Für immer Vorgestrig: Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm …

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Wilhelm II:: Zu den Großtaten des vermeintlich harmlosen Schnäuzelchens gehörte die Entfesselung eines Weltkriegs mit 27 Millionen Toten. Heutige Adelige beschäftigen sich meist mit Winken, was deutlich weniger Opfer fordert. Copyright: gemeinfrei

Vor ein paar Jahren teilte ich mir mal ein Zugabteil von Hannover nach Köln mit einer uralten Dame und einem dicklichen Polizisten mittleren Alters. Der Zug war mächtig verspätet, und machte dann wegen einer technischen Panne auch nochmal Pause. Wir hatten also viel Gelegenheit zum Kennenlernen.

Die alte Dame erzählte sehr lebendig und interessant aus ihrem Leben. Kriegsgeneration, buntcheckiger Lebenslauf. Kinder, mehrere Berufe, Vertreibung, das volle Programm. Gebildet und nicht unzufrieden – außer mit dem aktuellen Status Quo, vor allem in der Politik.

Denn genau wie der Polizist, der auf dem Weg zum Dienst am Flughafen Köln-Bonn war, hielt sie nicht viel von der Demokratie. „Am besten“, sagte der Beamte dann irgendwann, „wäre es doch, wenn wir wieder einen Kaiser hätten.“

Als ich ihn daraufhin neckend, aber korrekt mit „Verteidiger unserer Verfassung“ ansprach, fühlte er sich verarscht. Verärgern wollte ich ihn aber auch nicht, denn eigentlich schien der Mann zwar etwas einfach gestrickt, aber harmlos. Deshalb schickte ich schnell hinterher: „Könnte man ja so sehen, wenn Monarchen immer weise, liebe alte Herren mit Bart wären, die nur das Wohl der Bevölkerung im Auge haben und nie, nie etwas Böses tun. Nur leider kann ich die nirgendwo entdecken. Nicht in der Welt, und nicht in der Geschichte.“

Naja, meinten meine beiden Zwangs-Reisegenossen und wackelten seitlich mit den Köpfen, naja.

Ich hatte ab da verschissen, während sie weiter angeregt miteinander plauderten. Vielleicht leben sie heute miteinander und natürlich glücklich bis ans Ende ihrer Tage irgendwo zwischen Hannover und Köln. In froher Erwartung der Wiedereinführung der Monarchie schauen sie jeden Abend „Exclusiv/Prominent“ (Achtung: Verwechslungsgefahr: geklontes Format, geklonte Moderatorin) mit Frauke Ludewig/Constanze Rick („Welcher Promi noch versehentlich seinen Bauchnabel gezeigt hat, sehen Sie in unseren Top 10 nach den Nachrichten!“). Natürlich haben sie das Goldene Blatt, Frau im Spiegel und Bild der Frau abonniert. Ich würde es ihnen gönnen.

Denn natürlich ist dieses Monarchie- und Adels-Gedöns eine vergleichsweise harmlose Variante der undemokratischen Wirklichkeitsverweigerung. Meistens ist sie sogar gänzlich unpolitisch und erinnert in vielen Aspekten eher an eine Art Religion, in der an bizarren Titeln und Namensfortsätzen zu erkennende „Adelige“ als Sonderklasse des Homo sapiens als quasi Unberührbare durch die Welt schweben und uns Menschen zwar begegnen, selbst aber nicht als normale Menschen behandelt werden dürfen.

Tatsächlich ist für sie offenbar per Geburtsrecht ein ganz eigener Satz von sozialen Verhaltensregeln sprachlicher wie körpersprachlicher Art vorbehalten: Verneigen und langsame Bewegungen gehören dazu. Und natürlich die absolut wichtigste Regel: Gucken darf man, aber bloß nicht anfassen!

Im Gegenzug dürfen auch Adelige dann ganz normale Dinge nicht, wie zum Beispiel Rumpöbeln, an Messehallen pinkeln, pleite sein, mit bizarren, oft Brust- und Lippen-operierten F-Promis techtelmechteln und so weiter. Wenn sie es doch tun, kommen sie zur Strafe bei Frauke Ludewig in die Top 10 statt weiter vorn in die Sendung, wo ihre sich besser benehmenden Mitadeligen in den Genuss täglicher Götzenanbetung kommen.

