Der Becher- und Hut-Tarif: Busking is beautiful (I)

Vor ein paar Tagen habe ich ein Foto von einem Geigenspieler gemacht, der auf einer öden, völlig verlassenen Einkaufsstraße vor dem heruntergelassenen Gitter eines dichtgemachten Schuhgeschäfts stand und spielte. Ein Gott war das: melancholisch, sicher im Ton, gefühlvoll. Er wollte mir die Kamera abnehmen.

Ich hab das Foto gelöscht. Er war Kasache und hatte Angst, irgendwo gezeigt zu werden. Keine Papiere? Spielte mal in einem großen Orchester, erzählte er, nach dem Musikstudium. Das ist so bitter: Wer die Augen und Ohren aufhält auf unseren Einkaufsstraßen, der hört diese Typen überall. Bestens ausgebildete, mitunter begnadete Musiker. Unfassbar originelle Talente, oder charmante Originale.

Es gibt natürlich auch einige, die dabei Geld verdienen, aber das ist schwer. Stellen Sie sich mal hinten in eine kleine Menge (wenn sich überhaupt eine bildet) und schauen sich an, wie viele Leute wirklich Geld geben, wenn der Hut rum kommt – und hier reden wir über die Besten der Straßenmusiker, an den anderen geht man vorbei.

Man verpasst dabei was. Es sind die Busker, die Straßenmusiker, die unseren Städten erst Flair geben. Mir ist das immer den einen oder anderen Euro wert. Selbst wenn ich bei einem Bummel dann einen Fünfer loswerde: mir wird ja was geboten.

Was mich krank macht: Leute, die dem Kellner im Edel-Restaurant einen Schein geben, in der kleinen Gaststätte aber Cents auf den Euro aufrunden – und zu Buskern nicht mehr zu sagen haben als „Soll arbeiten gehen“. Wenn man sich den letzten Gitarristen hier anhört, kann man nur sagen: Gott sei Dank, dass der nicht in einem Büro sitzt, sondern auf der Straße. Ohne sowas wären unsere Städte tot.

Radio Gaga: Der wahre Dudelfunk

Freund Tony sitzt mir gegenüber, und wieder einmal geht es um Musik. Beim Essen kein schlechtes Thema: Er hat Kuzu Tandir, im Ofen gegarte Lammschulter auf Rosmarinsauce, ich hab mich für den Şiş Kebab entschieden.

EinsLive“, sagt Tony, könne er nicht hören. Inx, inx, inx, inx, inx laufe da, massenhaft Müll, weil ja nur noch Mist produziert würde.
Nicht wahr, halte ich dagegen, noch nie sei Musik so vielfältig gewesen, man höre nur eben nicht alles im Radio.
„Dudelfunk“, sagt er. „Die spielen alles kaputt. Wenn mal was Gutes kommt, läuft es so oft, dass man es nach ein paar Tagen nicht mehr hören kann.“
Und überhaupt, sagt er, sei er ja eigentlich vor allem beim Wortradio gelandet.

Da können wir beide unisono nicken. In Sachen Musik waren wir uns nie einig. Wir kennen uns seit rund 36 Jahren, aber unsere Gemeinsamkeiten beschränken sich da auf ein Minimum. Er hört Altes oder Sachen, die so klingen, als wären sie es. Ich auch, in Momenten der Nostalgie, ansonsten lieber Neues. Ansonsten sind wir beide beim Wortradio gelandet, wenn es über lange Strecken über die Autobahn geht. Muss am Alter liegen: wir steuern beide auf die 50 zu.

WDR 5“ sagt er, „will ja sowas wie die Süddeutsche unter den Radiosendern sein.“ Höre er echt gern, die Beiträge seien klasse, das Niveau hoch. Stimmt: Auch ich nehme das Wissenschaftsmagazin Leonardo mit, so oft ich kann, mag die LebensArt oder das Kulturmagazin Scala.

„Nur wenn dieses Gedudel anfängt“, sagt er, „schalte ich weg.“

Da spricht er ein wahres Wort gelassen aus: Das geht mir nicht anders.

