Werkstattbericht: Mein neues Buch

Gestern hat der Lübbe-Verlag die Katze aus dem Sack gelassen: Seit Anfang der Woche ist mein neues, voraussichtlich im Oktober erscheinendes Buch Teil der Verlagsprogramm-Ankündigungen. Bei Online-Buchhändlern kann der Schmöker damit schon vorbestellt werden.

Aus meiner Perspektive ist das der nächste Schritt in einem Prozess, der für mich bereits vor Jahren begann. Es gibt ein Kapitel im Buch, von dem schon 2003 vier Seiten in ähnlicher Form bei SPIEGEL ONLINE erschienen (die restlichen 252 Seiten sind nagelneu und weichen auch in Form und Stil deutlich von SPON ab): Ich war damals über Fußröntgen-Maschinen gestolpert und hatte mich daran erinnert, dass die tatsächlich auch Teil meiner Kindheit waren. Ich habe danach begonnen, erst ganz sporadisch Quellen, Dokumente und Geschichten aus der Frühzeit der Technik-Euphorie zu sammeln, die aus heutiger Sicht entweder bemerkenswert oder bemerkenswert blöd erscheinen.

Als ich dann 2005 auf einem Trödelmarkt in Blankenberg im Rheinland ein altes Elektrotherapiegerät entdeckte, das ganz offensichtlich so etwas wie ein Sexspielzeug Anno 1920 darstellte, begann ich ernstlich zu sammeln. Wenn ich mich richtig erinnere, war für mich schon an jenem Trödelmarkt-Wochenende klar, welchen Titel das Buch haben sollte: „Der viktorianische Vibrator“.

2007 habe ich das erste Mal mit einer Verlagsvertreterin darüber gesprochen, die sehr interessiert war. Ich stellte aber schnell fest, das ein Buch, bei dem jede Information mit einigem Aufwand erst recherchiert werden musste, für mich zu dem Zeitpunkt noch nicht umsetzbar war.

Das wurde es erst, als abzusehen war, dass ich die Ressortleitung der Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE abgeben könnte. Ich bot das Projekt daraufhin auch hausintern an, und nach rund einem Jahr unterschrieb der SPIEGEL VERLAG eine Koop-Vereinbarung mit Lübbe in Köln, der ja schon im Frühjahr letzten Jahres das Ruhrbuch von Konrad Lischka und mir herausgebracht hatte.

Ich bin auch darüber sehr froh. Man hätte natürlich darüber nachdenken können, so ein Technik-historisches Buch in sehr ernsthafter Verpackung bei einem renomierten Fachverlag zu veröffentlichen. Aber warum sollte man Eulen nach Athen tragen? Ich freue mich darüber, das Buch bei einem Publikumsverlag zu sehen, weil es so hoffentlich auch Menschen erreicht, die bisher gar nicht ahnten, dass sowas für sie interessant sein könnte.

Und was ist „so was“? Ein Buch über die selbst aus heutiger Sicht unglaublich erscheinende Phase der frühen Technik-Euphorie. Als Schlag auf Schlag Elektrizität, Mobilität, Unterhaltungselektronik, Gerätemedizin und mehr die Welt zu verändern begannen; als alles möglich schien und alles ausprobiert wurde, ohne jede Angst vor den (tatsächlich oft fatalen) Konsequenzen. Das Buch wird vier wichtige Themenblöcke ausführlich, aber unterhaltsam vertiefen. Es kombiniert das mit kleineren Kapiteln eher anekdotischer Art, in dem ich besonderes Augenmerk auf skurrile, heute wahnsinnig oder wahnsinnig witzig erscheinende, oft kaum mehr bekannte Aspekte lege. Die knappsten Kapitelchen schließlich sind Wiedergaben oder Übersetzungen zeitgenössischer Presseartikel aus der Zeit von 1880 bis ca. 1930, über die man sich in keiner Weise lustig machen muss: Sie sind in Rückschau reine Realsatire.

