Tourismus: Alles inklusive

Die meisten von uns sehen sich gern als Reisende, wenn sie unterwegs sind, und nicht als Touristen. Von außen betrachtet ist da oft kaum ein Unterschied zu bemerken. Es ist für zu viele von uns eine Attitüde, die für den Beobachter reichlich niedliche Blüten treibt. Da findet man dann in 399-Betten-Hotels leicht gehobener Klasse, aber mit All-inclusive-Verpflegung Wohlstandsbürger, die in Gruppen sitzen und ihre Scherze über die Dumpfheit des Massentouristen treiben. Was sie damit meinen, ist natürlich der Homo touristicus, endemisch in allen Gebieten, die von TUI regiert werden. Hier ist so einer:

Dieses Prachtexemplar habe ich am Donnerstag auf Lanzarote kameratechnisch erlegt. Ich fand den auch lustig, weil er mich an mich erinnerte: Ich weiß nicht, wie oft ich so ausgesehen habe. So lange die Kinder klein waren,  war ich der Strand-Packesel, transportierte diverse Lufmatratzen und Tiere, Eimer, Drachen, Decken, Körbe, Verpflegung und weiß der Fuchs was noch durch die Pampa.

Und weil Urlaub mit Kindern heute für die meisten Leute schlicht unerschwinglich teuer ist, landeten wir die paar Mal, wo wir uns das leisteten, auf unseren 10 Quadratmetern Tunesien oder Costa Brava. Wo denn auch sonst?

Die Verachtung des Reisenden für den Touristen ist meist lächerlich und arrogant, sie ist ein Standesdünkel, nicht mehr. Es ist nichts schlimm daran, Tourist zu sein,  wenn man Land und Leuten mit Respekt begegnet. Dazu gehört es, dass man Trinkgelder nicht für Gnadenakte hält, vor allem aber, dass man versucht, an den richtigen Stellen sein Geld zu lassen.

Hier auf Lanzarote kann man im Massentourismus ganz prächtig viel zu wenig Geld verdienen und sich dabei wund arbeiten. Den örtlichen Geschäftsleuten geht es nicht besser. Die Preise vor Ort sind im Keller, und vor allem das unsägliche All inclusive tötet das Leben in den Orten: Keiner geht mehr in die Kneipe, am Strand essen, gönnt sich auch nur ein Häppchen. Die ach so preiswerte Vollverpflegung erhöht dann den brutalen Preisdruck noch weiter, bis es im Restaurant am Strand das Sirloinsteak für 10,50 Euro gibt. Ein 0,5er Bierchen für 1,50 dazu gefällig? Kein Problem: So sehen sie aus, die Preise 2012 – und trotzdem sind die Läden leer.

Kein Wunder, dass die Restaurantbetreiber Kellner als Drücker auf die Promenade schicken, um Kunden zu ziehen. Vielen Reisenden (und Touristen) verdirbt das die Laune. Natürlich ist sowas Käse, aber im Grunde ist es Notwehr, mir tun die Leute leid. Aber deshalb wegbleiben? Kein Tourist sein?

Das Problem ist nicht der Tourismus an sich, sondern die extremen Formen des Massentourimus. Die Schnäppchenhuberei, die Ich-hab-das-alles-bezahlt-Mentalität. Dann besser weniger bezahlen und Schnäppchen in den lokalen Lokalen suchen: Sein Geld zu den Leuten vor Ort bringen.

