Neues aus der Jurte: Otto Normalkalmykes Probleme

Was ist das schön, nicht vor dem Schreibtisch zu sitzen, sondern bei Sonnenschein mit dem Auto von A nach B zu fahren. Man bekommt dabei auch Dinge zu hören, die man normalerweise nicht hört: Als ich EinsLive einschaltete, lief da irgendwelche Kirmesmusik. WDR5 erging sich in irgendwelchem semi-esoterischen Heilpraktikergedöns, und WDR2 steckte wie immer in einer Zeitschleife, die den gesamten Sender bekanntlich ja im Jahre 1987 gefangen hält – sadistischerweise in einer Zelle mit Bryan Adams. Was macht man da? Klar: Deutschlandfunk einschalten.

Da ging es vor allem um Wodka, immer wieder. Eine sinnessatte Radioreportage führte mich nach Kalmyckien. Kennen Sie nicht? Ohne jetzt angeben zu wollen: Ich gehöre zu der gebildeten Minderheit, die zumindest davon gehört hat, dass so ein Ort tatsächlich existiert. Kalmykien ist ein Land der Gegensätze, mit einer langen, interessanten Geschichte. Landschaftlich besteht es da, wo es nicht zur Wüste verödet ist, vor allem aus Steppe. Und – so der Sprecher – es ist „eines der letzten Länder, in denen die Industrialisierung noch nicht angekommen ist“.

Wahnsinn. Als dauergestresster Schreibtischtäter fangen da die Augen irgendwann an, sehnsuchtsvoll zu glänzen. Zum Beispiel wenn der kalmykische Pferdehirt, der einen großen Teil des Jahres in einer Jurte lebt, davon erzählt, wie er seine Herde zusammenhält: Er reitet seinen Gäulen im Galopp hinterher und treibt sie zurück Richtung Jurte. Erst 30 Kilometer hier hin, dann 30 Kilometer da hin. Weil es Zäune natürlich nicht gibt in seiner Welt. In der Stadt, sagt er, könne er nicht leben, da sei die Luft so schlecht, und jedes Zimmer fühle sich an wie ein Gefängnis. „Hier draußen“, sagt er auf kalmykisch, „ist Weite!“

Man hört das Lächeln in diesem Satz, ich lächele mit. Fast kann ich die unendlich scheinende Steppe sehen! Man glaubt dem Sprecher auch, dass er des Nachts eine Million Sterne funkeln sieht. Man hört staunend die fremdartiken Klänge des kalmykischen Kehlgesanges. Man sehe dabei die Anstrengung im Gesicht des Sängers, erzählt der Sprecher. Glaubt man sofort, ist beim Hörer auch nicht anders. Trotzdem: Bei aller Fremdheit ist das alles ein Traum von Einfachheit, Weite, Freiheit und einem Leben im Takt und Einklang mit der Natur. Nachts heulen in der Ferne die Wölfe, doch der Kalmyke schläft warm und sicher, während im Wirtschaftsgebäude langsam die Stutenmilch zum Kumys reift. Ach, Otto Normalkalmyke, was ahnst Du von Deadlines und Hypotheken und drängenden urbanen Nöten?

Und dann sagt der freiheitsliebende Pferdehirt, der wie seine Ahnen lebt: Um seinen Sohn mache er sich aber doch Sorgen. Seit er ihm im Jahr 2000 einen Computer geschenkt habe, sitze der nur nach davor. Bis Nachts um 2 Uhr, und dabei muss er doch um 7 Uhr ab in Richtung Schule. Und dann frage er ihn, ob er da wenigstens was Sinnvolles mache. Tue er aber nicht, sondern spiele da immer nur diese Ego-Shooter oder schaue diese Actionfilme.

Keine Ahnung habe er, sagt der Kalmyke, was er da noch tun solle.

Kenn ich, Kalmyke. Ich auch nicht. Sieht so aus, als hätten wir gemeinsame digitale Probleme. Jurte hin oder her.
Das Bild vom Ego-Shooter-daddelnden Klein-Kalmyken in der Jurte werde ich seitdem nicht mehr los.

My Playlist (I): Die Methode Tarzan

Eine der schönsten Arten, heute Musik zu entdecken, ist die „Methode Tarzan“, wie Ulf Grüner das 1996 mal in einem Artikel genannt hat: Irgendwo anzufangen und sich dann von einem Link zum anderen durchs Web zu schwingen. In den Zeiten vor dem Aufkommen wirklich fitter Suchmaschinen war genau das die normale, optimale Bewegung im Netz – das ist es, was mit „Surfen“ einmal gemeint war. Heute ist es ziemlich out. Die meisten Leute haben ihre Stammseiten, die sie  immer wieder besuchen.

Einige von denen sind heute allerdings zu Größen angewachsen, dass man ohne Probleme auch innerhalb so einer Site hangeln kann bis zur Erschöpfung. Definitiv in diese Liga gehört natürlich Youtube, das für mich nicht zuletzt eine Stöberkiste für zu entdeckende Musik ist. Mit jedem aufgerufenen Song bietet Youtube ja weitere an, die der Algorithmus der Webseite für verwandt oder sonstwie geeignet hält, weil irgendwer vor mir sich für diese Vorschläge entschieden hat, der sich auch das gerade gehörte Lied anhörte. Ideal für die Methode Tarzan.