Ich bin selbst sehr gespannt darauf, wie das alles wirkt, wenn es nicht in Form Hunderter Manuskriptseiten mit mehreren Kilogramm Gewicht vor einem liegt. Froh wäre ich, wenn das Ding von der Leserschaft schließlich als intelligentes Entertainment, als gutes Infotainment, als Informationsreich aber unterhaltsam wahrgenommen würde. Es steckt eine Unmenge Arbeit darin, aber auch Spaß an der Sache: Ich habe noch nie etwas geschrieben, wo ich beim Recherchieren, Zusammentragen, Ordnen, Aufschreiben und Formulieren so oft und herzlich gelacht habe. Trotzdem: Mein nächstes Buch, habe ich mir Anfang April vorgenommen, wird dann vielleicht eher Fiktion, kein Sachbuch. Recherche behindert den kreativen Prozess doch sehr.

Radio Gaga: Der wahre Dudelfunk

Freund Tony sitzt mir gegenüber, und wieder einmal geht es um Musik. Beim Essen kein schlechtes Thema: Er hat Kuzu Tandir, im Ofen gegarte Lammschulter auf Rosmarinsauce, ich hab mich für den Şiş Kebab entschieden.

EinsLive“, sagt Tony, könne er nicht hören. Inx, inx, inx, inx, inx laufe da, massenhaft Müll, weil ja nur noch Mist produziert würde.
Nicht wahr, halte ich dagegen, noch nie sei Musik so vielfältig gewesen, man höre nur eben nicht alles im Radio.
„Dudelfunk“, sagt er. „Die spielen alles kaputt. Wenn mal was Gutes kommt, läuft es so oft, dass man es nach ein paar Tagen nicht mehr hören kann.“
Und überhaupt, sagt er, sei er ja eigentlich vor allem beim Wortradio gelandet.

Da können wir beide unisono nicken. In Sachen Musik waren wir uns nie einig. Wir kennen uns seit rund 36 Jahren, aber unsere Gemeinsamkeiten beschränken sich da auf ein Minimum. Er hört Altes oder Sachen, die so klingen, als wären sie es. Ich auch, in Momenten der Nostalgie, ansonsten lieber Neues. Ansonsten sind wir beide beim Wortradio gelandet, wenn es über lange Strecken über die Autobahn geht. Muss am Alter liegen: wir steuern beide auf die 50 zu.

WDR 5“ sagt er, „will ja sowas wie die Süddeutsche unter den Radiosendern sein.“ Höre er echt gern, die Beiträge seien klasse, das Niveau hoch. Stimmt: Auch ich nehme das Wissenschaftsmagazin Leonardo mit, so oft ich kann, mag die LebensArt oder das Kulturmagazin Scala.

„Nur wenn dieses Gedudel anfängt“, sagt er, „schalte ich weg.“

Da spricht er ein wahres Wort gelassen aus: Das geht mir nicht anders.

Vermutlich schaltet da absolut jeder weg. Die Quote von WDR 5 fluktuiert wahrscheinlich zwischen Volle Pulle und Total Null im Takt von 3 Minuten 20. Ab und zu zappt man zwischendurch vielleicht hinein: Ist das grausame Gedudel schon vorbei? Dauert das zu lang, geht man dem Sender verloren, hört sich anderswo fest.
Im öffentlich-rechtlichen Wortradio gibt es diese unsägliche, unerträgliche Spielart des Palim-Palam-jazzigen Gedudels, das die Wortbeiträge unterbricht. Musik, die man sonst noch nicht einmal mehr in Supermärkten hören muss. Eine Art Gnadenbrotprogramm für Musiker, denen 1957 die letzten Zuhörer weggestorben sind. Aufgestiegen aus der Hölle der absoluten Tut-nicht-weh-Beschallung. Live nur noch in der Nachsaison in den Lobbys unterklassiger Zwei-Sterne-Hotels an der Costa Betonga zu erleben. Palim-palam, Dudeldideldö. Das schlimmste: Swing-Cover-Versionen mit auf Refrainzeilen zusammengestutzten Gute-Laune-Sprechgesängen in teutonisch gefärbtem Pidgin-Englisch, abgeschlossen mit einem „Yeaaaaaaaaah!“, was anno 1949 wohl mal als jugendlich galt.