Gestern waren wir in einem sehr einfachen, gänzlich untouristischen Dörfchen an der Nordostküste. Kein einziges Hotel, ein paar einfache Ferienwohnungen, ansonsten Fischer und Pendler, die in den Hotels arbeiten. Wir haben in einem kleinen Laden gegessen, der nur aus einem offenen Kiosk mit ebenso offener Küche bestand, davor eine Gruppe von fünf Plastiktischen mit ebensolchen Stühlen. Direkt gegenüber der Theke gab es ein Unisex-Klo: Ich vermute mal, in Deutschland wäre der Laden nach 30 Minuten vom Ordnungsamt geschlossen worden. Es war rappelvoll, alles Einheimische. Es gab ein paar kleinere Tapas zur Auswahl oder Fisch vom Grill. Meine Wahl: ganz klassisch Sardinen, serviert mit kanarischen Kartoffeln und Salat, so einfach wie nur was. Die Rechnung am Ende lag für uns zwei Personen bei 20 Euro.

Es war dass beste Essen, das wir bisher auf Lanzarote hatten. Das Essen im Hotel hatten wir zum Glück ausfallen lassen. Auch das ist ja eine Möglichkeit, die zum Glück inklusive ist.

Abgehoben: Einmal Rebooten bitte

Auf dem Flug nach Lanzarote, schon südlich Portugals über dem Atlantik, fiel einer der zwei Avionik-Rechner des Flight Mangement Systems unserer Boeing aus. Ein Rebooten des Systems ist nur am Boden möglich, erklärte man uns später. Erstmal hieß es: Alles in Ordnung, keine Gefahr – aber wir kehrten jetzt erst einmal um nach Sevilla.

In Sevilla lösten die Piloten selbst das Problem innerhalb von Minuten genau so, wie unsereins das auch macht: Runterfahren, hochfahren – und schon läuft die Kiste wieder. Es folgten zweieinhalb Stunden Bürokram und Berichte, dann ging es weiter. Alle Systeme, hieß es, liefen wieder stabil.

Kenn ich, von zuhause. Da weiß man auch manchmal nicht, warum ein Rechner spinnt und nach dem Hochfahren wieder perfekt läuft. Ich nenne das digitalen Husten. Das Schöne ist, dass zuhause der Schreibtisch nicht mit abstürzt, wenn der Rechner hustet.

Man kommt ins Denken. Schon verrückt, wie beiläufig wir uns komplexer Technik anvertrauen.

TV-Konsum: Alles hat(te) ein Ende

Ich habe meiner Tochter (20) gerade die Eckpunkte vergangener TV-Kultur vorgeführt: Die Zeit vor dem Programm, die „Führung“ durchs Programm durch kompetente Vorleserinnen, sowie die Zeit danach. Ans Testbild konnte sie sich noch erinnern. Für sie ist das allerdings das komische Zeichen, das auf dem Bildschirm erschien, wenn irgendwas ausfiel. Dann kam dieses bunte Ding und piepte nervig.

Für uns etwas Ältere, die die Zeit vor dem Privatfernsehen bewusst erlebt haben, sind diese Dinge mehr: Sie sind die halb vergessenen Eckpunkte und taktgebenden Signale der täglichen TV-Rituale. In den Sechzigern sendeten ARD und ZDF (die einzigen empfangbaren Sender im Westen) im Zeitfenster zwischen 10 und 12 Uhr ein Vormittagsprogramm, das fast vollständig aus Wiederholungen bestand – inklusive der Nachrichtensendungen vom Vorabend. Es folgte bis weit in die Siebziger hinein eine Sendepause bis zum Nachmittag, in der man ein Sender-Signet zu sehen bekam, sonst nichts.

Für TV-Addicts, die auf das Programm warteten, muss das wie ein Countdown gewesen sein. Man konnte die Kiste anmachen und nachschauen: Ist da schon was? Nicht? Dann eben wieder ausmachen, später wieder einschalten. Wenn dann die nette Ansagerin erschien, wurde man erst einmal persönlich begrüßt. Viele ältere Leute grüßten damals noch zurück.

Und sahen sich dann Sachen an wie die oben angekündigte Einführung in die Physik. „Schulfernsehen“, die geballte Umsetzung des öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrages, verlagerte die ARD allerdings bald in die Dritten Programme, die für uns Kids deshalb damals wahre Horror-Sender waren – die Steiergerung der Langeweile.