Es hat den kleinen Nachteil, dass man sich so quasi in musikalische Subräume begibt: Cluster von Künstlern und Songs, die irgendetwas gemein haben – eine Genre-Orientierung, eine Stimmung, die Beliebtheit in einer bestimmten Subkultur.

Man hört das auch den Songs in diesem Blog-Eintrag an. Sie decken ein gewisses Spektrum ab, haben aber alle etwas „Indy“-haftes, etwas leicht Schräges. Ich mag das, auch wenn es nicht gerade Feiermusik ist. Es ist eingängig, originell und meist leicht melancholisch, wenn es nicht ironisch daherkommt.

In letztere Kategorie gehören sowohl der fröhlich plätschernde Sound der Kids von San Cisco (haben erst seit November 2011 einen Plattenvertrag: bei Itunes gibt es bisher nur zehn Einzellieder in zwei EP-Sammlungen zu kaufen), deren Teenie-Töne im ersten Eindruck so oberflächlich wirken, als auch der leider im letzten Jahr verstorbene Vic Chesnutt, dessen so traurig daher kommendes „What do you mean?“ in Wahrheit sehnsuchtsvoll und heiter ist – ein Song mit echter Pointe, die musikalische Entsprechung eines bittersüßen Lächelns. Beides ist durch und durch ironisch.

Anders als die Wooden Birds mit ihrem „Believe in Love„. Ich mag die Holzvögel wegen ihrer disziplinierten Sparsamkeit. Ganz ruhig zieht der Song dahin, man wartet förmlich auf den nächsten Stimmeinsatz, und jeder gesungene Satz kommt irgendwie ein kleines bisschen zu spät. Ich liebe den Song, wenn ich Auto fahre.

Die Sound-Tüftler von Made in Heights kommen aus einer ganz anderen Ecke. Oft lavieren sie irgendwo zwischen Electronic, Club und Soul, aber in keinem ihrer Lieder so gekonnt wie in „Wildflowers“. Es ist ein Lied von enormem Wiedererkennungswert – und ein Ohrwurm der Sonderklasse, dem sich vom Klassikhörer bis zum Metall-Freak nur wenige entziehen können. Auch bei diesem Projekt ist Kaufen übrigens Fehlanzeige: Sie verteilen ihre Musik über Blogs und halten sie gesammelt bei Youtube vor – mehr ist bisher nicht: Man darf sich als Early Adopter fühlen.

Das alles sind Dinge, die man im deutschen Radio niemals hört. Man entdeckt sie mit der Methode Tarzan. Angefangen hatte ich bei San Cisco, mich von da aus weiter gehangelt. Auf dem Weg acht, neun Stationen gemacht, die mich weniger ansprachen, die hier unerwähnt blieben. Das tolle daran ist, dass diese Reise durch YouTubes Musik für andere nicht nachvollziehbar sein wird, denn jede dieser Hangel-Partien verläuft anders. Probieren Sie es aus: Greifen sie irgendwo hin und schwingen sie sich weiter. Es gibt dümmere Arten, einen Abend vor dem Bildschirm zu verbringen.

Eigentore: Schluss mit lustig

Meine Frau ist mit Fußball aufgewachsen – genauer mit Fußball-bekloppten Brüdern. Sie sagt, sie habe sich deshalb einen Mann gesucht, der mit Fußball nichts am Kopf hatte: mich.

Dumm gelaufen, denn irgendwann kam Sohnemann. Der begann seine Laufbahn Prä-Bambini, und er ist heute immer noch dabei. Ein Lahm der Kreisklasse, ein Guter ist er. Ich habe durch ihn zum Fußball gefunden. Trotz Erfahrungen, die das lange verhindert haben.

Wenn ich an meine Jugendtage zurückdenke und an die damalige Szene, wird mir heute noch übel. Ich war Anfang der Achtziger mal im Stadion Wedau, als der MSV auf Schalke traf. Weil beide Fanblöcke blau-weiß waren, bekam man die nicht getrennt. Als ein paar Vollbescheuerte ihre Schlägerei begannen, löste die Polizei das Problem, indem sie auf Pferden in die Menge ritt und mit dem Schlagstock hineinschlug. Und zwar auf alle: Frei nach dem Motto „Immer drauf, trifft immer den Richtigen“. Ich mag Pferde, aber nicht aus der Perspektive. Für mich folgte auf den Tag eine lange Stadionpause. Die Achtziger waren die Zeit der enthirnten Hools, die Fußballszene schien von Vollidoten dominiert.

Im letzten Drittel der Neunziger ging es mit Sohnemann erstmals ins Stadion: die Zeiten hatten sich geändert. Die Stimmung hatte Volksfest-Charakter, die viel zu seltenen Stadionbesuche waren aufregende kleine Feiern. Es wurde immer besser: Choreographien kamen, unermüdlich singende Fanblocks, eine Fankultur mit Ritualen und Tiefen und einem die Kultur des eigenen Clubs pflegenden „So sind wir“-Bewusstsein. Zeitschriften wie „11 Freunde“ (lese ich seit Jahrgang 1 jeden Monat) unterfütterten das alles mit dem Bewusstsein, dass es hier auch um Lebenshaltungen und Verwurzelungen geht, nicht nur um Profisport und Popkultur.

