My Playlist (IV): Walk off the Earth

Als vor ein paar Monaten Walk off the Earth (WOT) ihr „Fünf Leute spielen eine Gitarre“-Cover des Gotye-Ohrwurms „Somebody that I used to know“ bei Youtube veröffentlichten, haben sie mir den Spaß am Original verdorben: das Cover finde ich Klassen besser. Seitdem habe ich so ziemlich alles gehört, was WOT so gemacht haben. Ihre eigenen, sehr Reggae-lastigen Sachen sind okay, ihre Cover und musikalischen Kaspereien aber sind phantastisch. Da steckt jede Menge Humor drin, vor allem aber Talent. Stilistisch sind die überhaupt nicht festgelegt, am stärksten sind aber ihre folkigen Nummern.

Heute haben sie eine angeblich spontan entstandene Nummer veröffentlicht, die sie vor einem Gig mit der ebenfalls höchst originellen Julia Nunes (ein echter Youtube-Star im Sinn des Wortes!) eingesungen haben. Völlig egal, ob man diese Art Musik mag oder nicht: das ist einfach gut.

WOT ist im August und September in Deutschland auf Tour. Berlin, Hamburg und Köln sind seit Monaten ausverkauft, aber in Wiesbaden, Nürnberg und Bochum kann man sie noch sehen. Ist vielleicht das letzte Mal, dass man diese witzige Truppe in kleiner Halle wird improvisieren und herumkaspern sehen.

My Playlist (III): Heilung

Pubertät ist fast immer mit demonstrativer Ablösung von den lieben Eltern verbunden, und fast nichts eignet sich dafür so gut wie Musik. Meine Pubertät fiel mit den Hochzeiten von Punk (der fast vorbei war, als ich anfing, ins Nachtleben einzutauchen), den minimalistischen, auch Reggae-nahen Tönen von Police und Co, mit Ska und Madness und New Wave zusammen. Ich hätte es schlechter erwischen können in Sachen  Ablösung von den Älteren: Denen ging das alles angemessen kräftig auf die Nerven.

In besonderem Maße galt das für The Cure, die schon sehr früh mit Themen wie Depression, Selbstmord-Tendenzen etc. in Verbindung gebracht wurden. Cure sind eine Band der ausgehenden Siebziger Jahre, die musikalisch erheblich fruchtbarer und facettenreicher waren als die folgenden Achtziger. Zum Ende des Jahrzehnts konkurrierten da Police mit den Talking Heads, Madness, den Specials und Joe Jackson, und alles hatte Beat, war tanzbar und in seiner Essenz echte Party-Musik. Außer den Cure.

Die sahen aus wie Depressionskranke, die man als trauernde Punks verkleidet hatte, und machten eine höchst elementare Musik mit Texten, die es in sich hatten. Cure ist ein Schriftzug, den ich in den Tisch in meiner Klasse geritzt habe: Ich fand die immer nur lustig.

Mir geht das bis heute so. Wenn ich Robert Smith‘ Dackelgesicht sehe, wird mir immer noch warm ums Herz: der Kerl ist niedlich. Wenn er Depressionen oder Ängste haben sollte, dann definitiv nicht vor Kalorien:  Ein rundes, gesundes, fröhliches Mondgesicht könnte das sein, wenn er es nicht standesgemäß mit Schminke verwüsten würde (man würde ihn sonst auch kaum erkennen). Meist sieht er aus, als habe er sich die letzte Träne gerade erst abgewischt. Und dann schreibt er solche Texte:

„10:15 on a saturday night
and the tap drips
under the strip light
And I’m sitting in the kitchen sink
and the tap drips, drips, drips, drips…“

Klar ist der Sound des Songs düster, wenn man so will: Er zieht einen, auch wenn man nicht weiß wohin. Der Text malt ein Bild von der Verlassenheit des sitzen gelassenen. Und der sitzt ausgerechnet in der Küchenspüle und bekommt einen nassen Arsch, weil der Hahn tropft… – Hallo? Wie kann man das nicht lustig finden?

Ich glaube fest daran, dass das alles ironisch ist. Wenn man sich die Unplugged-Versionen anhört, wenn man Cure live hört und sieht, wie die Fans die Songs aufnehmen, wird das Missverständnis offenkundig. Das alles ist Karthasis, ein ironisches Spiel mit dem düsteren Gefühl, dass einen in Pubertätszeiten so plötzlich und mächtig anspringen kann. Smith zelebriert diese Momente und nimmt ihnen gerade dadurch ihr Albtraum-Potential. Mein Lieblingslied der Cure ist Lullaby, das Gute-Nacht-Liedchen also: Eine klaustrophische Albtraums-Szene, in der es heißt „Spiderman is having me for dinner tonight“ – serviert mit lustigen Pickings und Plugs, zu denen man sich auch einen kleinen Volkstanz vorstellen könnte. Am Ende des düsteren Gefühls steht da doch immer ein Lächeln.

My Playlist (I): Die Methode Tarzan

Eine der schönsten Arten, heute Musik zu entdecken, ist die „Methode Tarzan“, wie Ulf Grüner das 1996 mal in einem Artikel genannt hat: Irgendwo anzufangen und sich dann von einem Link zum anderen durchs Web zu schwingen. In den Zeiten vor dem Aufkommen wirklich fitter Suchmaschinen war genau das die normale, optimale Bewegung im Netz – das ist es, was mit „Surfen“ einmal gemeint war. Heute ist es ziemlich out. Die meisten Leute haben ihre Stammseiten, die sie  immer wieder besuchen.

