Suffragetten

Mai 1914: Emmeline Pankhurst wird verhaftet und fortgetragen, als sie versucht, dem damaligen König George V. eine Petition zu übergeben. Quelle: Imperial War Museum, Katalognummer Q 81486

Der Suffragetten-Artikel, der am Samstag bei Einestages erschien, war eine Auftragsarbeit. Gedacht war der Artikel eigentlich für den 19. Februar, den 100. Jahrestag des vergeblichen Versuches, das Haus des damaligen Schatzkanzlers und späteren Premierministers David Lloyd George in die Luft zu jagen. Mitte Februar kam das Thema dann unter die Hufen der Aktualia, wurde quasi von der Soutane verweht.

Jetzt also ohne 100. Jahrestag. Ich mag solche Aufträge, weil sie mit Lernerlebnissen verbunden sind. Über Suffragetten hatte sich mir ein Wort ins Gedächtnis eingebrannt, das einer meiner Onkel immer benutzte: „Korsett-Verbrennerinnen“. Eine diskrimierende und diskreditierende Verniedlichung. Suffragetten kämpften nicht darum, einengende Kleidung loszuwerden, sondern um die Durchsetzung eines Menschenrechts.

Obwohl ich im Laufe der Jahre immer wieder einmal etwas über die auch radikalen Anfänge der Frauenbewegung in Großbritannien gelesen hatte, prägte der Begriff meine Vorstellung: Unter Suffretten stellte ich mir dunkel gekleidete, letztlich sittsam auftretende Frauen aus tendentiell eher gebildeten Schichten vor, die mit den Methoden der Demonstration auf ihr Anliegen aufmerksam machten. Die Vorstellung, dass sie zu ihrer Zeit belächelt wurden, ist dabei nicht ganz falsch. Genau das führte am Ende zur Eskalation des Protestes.

Ich war überrascht, wie hart der Konflikt ums Frauenwahlrecht am Ende,  in den eineinhalb Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, geführt wurde. Vieles floss da ineinander, was nicht unbedingt zusammen gehörte. Die Bewegungen der Sozialdemokratie, bolschewistische Umsturzpläne, radikaler Feminismus, vor allem aber eine tiefe Frustration über rund 80 Jahre friedliche Forderungen und Proteste mündeten ab 1905 und bis 1914 in eine sich stetig radikalisierende Kampagne. Ihre Mittel: Flashmobs und Sachbeschädigungen, Brandbomben, Hungerstreiks und sogar ein demonstrativer Freitod. Der Staat antwortete mit Gewalt und Verhaftungswellen – und mit perfiden Tricks, um die Frauen dazu zu bringen, sich bis an den Rand der totalen Erschöpfung zu hungern.

Christabel Pankhurst: Koordinierte über zwei Jahre eine Bomben-Attentats-Kampagne, mit der das Frauenwahlrecht durchgesetzt werden sollte. Quelle: Public Domain. Current History of the War. v.I: December 1914. New York: New York Times Company

Auf dem Höhepunkt bezeichnete Emmeline Pankhurst, eine der Vordenkerinnen der Suffragetten, das alles als „Bürgerkrieg“ der Frauen gegen das Patriachat. Wenn man sich die Quellen ansieht, scheint das kaum übertrieben. Pankhursts Tochter Christabel hatte sich zu dem Zeitpunkt nach Frankreich abgesetzt, um von dort die Gewalt-Kampagne koordinieren zu können, ohne verhaftet zu werden. Die Grenze zum Terrorismus war zu diesem Zeitpunkt nach heutigem Verständnis in etlichen Fällen wohl klar überschritten.

Mich hat das wirklich überrascht. Der Zweite Weltkrieg und die folgende, die Weltsicht  über Jahrzehnte prägende Konstellation des Kalten Krieges haben zumindest bei mir den Blick auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts lange überschattet. Was natürlich auch am Geschichtsunterricht liegt, in dem die Phase von 1850 bis 1930 sträflich vernachlässigt wird. Egal, wo man da hinsieht: Es ist offensichtlich, dass man dabei etwas verpasst.

