Körper unter Strom: Marionettenspiele mit der Mimik

SPIEGEL ONLINE hat einen Artikel von mir über Leichen-Galvanisierung und frühe Elektrotherapie gebracht. Einige der Bilder daraus verbreiten sich gerade im Netz. Kein Wunder:

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Anfänge der Elektrotherapie

Leichen wecken mit Stromstößen

Von Frank Patalong

Medizinische Elektroanwendungen: Ein kleines bisschen HorrorshowAls die Elektrizität entdeckt wurde, setzten Forscher Menschen unter Strom, egal ob tot oder lebendig. Die geheimnisvolle Energie schien irgendwie zu helfen. Ein Glaube, der bizarre Blüten trieb – bis weit ins 20. Jahrhundert.
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Aufgemacht hatte ich den Artikel mit einem der berühmten Duchenne-Bilder früher Experimente über Nerven-Reizleitung. Die sehen ja auch zu gruselig aus: Dieser arme, offensichtlich weitgehend mittellose Kerl, dem da Elektroden angelegt werden, war wohl weniger „freiwillig“, wie Duchenne angab, als vielmehr bedürftig – ich hoffe, er hat mehr als ein warmes Mittagessen dafür bekommen.

Der gequälte Ausdruck täuscht allerdings auch. Die verzerrte Mimik ist das Resultat angelegter kleiner Spannungen. Duchenne legte Elektroden ganz gezielt an Nerven an, um Reaktionen der Muskulatur zu erzeugen. Das wirkt wie Puppenspielerei, war aber natürlich weit mehr: Auch wenn Duchenne für seine Fotos ganz offensichtlich gern nach Punkten suchte, die besonders lustige Resultate erbrachten, war das Wissenschaft. Er führte den Nachweis, dass elektrische Signale eine wichtige Rolle im kommunikativen Intranetz unserer Nervenbahnen spielen. Die therapeutischen Implikationen waren klar und führten auch ziemlich umgehend zu entsprechenden Anwendungen – Duchenne gilt als einer der Väter der Neurologie.

Schmerzhaft war das alles für seine Freiwilligen wohl eher nicht. Tatsächlich gibt es in Duchennes Foto-Atlas zu seinen Experimenten auch mehr als nur dieses eine Modell, das immer wieder gezeigt wird, eben weil seine Bilder die „lustigsten“ sind. Duchenne hatte weitere Freiwillige, die sich Elektrisieren und Fotografieren ließen. Die Frauen darunter waren offenbar weit weniger gewillt, wissenschaftlich sanktioniertes Infotainment zu liefern. Wenn man einmal davon absieht, dass Duchenne mit einer seiner Freiwilligen auch einen Gesichtsausdruck der heiligen Andacht produzierte, bei der sie in weiß gewandet mit gefalteten Händen niederkniet – das wirkt schon reichlich ironisch inszeniert.

Mein persönliches Lieblingsfoto ist aber gänzlich unspektakulär. Meine Tochter, die für mich im letzten Jahr Bilder aus dem Duchenne-Atlas von 1876 zog und bearbeitete, brachte den Ausdruck der Elektrisierten auf den Punkt – mit dem Dateinamen, den sie dem Bild gab: „moderne_frau.jpg“.

Passt perfekt, finde ich:

Jetzt geht’s los: Viktorianische Vibratoren zu gewinnen

Am 12. Oktober ist der offizielle Verkaufsstart für meinen „Viktorianischen Vibrator“. In den Tagen davor wird der Buchhandel beliefert.

Wer Lust auf das Buch hat, kann es bereits vorbestellen (natürlich auch als Kindle-Version). Die Kollegen von der Presse haben die Möglichkeit, Rezenssionsexemplare anzufordern. Und ich verlose hiermit die ersten Exemplare, die ich vor Buch-Verkaufsstart zugestellt bekomme.

Für mich endet mit dem Verkaufsbeginn ein Prozess, der mich thematisch seit 2005 beschäftigt hat und schreibend und produzierend seit Herbst 2011. Damit ist mein kleiner Wälzer mein bisher aufwändigstes Projekt und ich bin entsprechend gespannt, wie er beim Leser ankommt.

Um das herauszufinden, muss man Leser gewinnen: Hiermit stelle ich erst einmal 5 druckfrische Exemplare des Buches zur Verlosung: Meine Belegexemplare sollen schon einige Tage vor dem Erstverkaufstag bei mir eintrudeln. Da gebe ich gern was weiter, wer möchte, bekommt es mit Widmung.

Was muss man tun, um ein Buch zu gewinnen?

Einfach eine Email schicken: frank@patalong.info

Betreff: „Ich will einen Vibrator“

Die Bücher werden bis zum 7. Oktober unter den Einsendern verlost, die Gewinner benachrichtige ich per Email und veröffentliche sie hier im Blog (wenn sie damit einverstanden sind). Wenn die Post dann schnell genug liefert, haben die Gewinner beste Chancen, zu den ersten Lesern überhaupt zu gehören. Name und Postadresse nicht vergessen!

Werkstattbericht (III): Der Dampfer legt ab

Bücher sind wie Wiedergänger. Man recherchiert, schreibt, korrigiert, verabschiedet sich von ihnen. Und dann stellt sich heraus, dass immer noch was fehlt. Weil Text, Bilder und Seitenzahlen nicht so recht zueinander passen wollen, kommen sie zurück. Man kürzt oder schreibt noch was dazu, liefert zusätzliche Bilder. Dann noch schnell Bildunterzeilen, worauf verlagsseitig das Register erstellt wird. Erst wenn die Seitenzahlen stehen, kann man auch das Abbildungsverzerzeichnis erstellen, was mich gerade mein komplettes Wochenenende gekostet hat und den heutigen Nachmittag und Abend kosten wird. Buchschreiben ist mit Familienleben überrascht schlecht kompatibel.