Und das alles ist tatsächlich eine Massenbewegung. Sie begegnet uns nicht nur in Form dieser voll fiktiven Boulevardmedien, die ihre Recherchen vornehmlich telepathisch im Kopf irgendwelcher Prinzessinen und Prinzen vornehmen („Was denkt Herzogin Kate?“). Nein, auch wir ganz normalen Medienmacher im Mainstream der nachrichtlichen Information kommen nicht daran vorbei.

Derzeitiger Darling im Pantheon der adeligen Übermenschen ist Ihre königliche Hoheit Catherine Elizabeth, Duchess of Cambridge, Countess of Strathearn, Baroness Carrickfergus, die eigentlich dem Geldadel entstammt und weit profaner als Catherine Elizabeth, genannt Kate Middleton geboren wurde. Seit die schmucke Kate aber ihrem William (Ha! Ein Wilhelm! Und dann auch noch mit ihm verwandt!) zur Seite steht und ihr Geld vornehmlich mit Winken und Kinderkriegen verdient, ist sie so etwas wie die designierte Ober-Adelige aller Klassen, sollte sich ihre Schwieger-Großmutter wider Erwarten doch einmal als sterblich erweisen.

Wie auch immer: Alles, was Kate tut, ist eine Nachricht. Und zwar eine harte, wichtige, populäre.

In der letzten Woche zum Beispiel tat sie folgendes: Sie zuckte nicht, als irgendein Basket-Ball-Star ihr doch glatt die Hand auf die Schulter legte.

DIE HAND!
AUF DIE SCHULTER!

Wahnsinn. Sie erinnern sich an die Regel?
Gucken ja, aber nicht anfassen!

Frauke Ludewig war aus dem Häuschen. Und jetzt das: Bei einem weiteren Benefiz-Termin, bei dem Kate für die Kameras gemeinnützige Arbeit vortäuschen musste, wurde sie doch glatt von einer Vorarbeiterin angeranzt, schneller zu sein und bei der Sache zu bleiben. So als ob man von einer Adeligen erwarten dürfe, dass sie ARBEITET.

Und was tat Kate?
Sie rollte mit den Augen!
Ich weiß, ich weiß: Wahnsinn!
Eine Reaktion wie bei einem Menschen!

Kein Wunder, dass der „Guardian“, sonst eher als intelligent und links bekannt, begeistert twitternd kommentierte, das sei „das sympathischste, was sie seit Langem gemacht hat. Mehr davon!“.

Ein guter Vorschlag. Vielleicht ließen sich die royalen Pflichten neben Rumreisen, Winken, Schreiten und Lächeln ja wirklich noch um Augenrollen erweitern. Und nicht nur die ganze Briten-Presse feierte, wie quasi menschlich ihre kommende Ober-Adelige die unverzeihlichen Affronts im Land der adelslosen Barbaren (Ach, Amerika!) souverän mit Regungslosigkeit respektive Augenrollen quittiert hatte.

Auch hier in Deutschland, wo man sich formell am 11. August 1919 vom Adel verabschiedete, gab es kein Thema, das die Menschen mehr interessiert hätte.

Im Ernst: Die Welt brennt, der IS mordet, die rechten Rattenfänger von Pegida heizen den Fremdenhass an, Flüchtlingsheime brennen, Bayern wird Herbstmeister – und statt all dieser Katastrophen sind die meisten Leser vor allem an einem interessiert – Kates Augenrollen. Am Samstagnachmittag rückte die Meldung über diese ungewöhnliche Tätigkeit auf Platz 1 der meistgelesenen Artikel bei Spiegel Online.

Vielleicht ist ja doch noch Hoffnung, liebe Mitreisende. Andererseits: ich hoffe nicht.

Storytelling-Projekt SPON20: Binnensicht

spon20
Special zu 20 Jahre SPIEGEL ONLINE: www.spon20.de

 

Am heutigen Dienstag ist das inhaltlich von Jule Lutteroth und mir erarbeitete Special zu 20 Jahre SPIEGEL ONLINE veröffentlicht worden. Ich habe die letzten zweieinhalb Monate fast ausschließlich daran gearbeitet.

Gespannt bin ich nun darauf, wie das ankommt: Wie viele Leser findet so etwas? Wie vollständig wird es genutzt? Der Aufwand hinter so einem Projekt ist enorm, und er ist nicht wirklich sichtbar. So ein Projekt bindet die Arbeitskraft vollständig: meine voll, Jules erst teilweise, in den letzten 6 Wochen dann ebenfalls voll. Ich vermute mal, durchgerechnet käme man hier locker auf 100 Vollzeittage und mehr.

