Koalitionspoker: Verlieren kann man dabei nur sich selbst

Drei Wochen nach der Bundestagswahl kommen heute CDU und SPD zur zweiten Sondierungsrunde zusammen. Die SPD, heißt es, erwarte „klare Zusagen“.

Die haben wohlmöglich auch die Wähler der SPD erwartet, als sie zur Wahl gingen. Im Ernst: Oft wünsche ich mir die Zeiten zurück, als Politik noch polarisierte. Als noch nicht jeder mit jedem konnte oder wollte. Als es um mehr ging als um Teilhabe an der Macht, um Gestaltungsfragen im Detail, um Pöstchen und Zugeständnisse.

Eines der primären Probleme der SPD ist, dass sich ihre Wählerschaft noch längst nicht davon verabschiedet hat, sich selbst als Werte-orientiertes Lager zu sehen. Schon wahr, viele von denen, für die das gilt, haben sich mit der Agenda 2010 in Richtung Linke verabschiedet. Trotzdem gilt noch immer: Eine Stimme für die SPD ist eine Entscheidung für eine bestimmte Prägung von Politik, für eine Sicht der Welt, die auch idealistisch ist und nicht nur pragmatisch oder zynisch.

Das primäre Problem der SPD-Wählerschaft ist darum, dass sich die Partei – zumindest auf Spitzen-Ebene – leider längst davon verabschiedet hat, sich selbst als Werte-orientiertes Lager zu sehen. Im Koalitionspoker geht es ihr nur um Teilhabe an der Macht, um Gestaltungsfragen im Detail, um Pöstchen und Zugeständnisse. Mitunter wird es reichen, wie man das Kindchen nennt, um kleine Siege zu verkünden, wo in Wahrheit nichts durchgesetzt, keine Weiche anders gestellt, nichts anders gestaltet wird.

Am Ende dieses Trauerspiels wird die SPD aller Erwartung nach als vermeintliche Siegerin in eine Regierung einziehen, in der sie sich wieder ein Stück verliert, vor allem aber ihre Wähler. Ich habe mein Kreuz auch bei SPD gemacht, und ich tat das wider besseren Wissens in der Hoffnung, nicht noch eine Merkel-Regierungszeit erleben zu müssen. Meine Stimme war nicht dafür gedacht, Frau Merkel die Macht zu erhalten. Ich vermute mal, das habe ich mit den meisten SPD-Wählern gemein.

Unverschämt trifft blasiert

Ein echter Surftipp ist die „jung & naiv“-Interview-Reihe des Berliner Youtube-Journalisten Thilo Jung. Wie einst Wolfgang Korruhn rückt der Politikern körperlich und verbal auf die Pelle und entzaubert sie so kräftig, wie man das seit Jahren nicht gesehen hat. Kein Fernsehsender hat bisher Interesse an der Reihe, von der ich hoffe, dass sie im nächsten Durchgang diesen ARD– Grimme-Preis bekommt (was mangels „normalem“ Sender natürlich nicht geht).

Was daran preiswürdig ist, erkennt man nicht nur in den teils sehr gelungenen langen Interviewformaten, sondern schon in kurzen Spots wie dem folgenden: Wie sich da der so unverschämt wie konsequent geduzte Hans-Peter (Friedrich) zum „Neo-Feminist“ erklärt, das ist schon ein Lacher. Der absolute Knaller aber ist Kulturstaatsminister Bernd (Neumann). Gründlicher kann man sich selbst in zehn Sekunden nicht demontieren.

Suffragetten

Mai 1914: Emmeline Pankhurst wird verhaftet und fortgetragen, als sie versucht, dem damaligen König George V. eine Petition zu übergeben. Quelle: Imperial War Museum, Katalognummer Q 81486

Der Suffragetten-Artikel, der am Samstag bei Einestages erschien, war eine Auftragsarbeit. Gedacht war der Artikel eigentlich für den 19. Februar, den 100. Jahrestag des vergeblichen Versuches, das Haus des damaligen Schatzkanzlers und späteren Premierministers David Lloyd George in die Luft zu jagen. Mitte Februar kam das Thema dann unter die Hufen der Aktualia, wurde quasi von der Soutane verweht.

