Radio Gaga: Der wahre Dudelfunk

Freund Tony sitzt mir gegenüber, und wieder einmal geht es um Musik. Beim Essen kein schlechtes Thema: Er hat Kuzu Tandir, im Ofen gegarte Lammschulter auf Rosmarinsauce, ich hab mich für den Şiş Kebab entschieden.

EinsLive“, sagt Tony, könne er nicht hören. Inx, inx, inx, inx, inx laufe da, massenhaft Müll, weil ja nur noch Mist produziert würde.
Nicht wahr, halte ich dagegen, noch nie sei Musik so vielfältig gewesen, man höre nur eben nicht alles im Radio.
„Dudelfunk“, sagt er. „Die spielen alles kaputt. Wenn mal was Gutes kommt, läuft es so oft, dass man es nach ein paar Tagen nicht mehr hören kann.“
Und überhaupt, sagt er, sei er ja eigentlich vor allem beim Wortradio gelandet.

Da können wir beide unisono nicken. In Sachen Musik waren wir uns nie einig. Wir kennen uns seit rund 36 Jahren, aber unsere Gemeinsamkeiten beschränken sich da auf ein Minimum. Er hört Altes oder Sachen, die so klingen, als wären sie es. Ich auch, in Momenten der Nostalgie, ansonsten lieber Neues. Ansonsten sind wir beide beim Wortradio gelandet, wenn es über lange Strecken über die Autobahn geht. Muss am Alter liegen: wir steuern beide auf die 50 zu.

WDR 5“ sagt er, „will ja sowas wie die Süddeutsche unter den Radiosendern sein.“ Höre er echt gern, die Beiträge seien klasse, das Niveau hoch. Stimmt: Auch ich nehme das Wissenschaftsmagazin Leonardo mit, so oft ich kann, mag die LebensArt oder das Kulturmagazin Scala.

„Nur wenn dieses Gedudel anfängt“, sagt er, „schalte ich weg.“

Da spricht er ein wahres Wort gelassen aus: Das geht mir nicht anders.

Vermutlich schaltet da absolut jeder weg. Die Quote von WDR 5 fluktuiert wahrscheinlich zwischen Volle Pulle und Total Null im Takt von 3 Minuten 20. Ab und zu zappt man zwischendurch vielleicht hinein: Ist das grausame Gedudel schon vorbei? Dauert das zu lang, geht man dem Sender verloren, hört sich anderswo fest.
Im öffentlich-rechtlichen Wortradio gibt es diese unsägliche, unerträgliche Spielart des Palim-Palam-jazzigen Gedudels, das die Wortbeiträge unterbricht. Musik, die man sonst noch nicht einmal mehr in Supermärkten hören muss. Eine Art Gnadenbrotprogramm für Musiker, denen 1957 die letzten Zuhörer weggestorben sind. Aufgestiegen aus der Hölle der absoluten Tut-nicht-weh-Beschallung. Live nur noch in der Nachsaison in den Lobbys unterklassiger Zwei-Sterne-Hotels an der Costa Betonga zu erleben. Palim-palam, Dudeldideldö. Das schlimmste: Swing-Cover-Versionen mit auf Refrainzeilen zusammengestutzten Gute-Laune-Sprechgesängen in teutonisch gefärbtem Pidgin-Englisch, abgeschlossen mit einem „Yeaaaaaaaaah!“, was anno 1949 wohl mal als jugendlich galt.

Vor ein paar Wochen hat mich „Seven Nations Army“ von den White Stripes in so einer Art Aufzug-Jazz-Version erwischt, bei der eine Klarinette eines der Lead-Instrumente war. Ich war so entsetzt und angeekelt, dass ich in meiner Schreckstarre den Aus-Knopf erst nicht gefunden habe. Im ernst: Wer so etwas verbricht, gehört mit Katzenscheiße gesteinigt, aber bitte schön langsam. Und wer es auf die Playlist eines in einem großen Teil des Bundesgebiets hörbaren Senders setzt, verdient Haft nicht unter vier Jahren, ohne Bewährung versteht sich.