Interessant ist so etwas, weil „andere Erzählformen“, multimediale Info-Aufarbeitung etc. ja immer häufiger eingefordert werden. Das steht im krassen Gegensatz zum Medientrend der rapide schrumpfenden Ressourcen. Gute Onlineredaktionen arbeiten selbverständlich auch mit einer Themenvorplanung, wo Recherchen angeschoben, Reisen unternommen oder Autoren beauftragt werden. Diese Sahnestückchen sind aber natürlich die Kür, die Ausnahme im schnellen Newsflow.

Das originäre Format des Onlinejournalismus ist die ad-hoc-Produktion: Info bekommen, verarbeiten, publizieren. Sofort. Der Ausbau durch Nachfragen und Zusatzrecherchen geschieht je nach Wichtigkeit des Themas – was Online vor allem „Eiligkeit“ bedeutet – entweder vorher oder sukzessive nachher. Da ist „Storytelling“ ein echter Bruch.

Für ein publizistisches Dickschiff wie uns bei SPIEGEL ONLINE sind ein paar solcher Projekte pro Jahr natürlich stemmbar. Bei Tageszeitungen unterhalb der SZ/Welt-Schwelle sehe ich das auf Dauer nicht. Da wird man an Kooperationen kaum vorbeikommen. Zumal es anders auch nicht finanzierbar sein dürfte: Man stelle sich vor, eine Regionalzeitung wollte so etwas als fertiges Produkt einkaufen. Hunderte Arbeitsstunden, dazu Grafik, Lizenzen, Bildredaktion, Programmierung?

Vielleicht setzen sich solche multimedialen Ansätze ja trotzdem durch. Noch wissen wir noch nicht einmal, ob es wirklich der Leser ist, der danach verlangt, oder wir Medienmacher uns nur vorstellen, dass der Konsument das will. Ich persönlich bin da Pragmatiker, weil ich mein eigenes Leseverhalten kenne: Einen konsistent geschriebenen Artikel lese ich auch dann zuende, wenn er lang ist. Ein Inhaltepaket, wie ich das jetzt selbst mit erarbeitet habe, lese und konsumiere ich selektiv. Für mich als „Macher“ bedeutet das, dass die meisten Nutzer nie vollständig lesen/hören/sehen werden, was wir für sie da zusammengestellt haben.

Wie auch immer: Jetzt hat der Dampfer spon20 abgelegt, man wird sehen, wie und wo er ankommt. Ich bin seit Montag zurück im redaktionellen Alltag: Drei Artikel, die bis zum Wochenende erscheinen sollen, sind in Arbeit, eine Recherchereise mit Terminen für drei weitere ist in Vorbereitung/Verhandlung.

Normal, das ist Onliner-Alltag. „They sentenced us to 20 years of newsdom, to try and change the system from within…“ dichtete Kollege Andreas Borcholte heute morgen frei nach Leonard Cohen bei Facebook. Egal, wie man zu uns Onlinern steht: Das haben wir wohl. Mal schauen, wie es weiter geht.

Die Post ist da: Nimm! Mich! Wahr!

Timo Steppat hat am Montag bei FAZ.net einen schönen Artikel über einen Forentroll veröffentlicht. Ein interessantes Porträt unserer lautstarken, engagierten Internet-Meinungsführer.

Mitunter fragt man sich, was mit solchen Leuten nicht stimmt, aber man hat auch gelernt, mit diesem Mist zu leben. Viel schlimmer finde ich eine andere Spezies, die es in der Zeit, bevor E-Mail für jedermann nutzbar wurde, nicht gegeben hat: Leserbriefschreiber, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, uns „entrückten“ Journalisten mit Perspektiven aus dem echten Leben zu versorgen.
Oder dem
Rechten.

Viele Journalisten im Lande kennen beispielsweise den ganz besonders fleißigen Rudolf (seinen echten Namen lassen wir hier mal weg). Seit etlichen Jahren schreibt er Kommentare und Briefe und verschickt Links zu aus seiner Sicht interessanten Artikeln, um Journalisten und Politiker auf Themen aufmerksam zu machen, wie er immer wieder betont. Meistens geht es bei ihm um den Islam oder gegen Ausländer aus bestimmten Ländern. Seine Quellen reichen von rechtsextremen Blogs bis zu ganz normalen Massenmedien.