Vor ein paar Wochen hat mich „Seven Nations Army“ von den White Stripes in so einer Art Aufzug-Jazz-Version erwischt, bei der eine Klarinette eines der Lead-Instrumente war. Ich war so entsetzt und angeekelt, dass ich in meiner Schreckstarre den Aus-Knopf erst nicht gefunden habe. Im ernst: Wer so etwas verbricht, gehört mit Katzenscheiße gesteinigt, aber bitte schön langsam. Und wer es auf die Playlist eines in einem großen Teil des Bundesgebiets hörbaren Senders setzt, verdient Haft nicht unter vier Jahren, ohne Bewährung versteht sich.

„Jetzt ernsthaft“, regt sich Tony auf, „was soll so eine Scheiße? Es gibt doch keinen Menschen auf diesem Planeten, der so etwas freiwillig hört!“

„Ich hab mal gehört“, sage ich, „dass die diese sogenannte Musik bewusst einsetzen, weil sie von den Wortbeiträgen nicht ablenken wollen.“
„Ablenken?“ empört sich Tony da. „Das hat doch nichts mit ablenken zu tun. Wo liegt denn bitteschön der Sinn darin, Hörer abzuschrecken?“

Das trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn ich WDR 5 oder Deutschlandfunk höre und diese Pillepalle-Beschallung anfängt, drehen meine Kinder reflexhaft das Radio ab, wenn sie in den Raum kommen. Eine typische Konversation verläuft dann so:

Ich: „Hey, ich hab da zugehört!“
Kind: „Du hast Dir DIESEN SCHEISS angehört? Ich mach mir langsam Sorgen!“
Ich: „Nein, ich warte darauf, dass der Mist vorbeigeht. Die Wortbeiträge sind echt gut.“
Kind: „Mag ja sein. Aber ist es das wert, sich dafür so einen Müll anzuhören?“

Natürlich nicht, deshalb zappen Typen wie Tony und ich weg, sobald das Gedudel los geht. Wir sind grundverschieden, was unseren Musikgeschmack angeht, aber ich ertrage seine und er meine. Was wir beide nicht ertragen, ist der Müll, der angeblich niemandem weh tut. Und das, obwohl wir beide ja eigentlich Prototypen der angeblich anvisierten Zielgruppe sind. Dass nicht nur Erdenbürger unter 25 Jahre, sondern auch wir beide es als Folter empfinden, was uns öffentlich-rechtliche Sender musikalisch da zumuten, wenn sie harmlos sein wollen, zeigt nur, dass die ihre Zielgruppen einfach nicht mehr kennen.

Ansonsten ist das Ganze vor allem ein Konzeptfehler: Wo der Sinn liegen soll, seinen Hörern in Wortbeiträgen intellektuell auch einmal etwas zuzumuten und zuzutrauen, in der Musik aber auf die absolute Stumpfheit zu setzen, wird mir nie jemand plausibel machen können. Ich gehe jede Wette ein, dass die Stammhörer lieber völlig auf musikalische Unterbrechungen verzichten würden, wenn sie die Wahl hätten. Dudelfunk hat viele Ausprägungen. Die im Wortradio ist mit Abstand die Schlimmste.

Avatar, Avengers und Co.: Zum Glück schön schlecht

Es gibt eine ganze Menge Leute, die halten es für ein Qualitätsmerkmal, wenn ein Film schlechte Kritiken bekommt. Dazu gehört nicht nur der bekannte Till-Schweiger-Darsteller Till Schweiger (plant wahrscheinlich gerade „Sechsbeinwelpen“ und „Neunschwanzkatzen“), so denken massenhaft ganz normale Menschen.