Jetzt also ohne 100. Jahrestag. Ich mag solche Aufträge, weil sie mit Lernerlebnissen verbunden sind. Über Suffragetten hatte sich mir ein Wort ins Gedächtnis eingebrannt, das einer meiner Onkel immer benutzte: „Korsett-Verbrennerinnen“. Eine diskrimierende und diskreditierende Verniedlichung. Suffragetten kämpften nicht darum, einengende Kleidung loszuwerden, sondern um die Durchsetzung eines Menschenrechts.

Obwohl ich im Laufe der Jahre immer wieder einmal etwas über die auch radikalen Anfänge der Frauenbewegung in Großbritannien gelesen hatte, prägte der Begriff meine Vorstellung: Unter Suffretten stellte ich mir dunkel gekleidete, letztlich sittsam auftretende Frauen aus tendentiell eher gebildeten Schichten vor, die mit den Methoden der Demonstration auf ihr Anliegen aufmerksam machten. Die Vorstellung, dass sie zu ihrer Zeit belächelt wurden, ist dabei nicht ganz falsch. Genau das führte am Ende zur Eskalation des Protestes.

Ich war überrascht, wie hart der Konflikt ums Frauenwahlrecht am Ende,  in den eineinhalb Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, geführt wurde. Vieles floss da ineinander, was nicht unbedingt zusammen gehörte. Die Bewegungen der Sozialdemokratie, bolschewistische Umsturzpläne, radikaler Feminismus, vor allem aber eine tiefe Frustration über rund 80 Jahre friedliche Forderungen und Proteste mündeten ab 1905 und bis 1914 in eine sich stetig radikalisierende Kampagne. Ihre Mittel: Flashmobs und Sachbeschädigungen, Brandbomben, Hungerstreiks und sogar ein demonstrativer Freitod. Der Staat antwortete mit Gewalt und Verhaftungswellen – und mit perfiden Tricks, um die Frauen dazu zu bringen, sich bis an den Rand der totalen Erschöpfung zu hungern.

Christabel Pankhurst: Koordinierte über zwei Jahre eine Bomben-Attentats-Kampagne, mit der das Frauenwahlrecht durchgesetzt werden sollte. Quelle: Public Domain. Current History of the War. v.I: December 1914. New York: New York Times Company

Auf dem Höhepunkt bezeichnete Emmeline Pankhurst, eine der Vordenkerinnen der Suffragetten, das alles als „Bürgerkrieg“ der Frauen gegen das Patriachat. Wenn man sich die Quellen ansieht, scheint das kaum übertrieben. Pankhursts Tochter Christabel hatte sich zu dem Zeitpunkt nach Frankreich abgesetzt, um von dort die Gewalt-Kampagne koordinieren zu können, ohne verhaftet zu werden. Die Grenze zum Terrorismus war zu diesem Zeitpunkt nach heutigem Verständnis in etlichen Fällen wohl klar überschritten.

Mich hat das wirklich überrascht. Der Zweite Weltkrieg und die folgende, die Weltsicht  über Jahrzehnte prägende Konstellation des Kalten Krieges haben zumindest bei mir den Blick auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts lange überschattet. Was natürlich auch am Geschichtsunterricht liegt, in dem die Phase von 1850 bis 1930 sträflich vernachlässigt wird. Egal, wo man da hinsieht: Es ist offensichtlich, dass man dabei etwas verpasst.

Mein Navi, Steinbrück und ich

Drei Tage unterwegs gewesen, Recherchereise. Viel SPD in den Nachrichten: Die Partei simulierte mit ihrem Bürgerforum Basisdemokratie. Steinbrück im Radio, immer wieder die gleichen Zitate, jede 30 Minuten. Dazwischen spricht mein Navi mit mir: „Bleiben Sie bitte links! Links bleiben!“

Ist manchmal gar nicht so einfach.