Letzteres ist perfide, weil es ihm Glaubwürdigkeit verleiht: Wer ihn nicht kennt, nimmt oft nicht sofort wahr, aus welcher Ecke Rudolf kommt. Es ist die Auswahl der Themen und ihr steter Strom, der Einfluss nehmen soll. Rudolf agiert nach der Devise, dass man etwas nur oft genug behaupten muss, damit etwas davon kleben bleibt.

Viele Links, die er uns schickt, beziehen sich auf Regionen, in denen gerade Chaos herrscht oder wo irgendwelche Untaten begangen wurden. Oder es geht um Straftaten, hierzulande von Ausländern begangen (Einsperren! Ausweisen! Grenzen dicht und aussperren!).

Es sind Mails, die uns etwas lehren wollen: Die da sind weniger wert als wir, teilt uns Leserbrief-Rudolf mit. Und ihr berichtet über die, als seien das Menschen?

Rudolf, begreift man sehr schnell, ist aus tiefster Überzeugung Rassist. Es bestimmt sein Bild von der Welt und prägt und verzerrt seine Wahrnehmung. Seine Wut kommt aus der Empörung darüber, dass wir Journalisten die Welt nicht so wahrzunehmen scheinen wie er. Für ihn sind wir von raubenden und mordenden, minderwertigen Wesen mit gefährlichen Ideologien umgeben, die man doch ganz leicht erkennen könne: An der Farbe ihrer Haut und ihrer Haare, an ihren Sprachen und Bauwerken, an ihren Namen und ihrer Kleidung, an ihrer Fremdheit.

Vor eineinhalb Jahren habe ich Kollegen per Rundmail angeschrieben und wollte wissen, wer von Rudolf gehört habe und von ihm Post bekommt. Es waren viele. Seine Mails gehen an zahlreiche Journalisten, aber auch an Politiker.

Ich begann zu recherchieren. Ich fand heraus, wo er lebt: Ein ruhiges Örtchen im bergigen Süden, reiche Gegend, vorstädtische Wohnlage, Siedlungshäuschen der Fünfziger, gepflegte Vorgärten. Ich fand heraus, wie alt er ist. Ich versuchte herauszufinden, ob er mit irgendeiner rechtsradikalen Partei assoziiert ist.

Ist er nicht.

Rudolf ist ein vermeintlich ganz normaler Mensch Anfang 60, wahrscheinlich Frührentner. Er lebt mit einer engen Verwandten in einem kleinen Häuschen, ist Mitglied in keinem Verein und geht offenbar auch keiner Tätigkeit mehr nach. Außer, Leserbriefe zu schreiben.

Und zwar viele. Manchmal kommen zwei oder drei am Tag, es können aber auch mal 25 und mehr werden. Vor ein paar Wochen kamen einmal über 30 Briefe an einem einzigen Sonntag. Manchmal ist auch wochenlang Ruhe (Urlaub? Kur? Er wird doch hoffentlich nicht krank sein?). Und dann geht es wieder los, mit neuer Kraft und umso heftiger.

Im März 2013 begann ich, die Dinger zu sammeln. Ich wollte wissen, wie lange es dauern würde, bis 2000 zusammen kämen. Im November war es soweit: 2000 Mails in rund 240 Tagen. Macht im statistischen Schnitt rund acht Zuschriften am Tag.

Erst habe ich geglaubt, Rudolf sei ein rechter Lobbyist. Er ist ja nur einer von mehreren Rudolfs, die mich mit der rechten Weltsicht versorgen: Die Zahl der geistigen Brandstifter und potentiell gefährlichen Spinner ist erschreckend.

Inzwischen halte ich Rudolf nicht mehr für einen Akteur. Er ist kein Täter, sondern schlicht ein Opfer seiner eigenen, verzerrten Weltsicht. Die vergiftet ihn ganz offensichtlich, füllt ihn mit Abscheu und Hass und Wut. Meiner Meinung nach ist er vor allem sehr, sehr einsam, wenn nicht sogar krank im psychopathologischen Sinn. Wahnsinn ist eine höchst deskriptive Vokabel: Sie beschreibt die wahnhafte Verzerrung sinnlicher Wahrnehmung. Im Klartext: Da stimmt was nicht mit der Wahrnehmung der Realität, was zu Grütze im Kopf führt. Klingt passend.

