist Mitglied in keinem Verein und geht offenbar auch keiner Tätigkeit mehr nach. Außer, Leserbriefe zu schreiben.

Und zwar viele. Manchmal kommen zwei oder drei am Tag, es können aber auch mal 25 und mehr werden. Vor ein paar Wochen kamen einmal über 30 Briefe an einem einzigen Sonntag. Manchmal ist auch wochenlang Ruhe (Urlaub? Kur? Er wird doch hoffentlich nicht krank sein?). Und dann geht es wieder los, mit neuer Kraft und umso heftiger.

Im März 2013 begann ich, die Dinger zu sammeln. Ich wollte wissen, wie lange es dauern würde, bis 2000 zusammen kämen. Im November war es soweit: 2000 Mails in rund 240 Tagen. Macht im statistischen Schnitt rund acht Zuschriften am Tag.

Erst habe ich geglaubt, Rudolf sei ein rechter Lobbyist. Er ist ja nur einer von mehreren Rudolfs, die mich mit der rechten Weltsicht versorgen: Die Zahl der geistigen Brandstifter und potentiell gefährlichen Spinner ist erschreckend.

Inzwischen halte ich Rudolf nicht mehr für einen Akteur. Er ist kein Täter, sondern schlicht ein Opfer seiner eigenen, verzerrten Weltsicht. Die vergiftet ihn ganz offensichtlich, füllt ihn mit Abscheu und Hass und Wut. Meiner Meinung nach ist er vor allem sehr, sehr einsam, wenn nicht sogar krank im psychopathologischen Sinn. Wahnsinn ist eine höchst deskriptive Vokabel: Sie beschreibt die wahnhafte Verzerrung sinnlicher Wahrnehmung. Im Klartext: Da stimmt was nicht mit der Wahrnehmung der Realität, was zu Grütze im Kopf führt. Klingt passend.

Die Vorstellung, in acht Monaten 2000 Briefe in ein digitales Nirvana zu schicken, aus dem als Antwort allenfalls ab und zu einmal ein „Hören Sie doch bitte auf damit!“ schallt, ist jedenfalls gruselig. Wie viel Zeit muss man investieren, um zwei, drei, 15 oder 25 Mails am Tag zu verfassen und zu verschicken? 

Man muss sich das einmal vorstellen. Wie Rudolf nach Themen sucht, nach negativen Nachrichten, nach Bestätigungen für seinen Hass. Den ganzen Tag. Und dann fünf, zehn, zwanzig Leserbriefe schreibt und verschickt. Immer ohne Antwort. 

Rudolf, was ist ein guter Tag für Dich? Gehst Du zufrieden zu Bett, wenn Du 30mal Hass verschickt hast? Was für ein verschwendetes Leben!

Du könntest stattdessen spazieren gehen oder kegeln, Du könntest lernen, wie man Aquarelle malt oder Bud-Spencer-Filme sehen, wenn das eher Dein Ding ist. Du könntest Menschen treffen, mit ihnen reden, Ihr könntet Karten spielen, Witze reißen oder gemeinsam Essen gehen: Deutsch, aber auch chinesisch, indisch oder türkisch. Hast Du schon mal persisches Rosen-Eis probiert, Rudolf? Dich durch Kokos und Curry zu unbekannten Gewürzen auf unerkannten Gemüsesorten durchgeschmeckt, die Dir der dunkelhäutige Kellner bestimmt gern, stolz und lustig erklären wird?

Wahrscheinlich nicht. Ich fürchte, die Rudolfs dieser Welt suchen keine Aha-Erlebnisse.

Ich habe Deine 2000 Mails am Ende ungelesen gelöscht, Rudolf, tut mir leid. Und ich habe Dich inzwischen in zig Varianten im Spamfilter verewigt. Es wirkt, das Ding hält dicht. Wenn man so will, ist mein Mailsystem auf Deine Mails optimiert. Möglich, dass Dich das sogar freut, denn das wolltest Du doch: Wahrgenommen werden.

Rudolf, lass Dir helfen.

Smart?

Freunden gehe ich mitunter auf den Keks, weil ich oft schwer erreichbar bin. Tagsüber sitze ich an meinem Arbeitsplatz, da steht ein Telefon. In meiner Freizeit brauche ich das nicht. Ein privates Handy habe ich noch nie besessen, mein Diensthandy mache ich nur an, wenn ich dienstlich unterwegs bin oder wirklich dringend jemanden erreichen muss.

Ansonsten nehme ich mir die Freiheit, nicht ständig kommunizieren zu müssen.

Ich mache das so seit 2002 und bin gut damit gefahren. In den letzten zwei Jahren spüre ich, wie der Druck wächst, „mehr“ mit meinem Handy zu tun. Ich habe ein iPhone, aber den iTunes-Account nicht aktiviert. Das Ding hat deshalb keinerlei Apps.

Es ist eine bewusste Entscheidung. Ich vermisse und verpasse absolut nichts dabei. Wenn ich einen Weg nicht finde, frage ich jemanden. Wenn ich ein Restaurant suche, lasse ich mir keins von meinem Handy vorschlagen, sondern laufe los und schaue in die Fenster. Wenn da viele Leute sitzen, und es denen offenbar gut geht, geh ich hinein.

Wenn ich mit Leuten zusammen bin, erwarte ich, dass die nicht telefonieren. Wenn das überhand nimmt, sage ich es. Mein Handy ist in Gesellschaft deaktiviert, so wie im Kino, im Flugzeug, im Zug. Wenn ich wirklich telefonieren muss, verlasse ich den Raum oder sehe zu, dass ich mich von meiner Gesellschaft (egal ob Freunde oder Fremde) soweit distanziere, dass ich die mit meinem Gespräch nicht belästige.

Ich empfinde die Manie der absoluten Erreichbarkeit als ungesund. Es nimmt unserem Erleben die Qualität. Die Spitze sind für mich diese Gestalten, die auf Konzerten ihre Handies in die Luft halten und nonstop mitfilmen.

Für wen?
Wozu?

Manchmal ärgere ich mich, wenn ich etwas Tolles sehe und keine Kamera dabeihabe. „Macht nix“, sagt mein Schatz dann oft, „das kannst Du eh nicht fotografieren.“

Fast immer stimmt das. Augenblicke kann man nicht festhalten, sie sind aus Zeit und Ort und Gefühl gemacht. Wer kein Handy dabei hat, muss es sich selbst merken: Was man dabei spürt, nennen die Amis „quality time“.

Die kann man schnell verpassen:

Ist das smart?