Mein Freund Thomas ist so einer. Er hält Avatar für einen wirklich guten Film, und im ernst fällt es mir schwer, darüber zu streiten. Ich weiß, was er meint. Wenn ich allerdings als Journalist eine Kritik über Avatar verfassen würde, fiele die wohl reichlich durchwachsen aus. Denn in Sachen Handlung ist da ja nicht viel, was wir nicht schon in Disneys Pocahontas gesehen hätten, nur halt in Blau und 3D. Als Kritiker schreibt man da: „Action kann eine echte Handlung nicht ersetzen.“ Und Abziehbilder keine Personen.

Als Kinogänger weiß ich, dass das natürlich nicht ganz stimmt. Avatar ist, so wie nun Marvels Avengers, kein Film im cineastischen Sinne. Solche Filme sind Pop. Wir bierersten Deutschen vergessen das manchmal: Die Deaktivierung des Hirns fördert in solchen Fällen den Spaß an der Sache – so wie auf der Achterbahn. Eigentlich brauchen solche Blockbuster also eine eigene Kategorie, um angemessene Kritik ernten zu können. So wie man Oper nicht mit Rummelplatz vergleicht, sollte man aufhören, Avatar und Co. mit den Maßstäben des Kunstfilms zu bewerten.

Bei IMDB erntet Avengers gerade Top-Bewertungen. Ich werde mir die Kiste auch ansehen, ohne davon mehr zu erwarten als Spaß. Am besten jede Menge.

Die Handlung kenne ich ja jetzt schon, ohne Zusammenfassungen lesen zu müssen. Heldengeschichten sind Archetypen, die nur wenige Varianten haben. Treffen mehrere Helden aufeinander, dürfen wir erst den Clash der Alphatierchen erwarten, dann die interne krisenhafte Konfrontation, dann die übermächtige äußere Bedrohung, dann die große Solidarisierung und den Sieg im gemeinschaftlichen Kampf gegen den gemeinsamen Gegner. Was sonst?

Es ist genau das, was wir im Popcorn-und-Pilsken-Modus sehen wollen. Es ist ein Spektakel, gute Unterhaltung, „a good show“, wie der Angelsachse sagt. Cool. Mehr muss so was auch nicht sein.

Als Kritiker legt man andere Qualitätsmaßstäbe an einen Film. Man fragt sich: Sind außergewöhnliche Leistungen zu sehen? Schauspielerische, erzählerische, ästhetische? Entwickeln sich die Figuren, haben sie Tiefe, sind sie glaubhaft? Berührt die Geschichte, wirkt sie nach? Bei den meisten Blockbustern führt das zu einem Nullbefund, weil es einfach die falschen Maßstäbe sind.

Und dann wird die schlechte Kritik mitunter wirklich zum Qualitätsmerkmal. Zeit fürs Popcorn, war eine emsige Woche.

Deutsche Orte: B9 von unten

Blick Rheinabwärts von Andernach

Rheinland ist ein dehnbarer Begriff: das reicht vom Niederrhein über Aachen bis zum Bergischen und den Fluss weit hinauf bis Koblenz und von dort selbst die Mosel hinauf bis nach Trier und die Grenzen des Saarlands. Richtig schön ist es in seinem Herzen, im Rheintal. Da, wo Siebengebirge und Eifel, Westerwald und Hunsrück dem Fluss auf die Pelle rücken, wo Holländer und Amerikaner in plumpen Hotelbooten zwischen Königswinter und Loreley pendeln, präsentiert sich der Fluss mit seinen berühmtesten Panoramen.

Nur zu genau sollte man nicht hinschauen. Am Hang baut es sich schlecht, deshalb zahlt man für die Enge des Flusstals auch einen Preis: Straßen verlaufen oft auf Stelzen selbst über Ortsteile hinweg (im oberen Bild ganz links zu sehen: die B9 von Koblenz nach Bonn), während auf der anderen Flussseite die Güter-Bahnlinie verläuft, über die es gefühlt nonstop rattert. Wenn man nicht gerade unter so was leben muss, haben aber selbst solche Orte eine ganz eigene Poesie. So wie die Naturgeschützte Teilidylle auf der Rheininsel Namedyer Werth im unteren Bild: Da kann man sich die B9 von unten besehen. Wenn man will, Kilometerweit.

B9-Trasse von unten