Vermutlich schaltet da absolut jeder weg. Die Quote von WDR 5 fluktuiert wahrscheinlich zwischen Volle Pulle und Total Null im Takt von 3 Minuten 20. Ab und zu zappt man zwischendurch vielleicht hinein: Ist das grausame Gedudel schon vorbei? Dauert das zu lang, geht man dem Sender verloren, hört sich anderswo fest.
Im öffentlich-rechtlichen Wortradio gibt es diese unsägliche, unerträgliche Spielart des Palim-Palam-jazzigen Gedudels, das die Wortbeiträge unterbricht. Musik, die man sonst noch nicht einmal mehr in Supermärkten hören muss. Eine Art Gnadenbrotprogramm für Musiker, denen 1957 die letzten Zuhörer weggestorben sind. Aufgestiegen aus der Hölle der absoluten Tut-nicht-weh-Beschallung. Live nur noch in der Nachsaison in den Lobbys unterklassiger Zwei-Sterne-Hotels an der Costa Betonga zu erleben. Palim-palam, Dudeldideldö. Das schlimmste: Swing-Cover-Versionen mit auf Refrainzeilen zusammengestutzten Gute-Laune-Sprechgesängen in teutonisch gefärbtem Pidgin-Englisch, abgeschlossen mit einem „Yeaaaaaaaaah!“, was anno 1949 wohl mal als jugendlich galt.

Vor ein paar Wochen hat mich „Seven Nations Army“ von den White Stripes in so einer Art Aufzug-Jazz-Version erwischt, bei der eine Klarinette eines der Lead-Instrumente war. Ich war so entsetzt und angeekelt, dass ich in meiner Schreckstarre den Aus-Knopf erst nicht gefunden habe. Im ernst: Wer so etwas verbricht, gehört mit Katzenscheiße gesteinigt, aber bitte schön langsam. Und wer es auf die Playlist eines in einem großen Teil des Bundesgebiets hörbaren Senders setzt, verdient Haft nicht unter vier Jahren, ohne Bewährung versteht sich.

„Jetzt ernsthaft“, regt sich Tony auf, „was soll so eine Scheiße? Es gibt doch keinen Menschen auf diesem Planeten, der so etwas freiwillig hört!“

„Ich hab mal gehört“, sage ich, „dass die diese sogenannte Musik bewusst einsetzen, weil sie von den Wortbeiträgen nicht ablenken wollen.“
„Ablenken?“ empört sich Tony da. „Das hat doch nichts mit ablenken zu tun. Wo liegt denn bitteschön der Sinn darin, Hörer abzuschrecken?“

Das trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn ich WDR 5 oder Deutschlandfunk höre und diese Pillepalle-Beschallung anfängt, drehen meine Kinder reflexhaft das Radio ab, wenn sie in den Raum kommen. Eine typische Konversation verläuft dann so:

Ich: „Hey, ich hab da zugehört!“
Kind: „Du hast Dir DIESEN SCHEISS angehört? Ich mach mir langsam Sorgen!“
Ich: „Nein, ich warte darauf, dass der Mist vorbeigeht. Die Wortbeiträge sind echt gut.“
Kind: „Mag ja sein. Aber ist es das wert, sich dafür so einen Müll anzuhören?“

Natürlich nicht, deshalb zappen Typen wie Tony und ich weg, sobald das Gedudel los geht. Wir sind grundverschieden, was unseren Musikgeschmack angeht, aber ich ertrage seine und er meine. Was wir beide nicht ertragen, ist der Müll, der angeblich niemandem weh tut. Und das, obwohl wir beide ja eigentlich Prototypen der angeblich anvisierten Zielgruppe sind. Dass nicht nur Erdenbürger unter 25 Jahre, sondern auch wir beide es als Folter empfinden, was uns öffentlich-rechtliche Sender musikalisch da zumuten, wenn sie harmlos sein wollen, zeigt nur, dass die ihre Zielgruppen einfach nicht mehr kennen.

Ansonsten ist das Ganze vor allem ein Konzeptfehler: Wo der Sinn liegen soll, seinen Hörern in Wortbeiträgen intellektuell auch einmal etwas zuzumuten und zuzutrauen, in der Musik aber auf die absolute Stumpfheit zu setzen, wird mir nie jemand plausibel machen können. Ich gehe jede Wette ein, dass die Stammhörer lieber völlig auf musikalische Unterbrechungen verzichten würden, wenn sie die Wahl hätten. Dudelfunk hat viele Ausprägungen. Die im Wortradio ist mit Abstand die Schlimmste.