„Jetzt ernsthaft“, regt sich Tony auf, „was soll so eine Scheiße? Es gibt doch keinen Menschen auf diesem Planeten, der so etwas freiwillig hört!“

„Ich hab mal gehört“, sage ich, „dass die diese sogenannte Musik bewusst einsetzen, weil sie von den Wortbeiträgen nicht ablenken wollen.“
„Ablenken?“ empört sich Tony da. „Das hat doch nichts mit ablenken zu tun. Wo liegt denn bitteschön der Sinn darin, Hörer abzuschrecken?“

Das trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn ich WDR 5 oder Deutschlandfunk höre und diese Pillepalle-Beschallung anfängt, drehen meine Kinder reflexhaft das Radio ab, wenn sie in den Raum kommen. Eine typische Konversation verläuft dann so:

Ich: „Hey, ich hab da zugehört!“
Kind: „Du hast Dir DIESEN SCHEISS angehört? Ich mach mir langsam Sorgen!“
Ich: „Nein, ich warte darauf, dass der Mist vorbeigeht. Die Wortbeiträge sind echt gut.“
Kind: „Mag ja sein. Aber ist es das wert, sich dafür so einen Müll anzuhören?“

Natürlich nicht, deshalb zappen Typen wie Tony und ich weg, sobald das Gedudel los geht. Wir sind grundverschieden, was unseren Musikgeschmack angeht, aber ich ertrage seine und er meine. Was wir beide nicht ertragen, ist der Müll, der angeblich niemandem weh tut. Und das, obwohl wir beide ja eigentlich Prototypen der angeblich anvisierten Zielgruppe sind. Dass nicht nur Erdenbürger unter 25 Jahre, sondern auch wir beide es als Folter empfinden, was uns öffentlich-rechtliche Sender musikalisch da zumuten, wenn sie harmlos sein wollen, zeigt nur, dass die ihre Zielgruppen einfach nicht mehr kennen.

Ansonsten ist das Ganze vor allem ein Konzeptfehler: Wo der Sinn liegen soll, seinen Hörern in Wortbeiträgen intellektuell auch einmal etwas zuzumuten und zuzutrauen, in der Musik aber auf die absolute Stumpfheit zu setzen, wird mir nie jemand plausibel machen können. Ich gehe jede Wette ein, dass die Stammhörer lieber völlig auf musikalische Unterbrechungen verzichten würden, wenn sie die Wahl hätten. Dudelfunk hat viele Ausprägungen. Die im Wortradio ist mit Abstand die Schlimmste.

Avatar, Avengers und Co.: Zum Glück schön schlecht

Es gibt eine ganze Menge Leute, die halten es für ein Qualitätsmerkmal, wenn ein Film schlechte Kritiken bekommt. Dazu gehört nicht nur der bekannte Till-Schweiger-Darsteller Till Schweiger (plant wahrscheinlich gerade „Sechsbeinwelpen“ und „Neunschwanzkatzen“), so denken massenhaft ganz normale Menschen.

Mein Freund Thomas ist so einer. Er hält Avatar für einen wirklich guten Film, und im ernst fällt es mir schwer, darüber zu streiten. Ich weiß, was er meint. Wenn ich allerdings als Journalist eine Kritik über Avatar verfassen würde, fiele die wohl reichlich durchwachsen aus. Denn in Sachen Handlung ist da ja nicht viel, was wir nicht schon in Disneys Pocahontas gesehen hätten, nur halt in Blau und 3D. Als Kritiker schreibt man da: „Action kann eine echte Handlung nicht ersetzen.“ Und Abziehbilder keine Personen.