Am Nachmittag gab es dann aber auch die wenigen Programmteile, die für uns relevant waren, bis Anfang der Siebziger nur Freitags und Sonntags, danach täglich rund zwei Stunden „Kinderstunde“, also für Heranwachsende geeignetes Programm. Die Zeiten waren festgelegt, der Tag entsprechend strukturiert: Medienkonsum war stringent ritualisiert.

Das galt auch für den Aufbau des Abendprogramms mit seiner Abfolge von Information und Unterhaltung. Irgendwann Ende der Siebziger wanderte der Sendeschluss über die magische Grenze von 24 Uhr hinaus, aber nur knapp: Es sollte noch mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis es wirklich so etwas wie ein „Nachtprogramm“ gab. Bei den öffentlich-rechtlichen Anstaltssendern endete der Sendetag mit höflichen Abschiedsgrüßen, letzten Nachrichten und natürlich der Nationalhymne – dann folgte abrupt das Testbild. Die ARD unterfütterte ihres mit dem aktuellen Radioprogramm, das ZDF piepte nur monoton vor sich hin. Vielleicht war schon damals die Zielgruppe so gereift, dass sie den hochfrequenten Ton aus Altersgründen gar nicht mehr wahrnehmen konnte? Sollte das ZDF schon damals damit begonnen haben, jüngere Zuschauer mit allen möglichen Tricks abzuschrecken?

Bestimmt nicht. Die Privaten brachten ab 1986 frischen Wind in diese Rituale, indem sie die Hymne vor Sendeschluss durch lustige Liedchen ersetzten, zu denen dann auch keine deutschen Monumente mehr gezeigt wurden, sondern die Sponsoren der Klamotten, mit denen man während des langen Programmtages die Ansager und Nachrichten-Vorleser als lebendige Werbeflächen drapiert hatte.

RTL – damals im Volksmund noch „RTL Plumps“ genannt – ersetzte den Piepton durch Stille – und blendete eine Uhr ein. Damit wurde das Testbild erstmals auch für Laien zu einer Art Nutzanwendung: man konnte seine Uhr danach stellen.

In Rückschau erscheint das alles irgendwie niedlich. Interessant ist es, weil es zeigt, wie sehr sich unsere Lebenstakte verändert haben. Im ritualisierten Medienkonsum spiegelte sich ja nur der erheblich stärker strukturierte Alltages-Ablauf. Takteten Medien unseren Tag, oder passten sie sich unserem Takt an? Auffällig ist, das vor allem im Anfang nur dann TV-Angebote gemacht wurden, wenn die meisten von uns Zeit dafür hatten – also in der „Freizeit“.

Es gab eine Zeit für die Zeitung (beim Frühstück, geliefert wurde im Zeitfenster zwischen 3 und 6:30 Uhr). Die ersten Nachrichten gab es, wenn die Industriearbeiter von der Frühschicht kamen. Wer Mittagschicht hatte, kam in der Regel pünktlich für die zweite Programmwelle im Abendprogramm ab 22 Uhr nach Hause. Nachtschichtler, die sowohl das Entertainment als auch die Nachrichten des Tages verpasst hatten, bekamen eine komprimierte Wiederholung am Morgen, wenn sie da schon wieder fit waren.

Das Ritual des Programms folgte also dem Lebenstakt. Es sorgte zudem dafür, dass eine große Masse Menschen die gleichen medialen Erlebnisse hatte. Verlaufen konnte man sich im Medienkonsum kaum. Auch das erzieherische Problem, für Kinder Medien-Zeitbudgets setzen zu müssen, gab es nicht: das Programm war kurz und für Kids zum größten Teil zum schreiend Davonlaufen uninteressant. Vor allem aber war Programm etwas, das endlich war. Spätestens ab dem Testbild wurde die Sache noch für die hartnäckigsten TV-Süchtigen uninteressant. Das Programm selbst aber besaß eine viel größere Wertigkeit: Verpasst bedeutete verpasst (und Warten auf eine Wiederholung), was jeder „Sendung“ Eventcharakter gab. War das alles besser?

