Bahnfahren (I): Ein Dialog

ICE 614, Frankfurt-Dortmund. Der Zug verlässt gerade Köln Hauptbahnhof, als die Fahrkartenkontrolle erfolgt.

Schaffner: Die Fahrkarten bitte!

Fahrgast reicht ihm das Ticket. Schaffner schaut drauf, stöhnt laut auf und schaut gen Himmel.

Schaffner: Meine Güte, warum sind Sie denn jetzt nicht umgestiegen?

Fahrgast: Bitte?

Schaffner: Warum Sie jetzt nicht umgestiegen sind. Der stand doch direkt gegenüber.

Fahrgast: Wer?

Schaffner: Na Ihr Zug nach Hamburg. Dat wird jezz ganz schwer.

Fahrgast: Wie, mein Zug?

Schaffner: Na der, auf den Sie in Dortmund umsteigen wollen. Der stand da gerade in Köln. Ob wir den jetzt noch kriegen… Ne, dat wird schwer.

Fahrgast: Halt mal, ich hab hier meine Tickets, und da steht nichts von umsteigen in Köln, sondern Dortmund.

Schaffner: Ja, ich weiß.

Fahrgast: Und woher soll man wissen, dass man da umsteigen soll?

Schaffner: Sie gehören zu dem Viertel.

Fahrgast: ?!?

Schaffner: Dat macht die Bahn immer so. Drei Viertel lässt sie in Köln umsteigen, ein Viertel in Dortmund. Dabei klappt dat in Köln immer.

Fahrgast: Und in Dortmund nicht?

Schaffner: Wird schwer. Wird ganz schwer.

Fahrgast: Hören Sie, ich folge nur dem, was mir mein Ticket vorgegeben hat…

Schaffner: Ich weiß, ich weiß ja. Wenn et nach mir ging… Also, wenn ich wat zu sagen hätte, würde ich ja immer Köln sagen zum Umsteigen, nicht Dortmund. Aber so haben wir immer das Viertel.

Fahrgast: Und wenn das nicht klappt in Dortmund, stehe ich da eine Stunde rum?

Schaffner: Ja, leider.

Fahrgast: …

Schaffner: Na schauen wir mal. Wird schwer, aber vielleicht klapptet ja donoch. Ich hab da vorne noch so drei, vier Leute, die den in Köln nicht gekriegt haben.

Fahrgast: …

Schaffner geht weiter. Fahrgast hört ihn zwei Sitzreihen weiter stöhnen. Dann: „Ach, warum haben Sie den denn nicht in Köln genommen?“

Es hat dann doch noch geklappt. Der IC nach Hamburg hatte noch mehr Verspätung als der nach Dortmund. Dort hoben sich dann die Verspätungen wieder auf. Die Verbindung war damit sozusagen pünktlich.

Avatar, Avengers und Co.: Zum Glück schön schlecht

Es gibt eine ganze Menge Leute, die halten es für ein Qualitätsmerkmal, wenn ein Film schlechte Kritiken bekommt. Dazu gehört nicht nur der bekannte Till-Schweiger-Darsteller Till Schweiger (plant wahrscheinlich gerade „Sechsbeinwelpen“ und „Neunschwanzkatzen“), so denken massenhaft ganz normale Menschen.

Mein Freund Thomas ist so einer. Er hält Avatar für einen wirklich guten Film, und im ernst fällt es mir schwer, darüber zu streiten. Ich weiß, was er meint. Wenn ich allerdings als Journalist eine Kritik über Avatar verfassen würde, fiele die wohl reichlich durchwachsen aus. Denn in Sachen Handlung ist da ja nicht viel, was wir nicht schon in Disneys Pocahontas gesehen hätten, nur halt in Blau und 3D. Als Kritiker schreibt man da: „Action kann eine echte Handlung nicht ersetzen.“ Und Abziehbilder keine Personen.

Als Kinogänger weiß ich, dass das natürlich nicht ganz stimmt. Avatar ist, so wie nun Marvels Avengers, kein Film im cineastischen Sinne. Solche Filme sind Pop. Wir bierersten Deutschen vergessen das manchmal: Die Deaktivierung des Hirns fördert in solchen Fällen den Spaß an der Sache – so wie auf der Achterbahn. Eigentlich brauchen solche Blockbuster also eine eigene Kategorie, um angemessene Kritik ernten zu können. So wie man Oper nicht mit Rummelplatz vergleicht, sollte man aufhören, Avatar und Co. mit den Maßstäben des Kunstfilms zu bewerten.

