Nicht kühl: Technik und Emotion

Der erste Appetizer zum Buch bei SPIEGEL ONLINE hat für mächtig Bewegung und Kommunikation gesorgt. Ein ganz sachlicher Text, keins von den humorigen Themen: Mich freut, wie viele Leute sich für so etwas begeistern können. Technikgeschichte ist längst Teil unserer Geschichte und keinen Deut weniger interessant als die der „großen Politik“, weil sie viel mehr mit unserem persönlichen Leben und Alltag verwoben ist.

Als ich mit dem „Vibrator“ anfing, fragte Fiona, wer denn sowas lesen solle. Die Welt, meint sie, sei ja nicht nur von Nerds bevölkert.  Stimmt, aber jeder einzelne von uns hat technische Entwicklungen, Umwälzungen etc. live erlebt. Dinge, die unser Leben völlig umgekrempelt haben. Ich selbst habe den Einzug von Telefon, Fernseher (erst Schwarzweiß, dann Farbe), von digitalem Spiel, Computer, Handy und Internet in den Alltag bewusst erlebt und das kam mir viel vor. Als hätte sich die Welt in meiner Lebenszeit großartig verändert.

Im Vergleich zu dem, was mein Großvater (Jahrgang 1906) so hat gehen und kommen sehen, ist das alles nichts. Er hat sein Leben in einer Welt begonnen, in der unter Tage noch Zugtiere arbeiteten, um die Loren zu ziehen und starb in einer vernetzten digitalen Welt mit Raumfahrt, Internet, Mobiltelefonen und Flugmeilen sammelnden Mitmenschen.

Da ist es doch völlig logisch, dass wir längst ein zutiefst emotionales Verhältnis zu Technik haben. Lustigerweise oft nicht zu der Zeit, wo sie auftaucht und aktuell ist, sondern dann, wenn sie wieder verschwindet oder verschwunden ist. Wer von uns findet Allerweltsautos von 1958 oder 1972 nicht irgendwie cooler als alles, was heute herumfährt (auch, wenn wir die alten Kisten selbst natürlich nicht mehr fahren wollen)? Und natürlich ist eine Waschmaschine von 1948 heute witzig – ein Attribut, das mir zu unserer aktuellen Maschine nicht einfallen würde.

Genau darum hat mich das Thema angesprochen. Auf vergangene Technik zurück zu schauen bedeutet, auf vergangene Lebensweisen zurück zu blicken. Nichts bestimmt die Art und Weise, wie wir unser Leben gestalten können so sehr, wie die Technologien, die uns zur Verfügung stehen – daran hat sich seit Erfindung des Faustkeils, des Feuers und des Pflugs nichts geändert.

Werkstattbericht (III): Der Dampfer legt ab

Bücher sind wie Wiedergänger. Man recherchiert, schreibt, korrigiert, verabschiedet sich von ihnen. Und dann stellt sich heraus, dass immer noch was fehlt. Weil Text, Bilder und Seitenzahlen nicht so recht zueinander passen wollen, kommen sie zurück. Man kürzt oder schreibt noch was dazu, liefert zusätzliche Bilder. Dann noch schnell Bildunterzeilen, worauf verlagsseitig das Register erstellt wird. Erst wenn die Seitenzahlen stehen, kann man auch das Abbildungsverzerzeichnis erstellen, was mich gerade mein komplettes Wochenenende gekostet hat und den heutigen Nachmittag und Abend kosten wird. Buchschreiben ist mit Familienleben überrascht schlecht kompatibel.

Heute Abend irgendwann gehen die letzten Daten für den Viktorianischen Vibrator dann ab Richtung Verlag, und von dort baldmöglichst Richtung Satz und Druck. Damit kommt für mich endlich ein Prozess von wanderdünenhafter Langsamkeit zu Ende (hoffe ich): Wenn die E-Mail rausgeht, sehe ich das Ding wohl erst wieder, wenn es gedruckt und gebunden ist. Angesagt ist es für Anfang Oktober, mit Glück ist es ein bisschen früher da. Es wird dann 288 Seiten haben und nicht wie verlagsseitig angekündigt 272.

Schön schräg: das erinnert ein bisschen an „52 Zentimeter und 3780 Gramm“, und es fühlt sich auch ein bisschen so an. Im Vergleich zur Arbeit im aktuellen Journalismus ist das alles eine schwere Geburt. So richtig vergleichbar ist es allerdings auch nicht: Bei Büchern weiß man nie mit absoluter Sicherheit, ob man jetzt wirklich endlich und endgültig entbunden hat.

Identitäten: Wie macht das Känguru?

Schon mal erlebt, wie ein Mem geboren wird? Gestern wurde Geburtstag gefeiert, ein 48. Entsprechend sah das Publikum aus: Ein wenig familärer Anhang (17 Jahre jung), ein paar ältere Nachbarn (Top-Alter circa 72), Beschwerde-Prävention. Und dazwischen die normale Spanne von Freunden, die so ein 48-jähriger hat: Alles von Ende 30 bis Ende 50 hoch.