Heute Abend irgendwann gehen die letzten Daten für den Viktorianischen Vibrator dann ab Richtung Verlag, und von dort baldmöglichst Richtung Satz und Druck. Damit kommt für mich endlich ein Prozess von wanderdünenhafter Langsamkeit zu Ende (hoffe ich): Wenn die E-Mail rausgeht, sehe ich das Ding wohl erst wieder, wenn es gedruckt und gebunden ist. Angesagt ist es für Anfang Oktober, mit Glück ist es ein bisschen früher da. Es wird dann 288 Seiten haben und nicht wie verlagsseitig angekündigt 272.

Schön schräg: das erinnert ein bisschen an „52 Zentimeter und 3780 Gramm“, und es fühlt sich auch ein bisschen so an. Im Vergleich zur Arbeit im aktuellen Journalismus ist das alles eine schwere Geburt. So richtig vergleichbar ist es allerdings auch nicht: Bei Büchern weiß man nie mit absoluter Sicherheit, ob man jetzt wirklich endlich und endgültig entbunden hat.

Strom ist gesund: Oma im Käfig

Was ist das, ist man mitunter geneigt zu fragen: Ein Oma-Grill (siehe unten)? Mitnichten: Die Anfänge der Elektrotherapie produzierten diese prächtigen Bilder, die heute wie Realsatire erscheinen. Viele dieser Maschinen sind Paradebeispiele für den mächtigen Placebo-Wert aufwändiger Medizingeräte.

Vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts hielt sich hartnäckig die Mär, Strom sei mit der mysteriösen Energie gleichzusetzen, die dem Mensch das Leben gibt. Nach Entdeckung des „galvanischen“ Stroms versuchte man rund 40 Jahre lang, Leichen durch Schocktherapien wieder zu wecken. So ganz klappte das bekanntlich nicht, dafür entdeckte man auf dem Weg einige andere Möglichkeiten, Elektrizität zum Wohle lebender Patienten in deren Körper zu bekommen.

Die Bilder der abgefahrensten Maschinen, die man sich dafür ausdachte, begegnen uns im Web immer wieder. Hier sind zwei, die fast exemplarisch sind.

Sie stammen aus dem Versandkatalog „Hochfrequenz-Therapie: Arsonvalisation – Fulguration“ der Firma Reiniger, Gebbert und Schall, 1886 gegründet und 1925 von Siemens & Halske übernommen. Der nicht datierte Katalog stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1909 oder 1910.

Die erste Maschine (Klick aufs Bild für Großversion) erklärt sich quasi selbst. Der Patient sitzt und hält einen Kontakt, der ihn mit der nicht gerade zierlichen Stromquelle im Hintergrund verbindet (das Ding in der Mitte ist die Batterie, eine „Leydener Flasche“, rechts und links stehen nur Spulen). Der Mediziner hält den anderen Kontakt und verabreicht dem Patienten vermeintlich heilsame Stromstöße. Der Katalog erklärt, dass bei dieser Behandlung „keine Schmerzen“ entstünden, der Mediziner zudem die Intensität und Tiefe der Behandlung einfach über den Abstand zur Haut des Patienten regulieren könne. Das hört man doch gern. Bei einem bestimmten Abstand gingen die Stromstöße dabei in „Büschelentladungen“ über. Das prickelt und wärmt!

Erheblich erklärungsbedürftiger ist die zweite Maschine, die ein wenig nach Oma-Grill aussieht. Ich habe hier die Erklärungen des Katalogs nicht abgeschnitten, weil allein die schon eine Menge erzählen.

Es gibt sehr viele dieser martialischen Konstruktionen, die heute lustig wirken und immer wieder in Tech-Nostalgie-Blogs auftauchen. Sie basieren alle auf dem gleichen Prinzip: Es sind mit hochfrequentem Strom beschickte Spulen, die im Körper des Patienten oder der Patienten einen Induktionsstrom verursachen sollen, der für den Behandelten nicht fühlbar ist, aber sich „durch Aufleuchten einer Glühlampe bemerkbar machen lässt“.

Da „große Spule, deren Strom man nicht spürt“ wohl ein ziemlicher Abtörner gewesen wäre, nannte man das Ding bombastischerweise einen „großen Solenoid“, was mir als Scifi-Fan total sympathisch ist. Hätte ich auch so genannt. Allein der Placebo-Effekt dürfte den Dingern eine Erfolgsquote von mehr als 30 Prozent gesichert haben – in Anbetracht des beeindruckenden Maschinenaufbaus bestimmt auch mehr.

(Spott einmal beiseite: Natürlich gibt es tatsächlich Anwendungsmöglichkeiten für Elektrotherapie. Die sehen heute aus gutem Grund aber anders aus)

Allzu viel Bedenken, sich in so einen Käfig zu setzen, dürfte Ur-Uroma übrigens nicht gehabt haben. Erstens galt Hochfrequenztherapie als Hightech und letzter Schrei, und zweitens hatte die Behandlungsmethode auch in anderer Hinsicht einen höchst angenehmen Nebeneffekt für Mediziner und Patient: Man konnte seine Klamotten anbehalten.