Buch wirft Schatten voraus

Ich habe heute den Entwurf für die Handels-Ankündigungen (eine auf den Fachhandel zielende Verlagswerbung also) für mein neues Buch bekommen. Es ist ein seltsames Gefühl. Das Buch wird im November erscheinen. „Fertig“ ist es aus meiner Perspektive seit März, was natürlich nicht stimmt, weil es zurzeit noch lektoriert wird. Geschrieben habe ich es zwischen November 2011 und März 2012, erste Recherchen dazu 2005 begonnen. Es gibt einen kleinen Textteil, den ich sogar schon 2004 in erster Version aufgeschrieben habe.

Insgesamt stecken da jetzt vielleicht zwei Jahre Sammel-, Lese- und Recherchezeit drin, Stückchen für Stückchen. Angeboten hatte ich das Konzept im eigenen Verlag schon 2010, erst ein Jahr später begann der Prozess, der nun bald enden soll. Irgendwann im Mai werde ich mit meiner Lektorin über den Layouts brüten, damit das Buch irgendwann im Juni die Druckvorstufe durchlaufen kann, um dann hoffentlich schon im September auf der Buchmesse in Frankfurt präsentiert werden zu können. In den Regalen des Handels wird der kleine Schmöker dann spätestens im November stehen, wenn alles gut geht. Ein Jahr, nachdem ich ernstlich mit dem Schreiben begann.

Kurzum: Ein Buch zu produzieren fühlt sich an, als surfe man auf einer Wanderdüne. Es ist ein Gewerbe, das heute kaum anders funktioniert als vor 50 Jahren. Für einen Onliner ist das seltsam. Ich bin daran gewöhnt, dass alles, was älter als drei Tage ist, als alt gilt (das Regel-Höchstalter für einen Link unter einem Aufmacher bei SPIEGEL ONLINE), nicht mehr als aktuell.

Auch mein Buch wird, wenn es erscheint, in meinem eigenen Arbeitsalltag längst von einem neuen Projekt abgelöst sein. Von täglicher Arbeit überlagert, von Serienideen, die da noch kommen mögen, vielleicht sogar von der nächsten Buchidee. Der Prozess ist quälend und seltsam unzeitgemäß langsam, nur heute biegt und bricht er die Zeit einmal in anderer Weise: Ich halte einen Ausdruck in meinen Händen, der ein Buch zeigt, das es erst in Monaten geben wird. Ein virtuelles Produkt, dass sogar schneller ist als die, die ich sonst produziere.

Meine Filme: Sci-Fi

Science Fiction ist ein Genre, das für mich zweierlei bedeutet: Entweder pure, Popcorn-kompatible Entspannung, oder anregende, die Phantasie beflügelnde Unterhaltung. Es ist das Genre, das am weitesten mit den Mustern des Gewohnten bricht. Film fußt auf Theater, aber Sci-Fi bereitet dem eine Bühne, wie es sie ohne Film nie geben könnte. Gute Science Fiction nutzt die, um darauf gewagte Geschichten zu erzählen. Dem literarischen Genre folgend sind einige der besten davon Utopien des Wünschenswerten, andere düstere Mahnungen. Filme wie Star Wars gehen mir dagegen am Hintern vorbei: Das sind Western mit Strahlen-Revolvern, nicht mehr. Langweilig.

Nicht langweilig finde ich Filme, die es wagen, die Realität zu verbiegen, spannende Geschichten in gewagter Weise zu erzählen. Ein paar Beispiele in alphabetischer Reihenfolge.

12 Monkeys. Bruce Willis ist jetzt vielleicht nicht gerade ein Charakterschauspieler, aber hier muss er ja auch vor allem verstört und gequält gucken – und das kriegt er ganz prächtig hin. Spitze ist daneben Brad Pitt in einer seiner zahlreichen Idioten- und Soziopathen-Rollen: Der Schwiegermuttertraum hat es drauf wie nur wenige, geistig minderbemittelte oder gestörte Charaktere mit irritierenden Ticks auf die Leinwand zu bringen. Auch hier beweist er eindrucksvoll, dass er nicht nur die Haare schön hat, sondern wirklich ein Schauspieler ist.

2001. Stanley Kubricks Kammerspiel im interplanetaren Raum hat ein Erzähltempo, mit dem man heutige Teens ganz bequem paralysieren kann und eine Handlung, die sich in zwei Sätzen zusammenfassen lässt. Mehr braucht man auch nicht, wenn man weiß, wie man trotzdem einen höchst intensiven Spannungsbogen spinnt, obwohl man als „Bösewicht“ nur eine Art rot erleuchtetes Goldfischglas zur Verfügung hat. Aus heutiger Sicht eine Antiklimax ist allerdings die berühmt-berüchtigte Schlusssequenz: Seit LSD nicht mehr zu den Grunderfahrungen der cineastisch interessierten Zielgruppe gehört, scheinen uns einige psychodelische Möglichkeiten weitgehend anhanden gekommen zu sein. „Dave? Dave! Dave?“

Alien. Ich bin kein Freund von Horrorfilmen, aber der erste Teil der Alien-Saga ist ein Meisterwerk. Purer psychologischer Horror, der über die meiste Zeit ohne drastische Effekte auskommt. Ridley Scott wusste, dass nichts mehr Angst macht, als das, was man nicht sieht. Die Folgeteile setzten dann mal mehr, mal weniger auf Gemetzel, keiner kam mehr an das Original heran.