Bei IMDB erntet Avengers gerade Top-Bewertungen. Ich werde mir die Kiste auch ansehen, ohne davon mehr zu erwarten als Spaß. Am besten jede Menge.

Die Handlung kenne ich ja jetzt schon, ohne Zusammenfassungen lesen zu müssen. Heldengeschichten sind Archetypen, die nur wenige Varianten haben. Treffen mehrere Helden aufeinander, dürfen wir erst den Clash der Alphatierchen erwarten, dann die interne krisenhafte Konfrontation, dann die übermächtige äußere Bedrohung, dann die große Solidarisierung und den Sieg im gemeinschaftlichen Kampf gegen den gemeinsamen Gegner. Was sonst?

Es ist genau das, was wir im Popcorn-und-Pilsken-Modus sehen wollen. Es ist ein Spektakel, gute Unterhaltung, „a good show“, wie der Angelsachse sagt. Cool. Mehr muss so was auch nicht sein.

Als Kritiker legt man andere Qualitätsmaßstäbe an einen Film. Man fragt sich: Sind außergewöhnliche Leistungen zu sehen? Schauspielerische, erzählerische, ästhetische? Entwickeln sich die Figuren, haben sie Tiefe, sind sie glaubhaft? Berührt die Geschichte, wirkt sie nach? Bei den meisten Blockbustern führt das zu einem Nullbefund, weil es einfach die falschen Maßstäbe sind.

Und dann wird die schlechte Kritik mitunter wirklich zum Qualitätsmerkmal. Zeit fürs Popcorn, war eine emsige Woche.

Superhelden: Comics sind Kopfkino

Ich war acht Jahre alt, als ich anfing, DIE SPINNE zu lesen (so hieß SPIDER-MAN damals). Ich fand die Geschichten gut, weil Peter Parker, dieser dürre Held, ähnlich wie ich Dreikäsehoch auch öfter einmal eins auf die Glocke bekam. Er siegte nicht immer, wie dieser langweilige Superman mit der Lizenz zur Unbesiegbarkeit (wer denkt sich sowas aus?), erlebte zudem ständig auch irgendwelchen Seelenschmerz. Wie im richtigen Leben, wenn man davon absieht, dass der Typ im Gegensatz zu mir (Höhenangst!) Gebäude hoch- und runterlief und – wenn ihm ein Supergangster zu pampig kam – sich auch schon mal damit wehren konnte, dass er dem ein Auto vor den Kopf warf.

In ihrem Ansatz sind Superhelden-Phantasien höchst kindlich, und so sehen die frühesten Stories und viele entsprechende Kinofilme auch aus. Aus Erwachsenensicht ist das intellektuelle Magerkost. Fliegen können, stark wie ein Elefant zu sein, unverletzlich – das ist das, was man sich so wünscht, wenn man das genaue Gegenteil davon ist: Klein, ziemlich wehrlos gegen Starke und dem allmächtigen Willen dieser Typen unterworfen, die einen schon um acht ins Bett schicken, obwohl man noch gar nicht müde ist. Wie gut, wenn man seine Ohnmacht unter der Bettdecke mit der Taschenlampe und dem Comic-Heft sublimieren kann.

Aber Superhelden-Comics sind weit mehr. Nicht von ungefähr arbeiten viele Drehbuchautoren und Regisseure mit gezeichneten Storyboards, um ihre Filmideen zu visualisieren. Comics sind Kopfkino, und mehr noch: Im Comic waren früh Dinge möglich, die auf der Leinwand bis heute nur schlecht darzustellen sind.

Irgendwann wurden mir die Superhelden zu albern, zu pathetisch, aufgeblasen und pompös. Ich landete bei den franko-belgischen Comics: Moebius, Franquin, Herge. Mit Valerian und Veronique ging’s es ab ins All, mit Gaston gegen die schlechte Laune. Anfang der Neunziger wurde Jamiri zu einer Identifikationsfigur, viel später auch ein Freund.