Als Kinogänger weiß ich, dass das natürlich nicht ganz stimmt. Avatar ist, so wie nun Marvels Avengers, kein Film im cineastischen Sinne. Solche Filme sind Pop. Wir bierersten Deutschen vergessen das manchmal: Die Deaktivierung des Hirns fördert in solchen Fällen den Spaß an der Sache – so wie auf der Achterbahn. Eigentlich brauchen solche Blockbuster also eine eigene Kategorie, um angemessene Kritik ernten zu können. So wie man Oper nicht mit Rummelplatz vergleicht, sollte man aufhören, Avatar und Co. mit den Maßstäben des Kunstfilms zu bewerten.

Bei IMDB erntet Avengers gerade Top-Bewertungen. Ich werde mir die Kiste auch ansehen, ohne davon mehr zu erwarten als Spaß. Am besten jede Menge.

Die Handlung kenne ich ja jetzt schon, ohne Zusammenfassungen lesen zu müssen. Heldengeschichten sind Archetypen, die nur wenige Varianten haben. Treffen mehrere Helden aufeinander, dürfen wir erst den Clash der Alphatierchen erwarten, dann die interne krisenhafte Konfrontation, dann die übermächtige äußere Bedrohung, dann die große Solidarisierung und den Sieg im gemeinschaftlichen Kampf gegen den gemeinsamen Gegner. Was sonst?

Es ist genau das, was wir im Popcorn-und-Pilsken-Modus sehen wollen. Es ist ein Spektakel, gute Unterhaltung, „a good show“, wie der Angelsachse sagt. Cool. Mehr muss so was auch nicht sein.

Als Kritiker legt man andere Qualitätsmaßstäbe an einen Film. Man fragt sich: Sind außergewöhnliche Leistungen zu sehen? Schauspielerische, erzählerische, ästhetische? Entwickeln sich die Figuren, haben sie Tiefe, sind sie glaubhaft? Berührt die Geschichte, wirkt sie nach? Bei den meisten Blockbustern führt das zu einem Nullbefund, weil es einfach die falschen Maßstäbe sind.

Und dann wird die schlechte Kritik mitunter wirklich zum Qualitätsmerkmal. Zeit fürs Popcorn, war eine emsige Woche.

Deutsche Orte: B9 von unten

Blick Rheinabwärts von Andernach

Rheinland ist ein dehnbarer Begriff: das reicht vom Niederrhein über Aachen bis zum Bergischen und den Fluss weit hinauf bis Koblenz und von dort selbst die Mosel hinauf bis nach Trier und die Grenzen des Saarlands. Richtig schön ist es in seinem Herzen, im Rheintal. Da, wo Siebengebirge und Eifel, Westerwald und Hunsrück dem Fluss auf die Pelle rücken, wo Holländer und Amerikaner in plumpen Hotelbooten zwischen Königswinter und Loreley pendeln, präsentiert sich der Fluss mit seinen berühmtesten Panoramen.

Nur zu genau sollte man nicht hinschauen. Am Hang baut es sich schlecht, deshalb zahlt man für die Enge des Flusstals auch einen Preis: Straßen verlaufen oft auf Stelzen selbst über Ortsteile hinweg (im oberen Bild ganz links zu sehen: die B9 von Koblenz nach Bonn), während auf der anderen Flussseite die Güter-Bahnlinie verläuft, über die es gefühlt nonstop rattert. Wenn man nicht gerade unter so was leben muss, haben aber selbst solche Orte eine ganz eigene Poesie. So wie die Naturgeschützte Teilidylle auf der Rheininsel Namedyer Werth im unteren Bild: Da kann man sich die B9 von unten besehen. Wenn man will, Kilometerweit.

B9-Trasse von unten

Bruckhausen: die designierte Geisterstadt

Anfang der Woche war ich in Duisburg, hab da Michael Rubinstein und Sören Link getroffen, der eine unabhängiger Kandidat, der andere SPD-Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl. Der eine ist gerade 40 geworden, der andere ist gerade mal 35. Seltsam ist das: da setzt man nun auf junge, dynamische Typen, wo man stets auf Elder Statesmen oder gegerbte Parteisoldaten setzte. Beide wirken integer, intelligent und motiviert. Aber ist das genug, um in der Ruhr-typischen Klüngelszene der Politik zu bestehen? Wer sich da durchsetzen will, muss vom Knappenchor bis zum Schützenverein vernetzt sein.