Zu fortgeschrittener Stunde rutscht Kumpel Thomas neben mich auf die Bierbank. „Och Frank“, sagt er, „die sind doof. Die sind mich am verarschen.“

Ich dreh mich zum Stehtisch um, an dem Thomas bis gerade noch stand. „Der kennt Skippy nicht!“ ruft mir Thomas‘ Frau zu.
„Wie, der kennt Skippy nicht?“ antworte ich spontan, und alles brüllt vor Lachen: „Der ist zu juuuhung!“

„Doof“, sagt Thomas, „wat weiß ich von Skippy?“
„Wie willst Du denn dann die Millionenfrage knacken“, sage ich, „wenn Du mal gefragt wirst: Wie macht das Känguru?“

In diesem Augenblick geschieht es: Ein Mem wird geboren.

Denn spontan schalten drei, vier der Älteren am Stehtisch, formen einen Kussmund und machen schnelle, helle Schnalzgeräusche mit der Zunge: Tztztztztztz!
Brüllendes Gelächter.

„Wie macht das Känguru?“ und Küsschen-Staccato werden zum Running Joke des Abends. Es dauert nicht lang, bis auch die bräsige Titelmelodie gesungen wird. Die, die sie nicht kennen, bekommen sie per Smartphone und Youtube vorgeführt:

Mir wird bei der albernen Kiste wieder einmal klar, wie eng und kleinteilig definiert der Kanon der medialen Dinge war, der meine Generation geprägt hat. Die Fraktion um 50 wuchs mit Skippy auf, dem Steven Hawking unter den Kängurus, das so ziemlich alles konnte, was Fury (der Gangster verhaftende Gaul), Flipper (der weltrettende Delfin), Lassie (der allwissende Köter) und Ben (der Bär unter den Kinderfreunden) konnten – und dann noch ein bisschen mehr.

Alles übrigens tierische Helden, die vor allem fehlende Elternteile ersetzten. Die Viecher kümmerten sich in der Regel rührend um Adoptiv-, Stiefkinder oder Halbwaisen. Wir wuchsen also damit auf, das als normal zu empfinden: Entweder Amerikaner (oder Australier, wo immer das auch lag) waren alle irgendwie Halbwaisen und wurden deshalb von Tieren betreut, oder aber dortige Halbwaisen bekamen hyperintelligente Tiere als Betreuer. Selbst da, wo Mütter Teil des TV-Familienlebens waren, nahm man sie kaum wahr. In einigen Serien begegnet man öfter Pumas als weiblichen Wesen.

Ich weiß noch, dass ich mir wirklich mal die Frage gestellt habe, warum das so ist. Drauf gestoßen war ich allerdings durch die Disney-Figuren: Mickey, Donald und Co haben ja durchweg keine Eltern, sondern Onkel und Tanten. Kinder sind entsprechend Neffen (Nichten scheinen dagegen nicht zu existieren, soweit ich mich erinnere). Genau wie bei den Tierserien, fiel mir dann auf. Was mir nicht auffiel, war, wie beknackt das alles war.

Skippy konnte absolut alles. Und weil die Kängurus, die als Darsteller dienten, in Wahrheit natürlich absolut nichts konnten außer rumhoppeln und Tztztztztztztz-Küsschen-Staccato, kam es bildsprachlich zu einem andauernden Wechsel zwischen Totale und Detailaufnahme. In der Totalen sah man ein desorientiertes Känguru in der Pampa herumstehen. Im Detail sah man dann Tierpfoten, die irgendwas aufhoben und dann damit dann etwas extrem intelligentes machten (siehe Video unten).

Lag natürlich daran, dass der Typ, der die Tierpfoten hielt, intelligent genug dafür war. Wir hingegen nicht: Uns Kindern konnte man Ende der 60er, Anfang der 70er jeden Scheiß vorsetzen, wir fielen drauf rein. Meine Blagen waren dagegen ab 12 Jahre sogar von nahezu perfekter digitaler Tricktechnik angeödet: Sie haben bis heute eine total feine Sensorik, was Trick ist und was nicht. „Boah, war das schlecht!“, sagte mal eines der Kids über die T-Rex-Szene in Jurassic Park, die mich heute noch umhaut.

Dafür haben sie keinen Kanon von medialen Inhalten, der sie irgendwann alle in nostalgischer Erinnerung oder brüllendem Lachen einen könnte. Wir Älteren teilen unendlich viele Kindheitserinnerungen. Bei den Generationen nach uns begann die Aufteilung auf Heranwachsenden-Subkulturen schon mit den Vorlieben der Kindheit. Wo wir einen, dann zwei TV-Kanäle hatten, wuchsen sie mit 32 aufwärts auf.

