Gaga: Selbstzerstörung

Nicht mehr ganz neu,
und außerdem die Kopie eines total beknackten Stunts – aber von all den seltsamen Waschmaschinen-Videos das schönste, das ich je gesehen habe. Hat eine ganz eigene – Poesie?

Es sagt auf jeden Fall eine Menge aus. Und ja, liebe Bierernste: auch über uns.

Warum Blaubär?

Das hier habe ich gerade zufällig bei Buch.de gefunden:

blaubaerNicht, dass ich mich nicht geschmeichelt fühlen würde. Ich mag den Blaubär (ein Held meiner Kinder, als sie klein waren), auch, wenn ich die Augsburger Puppenkiste vorgezogen hätte (MEIN Kinderprogramm, als ich klein war). Gut möglich, dass sich die Kombi mit dem Blaubär sogar verkaufsfördernd für mein Buch auswirkt. Der ist immerhin ziemlich prominent, und dann auch noch von Walter Moers!

Ich frage mich nur, WARUM man einen Viktorianischen Vibrator bei Buch.de angeblich am liebsten mit einer Blaubär-DVD kombiniert.

Gibt es da einen Grund?
Oder ist das nur digital?

Für immer Vorgestrig: Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm …

willi
Wilhelm II:: Zu den Großtaten des vermeintlich harmlosen Schnäuzelchens gehörte die Entfesselung eines Weltkriegs mit 27 Millionen Toten. Heutige Adelige beschäftigen sich meist mit Winken, was deutlich weniger Opfer fordert. Copyright: gemeinfrei

Vor ein paar Jahren teilte ich mir mal ein Zugabteil von Hannover nach Köln mit einer uralten Dame und einem dicklichen Polizisten mittleren Alters. Der Zug war mächtig verspätet, und machte dann wegen einer technischen Panne auch nochmal Pause. Wir hatten also viel Gelegenheit zum Kennenlernen.

Die alte Dame erzählte sehr lebendig und interessant aus ihrem Leben. Kriegsgeneration, buntcheckiger Lebenslauf. Kinder, mehrere Berufe, Vertreibung, das volle Programm. Gebildet und nicht unzufrieden – außer mit dem aktuellen Status Quo, vor allem in der Politik.

Denn genau wie der Polizist, der auf dem Weg zum Dienst am Flughafen Köln-Bonn war, hielt sie nicht viel von der Demokratie. „Am besten“, sagte der Beamte dann irgendwann, „wäre es doch, wenn wir wieder einen Kaiser hätten.“

Als ich ihn daraufhin neckend, aber korrekt mit „Verteidiger unserer Verfassung“ ansprach, fühlte er sich verarscht. Verärgern wollte ich ihn aber auch nicht, denn eigentlich schien der Mann zwar etwas einfach gestrickt, aber harmlos. Deshalb schickte ich schnell hinterher: „Könnte man ja so sehen, wenn Monarchen immer weise, liebe alte Herren mit Bart wären, die nur das Wohl der Bevölkerung im Auge haben und nie, nie etwas Böses tun. Nur leider kann ich die nirgendwo entdecken. Nicht in der Welt, und nicht in der Geschichte.“

Naja, meinten meine beiden Zwangs-Reisegenossen und wackelten seitlich mit den Köpfen, naja.

Ich hatte ab da verschissen, während sie weiter angeregt miteinander plauderten. Vielleicht leben sie heute miteinander und natürlich glücklich bis ans Ende ihrer Tage irgendwo zwischen Hannover und Köln. In froher Erwartung der Wiedereinführung der Monarchie schauen sie jeden Abend „Exclusiv/Prominent“ (Achtung: Verwechslungsgefahr: geklontes Format, geklonte Moderatorin) mit Frauke Ludewig/Constanze Rick („Welcher Promi noch versehentlich seinen Bauchnabel gezeigt hat, sehen Sie in unseren Top 10 nach den Nachrichten!“). Natürlich haben sie das Goldene Blatt, Frau im Spiegel und Bild der Frau abonniert. Ich würde es ihnen gönnen.

Denn natürlich ist dieses Monarchie- und Adels-Gedöns eine vergleichsweise harmlose Variante der undemokratischen Wirklichkeitsverweigerung. Meistens ist sie sogar gänzlich unpolitisch und erinnert in vielen Aspekten eher an eine Art Religion, in der an bizarren Titeln und Namensfortsätzen zu erkennende „Adelige“ als Sonderklasse des Homo sapiens als quasi Unberührbare durch die Welt schweben und uns Menschen zwar begegnen, selbst aber nicht als normale Menschen behandelt werden dürfen.

Tatsächlich ist für sie offenbar per Geburtsrecht ein ganz eigener Satz von sozialen Verhaltensregeln sprachlicher wie körpersprachlicher Art vorbehalten: Verneigen und langsame Bewegungen gehören dazu. Und natürlich die absolut wichtigste Regel: Gucken darf man, aber bloß nicht anfassen!

Im Gegenzug dürfen auch Adelige dann ganz normale Dinge nicht, wie zum Beispiel Rumpöbeln, an Messehallen pinkeln, pleite sein, mit bizarren, oft Brust- und Lippen-operierten F-Promis techtelmechteln und so weiter. Wenn sie es doch tun, kommen sie zur Strafe bei Frauke Ludewig in die Top 10 statt weiter vorn in die Sendung, wo ihre sich besser benehmenden Mitadeligen in den Genuss täglicher Götzenanbetung kommen.