Einige von denen sind heute allerdings zu Größen angewachsen, dass man ohne Probleme auch innerhalb so einer Site hangeln kann bis zur Erschöpfung. Definitiv in diese Liga gehört natürlich Youtube, das für mich nicht zuletzt eine Stöberkiste für zu entdeckende Musik ist. Mit jedem aufgerufenen Song bietet Youtube ja weitere an, die der Algorithmus der Webseite für verwandt oder sonstwie geeignet hält, weil irgendwer vor mir sich für diese Vorschläge entschieden hat, der sich auch das gerade gehörte Lied anhörte. Ideal für die Methode Tarzan.

Es hat den kleinen Nachteil, dass man sich so quasi in musikalische Subräume begibt: Cluster von Künstlern und Songs, die irgendetwas gemein haben – eine Genre-Orientierung, eine Stimmung, die Beliebtheit in einer bestimmten Subkultur.

Man hört das auch den Songs in diesem Blog-Eintrag an. Sie decken ein gewisses Spektrum ab, haben aber alle etwas „Indy“-haftes, etwas leicht Schräges. Ich mag das, auch wenn es nicht gerade Feiermusik ist. Es ist eingängig, originell und meist leicht melancholisch, wenn es nicht ironisch daherkommt.

In letztere Kategorie gehören sowohl der fröhlich plätschernde Sound der Kids von San Cisco (haben erst seit November 2011 einen Plattenvertrag: bei Itunes gibt es bisher nur zehn Einzellieder in zwei EP-Sammlungen zu kaufen), deren Teenie-Töne im ersten Eindruck so oberflächlich wirken, als auch der leider im letzten Jahr verstorbene Vic Chesnutt, dessen so traurig daher kommendes „What do you mean?“ in Wahrheit sehnsuchtsvoll und heiter ist – ein Song mit echter Pointe, die musikalische Entsprechung eines bittersüßen Lächelns. Beides ist durch und durch ironisch.

Anders als die Wooden Birds mit ihrem „Believe in Love„. Ich mag die Holzvögel wegen ihrer disziplinierten Sparsamkeit. Ganz ruhig zieht der Song dahin, man wartet förmlich auf den nächsten Stimmeinsatz, und jeder gesungene Satz kommt irgendwie ein kleines bisschen zu spät. Ich liebe den Song, wenn ich Auto fahre.

Die Sound-Tüftler von Made in Heights kommen aus einer ganz anderen Ecke. Oft lavieren sie irgendwo zwischen Electronic, Club und Soul, aber in keinem ihrer Lieder so gekonnt wie in „Wildflowers“. Es ist ein Lied von enormem Wiedererkennungswert – und ein Ohrwurm der Sonderklasse, dem sich vom Klassikhörer bis zum Metall-Freak nur wenige entziehen können. Auch bei diesem Projekt ist Kaufen übrigens Fehlanzeige: Sie verteilen ihre Musik über Blogs und halten sie gesammelt bei Youtube vor – mehr ist bisher nicht: Man darf sich als Early Adopter fühlen.

Das alles sind Dinge, die man im deutschen Radio niemals hört. Man entdeckt sie mit der Methode Tarzan. Angefangen hatte ich bei San Cisco, mich von da aus weiter gehangelt. Auf dem Weg acht, neun Stationen gemacht, die mich weniger ansprachen, die hier unerwähnt blieben. Das tolle daran ist, dass diese Reise durch YouTubes Musik für andere nicht nachvollziehbar sein wird, denn jede dieser Hangel-Partien verläuft anders. Probieren Sie es aus: Greifen sie irgendwo hin und schwingen sie sich weiter. Es gibt dümmere Arten, einen Abend vor dem Bildschirm zu verbringen.

Der Becher- und Hut-Tarif: Busking is beautiful (I)

Vor ein paar Tagen habe ich ein Foto von einem Geigenspieler gemacht, der auf einer öden, völlig verlassenen Einkaufsstraße vor dem heruntergelassenen Gitter eines dichtgemachten Schuhgeschäfts stand und spielte. Ein Gott war das: melancholisch, sicher im Ton, gefühlvoll. Er wollte mir die Kamera abnehmen.

Ich hab das Foto gelöscht. Er war Kasache und hatte Angst, irgendwo gezeigt zu werden. Keine Papiere? Spielte mal in einem großen Orchester, erzählte er, nach dem Musikstudium. Das ist so bitter: Wer die Augen und Ohren aufhält auf unseren Einkaufsstraßen, der hört diese Typen überall. Bestens ausgebildete, mitunter begnadete Musiker. Unfassbar originelle Talente, oder charmante Originale.

Es gibt natürlich auch einige, die dabei Geld verdienen, aber das ist schwer. Stellen Sie sich mal hinten in eine kleine Menge (wenn sich überhaupt eine bildet) und schauen sich an, wie viele Leute wirklich Geld geben, wenn der Hut rum kommt – und hier reden wir über die Besten der Straßenmusiker, an den anderen geht man vorbei.

Man verpasst dabei was. Es sind die Busker, die Straßenmusiker, die unseren Städten erst Flair geben. Mir ist das immer den einen oder anderen Euro wert. Selbst wenn ich bei einem Bummel dann einen Fünfer loswerde: mir wird ja was geboten.

Was mich krank macht: Leute, die dem Kellner im Edel-Restaurant einen Schein geben, in der kleinen Gaststätte aber Cents auf den Euro aufrunden – und zu Buskern nicht mehr zu sagen haben als „Soll arbeiten gehen“. Wenn man sich den letzten Gitarristen hier anhört, kann man nur sagen: Gott sei Dank, dass der nicht in einem Büro sitzt, sondern auf der Straße. Ohne sowas wären unsere Städte tot.