So wie Thomas, der schlicht drei, vier Jahre zu jung ist, werden sie nie wissen, wie das Känguru macht. Und warum man darüber so dermaßen lachen kann.

Tztztztztztz.

San Francisco 1906: Wer braucht schon Regeln?

Der hier gezeigte Streifen ist keineswegs, wie es bei Youtube fälschlich heißt, der erste 35mm-Film, der je gedreht wurde. Aber er ist ein frühes, eindrucksvolles Dokument, dass man Verkehrsprobleme auch mit totaler Anarchie lösen kann.

Der Film entstand mit Hilfe einer tragbaren 35mm-Kamera, die man auf einen elektrischen Straßenbahnwagen montiert hatte. Ein bemerkenswerter Blick in einen längst vergangenen Alltagsverkehr: Was heute amüsiert, ist die völlige Regellosigkeit. Alles und jeder läuft, reitet, fährt, kreuzt, biegt ab, überholt oder hält an wie er gerade Lust, Laune und Überlebenschancen hat oder sieht. Verkehrszeichen sucht man vergeblich, Fahrbahnmarkierungen ebenso – aber es scheint sich auch niemand aufzuregen. Alles wirkt ganz relaxed in diesem gemächlich fließenden Verkehrschaos. Das Tohuwabohu in der Temp-15-Zone überstanden auch Fußgänger offensichtlich meist unbeschadet, und einer der schnellsten Verkehrsteilnehmer ist der dreiste Radfahrer, der die Straßenbahn gleich mehrmals rechts überholt und sich dann keck davor setzt. Kann man so machen.

Die meisten Automobile in diesen Bildern dürften noch entweder Elektrofahrzeuge oder Dampfwagen gewesen sein. Benzinfahrzeuge wurden in den USA ja erst ab 1903 langsam populärer, vorher war Sprit einfach nicht verfügbar genug.

Wenn man diese Bilder sieht, kann man sich auch das oft zitierte Ende von Henry Bliss bildlich vorstellen. 1899 wurde der in New York zum ersten dokumentierten Auto-Verkehrstoten der USA, als er einer elektrischen Straßenbahn entsteigend von einem Taxi mit Elektromotor erfasst und überfahren wurde. Inmitten eines solchen Verkehrschaos mit zischenden Dampfwagen, nur vereinzelten knatternden Benzinkutschen und auf Kopfsteinpflaster klappernden Pferdehufen war das Elektroauto für ihn ein quasi lautloser Killer.

Völlig Regellos war natürlich auch das Chaos im Straßenverkehr von San Francisco 1906 nicht mehr. Erste Gesetze, Vorschriften und Zeichen, die den Straßenverkehr regelten, sind schon aus der Antike bekannt. Im 19. Jahrhundert wuchs mit der Motorisierung die Notwendigkeit zur Regulierung: In England gab es mit dem ‚Locomotive Act‘ von 1865 ein Gesetz, das es zeitweilig vorschrieb, dass Autos (damals natürlich Dampfautos) über Land nicht schneller als 6 km/h und innerorts höchstens 3 km/h „schnell“ reisen durften. Darüber hinaus musste ein Junge mit einer roten Fahne rund 55 Meter vorweg gehen und die Passanten warnen. Das Gesetz brachte den ersten Auto-Boom im Sinne des Wortes fast zum Stillstand, erst 1896 wurde der Schwachsinn wieder abgeschafft.

Etwa zu der Zeit begann man auch grenzüberschreitend über vereinheitlichte Verkehrsregeln und Schilder zu debattieren. 1895 preschten italienische Autonarren vor und schufen eigene Verkehrszeichen. 1900 begann in Paris die formelle internationale Debatte darüber, die schon neun Jahre später mit einem in Rom unterzeichneten Abkommen über vier international einheitliche Verkehrsschilder-Designs erste Frucht trug. „Schon“ ist hier deshalb der passende Ausdruck, weil es keineswegs in ähnlichem Tempo weiterging. Zu einem internationalen Abkommen, das sowohl die Verkehrsregeln, als auch die eingesetzten Signale und Schilder weitgehend harmonisierte, kam es erst mit dem Wiener Übereinkommen über den Straßenverkehr – im November 1968.

P.S.: Den 35mm-Film hatte William Dickson im Auftrag von Thomas Alva Edison schon 1893 entwickelt. Weil Edison, fraglos der versierteste Patent-Gewinnler seiner Zeit, in diesem Fall patzte, ein Patent in Europa verpennte und sein US-Patent verlor, wurden die 35mm schnell zum Standardformat für die professionelle Filmproduktion. Wegen der sehr schlechten Material-Haltbarkeit und der Silbergewinnung aus dem Recycling von Filmrollen gibt es aber nur noch sehr wenige Filme des hier gezeigten Alters.