Und das alles ist tatsächlich eine Massenbewegung. Sie begegnet uns nicht nur in Form dieser voll fiktiven Boulevardmedien, die ihre Recherchen vornehmlich telepathisch im Kopf irgendwelcher Prinzessinen und Prinzen vornehmen („Was denkt Herzogin Kate?“). Nein, auch wir ganz normalen Medienmacher im Mainstream der nachrichtlichen Information kommen nicht daran vorbei.

Derzeitiger Darling im Pantheon der adeligen Übermenschen ist Ihre königliche Hoheit Catherine Elizabeth, Duchess of Cambridge, Countess of Strathearn, Baroness Carrickfergus, die eigentlich dem Geldadel entstammt und weit profaner als Catherine Elizabeth, genannt Kate Middleton geboren wurde. Seit die schmucke Kate aber ihrem William (Ha! Ein Wilhelm! Und dann auch noch mit ihm verwandt!) zur Seite steht und ihr Geld vornehmlich mit Winken und Kinderkriegen verdient, ist sie so etwas wie die designierte Ober-Adelige aller Klassen, sollte sich ihre Schwieger-Großmutter wider Erwarten doch einmal als sterblich erweisen.

Wie auch immer: Alles, was Kate tut, ist eine Nachricht. Und zwar eine harte, wichtige, populäre.

In der letzten Woche zum Beispiel tat sie folgendes: Sie zuckte nicht, als irgendein Basket-Ball-Star ihr doch glatt die Hand auf die Schulter legte.

DIE HAND!
AUF DIE SCHULTER!

Wahnsinn. Sie erinnern sich an die Regel?
Gucken ja, aber nicht anfassen!

Frauke Ludewig war aus dem Häuschen. Und jetzt das: Bei einem weiteren Benefiz-Termin, bei dem Kate für die Kameras gemeinnützige Arbeit vortäuschen musste, wurde sie doch glatt von einer Vorarbeiterin angeranzt, schneller zu sein und bei der Sache zu bleiben. So als ob man von einer Adeligen erwarten dürfe, dass sie ARBEITET.

Und was tat Kate?
Sie rollte mit den Augen!
Ich weiß, ich weiß: Wahnsinn!
Eine Reaktion wie bei einem Menschen!

Kein Wunder, dass der „Guardian“, sonst eher als intelligent und links bekannt, begeistert twitternd kommentierte, das sei „das sympathischste, was sie seit Langem gemacht hat. Mehr davon!“.

Ein guter Vorschlag. Vielleicht ließen sich die royalen Pflichten neben Rumreisen, Winken, Schreiten und Lächeln ja wirklich noch um Augenrollen erweitern. Und nicht nur die ganze Briten-Presse feierte, wie quasi menschlich ihre kommende Ober-Adelige die unverzeihlichen Affronts im Land der adelslosen Barbaren (Ach, Amerika!) souverän mit Regungslosigkeit respektive Augenrollen quittiert hatte.

Auch hier in Deutschland, wo man sich formell am 11. August 1919 vom Adel verabschiedete, gab es kein Thema, das die Menschen mehr interessiert hätte.

Im Ernst: Die Welt brennt, der IS mordet, die rechten Rattenfänger von Pegida heizen den Fremdenhass an, Flüchtlingsheime brennen, Bayern wird Herbstmeister – und statt all dieser Katastrophen sind die meisten Leser vor allem an einem interessiert – Kates Augenrollen. Am Samstagnachmittag rückte die Meldung über diese ungewöhnliche Tätigkeit auf Platz 1 der meistgelesenen Artikel bei Spiegel Online.

Vielleicht ist ja doch noch Hoffnung, liebe Mitreisende. Andererseits: ich hoffe nicht.

Begegnung: Monks unfreundlicher Cousin

Hamburg im Oktober. An der Ampel steht ein kleiner, dürrer Mensch in grauem Anzug, links hält er seine Aktentasche. Ich sehe ihn von der Seite an. Nur kurz, wie man das so macht, wenn man frühmorgens den Blick über seine Mitmenschen schweifen lässt. Er sieht starr geradeaus: Er wartet auf ein neues Ampelmännchen.

Als das kommt, sind meine Schritte länger, ich lande in der Pole-Position. Die Sonne steht noch niedrig über dem Hafen, das Licht ist rötlich, am Himmel rufen sich zwei Möwen etwas zu.

„Also bitte!“ zischt es von schräg links hinter mir, „Entscheiden Sie sich mal!“
„Bitte?“ frage ich zurück.
„Sie sind mir fast vor die Füße gelaufen, entscheiden Sie sich mal für eine Seite!“

„Oh sorry!“, sage ich nicht nur reflexhaft, sondern auch amüsiert, weil die kalte Missbilligung in seinen Augen so bizarr ist. Er sagt nichts und zieht vorbei.

Ich sehe ihm nach: Er läuft exakt in der Mitte einer natürlich parallel zur Fahrbahn verlegten Gehwegplatte. Ich sehe auf meine Füße und entdecke: Ich stehe breitbeinig auf dem Strich zwischen zwei Platten. Nicht rechts, nicht links: Ich hatte mich wirklich nicht „für eine Seite“ entschieden.

Er läuft mit uhrwerkhaften Schritten, fast militärisch, den Kopf leicht gesenkt. Als ihm eine Gruppe früher Touristen – Gymnasiasten auf Abschlussfahrt? – entgegenkommt, spaltet er die Menschenmasse wie Moses das Rote Meer.

Er bleibt auf Linie.