Die WM 2006 erlebten wir als rauschendes, Missgunstfreies Fußballfest, als landesweite Party.

Und jetzt schau man sich an, was in den letzten eineinhalb Jahren passiert ist: Die Vollidioten sind zurück. Köln, deren Fans über Jahre zu den sangesfreudigsten, witzigsten Anhängern überhaupt gehörten, die auch noch den grottigsten Kick im Stadion zu einer kleinen Karnevalsfeier machen konnten, haben in der letzten Saison gegnerische Fans mit Kot-gefüllten Pappbechern beworfen, keine Randale ausgelassen, bis hin zu Überfällen auf Fanbusse anderer Mannschaften. Vollidioten.

Wenn Mannschaften absteigen, muss man wieder mit Bürgerkriegsähnlichen Szenen rechnen. Am Dienstagabend schaffte es die Düsseldorfer Idiotenhorde fast, den Aufstieg ihrer Mannschaft noch im Stadion zu verhindern, indem sie das Spiel unterbrach. Die Sache wird wohl ein gerichtliches Nachspiel haben, noch ist nichts ausgemacht oder ausgestanden.

Und zurecht: Ein Bekloppter klaute vor laufender Kamera den Elfmeterpunkt. Die letzten 60 Sekunden spielten die Mannschaften nach massivem Polizeieinsatz und 20 Minuten Zwangsunterbrechung auf einem Acker, aus dem die ach so treuen Fans mit bloßen Händen Grasoden gebrochen hatten. Auf den Rängen brannten vorher schon „Fans“ von „Hertie“ Berlin Bengalos ab und warfen mit Feuerwerkskörpern. Der Versuch, so was als kleine, harmlose Lichtlein-Festspiele niedlich zu reden, hat sich spätestens nach den Bengalo- und Rauchbomben-Festivals der letzten Wochen erledigt. Von mir aus können beide Mannschaften in der zweiten Liga versauern und stattdessen der Viertplatzierte aufsteigen: St Pauli ist ein Club, dessen Fans zumindest Erstligareif sind.

Ernsthaft: Über die letzten 15 Jahre ist mein Spaß am Fußball nur gewachsen. Mir fällt nichts ein, was Menschen völlig unterschiedlichen Hintergrunds besser, spaßiger und spannender zusammenbringt und gemeinsame Erlebnisse ermöglicht, als Fußball.

Was aber in den letzten Monaten abgeht, ist Deja vu, ist wie die Rückkehr der Achtziger-Idiotenszene. Wenn das so weiter geht, ist der Spaß bald vorbei. Das alles sind keine Einzelfälle mehr, das ist ein Scheißtrend. Wer jetzt noch für Bengalos und „feurige“ Fankultur argumentiert, muss sich fragen lassen, ob er sie noch alle beieinander hat.

Der Becher- und Hut-Tarif: Busking is beautiful (I)

Vor ein paar Tagen habe ich ein Foto von einem Geigenspieler gemacht, der auf einer öden, völlig verlassenen Einkaufsstraße vor dem heruntergelassenen Gitter eines dichtgemachten Schuhgeschäfts stand und spielte. Ein Gott war das: melancholisch, sicher im Ton, gefühlvoll. Er wollte mir die Kamera abnehmen.

Ich hab das Foto gelöscht. Er war Kasache und hatte Angst, irgendwo gezeigt zu werden. Keine Papiere? Spielte mal in einem großen Orchester, erzählte er, nach dem Musikstudium. Das ist so bitter: Wer die Augen und Ohren aufhält auf unseren Einkaufsstraßen, der hört diese Typen überall. Bestens ausgebildete, mitunter begnadete Musiker. Unfassbar originelle Talente, oder charmante Originale.

Es gibt natürlich auch einige, die dabei Geld verdienen, aber das ist schwer. Stellen Sie sich mal hinten in eine kleine Menge (wenn sich überhaupt eine bildet) und schauen sich an, wie viele Leute wirklich Geld geben, wenn der Hut rum kommt – und hier reden wir über die Besten der Straßenmusiker, an den anderen geht man vorbei.

Man verpasst dabei was. Es sind die Busker, die Straßenmusiker, die unseren Städten erst Flair geben. Mir ist das immer den einen oder anderen Euro wert. Selbst wenn ich bei einem Bummel dann einen Fünfer loswerde: mir wird ja was geboten.

Was mich krank macht: Leute, die dem Kellner im Edel-Restaurant einen Schein geben, in der kleinen Gaststätte aber Cents auf den Euro aufrunden – und zu Buskern nicht mehr zu sagen haben als „Soll arbeiten gehen“. Wenn man sich den letzten Gitarristen hier anhört, kann man nur sagen: Gott sei Dank, dass der nicht in einem Büro sitzt, sondern auf der Straße. Ohne sowas wären unsere Städte tot.