Blade Runner. Diesen Klassiker gibt es in etlichen Schnittfassungen. Eigentlich ist das Ding so etwas wie ein Western: Kopfgeldjäger jagt Ausbrecher. Was den Film zu etwas besonderem macht, ist die Gebrochenheit seiner Figuren und die Grundsätzlichkeit der Frage, die er aufwirft: Was ist ein Mensch? Der eigentliche Star ist nicht Harrison Ford in seiner besten Rolle, sondern die Welt, in der Blade Runner spielt: Diese Metropolis, in der man Multikulti spricht, in der es ständig regnet, in der der Schmutz im Rinnstein steht, vermeint man nach einer Weile sogar riechen zu können. So traurig das ist: so könnte urbane Zukunft wirklich aussehen, wenn es schlecht läuft.

Dark City. Ein Film, der finanziell ziemlich untergegangen ist, was er nicht verdient: Die surreal-düstere Detektivgeschichte fesselt mit visuell gewagten Sets und einer Erzählweise, die an Jeunet und Terry Gilliam erinnert. Intelligentes Popcorn-Kino für Erwachsene, die bereit sind, ihren Kopf aktiviert zu halten. Man kann sich einen Sport daraus machen, die zahlreichen Zitate aus Philosophie und Kultur zu finden, die in diesem schrägen Werk vergraben wurden.

Delicatessen. Eigentlich ein surreales Kammerstück, halb Komödie, halb Farce. Für Comic-Schöpfer Jean-Pierre Jeunet (Wunderbare Welt der Amelie, Stadt der verlorenen Kinder, aber auch Alien, die Wiedergeburt) der Beginn einer anhaltend erfolgreichen Filmkarriere. Dominique Pinion als zur Malzeit auserkorener Neumieter ist brillant. Auch so können, ja müssen Helden aussehen!

Donnie Darko. Für mich ein Film, in dem ich immer das Gefühl habe, ich würde vornüberfallen. Da steckt ein latenter kleiner Wahnsinn drin, eine bohrende Drohung. Die Art und Weise, wie der Film dann doch nicht zum Horrorfilm wird, sondern zu einem bittersüßen, höchst ambivalenten Ende findet, hätte Autor und Regisseur Richard Kelly sowie Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal eigentlich eine Flut von Preisen einbringen müssen. Was soll’s: So mancher Oscar-Schinken ist schnell vergessen – aber Kultfilme haben lange Halbwertszeiten.

Inception. Eigentlich eine Art Heist-Movie wie Oceans Eleven, aber in einem Sci-Fi-Ambiente. Enorm spannend – und visuell ein Rausch!

Soylent Green. Eigentlich sollte man keinen Film mit Charlton Heston mehr empfehlen. Der ultrarechte Waffenlobbyist hat jeden Respekt verspielt. In Soylent Green aber ist er gut. Der Film war 1973 ein Durchbruch: so eine Dystopie hatte man im Kino noch nicht gesehen.

Vanilla Sky. Nach dem so deprimierenden wie genialischen Magnolia der beste Film des unsäglichen Tom Cruise. Dieser Film ist wie so oft die abgekupferte Version eines bahnbrechenden europäischen Films, nachgefilmt, weil das US-Publikum halt US-Stars vorzieht, aber trotzdem gut. Wie hier Traum und Wirklichkeit verwischen, ist schlicht spannend.

Superhelden: Comics sind Kopfkino

Ich war acht Jahre alt, als ich anfing, DIE SPINNE zu lesen (so hieß SPIDER-MAN damals). Ich fand die Geschichten gut, weil Peter Parker, dieser dürre Held, ähnlich wie ich Dreikäsehoch auch öfter einmal eins auf die Glocke bekam. Er siegte nicht immer, wie dieser langweilige Superman mit der Lizenz zur Unbesiegbarkeit (wer denkt sich sowas aus?), erlebte zudem ständig auch irgendwelchen Seelenschmerz. Wie im richtigen Leben, wenn man davon absieht, dass der Typ im Gegensatz zu mir (Höhenangst!) Gebäude hoch- und runterlief und – wenn ihm ein Supergangster zu pampig kam – sich auch schon mal damit wehren konnte, dass er dem ein Auto vor den Kopf warf.

In ihrem Ansatz sind Superhelden-Phantasien höchst kindlich, und so sehen die frühesten Stories und viele entsprechende Kinofilme auch aus. Aus Erwachsenensicht ist das intellektuelle Magerkost. Fliegen können, stark wie ein Elefant zu sein, unverletzlich – das ist das, was man sich so wünscht, wenn man das genaue Gegenteil davon ist: Klein, ziemlich wehrlos gegen Starke und dem allmächtigen Willen dieser Typen unterworfen, die einen schon um acht ins Bett schicken, obwohl man noch gar nicht müde ist. Wie gut, wenn man seine Ohnmacht unter der Bettdecke mit der Taschenlampe und dem Comic-Heft sublimieren kann.