Zudem ist der Job, auf den die sich bewerben, echt kein Zuckerschlecken. Duisburg war immer die Ruhrstadt, die den Strukturwandel ausdauernder als alle anderen verpennte. Im Grunde ist die Kommune seit den Siebzigern in einem schleichenden, kontinuierlichen Niedergang. Besonders das Pott-typische Sozialgefälle von Süd nach Nord ist etwas, dass Rubinstein im gespräch „gefährlich für den sozialen Frieden“ nannte. Ich komme aus dem Norden und weiß, was er meint: da kann man nur nicken.

Wie weit das mittlerweile geht, hab ich mir am Dienstag in Bruckhausen angesehen. Das war immer ein bizarrer Stadtbezirk, immer ein hartes Pflaster.

An vielen Dingen hat man in den letzten zwanzig Jahren viel getan. Ich ging durch Dieselstraße und Co. und staunte: renovierte Fassaden, Farbe am Bau, kein reines Grau in Grau mehr. Klar, noch immer schaut man durch die Häuserschluchten direkt auf die Industrieanlagen des Stahlwerks. Trotzdem: Fast dörflich wirkt der Bezirk jetzt an der Thyssen zugewandten Seite.

Aber auch das muss gesagt werden: Geschätzt 40 Prozent der Häuser und Wohnungen stehen leer. Die Fensterscheiben sind eingeschmissen, manche Fenster auch vernagelt, Renovierung hin oder her. An den Straßenecken lungern Gangs, an denen man gern vorbeigeht, ohne sie nach dem Weg zu fragen. Und dass der Bezirk inzwischen über 50 Prozent türkische Bewohner hat, sieht man natürlich auch. Was an geschäftlichen Infrastrukturen überhaupt noch geht, wird von ihnen betrieben. Ohne sie wäre der Bezirk völlig tot. Dass er stirbt, ist trotzdem kaum aufzuhalten.

verfallenes Haus in Bruckhausen

Was macht man mit so einer Stadt, die schrumpft und in ganzen Bezirken rapide verelendet? Lügt man die Sache schön, wie man das jahrzehntelang gemacht hat im Pott, streicht die Häuser an und erklärt alles zu Industriekultur? Oder zieht man einen Strich, stärkt die Infrastrukturen da, wo sich das lohnt – und planiert im Extremfall einen sterbenden Stadtteil, bevor er zum Slum verfallen kann?

Genau das soll passieren. Ein großer Teil von Bruckhausen soll abgerissen und zu einem Grüngürtel gemacht werden. Eine Lösung von Pott-typischer Radikalität. Kein Novum. Ist in den Sechzigern schon in Alsum passiert, an das nur noch die begrünte Halde erinnert, zu der man den Schutt zusammengeschoben hgat. Ist in den letzten zehn Jahren in Alt-Walsum passiert, von dem eine Hälfte schlicht unter einem Kraftwerksbau verschwand.

Zwei Jungs sprechen mich an, warum ich denn Fotos mache: „Verdiense damit Geld?“
„Ne“, sag ich, „ist nur für mich.“
„Dann is gut“, sagt der Junge. Jetzt kämen ja ständig Leute, die fotografieren.
„Und weiße auch warum?“ frage ich.
„Klaa“, sagt er, vielleicht zwölf ist er: „Innen paa Jahre is dat hia alles wech.“
„Und hasse selbs auch schon Fotos gemacht?“ frage ich.
„Hab ich“, antwortet er. „Un auf meine Facebookseite gestellt.“
„Gut“, sage ich ihm.
Gut sei das. Und dass man sich immer an die schönen Dinge erinnern soll.