Die Vorstellung, in acht Monaten 2000 Briefe in ein digitales Nirvana zu schicken, aus dem als Antwort allenfalls ab und zu einmal ein „Hören Sie doch bitte auf damit!“ schallt, ist jedenfalls gruselig. Wie viel Zeit muss man investieren, um zwei, drei, 15 oder 25 Mails am Tag zu verfassen und zu verschicken? 

Man muss sich das einmal vorstellen. Wie Rudolf nach Themen sucht, nach negativen Nachrichten, nach Bestätigungen für seinen Hass. Den ganzen Tag. Und dann fünf, zehn, zwanzig Leserbriefe schreibt und verschickt. Immer ohne Antwort. 

Rudolf, was ist ein guter Tag für Dich? Gehst Du zufrieden zu Bett, wenn Du 30mal Hass verschickt hast? Was für ein verschwendetes Leben!

Du könntest stattdessen spazieren gehen oder kegeln, Du könntest lernen, wie man Aquarelle malt oder Bud-Spencer-Filme sehen, wenn das eher Dein Ding ist. Du könntest Menschen treffen, mit ihnen reden, Ihr könntet Karten spielen, Witze reißen oder gemeinsam Essen gehen: Deutsch, aber auch chinesisch, indisch oder türkisch. Hast Du schon mal persisches Rosen-Eis probiert, Rudolf? Dich durch Kokos und Curry zu unbekannten Gewürzen auf unerkannten Gemüsesorten durchgeschmeckt, die Dir der dunkelhäutige Kellner bestimmt gern, stolz und lustig erklären wird?

Wahrscheinlich nicht. Ich fürchte, die Rudolfs dieser Welt suchen keine Aha-Erlebnisse.

Ich habe Deine 2000 Mails am Ende ungelesen gelöscht, Rudolf, tut mir leid. Und ich habe Dich inzwischen in zig Varianten im Spamfilter verewigt. Es wirkt, das Ding hält dicht. Wenn man so will, ist mein Mailsystem auf Deine Mails optimiert. Möglich, dass Dich das sogar freut, denn das wolltest Du doch: Wahrgenommen werden.

Rudolf, lass Dir helfen.

Rrrrrrrrrrrssssssssssssssss….

Total cool, endlich erforscht das mal einer:

„Sehr geehrte Redaktion,

mit unserem heutigen Pressetext möchten wir Sie über die Ergebnisse unserer aktuellen Studie zum Thema „Staubsaugen im Visier: Österreicher mögen es staubfrei“ informieren:

Österreichs Online Markt- und Meinungsforschungsinstitut Marketagent.com lüftet Geheimnisse rund um die Hausarbeit Staubsaugen. 1.035 Personen zwischen 18 und 69 Jahren wurden zu ihrem Staubsaugverhalten, als auch rund um ihre Einstellung und Wahrnehmung der bekanntesten Staubsaugermarken befragt. Ergebnis: Jeder achte Befragte staubsaugt einmal in der Woche oder öfter zuhause. Am häufigsten wird dazu der Bodenstaubsauger verwendet.“

Ehrlich?
1.035 Österreicher waren bereit, sich über ihren Saugerythmus befragen zu lassen?
Und nicht nur das: Auch über die besten Sauger-Marken (hier aus offensichtlichen Gründen weggelassen)?
Wow.

Wer sich fragt, wie man zu solchen Studien kommt, sehe sich auf der Unternehmenswebseite um: Hinter solchen Befragungen stehen natürlich zahlende Auftraggeber.  Als Befragter verdient man hingegen Geld damit. Zitat: “ An Online Umfragen teilnehmen – Mit jeder Umfrage online Geld verdienen“.

Im Klartext: Die „Studie“ basiert auf 1035 bezahlten Antworten.

Um so bitterer, dass so ein Müll trotzdem regelmäßig in Medien landet. Ein Wunder ist es aber leider nicht: Wir Redakteure bekommen so etwas als kostenlosen Inhalt angeboten, und wenn wir nachfragen, gibt es meist noch eine schicke Infografik dazu. Ein wachsende Zahl kleinerer Medien – Online wie Print – bekommt ihren redaktionellen Teil nur noch mit immer größerer Mühe produziert – mangelnde Zahlungsbereitschaft, miese Werbeumsätze und (bei Onlinemedien) dann noch Adblocker obendrauf entziehen ihnen die finanzielle Basis. Kein Wunder, dass sie PR-Mist allzu oft Eins-zu-Eins bringen, ohne Rückfrage, ohne Blick darauf, wo der Müll herkommt.

Wetten, dass wir sowas immer häufiger sehen werden?