Aber Superhelden-Comics sind weit mehr. Nicht von ungefähr arbeiten viele Drehbuchautoren und Regisseure mit gezeichneten Storyboards, um ihre Filmideen zu visualisieren. Comics sind Kopfkino, und mehr noch: Im Comic waren früh Dinge möglich, die auf der Leinwand bis heute nur schlecht darzustellen sind.

Irgendwann wurden mir die Superhelden zu albern, zu pathetisch, aufgeblasen und pompös. Ich landete bei den franko-belgischen Comics: Moebius, Franquin, Herge. Mit Valerian und Veronique ging’s es ab ins All, mit Gaston gegen die schlechte Laune. Anfang der Neunziger wurde Jamiri zu einer Identifikationsfigur, viel später auch ein Freund.

Den Superheldencomic habe ich erst mit Frank Miller wieder entdeckt. Der Mann ist mir unheimlich. Ich kann mir kaum etwas psychopathischeres vorstellen als seine Sin-City-Reihe, vor allem die ersten zwei Bände. Da wird Comic zum Blick in eine kranke Geisteswelt, in der sich die finstersten eigenen Seiten spiegeln: Die Zeichnungen sind ja so Schattenrissartig, dass der wahre Horror letzlich in der eigenen Vorstellungskraft liegt. Mitleiden kann da nur der, der sich das Leid vorstellen kann. Ich finde das so verstörend, dass ich Millers Sin City irgendwann weglegte und nie wieder anfasste.

Man spürt diesen ungesunden Wahnsinn auch in Millers ersten beiden Batman-Comics – die einzigen Comics über den Fledermausmann, die man wirklich gelesen haben sollte.

Das erste Jahr“  ist der gelungene Versuch, die auf ein kindliches Publikum zielende Batman-Legende erwachsen werden zu lassen. „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ ist dann die Demontage, die brutale Entzauberung dieses Idols aus Kindertagen – und kommt dem Kern der Figur viel näher als alles andere, was jemals darüber veröffentlicht wurde.

Für Alan Moores „Watchmen“ schließlich würde ich als Vertreter tingelnd auf die Straße gehen. Das Buch – und es ist ein Schmöker, an dem man mehrere Tage liest! – ist emotional richtig heftiger Stoff, viel düsterer noch als der Film, der später herauskam. Die Geschichte bewegt sich auf mehreren Ebenen, in mehreren Erzählformen (Comic, Briefe, Piratengeschichte), die sich zu einem horrenden Ende zusammenfinden, das den Leser mit einem kalten Klumpen im Magen zurück lässt. Definitiv nichts für Kinder, so konventionell der Comic grafisch zunächst daherkommt! Düster!

Düster ist auch das, was die Verlage in den letzten zwanzig Jahren aus dem Superhelden-Genre gemacht haben. DC wie Marvel, die hier führenden Verlage, verstrickten sich in immer bescheuerteren, verkomplizierten Handlungssträngen, die irgendwann nicht mehr plausibel zu verkaufen waren, ohne gleich ein Paralleluniversum aufzumachen. Die Batman-Reihe hält ein wenig dagegen, mit aufwendigen abgeschlossenen, inhaltlich aber meist überbewerteten Serien (Hush, Long Halloween) und Einzeltiteln (Arkham Asylum, Killing Joke). Auch sie leiden aber daran, dass sie das „Erwachsene“ nur auf der Basis völlig überzogener Brutalität darstellen können. Das ist unter dem Strich armselig, wie im Kino ist auch im Comic eine gute Handlung niemals durch Action zu ersetzen.

Was an den „großen“ Helden stört, ist vor allem ihr dumpfes Pathos. Millers Batman war ein verdammter Schmutzfink, ein von Rache besessener und zerfressener halb Wahnsinniger. Er passte in die End-Achtziger, so wie Hancock, Kick-Ass oder nun Chronicles, grundironische  Entzauberungen der Superhelden-Mythen, in unsere Dekade passen. Das ist amüsant, aber als Pointe, Grundmotiv und Masche auch nur begrenzt oft einsetzbar. Am Ende wollen Superhelden-Leser dann doch einen Helden. Und ich meine, wir wollen einen zerrissenen, der uns spiegelt oder inhaltlich herausfordert: So wie der frühe Spidey mit seinen pubertären Problemen, so wie der grimmige, verbitterte  Vigilant Batman bei Miller. Der von Miller inspirierte Batman hat in diesem Sommer noch einmal einen cineastischen Auftritt, auf den sich Superhero-Fans nach Batman Begins und Dark Knight wohl freuen dürfen. Wie es danach weiter geht?

Die Verlage starten ihre Serien gerade neu, weil sie eingesehen haben, dass sie in einer Sackgasse gelandet sind. Schaun wir mal: Im günstigsten Fall gewinnen die alten Helden ein paar Schwächen und Macken. Nichts ist langweiliger als ein Superman.