Terra Mater: Manchmal muss man loben

Der gestern bei SPON veröffentlichte Artikel zu Red Bulls Medienunternehmungen lag einige Zeit in der Schublade. Herausgeholt wurde er, weil die ARD gestern abend mal wieder die Vorwürfe gegen das Sport-Sponsoring von Red Bull in vertiefter Form zusammenfasste – Bull-Bashing wäre da naheliegend gewesen.

Auch mein Artikel blieb nicht ganz frei davon, aber letztlich ist mir das zu billig. Wer beknackt genug ist, sich mit einem Wingsuit einen Berg hinab zu stürzen, weiß, dass das letztlich suizidal ist. Ich finde auch nicht, dass man so etwas mit Sponsorengeldern finanzieren sollte, das verdient Kritik. Bei den Todes- und Verletzungquoten in diesem  sogenannten Sport sollte man aber eher ein Verbot erwägen. Und sei es nur mit Rücksicht auf die armen Hunde von Rettungskräften, die nachher die Reste der allzu Wagemutigen von den Felsen kratzen dürfen.

Aber all das ändert nichts daran, dass Red Bull mit seinem Medienhaus erstklassige Inhalte produziert. Und die sind in Sachen Anspruch, Textqualitäten, Layouts etc. oft merklich oberhalb von dem positioniert, was da so direkt konkurriert. Ich finde es einfach gut, dass ein Verlag mit einer klar an Qualitäten orientierten Strategie Erfolg hat. Mit ausführlichen, lesbaren Texten statt Häppchen. So wenig vorbildlich das Sponsoring von Extremsportarten sein mag, so vorbildlich ist das.

Wie kommt es zu so einem Artikel? Ich hatte letztes Jahr auf einem Flughafen zufällig die Erstausgabe von „Terra Mater“ in die Hand bekommen. Das gediegene Layout, das große Format hat mich neugierig gemacht: Ich kaufte die DVD-Ausgabe für 9,90 Euro. Und war hin und weg. Monate später sah ich die „Zeitreise“-Ausgabe (Bild oben: Titelgeschichte über 100 Jahre alte russische Farbfotos) im Bahnhofskiosk von Dinslaken liegen und nahm sie mit. Ein paar Wochen darauf kontaktierte ich den Verlag: Ich wollte wissen, wer das macht – und was sie sonst so tun.

Natürlich haben die sich darüber gefreut. Wenn man für einen Verlag arbeitet, der eine Getränkemarke im Namen trägt, ist man wohl automatisch im Werbeblättchen- und Kundenzeitschrifts-Verdacht. Das machen die natürlich auch, aber die meisten Titel sind Projekte, die sich ernsthaft konkurrierend ihren jeweiligen Marktnischen stellen. Das Boulevardblättchen „Seitenblicke“ ist nicht meins, wirkt auf mich aber tatsächlich ein Stückchen weniger blöd als viele andere Promi-Gazetten, die mir versehntlich mal in die Hände fielen. „Servus in Stadt und Land“ klingt als Titel für großstädtisch geprägte nordwestdeutsche Ohren abschreckend bräsig, ist inhaltlich und gestalterisch aber anspruchsvoll und unterhaltsam: Das Ding macht schon was her, das ist kein Trash, sondern respektabel.

Und „Terra Mater“? Ist ein Fest. Ein Schmökerstück, dem die Penetranz des unermüdlich geschwungenen Mahnefingers fehlt, der einem den Spaß an „Geo“ so oft verleiden kann. Meine Sammlung ist inzwischen bis hierhin komplett. Wenn das Heft nicht nachläßt, wird das so bleiben. Für mich ist dieses Red-Bull-Heft die interessanteste Magazin-Neugründung seit Jahren.

Doppelblog

Ich habe heute bei SPIEGEL ONLINE mit einem neuen Format begonnen. „Knochensplitter“ wird eines der kleinen redaktionellen Blogs sein, die wir derzeit vom Stapel lassen.

Blog bezieht sich hier vor allem auf die Form: Es ist inhaltlich und stilistisch flexibler, als eine Kolumne wäre. Es ist eine Möglichkeit, auch Informationshäppchen, für die sonst nicht genug Zeit wäre, mit direktem Verweis auf die Quellen öffentlich zu machen. Ich empfinde das als sehr ehrliche Arbeitsweise, zudem bietet es Gelegenheit, sprachlich relaxed zu arbeiten.

Und mir gibt es Gelegenheit, endlich mehr Zeit in ein weiteres meiner Steckenpferd-Themen zu investieren, die Paläontologie und Evolutionsgeschichte. Die Form des Blog ist ideal dafür. Mit Dingen, die nicht Nachricht sind, tut sich SPIEGEL ONLINE ja ein wenig schwer. Hier werde ich Nachrichten, aber auch Tipps, Leserkommunikation und andere Formate erproben, eine ganze große Spanne von Information über Unterhaltung bis Service. Ich bin gespannt, wie das laufen wird.

Den ersten kleinen Versuchsballon kann man hier noch fliegen sehen.

Esoterik trifft Religion: Schwappt die Nahtod-Welle nach Deutschland über?

Nahtod-Bücher kommen immer in Wellen, auch in Deutschland. Bestseller treten Trends los. Der US-Trend, den ich in dem heute Morgen bei SPIEGEL ONLINE erschienenen Artikel beschreibe, hält seit Ende 2010 an. In dieser Zeit sind in den USA mehrere Dutzend stark religiös geprägte Bücher erschienen, die sich äußerst gut verkauften. Zwei davon gehören zu den verkaufsstärksten Bestsellern der letzten Jahre – das aktuellste erschien am Montag auch in deutscher Sprache.