Den Superheldencomic habe ich erst mit Frank Miller wieder entdeckt. Der Mann ist mir unheimlich. Ich kann mir kaum etwas psychopathischeres vorstellen als seine Sin-City-Reihe, vor allem die ersten zwei Bände. Da wird Comic zum Blick in eine kranke Geisteswelt, in der sich die finstersten eigenen Seiten spiegeln: Die Zeichnungen sind ja so Schattenrissartig, dass der wahre Horror letzlich in der eigenen Vorstellungskraft liegt. Mitleiden kann da nur der, der sich das Leid vorstellen kann. Ich finde das so verstörend, dass ich Millers Sin City irgendwann weglegte und nie wieder anfasste.

Man spürt diesen ungesunden Wahnsinn auch in Millers ersten beiden Batman-Comics – die einzigen Comics über den Fledermausmann, die man wirklich gelesen haben sollte.

Das erste Jahr“  ist der gelungene Versuch, die auf ein kindliches Publikum zielende Batman-Legende erwachsen werden zu lassen. „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ ist dann die Demontage, die brutale Entzauberung dieses Idols aus Kindertagen – und kommt dem Kern der Figur viel näher als alles andere, was jemals darüber veröffentlicht wurde.

Für Alan Moores „Watchmen“ schließlich würde ich als Vertreter tingelnd auf die Straße gehen. Das Buch – und es ist ein Schmöker, an dem man mehrere Tage liest! – ist emotional richtig heftiger Stoff, viel düsterer noch als der Film, der später herauskam. Die Geschichte bewegt sich auf mehreren Ebenen, in mehreren Erzählformen (Comic, Briefe, Piratengeschichte), die sich zu einem horrenden Ende zusammenfinden, das den Leser mit einem kalten Klumpen im Magen zurück lässt. Definitiv nichts für Kinder, so konventionell der Comic grafisch zunächst daherkommt! Düster!

Düster ist auch das, was die Verlage in den letzten zwanzig Jahren aus dem Superhelden-Genre gemacht haben. DC wie Marvel, die hier führenden Verlage, verstrickten sich in immer bescheuerteren, verkomplizierten Handlungssträngen, die irgendwann nicht mehr plausibel zu verkaufen waren, ohne gleich ein Paralleluniversum aufzumachen. Die Batman-Reihe hält ein wenig dagegen, mit aufwendigen abgeschlossenen, inhaltlich aber meist überbewerteten Serien (Hush, Long Halloween) und Einzeltiteln (Arkham Asylum, Killing Joke). Auch sie leiden aber daran, dass sie das „Erwachsene“ nur auf der Basis völlig überzogener Brutalität darstellen können. Das ist unter dem Strich armselig, wie im Kino ist auch im Comic eine gute Handlung niemals durch Action zu ersetzen.

Was an den „großen“ Helden stört, ist vor allem ihr dumpfes Pathos. Millers Batman war ein verdammter Schmutzfink, ein von Rache besessener und zerfressener halb Wahnsinniger. Er passte in die End-Achtziger, so wie Hancock, Kick-Ass oder nun Chronicles, grundironische  Entzauberungen der Superhelden-Mythen, in unsere Dekade passen. Das ist amüsant, aber als Pointe, Grundmotiv und Masche auch nur begrenzt oft einsetzbar. Am Ende wollen Superhelden-Leser dann doch einen Helden. Und ich meine, wir wollen einen zerrissenen, der uns spiegelt oder inhaltlich herausfordert: So wie der frühe Spidey mit seinen pubertären Problemen, so wie der grimmige, verbitterte  Vigilant Batman bei Miller. Der von Miller inspirierte Batman hat in diesem Sommer noch einmal einen cineastischen Auftritt, auf den sich Superhero-Fans nach Batman Begins und Dark Knight wohl freuen dürfen. Wie es danach weiter geht?

Die Verlage starten ihre Serien gerade neu, weil sie eingesehen haben, dass sie in einer Sackgasse gelandet sind. Schaun wir mal: Im günstigsten Fall gewinnen die alten Helden ein paar Schwächen und Macken. Nichts ist langweiliger als ein Superman.