Mein Navi, Steinbrück und ich

Drei Tage unterwegs gewesen, Recherchereise. Viel SPD in den Nachrichten: Die Partei simulierte mit ihrem Bürgerforum Basisdemokratie. Steinbrück im Radio, immer wieder die gleichen Zitate, jede 30 Minuten. Dazwischen spricht mein Navi mit mir: „Bleiben Sie bitte links! Links bleiben!“

Ist manchmal gar nicht so einfach.

Onlinejournalismus ist Onlinejournalismus: Schlecht gestellte, gute Frage

Die kleine Anfrage an die Landesregierung von Sachsen, was diese denn unter Onlinejournalismus verstehe, hat einen Spott- und Hämeregen auf den Fragesteller Dirk Panter (SPD) niedergehen lassen. Die Antwort, die man ihm gegeben hatte, lautete: „Die Staatsregierung versteht unter Onlinejournalismus Onlinejournalismus.“

Vordergründig ist das einerseits witzig, andererseite gut und richtig so: Genau so selbstverständlich sollte das nach nun 18 Jahren Onlinejournalismus in Deutschland sein. Onlinejournalismus ist eben Onlinejournalismus, gemeinhin eine Spielart des aktuellen Journalismus irgendwo zwischen Agentur und Presse, manchmal gewürzt mit multimedialen Zusatzangeboten. Die meisten Deutschen nutzen das heutzutage, in den USA ist Onlinejournalismus inzwischen populärer als das auf Papier gedruckte Wort. Wir sind zügig auf dem Weg dorthin. Da wirkt es schon komisch, wenn einer so fragt, als hätte er noch nie davon gehört.

Gemeint hatte Panter das allerdings anders, wie der Blogger Peter Stawowy auf Nachfrage herausfand: Panter wollte nach einer klaren Stellungnahme zur Regierungsposition im laufenden Hickhack um Tagesschau-Apps und ähnlichen Kram der Öffentlich-rechtlichen (ÖR) fragen.

Dabei geht um die Frage, ob die finanziell übermächtigen TV-Sender, finanziert über eine Zwangsabgabe, die man aus verschiedenen Gründen nicht Steuer nennen will und kann, den privatwirtschaftlich agierenden Verlegern auf deren Terrain Konkurrenz machen dürfen. Klar, die Diskussion darüber wirkt mitunter hysterisch, wenn man bedenkt, wo die Angebote der ÖRs im Popularitätsranking der deutschen Webseiten (laut Alexa.com) stehen: Tagesschau auf 81, ZDF auf 99, ARD auf 184. Es gibt regional agierende Elektrohändler, deren Seiten stärker genutzt werden.

Das allerdings macht die aus GEZ-Abgaben geschöpften Millionengelder für die Online-Engagements zu einem noch größeren Skandal: Gemessen daran, wie viel Gebührengelder in die Engagements gesteckt werden, kommt doch herzlich wenig dabei heraus. Da agiert der private Sektor ökonomischer und effektiver.

Zugleich machen diese finanziell satt unterfütterten Angebote den meist noch immer defizitären Angeboten der Verlage Konkurrenz. Kostenpflichtige Angebote beispielsweise sind wenig aussichtsreich, solange die ÖR diese mit gebührenfinanzierten Offerten unterminieren könnten. Das aber würden sie tun: Gerade dann, wenn die Kommerziellen beispielsweise versuchen würden, für bestimmte Dienstleistungen und Angebote Geld zu verlangen, würde es für die ÖR quasi per definitionem zum Auftrag, diesen eine kostenfreie Alternative entgegen zu stellen – zur Sicherung der „Grundversorgung“. 1950 mag diese Denke sinnvoll gewesen sein. Heute, in Zeiten allgegenwärtiger Informationsquellen, ist sie ein Witz.