Ich hatte es vorab bekommen und gelesen. „Der Beweis für den Himmel: Die Reise eines Neurochirurgen ins Leben nach dem Tod“ ist ein bierernst gemeintes Stück Missionierungs-Literatur. Ein vom Feuereifer eines frisch religiös Erweckten getragener Lobgesang.

Irritierend finde ich, mit was für einem naiv-glühenden Glaubenseifer diese Dinger daherkommen. Das hat mit einer „Auseinandersetzung“ mit dem Thema aber auch gar nichts zu tun: Es ist pure Missionierung aus evangelikaler Ecke. Und Nahtod ist ein Thema, das immer für Aufmerksamkeit gut ist.

Kritik bekommt der aktuelle Buch-Star Eben Alexander in den Staaten darum sowohl aus wissenschaftlicher Ecke, als auch seitens der offiziellen Kirchen. Begeisterungsstürme erntet er dagegen auf Lesereise durch Amerikas fundamentalchristliche Gemeinden. Das ist unheimlich, finde ich: das sind Leute, die am liebsten die Aufklärung zurücknehmen würden. Bisher war man hierzulande ziemlich resistent gegen diese Form des Christentums.

Anders in den USA. Eben Alexanders bisherige Buch-Bilanz: Elf Wochen auf dem ersten, sieben Wochen auf dem zweiten und eine Woche auf dem dritten Platz der New-York-Times-Bestsellerliste (Stand 7. März, Sachbuch). In Deutschland stieg das Buch am Erstverkaufstag bei Amazon auf Platz 421 ein, fällt seitdem aber, weil Amazon nicht genügend Bücher vorgeordert hatte: Das ist oft so, weil der Buchversender da erst auf das Beststellverhalten seiner Kunden reagiert. Wie sich der Esoterik-Schinken hierzulande verkauft, wird man deshalb erst in ein, zwei Wochen abschätzen können, wenn der Verkauf ernsthaft anläuft.

Körper unter Strom: Marionettenspiele mit der Mimik

SPIEGEL ONLINE hat einen Artikel von mir über Leichen-Galvanisierung und frühe Elektrotherapie gebracht. Einige der Bilder daraus verbreiten sich gerade im Netz. Kein Wunder:

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Anfänge der Elektrotherapie

Leichen wecken mit Stromstößen

Von Frank Patalong

Medizinische Elektroanwendungen: Ein kleines bisschen HorrorshowAls die Elektrizität entdeckt wurde, setzten Forscher Menschen unter Strom, egal ob tot oder lebendig. Die geheimnisvolle Energie schien irgendwie zu helfen. Ein Glaube, der bizarre Blüten trieb – bis weit ins 20. Jahrhundert.
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Aufgemacht hatte ich den Artikel mit einem der berühmten Duchenne-Bilder früher Experimente über Nerven-Reizleitung. Die sehen ja auch zu gruselig aus: Dieser arme, offensichtlich weitgehend mittellose Kerl, dem da Elektroden angelegt werden, war wohl weniger „freiwillig“, wie Duchenne angab, als vielmehr bedürftig – ich hoffe, er hat mehr als ein warmes Mittagessen dafür bekommen.

Der gequälte Ausdruck täuscht allerdings auch. Die verzerrte Mimik ist das Resultat angelegter kleiner Spannungen. Duchenne legte Elektroden ganz gezielt an Nerven an, um Reaktionen der Muskulatur zu erzeugen. Das wirkt wie Puppenspielerei, war aber natürlich weit mehr: Auch wenn Duchenne für seine Fotos ganz offensichtlich gern nach Punkten suchte, die besonders lustige Resultate erbrachten, war das Wissenschaft. Er führte den Nachweis, dass elektrische Signale eine wichtige Rolle im kommunikativen Intranetz unserer Nervenbahnen spielen. Die therapeutischen Implikationen waren klar und führten auch ziemlich umgehend zu entsprechenden Anwendungen – Duchenne gilt als einer der Väter der Neurologie.

Schmerzhaft war das alles für seine Freiwilligen wohl eher nicht. Tatsächlich gibt es in Duchennes Foto-Atlas zu seinen Experimenten auch mehr als nur dieses eine Modell, das immer wieder gezeigt wird, eben weil seine Bilder die „lustigsten“ sind. Duchenne hatte weitere Freiwillige, die sich Elektrisieren und Fotografieren ließen. Die Frauen darunter waren offenbar weit weniger gewillt, wissenschaftlich sanktioniertes Infotainment zu liefern. Wenn man einmal davon absieht, dass Duchenne mit einer seiner Freiwilligen auch einen Gesichtsausdruck der heiligen Andacht produzierte, bei der sie in weiß gewandet mit gefalteten Händen niederkniet – das wirkt schon reichlich ironisch inszeniert.

Mein persönliches Lieblingsfoto ist aber gänzlich unspektakulär. Meine Tochter, die für mich im letzten Jahr Bilder aus dem Duchenne-Atlas von 1876 zog und bearbeitete, brachte den Ausdruck der Elektrisierten auf den Punkt – mit dem Dateinamen, den sie dem Bild gab: „moderne_frau.jpg“.

Passt perfekt, finde ich: