Dialog: Schöne neue Arbeitswelt


Ein kleiner Dialog mit einem Urlaubsanimateur Mitte 20. Studierter Theaterwissenschaftler, will Schauspieler werden, jetzt sammelt er Erfahrungen mit Menschen, Animation und Interaktion. Arbeitet von Morgens 10 Uhr (Kinder-Bespaßung und Sport) bis Nachts 2 Uhr (Proben für die abendlichen Bühnenprogramme). Motiviert bis in die Haarspitzen, Mitglied eines „tollen Teams“, gebucht bis Ende November. Das alles mache er, weil er Spaß daran habe, das Geld sei „eher ein Taschengeld“.

Ich: Wie wird man denn Animateur?
Er: Man geht zu einem Casting. Die besten da werden dann zu einer Ausbildung eingeladen.
Ich: Bezahlt?
Er: Ne, bezahlen muss man das nicht. Nur wenn man abbricht oder den Job vorzeitig aufgibt, muss dann die Ausbildung zurückbezahlen.
Ich: Wow! Die Welt ist schon verdammt bequem geworden für Arbeitgeber.
Er stutzt. Dann sagt er: Wie? Das versteh ich jetzt nicht.
Ich: Wow.

 

Bahnfahren (I): Ein Dialog

ICE 614, Frankfurt-Dortmund. Der Zug verlässt gerade Köln Hauptbahnhof, als die Fahrkartenkontrolle erfolgt.

Schaffner: Die Fahrkarten bitte!

Fahrgast reicht ihm das Ticket. Schaffner schaut drauf, stöhnt laut auf und schaut gen Himmel.

Schaffner: Meine Güte, warum sind Sie denn jetzt nicht umgestiegen?

Fahrgast: Bitte?

Schaffner: Warum Sie jetzt nicht umgestiegen sind. Der stand doch direkt gegenüber.

Fahrgast: Wer?

Schaffner: Na Ihr Zug nach Hamburg. Dat wird jezz ganz schwer.

Fahrgast: Wie, mein Zug?

Schaffner: Na der, auf den Sie in Dortmund umsteigen wollen. Der stand da gerade in Köln. Ob wir den jetzt noch kriegen… Ne, dat wird schwer.

Fahrgast: Halt mal, ich hab hier meine Tickets, und da steht nichts von umsteigen in Köln, sondern Dortmund.

Schaffner: Ja, ich weiß.

Fahrgast: Und woher soll man wissen, dass man da umsteigen soll?

Schaffner: Sie gehören zu dem Viertel.

Fahrgast: ?!?

Schaffner: Dat macht die Bahn immer so. Drei Viertel lässt sie in Köln umsteigen, ein Viertel in Dortmund. Dabei klappt dat in Köln immer.

Fahrgast: Und in Dortmund nicht?

Schaffner: Wird schwer. Wird ganz schwer.

Fahrgast: Hören Sie, ich folge nur dem, was mir mein Ticket vorgegeben hat…

Schaffner: Ich weiß, ich weiß ja. Wenn et nach mir ging… Also, wenn ich wat zu sagen hätte, würde ich ja immer Köln sagen zum Umsteigen, nicht Dortmund. Aber so haben wir immer das Viertel.

Fahrgast: Und wenn das nicht klappt in Dortmund, stehe ich da eine Stunde rum?

Schaffner: Ja, leider.

Fahrgast: …

Schaffner: Na schauen wir mal. Wird schwer, aber vielleicht klapptet ja donoch. Ich hab da vorne noch so drei, vier Leute, die den in Köln nicht gekriegt haben.

Fahrgast: …

Schaffner geht weiter. Fahrgast hört ihn zwei Sitzreihen weiter stöhnen. Dann: „Ach, warum haben Sie den denn nicht in Köln genommen?“

Es hat dann doch noch geklappt. Der IC nach Hamburg hatte noch mehr Verspätung als der nach Dortmund. Dort hoben sich dann die Verspätungen wieder auf. Die Verbindung war damit sozusagen pünktlich.

Avatar, Avengers und Co.: Zum Glück schön schlecht

Es gibt eine ganze Menge Leute, die halten es für ein Qualitätsmerkmal, wenn ein Film schlechte Kritiken bekommt. Dazu gehört nicht nur der bekannte Till-Schweiger-Darsteller Till Schweiger (plant wahrscheinlich gerade „Sechsbeinwelpen“ und „Neunschwanzkatzen“), so denken massenhaft ganz normale Menschen.

Mein Freund Thomas ist so einer. Er hält Avatar für einen wirklich guten Film, und im ernst fällt es mir schwer, darüber zu streiten. Ich weiß, was er meint. Wenn ich allerdings als Journalist eine Kritik über Avatar verfassen würde, fiele die wohl reichlich durchwachsen aus. Denn in Sachen Handlung ist da ja nicht viel, was wir nicht schon in Disneys Pocahontas gesehen hätten, nur halt in Blau und 3D. Als Kritiker schreibt man da: „Action kann eine echte Handlung nicht ersetzen.“ Und Abziehbilder keine Personen.

Als Kinogänger weiß ich, dass das natürlich nicht ganz stimmt. Avatar ist, so wie nun Marvels Avengers, kein Film im cineastischen Sinne. Solche Filme sind Pop. Wir bierersten Deutschen vergessen das manchmal: Die Deaktivierung des Hirns fördert in solchen Fällen den Spaß an der Sache – so wie auf der Achterbahn. Eigentlich brauchen solche Blockbuster also eine eigene Kategorie, um angemessene Kritik ernten zu können. So wie man Oper nicht mit Rummelplatz vergleicht, sollte man aufhören, Avatar und Co. mit den Maßstäben des Kunstfilms zu bewerten.

Bei IMDB erntet Avengers gerade Top-Bewertungen. Ich werde mir die Kiste auch ansehen, ohne davon mehr zu erwarten als Spaß. Am besten jede Menge.

Die Handlung kenne ich ja jetzt schon, ohne Zusammenfassungen lesen zu müssen. Heldengeschichten sind Archetypen, die nur wenige Varianten haben. Treffen mehrere Helden aufeinander, dürfen wir erst den Clash der Alphatierchen erwarten, dann die interne krisenhafte Konfrontation, dann die übermächtige äußere Bedrohung, dann die große Solidarisierung und den Sieg im gemeinschaftlichen Kampf gegen den gemeinsamen Gegner. Was sonst?

Es ist genau das, was wir im Popcorn-und-Pilsken-Modus sehen wollen. Es ist ein Spektakel, gute Unterhaltung, „a good show“, wie der Angelsachse sagt. Cool. Mehr muss so was auch nicht sein.

Als Kritiker legt man andere Qualitätsmaßstäbe an einen Film. Man fragt sich: Sind außergewöhnliche Leistungen zu sehen? Schauspielerische, erzählerische, ästhetische? Entwickeln sich die Figuren, haben sie Tiefe, sind sie glaubhaft? Berührt die Geschichte, wirkt sie nach? Bei den meisten Blockbustern führt das zu einem Nullbefund, weil es einfach die falschen Maßstäbe sind.

Und dann wird die schlechte Kritik mitunter wirklich zum Qualitätsmerkmal. Zeit fürs Popcorn, war eine emsige Woche.