My Playlist (I): Die Methode Tarzan

Eine der schönsten Arten, heute Musik zu entdecken, ist die „Methode Tarzan“, wie Ulf Grüner das 1996 mal in einem Artikel genannt hat: Irgendwo anzufangen und sich dann von einem Link zum anderen durchs Web zu schwingen. In den Zeiten vor dem Aufkommen wirklich fitter Suchmaschinen war genau das die normale, optimale Bewegung im Netz – das ist es, was mit „Surfen“ einmal gemeint war. Heute ist es ziemlich out. Die meisten Leute haben ihre Stammseiten, die sie  immer wieder besuchen.

Einige von denen sind heute allerdings zu Größen angewachsen, dass man ohne Probleme auch innerhalb so einer Site hangeln kann bis zur Erschöpfung. Definitiv in diese Liga gehört natürlich Youtube, das für mich nicht zuletzt eine Stöberkiste für zu entdeckende Musik ist. Mit jedem aufgerufenen Song bietet Youtube ja weitere an, die der Algorithmus der Webseite für verwandt oder sonstwie geeignet hält, weil irgendwer vor mir sich für diese Vorschläge entschieden hat, der sich auch das gerade gehörte Lied anhörte. Ideal für die Methode Tarzan.

Es hat den kleinen Nachteil, dass man sich so quasi in musikalische Subräume begibt: Cluster von Künstlern und Songs, die irgendetwas gemein haben – eine Genre-Orientierung, eine Stimmung, die Beliebtheit in einer bestimmten Subkultur.

Man hört das auch den Songs in diesem Blog-Eintrag an. Sie decken ein gewisses Spektrum ab, haben aber alle etwas „Indy“-haftes, etwas leicht Schräges. Ich mag das, auch wenn es nicht gerade Feiermusik ist. Es ist eingängig, originell und meist leicht melancholisch, wenn es nicht ironisch daherkommt.

In letztere Kategorie gehören sowohl der fröhlich plätschernde Sound der Kids von San Cisco (haben erst seit November 2011 einen Plattenvertrag: bei Itunes gibt es bisher nur zehn Einzellieder in zwei EP-Sammlungen zu kaufen), deren Teenie-Töne im ersten Eindruck so oberflächlich wirken, als auch der leider im letzten Jahr verstorbene Vic Chesnutt, dessen so traurig daher kommendes „What do you mean?“ in Wahrheit sehnsuchtsvoll und heiter ist – ein Song mit echter Pointe, die musikalische Entsprechung eines bittersüßen Lächelns. Beides ist durch und durch ironisch.

Anders als die Wooden Birds mit ihrem „Believe in Love„. Ich mag die Holzvögel wegen ihrer disziplinierten Sparsamkeit. Ganz ruhig zieht der Song dahin, man wartet förmlich auf den nächsten Stimmeinsatz, und jeder gesungene Satz kommt irgendwie ein kleines bisschen zu spät. Ich liebe den Song, wenn ich Auto fahre.

Die Sound-Tüftler von Made in Heights kommen aus einer ganz anderen Ecke. Oft lavieren sie irgendwo zwischen Electronic, Club und Soul, aber in keinem ihrer Lieder so gekonnt wie in „Wildflowers“. Es ist ein Lied von enormem Wiedererkennungswert – und ein Ohrwurm der Sonderklasse, dem sich vom Klassikhörer bis zum Metall-Freak nur wenige entziehen können. Auch bei diesem Projekt ist Kaufen übrigens Fehlanzeige: Sie verteilen ihre Musik über Blogs und halten sie gesammelt bei Youtube vor – mehr ist bisher nicht: Man darf sich als Early Adopter fühlen.

Das alles sind Dinge, die man im deutschen Radio niemals hört. Man entdeckt sie mit der Methode Tarzan. Angefangen hatte ich bei San Cisco, mich von da aus weiter gehangelt. Auf dem Weg acht, neun Stationen gemacht, die mich weniger ansprachen, die hier unerwähnt blieben. Das tolle daran ist, dass diese Reise durch YouTubes Musik für andere nicht nachvollziehbar sein wird, denn jede dieser Hangel-Partien verläuft anders. Probieren Sie es aus: Greifen sie irgendwo hin und schwingen sie sich weiter. Es gibt dümmere Arten, einen Abend vor dem Bildschirm zu verbringen.

Der Becher- und Hut-Tarif: Busking is beautiful (I)

Vor ein paar Tagen habe ich ein Foto von einem Geigenspieler gemacht, der auf einer öden, völlig verlassenen Einkaufsstraße vor dem heruntergelassenen Gitter eines dichtgemachten Schuhgeschäfts stand und spielte. Ein Gott war das: melancholisch, sicher im Ton, gefühlvoll. Er wollte mir die Kamera abnehmen.

Ich hab das Foto gelöscht. Er war Kasache und hatte Angst, irgendwo gezeigt zu werden. Keine Papiere? Spielte mal in einem großen Orchester, erzählte er, nach dem Musikstudium. Das ist so bitter: Wer die Augen und Ohren aufhält auf unseren Einkaufsstraßen, der hört diese Typen überall. Bestens ausgebildete, mitunter begnadete Musiker. Unfassbar originelle Talente, oder charmante Originale.

Es gibt natürlich auch einige, die dabei Geld verdienen, aber das ist schwer. Stellen Sie sich mal hinten in eine kleine Menge (wenn sich überhaupt eine bildet) und schauen sich an, wie viele Leute wirklich Geld geben, wenn der Hut rum kommt – und hier reden wir über die Besten der Straßenmusiker, an den anderen geht man vorbei.

Man verpasst dabei was. Es sind die Busker, die Straßenmusiker, die unseren Städten erst Flair geben. Mir ist das immer den einen oder anderen Euro wert. Selbst wenn ich bei einem Bummel dann einen Fünfer loswerde: mir wird ja was geboten.

Was mich krank macht: Leute, die dem Kellner im Edel-Restaurant einen Schein geben, in der kleinen Gaststätte aber Cents auf den Euro aufrunden – und zu Buskern nicht mehr zu sagen haben als „Soll arbeiten gehen“. Wenn man sich den letzten Gitarristen hier anhört, kann man nur sagen: Gott sei Dank, dass der nicht in einem Büro sitzt, sondern auf der Straße. Ohne sowas wären unsere Städte tot.