Panter im Interview mit Stawosky Stawowy: „Mich interessiert an diesem Punkt, welche Position die Staatsregierung einnimmt: Schlägt sie sich auf die Seite der privaten Verleger oder unterstützt sie die Öffentlich-Rechtlichen in ihrem Auftrag, umfassende Informationen für alle zugänglich zu machen?“

Das ist eine legitime Frage – egal, wo Panter selbst in dieser Frage steht – , die man vielleicht klarer hätte stellen können und sollen. Jetzt steht Panter vor allem bedröppelt da, BLÖD kürte ihn zum „Verlierer des Tages“. Das hat er sich quasi semantisch verdient, unter dem Strich aber nicht. Die Frage ist berechtigt, eine unparteiische Antwort in Anbetracht der natürlich bestrittenen Staats-, Lobby- und Parteinähe der ÖR aber nicht sehr wahrscheinlich.

Prinzipiell bin ich dagegen, den Onlinejournalismus als eigene Gattung zu sehen. Online ist nur ein Verbreitungsweg, der Inhalte verschiedenster Art ermöglicht. man sollte ihn nicht mystifizieren. Die meisten Onliner betreiben eine Form des besonders schnellen Schriftjournalismus (vergleichbar am ehesten mit Agenturjournalisten: ich habe das 12 Jahre lang gemacht), etliche arbeiten in ähnlichem Takt und unter vergleichbaren Bedingungen wie Tageszeitungsjournalisten (für mich gilt das seit rund 1,5 Jahren), andere machen Online Fernsehen (wie unsere Multimedialeute und die Kollegen von SPIEGEL TV) oder Radio oder Wochen-, Monats- oder sonstigen Journalismus.

Besonders sind nur die Bedingungen, unter denen Onliner arbeiten. In der Privatwirtschaft heißt das meist: Besonders kleine Strukturen, wenig Etat, wenig Zeit, wenig Ressourcen. Außer bei den ÖR, wo dann zudem auch meist noch besser verdient wird. Ein fairer Wettbewerb sieht anders aus.

Schade also um die schlecht gestellte Frage.

Nach der Wahl

Als meine Kinder anfingen, Politik wahrzunehmen, versuchte ich, ihnen das mit den Parteien zu erklären. Dass es dabei zum einen um Programme gehe, die sich aber oft gar nicht so sehr unterscheiden, wohl aber die generelle Haltung dieser Parteien gegenüber dem Leben oder den Menschen. Wofür steht so eine CDU, SPD, Grüne, FDP? Seht Euch die Leute an, sagte ich, was und wie sich darstellen. Um wen sie sich kümmern, wen sie ablehnen. Und dann fragt Euch, wo Ihr da stehen wollt.

Sie begriffen schnell, dass es dabei um grundsätzliche Dinge geht. In der Politik, so wie wir sie seit Staatsgründung kannten, gab es immer diese grundsätzlichen, oft für ein Leben getroffenen Entscheidungen. Neue Wähler erbten die Parteien regelrecht.

Das war bei mir so, der ich der roten Hochburg des Duisburger Nordens aufwuchs. Das war auch im Rhein-Sieg-Kreis nicht anders, der CDU-Hochburg, wo meine Kinder aufwuchsen. Viel zu lang konnten Parteien hier wie dort jeden Mist machen, ohne vom Wähler dafür bestraft zu werden.

Offenbar ist das vorbei, was eine tolle Nachricht wäre. Keine Partei kann sich mehr ihrer Hochburgen sicher sein. Wer das für eine schlechte Nachricht hält, glaubt immer noch, Politik sei eine Verwaltungsaufgabe, und keine gestalterische. Die wachsende Vielfalt tut gut. Vielleicht endet dann irgendwann sogar dieses blöde Geschwafel von der „Wahl des kleinsten Übels“ und vom „wir können daran doch nichts machen“. Meine Kids waren gestern wählen, und sie haben ihre Wahl durchdacht und bewusst getroffen. Egal, was sie gewählt haben – sie waren Gewinner.

Bildquelle: Landeswahlleiterin NRW