Es war, wie es nun einmal war, es passte in seine Zeit. Ich empfinde das alles heute für mich persönlich als völlig überflüssig. Von mir aus kann TV-Programm ausschließlich on demand stattfinden. Ich brauche keine Sender mehr, keine Nachrichtensendungen, die mir zehn Häppchen zuwerfen, damit ich mich informiert fühle. Auf der anderen Seite aber ist mir bewusst, dass wir alle damit etwas verloren haben. Der Medienkonsum ist fraktalisiert, aufgesplittert in Hunderte von Kanälen, die minimale Grundversorgung per DVBT liegt bei rund 20 kanäle (der Rest sind Drittprogramme in überflüssiger, x-facher Ausführung). Viele von denen gehen mit ihrer Ware um, als würden sie selbst gar nicht wissen, was sie da senden.

Mit Serien beschicken uns RTL, Vox, ProSieben oder Sat1  nicht nur in einer Art Endlosschlaufe ständiger Wiederholungen, sondern auch noch in völlig erratischer Reihenfolge. Auf Staffel 4 folgt Staffel 1, Donnerstag gibt es dafür schon mal eine Folge aus Staffel 7, gefolgt von Highlights aus Staffel 3. Auch innerhalb der Serien, die oft aufeinander aufbauende Geschichten erzählen, pfeifft man auf Reihenfolgen. Ich habe im letzten Jahren mehrere Male erlebt, dass Serienfolgen wahrscheinlich versehentlich in zwei aufeinander folgenden Wochen einfach noch einmal gezeigt wurden. Mitunter sieht man Teil 2 vor Teil 1. Bei Kinofilmen fehlt oft nicht nur der Abspann, sondern auch die Schlussszene.

All das ist ätzend, weil es die Inhalte so offensichtlich entwertet hat. Vor allem aber wirkt der so gestreute, fraktalisierte Medienkonsum auch auf die Gesellschaft selbst zurück. Die Vielfalt lässt uns voneinander abrücken. Qualitative Gefälle vertiefen gesellschaftliche Gräben (z.B. zwischen Arte- und RTL2-Zuschauern). Wir verlieren unsere gemeinsamen Gesprächsthemen. Über Tatort oder „Wetten, dass“ könnte ich mit niemandem diskutieren: Sie gehören seit weit über zwanzig Jahren nicht mehr zu meiner Medienwelt. Ich sehe so selektiv fern wie wir alle, und immer öfter stelle ich fest, dass ich selbst innerhalb meines Freundeskreises kaum noch mediale Berührungspunkte finde.

Ist das schlimm? Es ist halt so.

Medien sind nicht alles, Anknüpfungspunkte für gemeinsame Freizeit und Gespräche gibt es zum Glück wie Sand am Meer – und die meisten sind da besser als Medienkonsum. Trotz steigender Mediennutzungsdauer nimmt deren Wichtigkeit beständig ab. Interessant finde ich daher, dass die Ausweitung von Programm und Senderzahl so offensichtlich mit einem Verlust an Bindung einhergeht – ans Ritual, ans Programm, an den spezifischen Sender.

Im Grunde stirbt das Konzept des Massenmediums Fernsehen, zumindest aber des „Senders“ daran, denn „on demand“ wird das alles irgendwann auf die Spitze treiben. Wir alle haben derweil schon etwas verloren: kollektive Erlebnisse, wie man sie heute allenfalls noch im Rahmen von Events wie der gerade laufenden Fußball-Europameisterschaft erlebt. Verloren geht also auch gesellschaftlicher Kitt: der universelle Stoff für den Smalltalk.

Früher gab es täglich kollektive Erlebnisse. Das unausweichlichste davon sah so aus: