Bruckhausen: die designierte Geisterstadt

Anfang der Woche war ich in Duisburg, hab da Michael Rubinstein und Sören Link getroffen, der eine unabhängiger Kandidat, der andere SPD-Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl. Der eine ist gerade 40 geworden, der andere ist gerade mal 35. Seltsam ist das: da setzt man nun auf junge, dynamische Typen, wo man stets auf Elder Statesmen oder gegerbte Parteisoldaten setzte. Beide wirken integer, intelligent und motiviert. Aber ist das genug, um in der Ruhr-typischen Klüngelszene der Politik zu bestehen? Wer sich da durchsetzen will, muss vom Knappenchor bis zum Schützenverein vernetzt sein.

Zudem ist der Job, auf den die sich bewerben, echt kein Zuckerschlecken. Duisburg war immer die Ruhrstadt, die den Strukturwandel ausdauernder als alle anderen verpennte. Im Grunde ist die Kommune seit den Siebzigern in einem schleichenden, kontinuierlichen Niedergang. Besonders das Pott-typische Sozialgefälle von Süd nach Nord ist etwas, dass Rubinstein im gespräch „gefährlich für den sozialen Frieden“ nannte. Ich komme aus dem Norden und weiß, was er meint: da kann man nur nicken.

Wie weit das mittlerweile geht, hab ich mir am Dienstag in Bruckhausen angesehen. Das war immer ein bizarrer Stadtbezirk, immer ein hartes Pflaster.

An vielen Dingen hat man in den letzten zwanzig Jahren viel getan. Ich ging durch Dieselstraße und Co. und staunte: renovierte Fassaden, Farbe am Bau, kein reines Grau in Grau mehr. Klar, noch immer schaut man durch die Häuserschluchten direkt auf die Industrieanlagen des Stahlwerks. Trotzdem: Fast dörflich wirkt der Bezirk jetzt an der Thyssen zugewandten Seite.

Aber auch das muss gesagt werden: Geschätzt 40 Prozent der Häuser und Wohnungen stehen leer. Die Fensterscheiben sind eingeschmissen, manche Fenster auch vernagelt, Renovierung hin oder her. An den Straßenecken lungern Gangs, an denen man gern vorbeigeht, ohne sie nach dem Weg zu fragen. Und dass der Bezirk inzwischen über 50 Prozent türkische Bewohner hat, sieht man natürlich auch. Was an geschäftlichen Infrastrukturen überhaupt noch geht, wird von ihnen betrieben. Ohne sie wäre der Bezirk völlig tot. Dass er stirbt, ist trotzdem kaum aufzuhalten.

verfallenes Haus in Bruckhausen

Was macht man mit so einer Stadt, die schrumpft und in ganzen Bezirken rapide verelendet? Lügt man die Sache schön, wie man das jahrzehntelang gemacht hat im Pott, streicht die Häuser an und erklärt alles zu Industriekultur? Oder zieht man einen Strich, stärkt die Infrastrukturen da, wo sich das lohnt – und planiert im Extremfall einen sterbenden Stadtteil, bevor er zum Slum verfallen kann?

Genau das soll passieren. Ein großer Teil von Bruckhausen soll abgerissen und zu einem Grüngürtel gemacht werden. Eine Lösung von Pott-typischer Radikalität. Kein Novum. Ist in den Sechzigern schon in Alsum passiert, an das nur noch die begrünte Halde erinnert, zu der man den Schutt zusammengeschoben hgat. Ist in den letzten zehn Jahren in Alt-Walsum passiert, von dem eine Hälfte schlicht unter einem Kraftwerksbau verschwand.

Zwei Jungs sprechen mich an, warum ich denn Fotos mache: „Verdiense damit Geld?“
„Ne“, sag ich, „ist nur für mich.“
„Dann is gut“, sagt der Junge. Jetzt kämen ja ständig Leute, die fotografieren.
„Und weiße auch warum?“ frage ich.
„Klaa“, sagt er, vielleicht zwölf ist er: „Innen paa Jahre is dat hia alles wech.“
„Und hasse selbs auch schon Fotos gemacht?“ frage ich.
„Hab ich“, antwortet er. „Un auf meine Facebookseite gestellt.“
„Gut“, sage ich ihm.
Gut sei das. Und dass man sich immer an die schönen Dinge erinnern soll.

Buch wirft Schatten voraus

Ich habe heute den Entwurf für die Handels-Ankündigungen (eine auf den Fachhandel zielende Verlagswerbung also) für mein neues Buch bekommen. Es ist ein seltsames Gefühl. Das Buch wird im November erscheinen. „Fertig“ ist es aus meiner Perspektive seit März, was natürlich nicht stimmt, weil es zurzeit noch lektoriert wird. Geschrieben habe ich es zwischen November 2011 und März 2012, erste Recherchen dazu 2005 begonnen. Es gibt einen kleinen Textteil, den ich sogar schon 2004 in erster Version aufgeschrieben habe.

Insgesamt stecken da jetzt vielleicht zwei Jahre Sammel-, Lese- und Recherchezeit drin, Stückchen für Stückchen. Angeboten hatte ich das Konzept im eigenen Verlag schon 2010, erst ein Jahr später begann der Prozess, der nun bald enden soll. Irgendwann im Mai werde ich mit meiner Lektorin über den Layouts brüten, damit das Buch irgendwann im Juni die Druckvorstufe durchlaufen kann, um dann hoffentlich schon im September auf der Buchmesse in Frankfurt präsentiert werden zu können. In den Regalen des Handels wird der kleine Schmöker dann spätestens im November stehen, wenn alles gut geht. Ein Jahr, nachdem ich ernstlich mit dem Schreiben begann.

Kurzum: Ein Buch zu produzieren fühlt sich an, als surfe man auf einer Wanderdüne. Es ist ein Gewerbe, das heute kaum anders funktioniert als vor 50 Jahren. Für einen Onliner ist das seltsam. Ich bin daran gewöhnt, dass alles, was älter als drei Tage ist, als alt gilt (das Regel-Höchstalter für einen Link unter einem Aufmacher bei SPIEGEL ONLINE), nicht mehr als aktuell.

Auch mein Buch wird, wenn es erscheint, in meinem eigenen Arbeitsalltag längst von einem neuen Projekt abgelöst sein. Von täglicher Arbeit überlagert, von Serienideen, die da noch kommen mögen, vielleicht sogar von der nächsten Buchidee. Der Prozess ist quälend und seltsam unzeitgemäß langsam, nur heute biegt und bricht er die Zeit einmal in anderer Weise: Ich halte einen Ausdruck in meinen Händen, der ein Buch zeigt, das es erst in Monaten geben wird. Ein virtuelles Produkt, dass sogar schneller ist als die, die ich sonst produziere.

Meine Filme: Sci-Fi

Science Fiction ist ein Genre, das für mich zweierlei bedeutet: Entweder pure, Popcorn-kompatible Entspannung, oder anregende, die Phantasie beflügelnde Unterhaltung. Es ist das Genre, das am weitesten mit den Mustern des Gewohnten bricht. Film fußt auf Theater, aber Sci-Fi bereitet dem eine Bühne, wie es sie ohne Film nie geben könnte. Gute Science Fiction nutzt die, um darauf gewagte Geschichten zu erzählen. Dem literarischen Genre folgend sind einige der besten davon Utopien des Wünschenswerten, andere düstere Mahnungen. Filme wie Star Wars gehen mir dagegen am Hintern vorbei: Das sind Western mit Strahlen-Revolvern, nicht mehr. Langweilig.

Nicht langweilig finde ich Filme, die es wagen, die Realität zu verbiegen, spannende Geschichten in gewagter Weise zu erzählen. Ein paar Beispiele in alphabetischer Reihenfolge.

12 Monkeys. Bruce Willis ist jetzt vielleicht nicht gerade ein Charakterschauspieler, aber hier muss er ja auch vor allem verstört und gequält gucken – und das kriegt er ganz prächtig hin. Spitze ist daneben Brad Pitt in einer seiner zahlreichen Idioten- und Soziopathen-Rollen: Der Schwiegermuttertraum hat es drauf wie nur wenige, geistig minderbemittelte oder gestörte Charaktere mit irritierenden Ticks auf die Leinwand zu bringen. Auch hier beweist er eindrucksvoll, dass er nicht nur die Haare schön hat, sondern wirklich ein Schauspieler ist.

2001. Stanley Kubricks Kammerspiel im interplanetaren Raum hat ein Erzähltempo, mit dem man heutige Teens ganz bequem paralysieren kann und eine Handlung, die sich in zwei Sätzen zusammenfassen lässt. Mehr braucht man auch nicht, wenn man weiß, wie man trotzdem einen höchst intensiven Spannungsbogen spinnt, obwohl man als „Bösewicht“ nur eine Art rot erleuchtetes Goldfischglas zur Verfügung hat. Aus heutiger Sicht eine Antiklimax ist allerdings die berühmt-berüchtigte Schlusssequenz: Seit LSD nicht mehr zu den Grunderfahrungen der cineastisch interessierten Zielgruppe gehört, scheinen uns einige psychodelische Möglichkeiten weitgehend anhanden gekommen zu sein. „Dave? Dave! Dave?“

Alien. Ich bin kein Freund von Horrorfilmen, aber der erste Teil der Alien-Saga ist ein Meisterwerk. Purer psychologischer Horror, der über die meiste Zeit ohne drastische Effekte auskommt. Ridley Scott wusste, dass nichts mehr Angst macht, als das, was man nicht sieht. Die Folgeteile setzten dann mal mehr, mal weniger auf Gemetzel, keiner kam mehr an das Original heran.

Blade Runner. Diesen Klassiker gibt es in etlichen Schnittfassungen. Eigentlich ist das Ding so etwas wie ein Western: Kopfgeldjäger jagt Ausbrecher. Was den Film zu etwas besonderem macht, ist die Gebrochenheit seiner Figuren und die Grundsätzlichkeit der Frage, die er aufwirft: Was ist ein Mensch? Der eigentliche Star ist nicht Harrison Ford in seiner besten Rolle, sondern die Welt, in der Blade Runner spielt: Diese Metropolis, in der man Multikulti spricht, in der es ständig regnet, in der der Schmutz im Rinnstein steht, vermeint man nach einer Weile sogar riechen zu können. So traurig das ist: so könnte urbane Zukunft wirklich aussehen, wenn es schlecht läuft.

Dark City. Ein Film, der finanziell ziemlich untergegangen ist, was er nicht verdient: Die surreal-düstere Detektivgeschichte fesselt mit visuell gewagten Sets und einer Erzählweise, die an Jeunet und Terry Gilliam erinnert. Intelligentes Popcorn-Kino für Erwachsene, die bereit sind, ihren Kopf aktiviert zu halten. Man kann sich einen Sport daraus machen, die zahlreichen Zitate aus Philosophie und Kultur zu finden, die in diesem schrägen Werk vergraben wurden.

Delicatessen. Eigentlich ein surreales Kammerstück, halb Komödie, halb Farce. Für Comic-Schöpfer Jean-Pierre Jeunet (Wunderbare Welt der Amelie, Stadt der verlorenen Kinder, aber auch Alien, die Wiedergeburt) der Beginn einer anhaltend erfolgreichen Filmkarriere. Dominique Pinion als zur Malzeit auserkorener Neumieter ist brillant. Auch so können, ja müssen Helden aussehen!

Donnie Darko. Für mich ein Film, in dem ich immer das Gefühl habe, ich würde vornüberfallen. Da steckt ein latenter kleiner Wahnsinn drin, eine bohrende Drohung. Die Art und Weise, wie der Film dann doch nicht zum Horrorfilm wird, sondern zu einem bittersüßen, höchst ambivalenten Ende findet, hätte Autor und Regisseur Richard Kelly sowie Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal eigentlich eine Flut von Preisen einbringen müssen. Was soll’s: So mancher Oscar-Schinken ist schnell vergessen – aber Kultfilme haben lange Halbwertszeiten.

Inception. Eigentlich eine Art Heist-Movie wie Oceans Eleven, aber in einem Sci-Fi-Ambiente. Enorm spannend – und visuell ein Rausch!

Soylent Green. Eigentlich sollte man keinen Film mit Charlton Heston mehr empfehlen. Der ultrarechte Waffenlobbyist hat jeden Respekt verspielt. In Soylent Green aber ist er gut. Der Film war 1973 ein Durchbruch: so eine Dystopie hatte man im Kino noch nicht gesehen.

Vanilla Sky. Nach dem so deprimierenden wie genialischen Magnolia der beste Film des unsäglichen Tom Cruise. Dieser Film ist wie so oft die abgekupferte Version eines bahnbrechenden europäischen Films, nachgefilmt, weil das US-Publikum halt US-Stars vorzieht, aber trotzdem gut. Wie hier Traum und Wirklichkeit verwischen, ist schlicht spannend.