Der Becher- und Hut-Tarif: Busking is beautiful (I)

Vor ein paar Tagen habe ich ein Foto von einem Geigenspieler gemacht, der auf einer öden, völlig verlassenen Einkaufsstraße vor dem heruntergelassenen Gitter eines dichtgemachten Schuhgeschäfts stand und spielte. Ein Gott war das: melancholisch, sicher im Ton, gefühlvoll. Er wollte mir die Kamera abnehmen.

Ich hab das Foto gelöscht. Er war Kasache und hatte Angst, irgendwo gezeigt zu werden. Keine Papiere? Spielte mal in einem großen Orchester, erzählte er, nach dem Musikstudium. Das ist so bitter: Wer die Augen und Ohren aufhält auf unseren Einkaufsstraßen, der hört diese Typen überall. Bestens ausgebildete, mitunter begnadete Musiker. Unfassbar originelle Talente, oder charmante Originale.

Es gibt natürlich auch einige, die dabei Geld verdienen, aber das ist schwer. Stellen Sie sich mal hinten in eine kleine Menge (wenn sich überhaupt eine bildet) und schauen sich an, wie viele Leute wirklich Geld geben, wenn der Hut rum kommt – und hier reden wir über die Besten der Straßenmusiker, an den anderen geht man vorbei.

Man verpasst dabei was. Es sind die Busker, die Straßenmusiker, die unseren Städten erst Flair geben. Mir ist das immer den einen oder anderen Euro wert. Selbst wenn ich bei einem Bummel dann einen Fünfer loswerde: mir wird ja was geboten.

Was mich krank macht: Leute, die dem Kellner im Edel-Restaurant einen Schein geben, in der kleinen Gaststätte aber Cents auf den Euro aufrunden – und zu Buskern nicht mehr zu sagen haben als „Soll arbeiten gehen“. Wenn man sich den letzten Gitarristen hier anhört, kann man nur sagen: Gott sei Dank, dass der nicht in einem Büro sitzt, sondern auf der Straße. Ohne sowas wären unsere Städte tot.

Nach der Wahl

Als meine Kinder anfingen, Politik wahrzunehmen, versuchte ich, ihnen das mit den Parteien zu erklären. Dass es dabei zum einen um Programme gehe, die sich aber oft gar nicht so sehr unterscheiden, wohl aber die generelle Haltung dieser Parteien gegenüber dem Leben oder den Menschen. Wofür steht so eine CDU, SPD, Grüne, FDP? Seht Euch die Leute an, sagte ich, was und wie sich darstellen. Um wen sie sich kümmern, wen sie ablehnen. Und dann fragt Euch, wo Ihr da stehen wollt.

Sie begriffen schnell, dass es dabei um grundsätzliche Dinge geht. In der Politik, so wie wir sie seit Staatsgründung kannten, gab es immer diese grundsätzlichen, oft für ein Leben getroffenen Entscheidungen. Neue Wähler erbten die Parteien regelrecht.

Das war bei mir so, der ich der roten Hochburg des Duisburger Nordens aufwuchs. Das war auch im Rhein-Sieg-Kreis nicht anders, der CDU-Hochburg, wo meine Kinder aufwuchsen. Viel zu lang konnten Parteien hier wie dort jeden Mist machen, ohne vom Wähler dafür bestraft zu werden.

Offenbar ist das vorbei, was eine tolle Nachricht wäre. Keine Partei kann sich mehr ihrer Hochburgen sicher sein. Wer das für eine schlechte Nachricht hält, glaubt immer noch, Politik sei eine Verwaltungsaufgabe, und keine gestalterische. Die wachsende Vielfalt tut gut. Vielleicht endet dann irgendwann sogar dieses blöde Geschwafel von der „Wahl des kleinsten Übels“ und vom „wir können daran doch nichts machen“. Meine Kids waren gestern wählen, und sie haben ihre Wahl durchdacht und bewusst getroffen. Egal, was sie gewählt haben – sie waren Gewinner.

Bildquelle: Landeswahlleiterin NRW

Monster: keine Qualitätsfrage

Als ich aufwuchs, gab es in Walsum noch ein kleines Kino, in dem es Sonntagsmorgens um 10 Uhr eine Kindervorstellung gab. Keine falschen Schlüsse jetzt, wir reden über 1971, die gezeigten Filme waren selten fit für ein „besonders wertvoll“: Kung-Fu-Streifen waren gerade in, Bud Spencer und – natürlich – Godzilla, Gamera und Co. Prägende Erlebnisse.

Noch heute mag ich meine Filme entweder besonderns gut oder aber ganz besonders schlecht. Ein Schinken, der mich besonders beeindruckte, war „Guila, Frankensteins Teufelsei“. Noch bescheuerter als der Titel war der Film selbst, ein absoluter Tiefpunkt (oder Höhepunkt, je nachdem, wie man es sieht) des japanischen Monsterfilms. Unter Fans firmiert diese Untat als „Das Hühnchen aus dem All“. Rund 30 Jahre gab es in Deutschland keine offizielle Kopie mehr zu kaufen, ich selbst habe vor einigen Jahren eine japanische Version mit englischen Untertiteln erstanden. Kein Problem, selbst wenn man nicht mit liest: Es ist nicht so, dass man viel verpassen würde.

Außer Guila, international manchmal auch Guilala genannt: Ein Monstrum mit Fühlern, an deren Enden Tennisbälle wippen. Geschlüpft aus einem glühenden Ei, das fliegen kann und seine Karriere als Schleim-Absonderung beginnt, die eine US-japanische Raumcrew von ihrem Raumschiff kratzt. Eine coole Bestie, die so unbeholfen durch die Gegend torkelt, das man hingehen und sie am Arm führen möchte: In einer Schlüsselszene ist zu sehen, wie der Kerl in dem Gummikostüm fast hintenüber kippt. Selten so gelacht.

Diese Art Kino ist das absolute Gegenteil von perfekt. Gerade das macht es erst witzig. Die besten Monster der Filmgeschichte sind die schlechtesten.

P.S.: Inzwischen gibt es wieder eine offizielle, qualitativ gute Kopie von Guila. Sie ist allerdings sündhaft teuer. Nur was für Fans. Die deutschsprachige DVD, die bei Ebay kursiert, ist eine von einer VHS-Kassette gezogene Kopie stellenweise sehr mieser Qualität – ein Bootleg.

Büro-Perspektive

Mein Arbeitszimmer liegt Souterrain, wie man so schön sagt: Tiefparterre könnte man auch sagen, unser Haus ist in den Hang gebaut. Manchmal ist das ein Privileg, weil die Perspektive ungewöhnlich ist. Heute morgen hatte ich mit einem Mal blühenden Klatschmohn vor dem Fenster. Ich sehe ihn gegen den Himmel, der heute leider nicht Blau ist. Wer kann schon sagen, dass er sich bei der Arbeit die Wildblumen von unten ansieht?