Räumdienst: Ein deutsches Wintermärchen

Tatwerkzeug: Verwandelt weiße Flächen in Rutschbahnen

„So geht das aber nicht“, sagte mein Schatz am Abend, „Morgen musst Du früher aufstehen.“

Ich kenne diesen Satz seit Jahren. So, wie die Rufe der ziehenden Wildgänse am Himmel für mich den wahren Beginn des Herbstes markieren, signalisiert mir dieser Satz, dass nun der Winter wirklich begonnen hat. Für mich beginnt damit ein Wettlauf mit der Zeit, der von mir verlangen wird, dass ich in den nächsten Tagen jeden Morgen noch ein bisschen früher werde aufstehen müssen.

Der Grund ist Herr H.. Er ist mein Nachbar und ein total netter Kerl. Freundlich grüßte er gestern, als er an meinem Bürofenster vorbeizog und den Bürgersteig vor meinem Haus vom Schnee befreite. Es war kurz vor Mittag, ich tippte unter Zeitdruck an einer Geschichte, die wir nach Möglichkeit auf der Seite haben wollten, bevor die dpa mit einer entsprechenden Agenturmeldung kam. Herr H. hatte keine Deadline. Er ist Rentner.

Seine Arbeit war auch nicht schwer, denn mehr als 1-2 Zentimeter Schnee waren noch nicht gefallen, seit er die Bürgersteige das letzte Mal gesäubert hatte, kurz bevor bei mir der Wecker schellte. Mühseliger war dann schon, was er am Nachmittag leisten musste, kurz vor meinem Feierabend.

H. und ich helfen uns seit Jahren. Bin ich eher draußen, säubere ich seinen Bürgersteig mit, ist er eher draußen, erledigt er meinen. Bis vor zwei Jahren Frau F. gegenüber starb, machten wir das Grundstück der alten Frau noch mit. Nachbarschaft nennt man sowas, es ist gut und ein Zeichen für ein gesundes Sozialgefüge. Mein Problem ist nur, dass das jedes Jahr schnell ins Einseitige abkippt. Ich bleibe die Gegenleistung schuldig. Gegen H.s freie Zeitgestaltung bin ich leider chancenlos.

Es ist ein informeller Wettbewerb, natürlich. Schließlich haben wir uns das nicht ausgesucht, wir müssen ja. Als ich heute morgen in die Kälte trete, ist es noch stockfinster, doch der Schnee hellt alles auf. Vielleicht vier Zentimeter herrlich fluffig-klebriger Flocken sind über Nacht gefallen. Der Schnee dämpft die Geräusche der Vorstadt, und unter den Füßen knirscht er. Bis 7.30 Uhr bemühen wir uns, diese jungfräuliche, noch von keinem menschlichen Fuß berührte Fläche in die vorschriftsmäßig geräumte Eisbahn zu verwandeln, die wir aus versicherungstechnischen Gründen für unsere teutonische Pflicht halten.

Heute gelingt mir das, ich bin fertig, bevor irgendjemand aus dem näheren Umfeld auch nur die Badezimmerbeleuchtung angeworfen hätte. Nur schräg gegenüber ist schon alles geräumt, ich hatte das Kratzen gegen 5 Uhr gehört. Es mag zum heutigen Sieg in der Morgenetappe beigetragen haben.

An den neuralgischen Punkten schnell noch was Streu auf den Weg! Mit Schweiß auf der Stirn stütze ich mich nachher auf meinen Besen und betrachte mein Werk. Sieht richtig hässlich aus im Vergleich zum schönen Weiß drumherum.

Ich kann mir schon vorstellen, wie die Kinder auf dem Weg zur Grundschule nachher wieder auf der Straße laufen werden, weil das angenehmer ist. Wir haben hier keinen Winterdienst, was dazu führt, dass die Straße immer herrlich weiß bleibt, schick gerahmt von blankgeputzten Bürgersteigen.

Morgen, weiß ich, werde ich wieder ein wenig früher aufstehen müssen, denn bei den nächsten Schneeräumungen während des Tages wird mich H. wieder schlagen. Der Himmel hängt dunkel und schwer, da kommt heute wirklich was!

So wird das gehen, bis der Kipppunkt erreicht ist: Vorletztes Jahr habe ich den Bürgersteig einmal geräumt und H. dann kurz nach Sieben noch einmal, weil inzwischen so viel Schnee gefallen war, dass man meine nächtliche Räumung schon nicht mehr sah. Danach wusste ich, dass ich aufgeben durfte: Ohne eine generelle Invertierung meines Tag-Nacht-Rhythmus war dieser Wettbewerb nicht zu gewinnen.

Aber heute morgen bin ich Sieger. Und hundemüde.

Kuriose Kneipenschilder (I): Von wegen Willkommen

Dass es zwischen Düsseldorfern und Kölnern gewisse Antipathien geben soll, ist eine weit verbreitete Legende. Ganz so kann man das allerdings nicht sagen: In den Kölner Kneipenvierteln gibt es eine ganze Menge Hinweise darauf, dass Düsseldorfer dort sogar in ganz besonderer Weise willkommen sind.

Tafel an der Wand einer Kölner Kneipe

Ist natürlich lieb gemeint. Tut Düsseldorfern schließlich auch nicht weh: die können sich das ja leisten. Sagt man so.

Galapagos, Vorstadt, 15.30 Uhr

Dieses gar nicht scheue Wesen ist mir gestern begegnet. Mein Sohn rief mich im Büro an und fragte, ob ich „das Vieh“ sehen wollte. Es sei gerade drüben bei der Nachbarin und mache die Pflanzen nieder.

Von dem Reh hatte ich schon gehört. Es macht die Gärten in der Nachbarschaft seit rund zwei Wochen unsicher. Nicht  die Bohne scheu und in aller seelenruhe führt es seine Razzien durch, vor allem aber mitten am Tag. Das wollte ich live sehen: Ich hab mir meine Kamera geschnappt und lief zur Hecke gegenüber. Wir schauten uns dann tief in die Augen.

Zumindest kurz, denn das Tier hatte was zu tun: fressen. Ernsthaft. Das ließ sich gar nicht groß aus der Ruhe bringen. Ich bin dann anders herum und trieb es auf die Straße, wo mein Sohn wartete, um es in Richtung Wald (ca. 400 Meter entfernt und zwei Querstraßen) zu treiben. Das Tier ließ mich erstmal auf vier Meter rankommen und bewegte sich erst, als ich in die Hände klatschte, und verfiel dann nicht einmal in eine wirklich schnelle Gangart. Wir Zweibeiner waren ihm offensichtlich lästig, aber vielmehr auch nicht.

Und da gibt es Leute, die auf die Galapagos fahren, um dort Seeelefanten zu sehen, die sich nicht bewegen. Haben wir hier sozusagen auch, nur mit Hufen.