Minimaler Aufwand, maximale Versunkenheit

An Gitarristen wie Pino Forastiere scheiden sich die Geister: Anhängern klassischer Musik ist er zu poppig, Pop-Hörern zu jazzig, Jazzern zu klassisch und wahrscheinlich allen zu rockig. Feine Sache, das Leben ist zu kurz, um in Schubladen zu leben. Der Italiener sucht sich seine Inspirationen in allen Genres.

Was an Forastiere allerdings viele irritiert, ist seine Körpersprache. Er gestikuliert beim Spielen, sein Gesicht verzerrt sich zu teils bizarren Grimassen. Man sollte sich davon nicht ablenken lassen. Hier spielt er sein Stück Ripresa („Genesung“), und was seine Gesichtsmuskulatur dazu spielt, muss die Erinnerung an das sein, wovon er hier genesen muss.

Für Leute, die kein Instrument spielen, ist das manchmal schwer zu verstehen: Diese Fratzen und schwebenden Gesten sind keine Show, sondern eine Art emotionale Eselsbrücke, die dabei hilft, das Gefühl, das man erzeugen will, bei sich selbst „aufzurufen“. Nicht alle Instrumentalisten tun das, aber wohl die meisten zumindest ein wenig. Forastiere macht es ein wenig mehr als andere, dafür ist er in anderer Hinsicht sparsam.

Mit absolut minimalem Aufwand, einer veränderten Stimmung und äußerst sparsamen Aktionen auf dem Griffbrett zaubert er ein Stück, das technisch noch nicht einmal anspruchsvoll ist. „Könnte ich auch!“ denkt sich da so ein Freizeit-Gitarrero wie ich und weiß zugleich, dass das nicht stimmt. Gerade Minimalismus, der trotzdem Originelles schafft, ist die höchste Kunst. Hut ab.

My Playlist (V): Ganz alte Helden

Kurze Zeit, nachdem Bachman Turner Overdrive mit „You ain’t seen nothing yet“, auf das sie bis heute meist reduziert werden, ihren Welthit landeten, legte der berühmt-berüchtigte Bertelsmann Buchclub eine Best-of-Platte von BTO auf, die die Toptitel der ersten drei Alben bündeln sollte. Das Ding wurde meine erste LP.

Das kam schon fast einem Initiationsrythus gleich. Über ältere Cousins hatte ich Elvis mitbekommen (und immer gehasst), Neil Diamond, aber zum Glück auch Credence Clearwater Revival. Meine ersten eigenen Platten waren 7“-Singles gewesen, zu mehr reichte das Geld nicht. In Middle of the Road investierte ich gleich zweimal, in Slade, vor allem aber in Sweet. Teeniemusik der Frühsiebziger – und dann sowas. BTO bekam ich zu meinem 12. Geburtstag geschenkt, von einem Onkel, der absolut keine Ahnung hatte. Und weil das so war, kombinierte er das mit einem zweiten Album, das ich gern verdränge: George McCrae („Rock you Baby“).

Ich hatte also sozusagen die Wahl: McCraes schwül-schwülstigen Knallenge-Hosen-Disco-Soul oder harte Stomper a la BTO, die mich musikalisch zu der Zeit klar überforderten. Denn ziemlich abweichend von dem BTO-Zeug, das im Radio lief (You ain’t…; Roll on down the Highway, Hey You etc.), iriitierten auf dem Longplayer auch Lieder, die reichlich sanfter, oder aber jazzig rüberkamen. Rock, Heavy und Jazz?

BTO hatten ihr Durchbruch-Album „Not Fragile“ genannt und damit Yes eins verpassen wollen, deren Art-Konzeptalbum „Fragile“ Maßstäbe gesetzt hatte (sollte meine dritte Scheibe werden). Im Blick zurück entdecke ich den Gegensatz kaum: Beides sind für mich Töne meiner Kindheit – und die einzigen, die ich bis heute mit Genuss höre. Und zwar aus dem gleichen Grund: Egal, wie der Kram verpackt ist, ist es Jazz, der das Herz dieser Musik ausmacht. Das gilt für  „Roundabout“ von Yes genauso wie für BTOs abgefahrene Kombinationen von Hardrock und Jazz-Soli.

Mein Lieblingslied von BTO war, ist und bleibt allerdings eine ganz, ganz ruhige Nummer, die ich gern Leuten vorspiele, die nur „You ain’t seen“ kennen und BTO deshalb für platt halten: „Blue Collar“ vom allerersten Album. Hier gespielt von Randy Bachman, Jahrgang 1943 und natürlich noch immer unterwegs. Ein ganz alter Held: das Video hat er selbst bei Youtube hinterlegt.

My Playlist (IV): Walk off the Earth

Als vor ein paar Monaten Walk off the Earth (WOT) ihr „Fünf Leute spielen eine Gitarre“-Cover des Gotye-Ohrwurms „Somebody that I used to know“ bei Youtube veröffentlichten, haben sie mir den Spaß am Original verdorben: das Cover finde ich Klassen besser. Seitdem habe ich so ziemlich alles gehört, was WOT so gemacht haben. Ihre eigenen, sehr Reggae-lastigen Sachen sind okay, ihre Cover und musikalischen Kaspereien aber sind phantastisch. Da steckt jede Menge Humor drin, vor allem aber Talent. Stilistisch sind die überhaupt nicht festgelegt, am stärksten sind aber ihre folkigen Nummern.

Heute haben sie eine angeblich spontan entstandene Nummer veröffentlicht, die sie vor einem Gig mit der ebenfalls höchst originellen Julia Nunes (ein echter Youtube-Star im Sinn des Wortes!) eingesungen haben. Völlig egal, ob man diese Art Musik mag oder nicht: das ist einfach gut.

WOT ist im August und September in Deutschland auf Tour. Berlin, Hamburg und Köln sind seit Monaten ausverkauft, aber in Wiesbaden, Nürnberg und Bochum kann man sie noch sehen. Ist vielleicht das letzte Mal, dass man diese witzige Truppe in kleiner Halle wird improvisieren und herumkaspern sehen.

My Playlist (III): Heilung

Pubertät ist fast immer mit demonstrativer Ablösung von den lieben Eltern verbunden, und fast nichts eignet sich dafür so gut wie Musik. Meine Pubertät fiel mit den Hochzeiten von Punk (der fast vorbei war, als ich anfing, ins Nachtleben einzutauchen), den minimalistischen, auch Reggae-nahen Tönen von Police und Co, mit Ska und Madness und New Wave zusammen. Ich hätte es schlechter erwischen können in Sachen  Ablösung von den Älteren: Denen ging das alles angemessen kräftig auf die Nerven.

In besonderem Maße galt das für The Cure, die schon sehr früh mit Themen wie Depression, Selbstmord-Tendenzen etc. in Verbindung gebracht wurden. Cure sind eine Band der ausgehenden Siebziger Jahre, die musikalisch erheblich fruchtbarer und facettenreicher waren als die folgenden Achtziger. Zum Ende des Jahrzehnts konkurrierten da Police mit den Talking Heads, Madness, den Specials und Joe Jackson, und alles hatte Beat, war tanzbar und in seiner Essenz echte Party-Musik. Außer den Cure.

Die sahen aus wie Depressionskranke, die man als trauernde Punks verkleidet hatte, und machten eine höchst elementare Musik mit Texten, die es in sich hatten. Cure ist ein Schriftzug, den ich in den Tisch in meiner Klasse geritzt habe: Ich fand die immer nur lustig.

Mir geht das bis heute so. Wenn ich Robert Smith‘ Dackelgesicht sehe, wird mir immer noch warm ums Herz: der Kerl ist niedlich. Wenn er Depressionen oder Ängste haben sollte, dann definitiv nicht vor Kalorien:  Ein rundes, gesundes, fröhliches Mondgesicht könnte das sein, wenn er es nicht standesgemäß mit Schminke verwüsten würde (man würde ihn sonst auch kaum erkennen). Meist sieht er aus, als habe er sich die letzte Träne gerade erst abgewischt. Und dann schreibt er solche Texte:

„10:15 on a saturday night
and the tap drips
under the strip light
And I’m sitting in the kitchen sink
and the tap drips, drips, drips, drips…“

Klar ist der Sound des Songs düster, wenn man so will: Er zieht einen, auch wenn man nicht weiß wohin. Der Text malt ein Bild von der Verlassenheit des sitzen gelassenen. Und der sitzt ausgerechnet in der Küchenspüle und bekommt einen nassen Arsch, weil der Hahn tropft… – Hallo? Wie kann man das nicht lustig finden?

Ich glaube fest daran, dass das alles ironisch ist. Wenn man sich die Unplugged-Versionen anhört, wenn man Cure live hört und sieht, wie die Fans die Songs aufnehmen, wird das Missverständnis offenkundig. Das alles ist Karthasis, ein ironisches Spiel mit dem düsteren Gefühl, dass einen in Pubertätszeiten so plötzlich und mächtig anspringen kann. Smith zelebriert diese Momente und nimmt ihnen gerade dadurch ihr Albtraum-Potential. Mein Lieblingslied der Cure ist Lullaby, das Gute-Nacht-Liedchen also: Eine klaustrophische Albtraums-Szene, in der es heißt „Spiderman is having me for dinner tonight“ – serviert mit lustigen Pickings und Plugs, zu denen man sich auch einen kleinen Volkstanz vorstellen könnte. Am Ende des düsteren Gefühls steht da doch immer ein Lächeln.